Ecce Homo
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2.
Um diesen Typus zu verstehn, muss man sich zuerst seine physiologische
Voraussetzung klar machen: sie ist das, was ich die grosse Gesundheit
nenne. Ich weiss diesen Begriff nicht besser, nicht persoenlicher
zu erlaeutern, als ich es schon gethan habe, in einem der
Schlussabschnitte des fuenften Buchs der "gaya scienza". "Wir Neuen,
Namenlosen, Schlechtverstaendlichen - heisst es daselbst - wir
Fruehgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir beduerfen zu
einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, naemlich einer neuen
Gesundheit, einer staerkeren gewitzteren zaeheren verwegneren
lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach
duerstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werthe und Wuenschbarkeiten
erlebt und alle Kuesten dieses idealischen `Mittelmeers` umschifft zu
haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie
es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zu Muthe ist, insgleichen
einem Kuenstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen,
einem Gelehrten, einem Frommen, einem Goettlich-Abseitigen alten
Stils: der hat dazu zu allererst Eins noethig, die grosse Gesundheit
- eine solche, welche man nicht nur hat, sondern auch bestaendig noch
erwirbt und erwerben muss, weil man sie immer wieder preisgiebt,
preisgeben muss... Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs
waren, wir Argonauten des Ideals, muthiger vielleicht als klug ist und
Oft genug schiffbruechig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt,
gesuender als man es uns erlauben moechte, gefaehrlich gesund, immer
wieder gesund, - will es. uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafuer,
ein noch unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand
abgesehn hat, ein jenseits aller bisherigen Laender und Winkel des
Ideals, eine Welt so ueberreich an Schoenem, Fremdem, Fragwuerdigem,
Furchtbarem und Goettlichem, dass unsre Neugierde sowohl als unser
Besitzdurst ausser sich gerathen sind - ach, dass wir nunmehr durch
Nichts mehr zu ersaettigen sind!... Wie koennten wir uns, nach solchen
Ausblicken und mit einem solchen Heisshunger in Wissen und Gewissen,
noch am gegenwaertigen Menschen. genuegen lassen? Schlimm genug,
aber es ist unvermeidlich, dass wir seinen wuerdigsten Zielen und
Hoffnungen nun mit einem uebel aufrecht erhaltenen Ernste zusehn und
vielleicht nicht einmal mehr zusehn... Ein andres Ideal laeuft vor uns
her, ein wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem
wir Niemanden ueberreden moechten, weil wir Niemandem so leicht das
Recht darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst
ungewollt und aus ueberstroemender Fuelle und Maechtigkeit mit Allem
spielt, was bisher heilig, gut, unberuehrbar, goettlich hiess; fuer
den das Hoechste, woran das Volk billigerweise sein Werthmaass hat,
bereits so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens,
wie Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten
wuerde; das Ideal eines menschlich-uebermenschlichen Wohlseins und
Wohlwollens, welches oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum
Beispiel, wenn es sich neben den ganzen bisherigen Erdenernst, neben
alle bisherige Feierlichkeit in Gebaerde, Wort, Klang, Blick, Moral
und Aufgabe wie deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt -
und mit dem, trotzalledem, vielleicht der grosse Ernst erst anhebt,
das eigentliche Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der
Seele sich wendet, der Zeiger rueckt, die Tragoedie beginnt."
3.
- Hat jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen
Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten?
Im andren Falle will ich's beschreiben. Mit dem geringsten Rest von
Aberglauben in sich wuerde man in der That die Vorstellung, bloss
Incarnation, bloss Mundstueck, bloss medium uebermaechtiger Gewalten
zu sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn,
dass ploetzlich, mit unsaeglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas
sichtbar, hoerbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschuettert und
umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hoert, man sucht
nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz
leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne
Zoegern, - ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzuekkung, deren
ungeheure Spannung sich mitunter in einen Thraenenstrom ausloest, bei
der der Schritt unwillkuerlich bald stuermt, bald langsam wird; ein
vollkommnes Ausser-sich-sein mit dem distinktesten Bewusstsein einer
Unzahl feiner Schauder und Ueberrieselungen bis in die Fusszehen;
eine Glueckstiefe, in der das Schmerzlichste und Duesterste nicht als
Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als herausgefordert, sondern
als eine nothwendige Farbe innerhalb eines solchen Lichtueberflusses;
ein Instinkt rhythmischer Verhaeltnisse, der weite Raeume von Formen
ueberspannt - die Laenge, das Beduerfniss nach einem weitgespannten
Rhythmus ist beinahe das Maass fuer die Gewalt der Inspiration, eine
Art Ausgleich gegen deren Druck und Spannung... Alles geschieht
im hoechsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von
Freiheits-Gefuehl, von Unbedingtsein, von Macht, von Goettlichkeit...
