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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Ecce Homo

F >> Friedrich Wilhelm Nietzsche >> Ecce Homo

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3.

Dass die mit den Namen Schopenhauer und Wagner abgezeichneten
Unzeitgemaessen sonderlich zum Verstaendniss oder auch nur zur
psychologischen Fragestellung beider Faelle dienen koennten, moechte
ich nicht behaupten, Einzelnes, wie billig, ausgenommen. So wird
zum Beispiel mit tiefer Instinkt-Sicherheit bereits hier das
Elementarische in der Natur Wagners als eine Schauspieler-Begabung
bezeichnet, die in seinen Mitteln und Absichten nur ihre Folgerungen
zieht. Im Grunde wollte ich mit diesen Schriften Etwas ganz Andres als
Psychologie treiben: - ein Problem der Erziehung ohne Gleichen, ein
neuer Begriff der Selbst-Zucht, Selbst-Vertheidigung bis zur Haerte,
ein Weg zur Groesse und zu welthistorischen Aufgaben verlangte nach
seinem ersten Ausdruck. Ins Grosse gerechnet nahm ich zwei beruehmte
und ganz und [gar] noch unfestgestellte Typen beim Schopf, wie man
eine Gelegenheit beim Schopf nimmt, um Etwas auszusprechen, um ein
Paar Formeln, Zeichen, Sprachmittel mehr in der Hand zu haben. Dies
ist zuletzt, mit vollkommen unheimlicher Sagacitaet, auf S. 93 der
dritten Unzeitgemaessen auch angedeutet. Dergestalt hat sich Plato des
Sokrates bedient, als einer Semiotik fuer Plato. - Jetzt, wo ich aus
einiger Ferne auf jene Zustaende zurueckblicke, deren Zeugniss diese
Schriften sind, moechte ich nicht verleugnen, dass sie im Grunde bloss
von mir reden. Die Schrift "Wagner in Bayreuth" ist eine Vision meiner
Zukunft; dagegen ist in "Schopenhauer als Erzieher" meine innerste
Geschichte, mein Werden eingeschrieben. Vor Allem mein Geloebniss!...
Was ich heute bin, wo ich heute bin - in einer Hoehe, wo ich nicht
mehr Mit Worten, sondern mit Blitzen rede -, oh wie fern davon war ich
damals noch! - Aber ich sah das Land, - ich betrog mich nicht einen
Augenblick ueber Weg, Meer, Gefahr - und Erfolg! Die grosse Ruhe im
Versprechen, dies glueckliche Hinausschaun in eine Zukunft, welche
nicht nur eine Verheissung bleiben soll! - Hier ist jedes Wort erlebt,
tief, innerlich; es fehlt nicht am Schmerzlichsten, es sind Worte
darin, die geradezu blutruenstig sind. Aber ein Wind der grossen
Freiheit blaest ueber Alles weg; die Wunde selbst wirkt nicht als
Einwand. - Wie ich den Philosophen verstehe, als einen furchtbaren
Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist, wie ich meinen Begriff
"Philosoph" meilenweit abtrenne von einem Begriff, der sogar noch
einen Kant in sich schliesst, nicht zu reden von den akademischen
"Wiederkaeuern" und andren Professoren der Philosophie: darueber giebt
diese Schrift eine unschaetzbare Belehrung, zugegeben selbst, dass
hier im Grunde nicht "Schopenhauer als Erzieher", sondern sein
Gegensatz, "Nietzsche als Erzieher", zu Worte kommt. - In Anbetracht,
dass damals mein Handwerk das eines Gelehrten war, und, vielleicht
auch, dass ich mein Handwerk verstand, ist ein herbes Stueck
Psychologie des Gelehrten nicht ohne Bedeutung, das in dieser Schrift
ploetzlich zum Vorschein kommt: es drueckt das Distanz-Gefuehl aus,
die tiefe Sicherheit darueber, was bei mir Aufgabe, was bloss Mittel,
Zwischenakt und Nebenwerk sein kann. Es ist meine Klugheit, Vieles und
vielerorts gewesen zu sein, um Eins werden zu koennen, - um zu Einem
kommen zu koennen. Ich musste eine Zeit lang auch Gelehrter sein. -



Menschliches, Allzumenschliches.