Die Unfreiwilligkeit des Bildes, des Gleichnisses ist das
Merkwuerdigste; man hat keinen Begriff mehr, was Bild, was Gleichniss
ist, Alles bietet sich als der naechste, der richtigste, der
einfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an ein Wort Zarathustra's
zu erinnern, als ob die Dinge selber herankaemen und sich zum
Gleichnisse anboeten (- "hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner
Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Ruecken reiten.
Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier springen
dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will hier Wort
werden, alles Werden will von dir reden lernen -"). Dies ist meine
Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, dass man Jahrtausende
zurueckgehn muss, um jemanden zu finden, der mir sagen darf "es ist
auch die meine".
4.
Ich lag ein Paar Wochen hinterdrein in Genua krank. Dann folgte ein
schwermuethiger Fruehling in Rom, wo ich das Leben hinnahm - es war
nicht leicht. Im Grunde verdross mich dieser fuer den Dichter des
Zarathustra unanstaendigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig
gewaehlt hatte, ueber die Maassen; ich versuchte loszukommen, - ich
wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft gegen
Rom gegruendet, wie ich einen Ort dereinst gruenden werde, die
Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen
meiner Naechstverwandten, den grossen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich
den Zweiten. Aber es war ein Verhaengniss bei dem Allen: ich musste
wieder zurueck. Zuletzt gab ich mich mit der piazza Barberini
zufrieden, nachdem mich meine Muehe um eine anti-christliche Gegend
muede gemacht hatte. Ich fuerchte, ich habe einmal, um schlechten
Geruechen moeglichst aus dem Wege zu gehn, im palazzo del Quirinale
selbst nachgefragt, ob man nicht ein stilles Zimmer fuer einen
Philosophen habe. - Auf einer loggia hoch ueber der genannten piazza,
von der aus man Rom uebersieht und tief unten die fontana rauschen
hoert, wurde jenes einsamste Lied gedichtet, das je gedichtet worden
ist, das Nachtlied; um diese Zeit gieng immer eine Melodie von
unsaeglicher Schwermuth um mich herum, deren Refrain ich in den Worten
wiederfand "todt vor Unsterblichkeit..." Im Sommer, heimgekehrt zur
heiligen Stelle, wo der erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir
geleuchtet hatte, fand ich den zweiten Zarathustra. Zehn Tage
genuegten; ich habe in keinem Falle, weder beim ersten, noch beim
dritten und letzten mehr gebraucht. Im Winter darauf, unter dem
halkyonischen Himmel Nizza's, der damals zum ersten Male in mein Leben
hineinglaenzte, fand ich den dritten Zarathustra - und war fertig.
Kaum ein Jahr, fuer's Ganze gerechnet. Viele verborgne Flecke und
Hoehen aus der Landschaft Nizza's sind mir durch unvergessliche
Augenblicke geweiht; jene entscheidende Partie, welche den Titel "von
alten und neuen Tafeln" traegt, wurde im beschwerlichsten Aufsteigen
von der Station zu dem wunderbaren maurischen Felsenneste Eza
gedichtet, - die Muskel-Behendheit war bei mir immer am groessten,
wenn die schoepferische Kraft am reichsten floss. Der Leib ist
begeistert: lassen wir die "Seele" aus dem Spiele... Man hat mich
oft tanzen sehn koennen; ich konnte damals, ohne einen Begriff von
Ermuedung, sieben, acht Stunden auf Bergen unterwegs sein. Ich schlief
gut, ich lachte viel -, ich war von einer vollkomm[n]en Ruestigkeit
und Geduld.
5.
Abgesehn von diesen Zehn-Tage-Werken waren die Jahre waehrend und vor
Allem nach dem Zarathustra ein Nothstand ohne Gleichen. Man buesst
es theuer, unsterblich zu sein: man stirbt dafuer mehrere Male bei
Lebzeiten. - Es giebt Etwas, das ich die rancune des Grossen nenne:
alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht,
unverzueglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that,
ist er nunmehr schwach - er haelt seine That nicht mehr aus, er sieht
ihr nicht mehr in's Gesicht. Etwas hinter sich zu haben, das man nie
wollen durfte, Etwas, worin der Knoten im Schicksal der Menschheit
eingeknuepft ist - und es nunmehr auf sich haben!... Es zerdrueckt
beinahe.. - Die rancune des Grossen! - Ein Andres ist die schauerliche
Stille, die man um sich hoert. Die Einsamkeit hat sieben Haeute;
es geht Nichts mehr hindurch. Man kommt zu Menschen, man begruesst
Freunde: neue Oede, kein Blick gruesst mehr. Im besten Falle eine Art
Revolte. Eine solche Revolte erfuhr ich, in sehr verschiednem Grade,
aber fast von Jedermann, der mir nahe stand; es scheint, dass Nichts
tiefer beleidigt als ploetzlich eine Distanz merken zu lassen, - die
vornehmen Naturen, die nicht zu leben wissen, ohne zu verehren, sind
selten. - Ein Drittes ist die absurde Reizbarkeit der Haut gegen
kleine Stiche, eine Art Huelflosigkeit vor allem Kleinen. Diese
scheint mir in der ungeheuren Verschwendung aller Defensiv-Kraefte
bedingt, die jede schoepferische That, jede That aus dem Eigensten,
Innersten, Untersten heraus zur Voraussetzung hat. Die kleinen
Defensiv-Vermoegen sind damit gleichsam ausgehaengt; es fliesst ihnen
keine Kraft mehr zu. - Ich wage noch anzudeuten, dass man schlechter
verdaut, ungern sich bewegt, den Frostgefuehlen, auch dem Misstrauen
allzu offen steht, - dem Misstrauen, das in vielen Faellen bloss
ein aetiologischer Fehlgriff ist. In einem solchen Zustande empfand
ich einmal die Naehe einer Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer,
menschenfreundlicherer Gedanken, noch bevor ich sie sah: das hat
Waerme in sich...
6.
Dieses Werk steht durchaus fuer sich. Lassen wir die Dichter bei
Seite: es ist vielleicht ueberhaupt nie Etwas aus einem gleichen
Ueberfluss von Kraft heraus gethan worden. Mein Begriff "dionysisch"
wurde hier hoechste That; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest
von menschlichem Thun als arm und bedingt. Dass ein Goethe, ein
Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft
und Hoehe zu athmen wissen wuerde, dass Dante, gegen Zarathustra
gehalten, bloss ein Glaeubiger ist und nicht Einer, der die Wahrheit
erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal dass die
Dichter des Veda Priester sind und nicht einmal wuerdig, die
Schuhsohlen eines Zarathustra zu loesen, das ist Alles das Wenigste
und giebt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit,
in der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: "ich
schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen
mit mir auf immer hoehere Berge, - ich baue ein Gebirge aus immer
heiligeren Bergen." Man rechne den Geist und die Guete aller grossen
Seelen in Eins: alle zusammen waeren nicht im Stande, Eine Rede
Zarathustras hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er
auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn, weiter gewollt, weiter
gekonnt, als irgend ein Mensch. Er widerspricht mit jedem Wort, dieser
jasagendste aller Geister; in ihm sind alle Gegensaetze zu einer
neuen Einheit gebunden. Die hoechsten und die untersten Kraefte der
menschlichen Natur, das Suesseste, Leichtfertigste und Furchtbarste
stroemt aus Einem Born mit unsterblicher Sicherheit hervor. Man weiss
bis dahin nicht, was Hoehe, was Tiefe ist; man weiss noch weniger,
was Wahrheit ist. Es ist kein Augenblick in dieser Offenbarung der
Wahrheit, der schon vorweggenommen, von Einem der Groessten errathen
worden waere. Es giebt keine Weisheit, keine Seelen-Erforschung, keine
Kunst zu reden vor Zarathustra; das Naechste, das Alltaeglichste redet
hier von unerhoerten Dingen. Die Sentenz von Leidenschaft zitternd;
die Beredsamkeit Musik geworden; Blitze vorausgeschleudert nach bisher
unerrathenen Zukuenften. Die maechtigste Kraft zum Gleichniss, die
bisher da war, ist arm und Spielerei gegen diese Rueckkehr der Sprache
zur Natur der Bildlichkeit. - Und wie Zarathustra herabsteigt und
zu Jedem das Guetigste sagt! Wie er selbst seine Widersacher, die
Priester, mit zarten Haenden anfasst und mit ihnen an ihnen leidet!
- Hier ist in jedem Augenblick der Mensch ueberwunden, der Begriff
"Uebermensch" ward hier hoechste Realitaet, - in einer unendlichen
Ferne liegt alles das, was bisher gross am Menschen hiess, unter ihm.
Das Halkyonische, die leichten Fuesse, die Allgegenwart von Bosheit
und Uebermuth und was sonst Alles typisch ist fuer den Typus
Zarathustra. ist nie getraeumt worden als wesentlich zur Groesse.
Zarathustra fuehlt sich gerade in diesem Umfang an Raum, in dieser
Zugaenglichkeit zum Entgegengesetzten als die hoechste Art alles
Seienden; und wenn man hoert, wie er diese definirt, so wird man
darauf verzichten, nach seinem Gleichniss zu suchen.
- die Seele, welche die laengste Leiter hat und am tiefsten hinunter
kann,
die umfaenglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren
und schweifen kann,
die nothwendigste, welche sich mit Lust in den Zufall stuerzt,
die seiende Seele, welche ins Werden, die habende, welche ins Wollen
und Verlangen will -
die sich selber fliehende, welche sich selber in weitesten Kreisen
einholt,
die weiseste Seele, welcher die Narrheit am suessesten zuredet,
die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Stroemen und
Wiederstroemen und Ebbe und Fluth haben - -
Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst. Eben dahin fuehrt eine
andre Erwaegung. Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra
ist, wie der, welcher in einem unerhoerten Grade Nein sagt, Nein thut,
zu Allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines
neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal,
ein Verhaengniss von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste
und jenseitigste sein kann - Zarathustra ist ein Taenzer -; wie der,
welcher die haerteste, die furchtbarste Einsicht in die Realitaet hat,
welcher den "abgruendlichsten Gedanken" gedacht hat, trotzdem darin
keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige
Wiederkunft findet, - vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja
zu allen Dingen selbst zu sein, "das ungeheure unbegrenzte Ja- und
Amen-sagen"... "In alle Abgruende trage ich noch mein segnendes
Jasagen"... Aber das ist der Begriff des Dionysos noch einmal.
7.
- Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich
allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des
Dithyrambus. Man hoere, wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (III, 18)
mit sich redet: ein solches smaragdenes Glueck, eine solche goettliche
Zaertlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir. Auch die tiefste
Schwermuth eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme,
zum Zeichen, das Nachtlied, die unsterbliche Klage, durch die
Ueberfuelle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurtheilt
zu sein, nicht zu lieben.
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine
Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der
Liebe.
Licht bin ich: ach dass ich Nacht waere! Aber dies ist meine
Einsamkeit, dass ich von Licht umguertet bin.
Ach, dass ich dunkel waere und naechtig! Wie wollte ich an den
Bruesten des Lichts saugen!
Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
Leuchtwuermer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.
Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich
zurueck, die aus mir brechen.
Ich kenne das Glueck des Nehmenden nicht; und oft traeumte mir davon,
dass Stehlen noch seliger sein muesse als Nehmen.
Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken;
das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten
Naechte der Sehnsucht.
Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh
Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Saettigung!
Sie nehmen von mir: aber ruehre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist
zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu
ueberbruecken.
Ein Hunger waechst aus meiner Schoenheit: wehethun moechte ich denen,
welchen ich leuchte, berauben moechte ich meine Beschenkten, - also
hungere ich nach Bosheit.
Die Hand zurueckziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt;
dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zoegert: also hungere ich
nach Bosheit.
Solche Rache sinnt meine Fuelle aus, solche Tuecke quillt aus meiner
Einsamkeit.
Mein Glueck im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer
selber muede an ihrem Ueberflusse!
Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere;
wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter
Austheilen.
Mein Auge quillt nicht mehr ueber vor der Scham der Bittenden; meine
Hand wurde zu hart fuer das Zittern gefuellter Haende.
Wohin kam die Thraene meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh
Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!
Viel Sonnen kreisen im oeden Raume: zu Allem, was dunkel ist, reden
sie mit ihrem Lichte - mir schweigen sie.
Oh dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes:
erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen -
also wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen, ihrem
unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kaelte.
Oh ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Naechtigen, die ihr Waerme
schafft aus Leuchtendem! Oh ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus
des Lichtes Eutern!
Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst
ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste.
Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Naechtigem!
Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach
Rede verlangt mich.
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine
Seele ist das Lied eines Liebenden. -
8.
Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefuehlt, nie gelitten worden:
so leidet ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen
Dithyrambus der Sonnen-Vereinsamung im Lichte waere Ariadne... Wer
weiss ausser mir, was Ariadne ist!... Von allen solchen Raethseln
hatte Niemand bisher die Loesung, ich zweifle, dass je jemand auch
hier nur Raethsel sah. - Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge,
seine Aufgabe - es ist auch die meine -, dass man sich ueber den Sinn
nicht vergreifen kann: er ist ja sagend bis zur Rechtfertigung, bis
zur Erloesung auch alles Vergangenen.
Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstuecken der Zukunft: jener
Zukunft, die ich schaue.
Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
zusammentrage, was Bruchstueck ist und Raethsel und grauser Zufall.
Und wie ertruege ich es Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch
Dichter und Raethselrather und Erloeser des Zufalls waere?
Die Vergangnen zu erloesen und alles "Es war" umzuschaffen in ein "So
wollte ich es!" das hiesse mir erst Erloesung.
An einer andren Stelle bestimmt er so streng als moeglich, was fuer
ihn allein "der Mensch" sein kann - kein Gegenstand der Liebe oder
gar des Mitleidens - auch ueber den grossen Ekel am Menschen ist
Zarathustra Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff,
ein haesslicher Stein, der des Bildners bedarf.
Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schaetzen und Nicht-mehr-schaffen: oh
dass diese grosse Muedigkeit mir stets ferne bleibe!
Auch im Erkennen fuehle ich nur meines Willens Zeuge- und Werdelust;
und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht dies, weil
Wille zur Zeugung in ihr ist.
Hinweg von Gott und Goettern lockte mich dieser Wille: was waere denn
zu schaffen, wenn Goetter - da waeren?
Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbruenstiger
Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
Ach, ihr Menschen, im Steine schlaeft mir ein Bild, das Bild der
Bilder! Ach, dass es im haertesten, haesslichsten Steine schlafen
muss!
Nun wuethet mein Hammer grausam gegen sein Gefaengniss. Vom Steine
staeuben Stuecke: was schiert mich das!
Vollenden will ich's, denn ein Schatten kam zu mir, - aller Dinge
Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!
Des Uebermenschen Schoenheit kam zu mir als Schatten: was gehen mich
noch - die Goetter an!...
Ich hebe einen letzten Gesichtspunkt hervor: der unterstrichne Vers
giebt den Anlass hierzu. Fuer eine dionysische Aufgabe gehoert die
Haerte des Hammers, die Lust selbstam Vernichten in entscheidender
Weise zu den Vorbedingungen. Der Imperativ "werdet hart!", die
unterste Gewissheit darueber, dass alle Schaffenden hart sind, ist das
eigentliche Abzeichen einer dionysischen Natur. -
Jenseits von Gut und Boese.
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
1.
Die Aufgabe fuer die nunmehr folgenden Jahre war so streng als
moeglich vorgezeichnet. Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe
geloest war, kam die neinsagende, neinthuende Haelfte derselben an die
Reihe: die Umwerthung der bisherigen Werthe selbst, der grosse Krieg,
- die Heraufbeschwoerung eines Tags der Entscheidung. Hier ist
eingerechnet der langsame Umblick nach Verwandten, nach Solchen, die
aus der Staerke heraus Zum Vernichten mir die Hand bieten wuerden. -
Von da an sind alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe
ich mich so gut als jemand auf Angeln?... Wenn Nichts sich fieng, so
liegt die Schuld nicht an mir. Die Fische fehlten...
2.
Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine Kritik der
Modernitaet, die modernen Wissenschaften, die modernen Kuenste, selbst
die moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu
einem Gegensatz-Typus, der so wenig modern als moeglich ist, einem
vornehmen, einem jasagenden Typus. Im letzteren Sinne ist das Buch
eine Schule des gentilhomme, der Begriff geistiger und radikaler
genommen als er je genommen worden ist. Man muss Muth im Leibe haben,
ihn auch nur auszuhalten, man muss das Fuerchten nicht gelernt
haben... Alle die Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als
Widerspruch zu diesem Typus empfunden, als schlechte Manieren beinahe,
die beruehmte "Objektivitaet" zum Beispiel, das "Mitgefuehl mit allem
Leidenden", der "historische Sinn" mit seiner Unterwuerfigkeit vor
fremdem Geschmack, mit seinem Auf-dem-Bauch-liegen vor petits faits,
die "Wissenschaftlichkeit". - Erwaegt man, dass das Buch nach dem
Zarathustra folgt, so erraeth man vielleicht auch das diaetetische
regime, dem es eine Entstehung verdankt. Das Auge, verwoehnt durch
eine ungeheure Noethigung fern zu sehn - Zarathustra ist weitsichtiger
noch als der Czar -, wird hier gezwungen, das Naechste, die Zeit, das
Um-uns scharf zu fassen. Man wird in allen Stuecken, vor Allem auch in
der Form, eine gleiche willkuerliche Abkehr von den Instinkten finden,
aus denen ein Zarathustra moeglich wurde. Das Raffinement in Form,
in Absicht, in der Kunst des Schweigens, ist im Vordergrunde, die
Psychologie wird mit eingestaendlicher Haerte und Grausamkeit
gehandhabt, - das Buch entbehrt jedes gutmuethigen Worts... Alles
das erholt: wer erraeth zuletzt, welche Art Erholung eine solche
Verschwendung von Guete, wie der Zarathustra ist, noethig macht?...
Theologisch geredet - man hoere zu, denn ich rede selten als Theologe
- war es Gott selber, der sich als Schlange am Ende seines Tagewerks
unter den Baum der Erkenntniss legte: er erholte sich so davon, Gott
zu sein... Er hatte Alles zu schoen gemacht... Der Teufel ist bloss
der Muessiggang Gottes an jedem siebenten Tage...
Genealogie der Moral.
Eine Streitschrift.
Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind
vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der
Ueberraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist.
Dionysos ist, man weiss es, auch der Gott der Finsterniss. - Jedes Mal
ein Anfang, der irre fuehren soll, kuehl, wissenschaftlich, ironisch
selbst, absichtlich Vordergrund, absichtlich hinhaltend. Allmaehlich
mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehme Wahrheiten
aus der Ferne her mit dumpfem Gebrumm laut werdend, - bis endlich ein
tempo feroce erreicht ist, wo Alles mit ungeheurer Spannung vorwaerts
treibt. Am Schluss jedes Mal, unter vollkommen schauerlichen
Detonationen, eine neue Wahrheit zwischen dicken Wolken sichtbar.
- Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des
Christenthums: die Geburt des Christenthums aus dem Geiste des
Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt, wird, aus dem "Geiste",
- eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der grosse Aufstand gegen
die Herrschaft vornehmer Werthe. Die zweite Abhandlung giebt die
Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt
wird, "die Stimme Gottes im Menschen", - es ist der Instinkt der
Grausamkeit, der sich rueckwaerts wendet, nachdem er nicht mehr nach
aussen hin sich entladen kann. Die Grausamkeit als einer der aeltesten
und unwegdenkbarsten Cultur-Untergruende hier zum ersten Male ans
Licht gebracht. Die dritte Abhandlung giebt die Antwort auf die Frage,
woher die ungeheure Macht des asketischen Ideals, des Priester-Ideals,
stammt, obwohl dasselbe das schaedliche Ideal par excellence, ein
Wille zum Ende, ein decadence-Ideal ist. Antwort: nicht, weil Gott
hinter den Priestern thaetig ist, was wohl geglaubt wird, sondern
faute de mieux, - weil es das einzige Ideal bisher war, weil es keinen
Concurrenten hatte. "Denn der Mensch will lieber noch das Nichts
wollen als nicht wollen"... Vor allem fehlte ein Gegen-Ideal - bis auf
Zarathustra. - Man hat mich verstanden. Drei entscheidende Vorarbeiten
eines Psychologen fuer eine Umwerthung aller Werthe. - Dies Buch
enthaelt die erste Psychologie des Priesters.
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