Mit zwei Fortsetzungen.

1.

"Menschliches, Allzumenschliches" ist das Denkmal einer Krisis. Es
heisst sich ein Buch fuer freie Geister: fast jeder Satz darin drueckt
einen Sieg aus - ich habe mich mit demselben vom Unzugehoerigen in
meiner Natur freigemacht. Unzugehoerig ist mir der Idealismus: der
Titel sagt "wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich - Menschliches, ach nur
Allzumenschliches!"... Ich kenne den Menschen besser... - In keinem
andren Sinne will das Wort "freier Geist" hier verstanden werden: ein
frei gewordner Geist, der von sich selber wieder Besitz ergriffen hat.
Der Ton, der Stimmklang hat sich voellig veraendert: man wird das Buch
klug, kuehl, unter Umstaenden hart und spoettisch finden. Eine gewisse
Geistigkeit vornehmen Geschmacks scheint sich bestaendig gegen eine
leidenschaftlichere Stroemung auf dem Grunde obenauf zu halten.
In diesem Zusammenhang hat es Sinn, dass es eigentlich die
hundertjaehrige Todesfeier Voltaire's ist, womit sich die Herausgabe
des Buchs schon fuer das Jahr 1878 gleichsam entschuldigt. Denn
Voltaire ist, im Gegensatz zu allem, was nach ihm schrieb, vor allem
ein grandseigneur des Geistes: genau das, was ich auch bin. - Der Name
Voltaire auf einer Schrift von mir - das war wirklich ein Fortschritt
- zu mir... Sieht man genauer zu, so entdeckt man einen unbarmherzigen
Geist, der alle Schlupfwinkel kennt, wo das Ideal heimisch ist, - wo
es seine Burgverliesse und gleichsam seine letzte Sicherheit hat. Eine
Fackel in den Haenden, die durchaus kein "fackelndes" Licht giebt,
mit einer schneidenden Helle wird in diese Unterwelt des Ideals
hineingeleuchtet. Es ist der Krieg, aber der Krieg ohne Pulver und
Dampf, ohne kriegerische Attitueden, ohne Pathos und verrenkte
Gliedmaassen - dies Alles selbst waere noch "Idealismus". Ein Irrthum
nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht
widerlegt - es erfriert... Hier zum Beispiel erfriert "das Genie";
eine Ecke weiter erfriert "der Heilige"; unter einem dicken Eiszapfen
erfriert "der Held"; am Schluss erfriert "der Glaube", die sogenannte
"Ueberzeugung", auch das "Mitleiden" kuehlt sich bedeutend ab - fast
ueberall erfriert "das Ding an sich"...


2.

Die Anfaenge dieses Buchs gehoeren mitten in die Wochen der ersten
Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was
mich dort umgab, ist eine seiner Voraussetzungen. Wer einen Begriff
davon hat, was fuer Visionen mir schon damals ueber den Weg gelaufen
waren, kann errathen, wie mir zu Muthe war, als ich eines Tags in
Bayreuth aufwachte. Ganz als ob ich traeumte... Wo war ich doch? Ich
erkannte Nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder. Umsonst
blaetterte ich in meinen Erinnerungen. Tribschen - eine ferne
Insel der Glueckseligen: kein Schatten von Aehnlichkeit. Die
unvergleichlichen Tage der Grundsteinlegung, die kleine zugehoerige
Gesellschaft, die sie feierte und der man nicht erst Finger fuer zarte
Dinge zu wuenschen hatte: kein Schatten von Aehnlichkeit. Was war
geschehn? - Man hatte Wagner ins Deutsche uebersetzt! Der Wagnerianer
war Herr ueber Wagner geworden! - Die deutsche Kunst! der deutsche
Meister! das deutsche Bier!... Wir Andern, die wir nur zu gut wissen,
zu was fuer raffinirten Artisten, zu welchem Cosmopolitismus des
Geschmacks Wagners Kunst allein redet, waren ausser uns, Wagnern mit
deutschen "Tugenden" behaengt wiederzufinden. - Ich denke, ich kenne
den Wagnerianer, ich habe drei Generationen "erlebt", vom seligen
Brendel an, der Wagner mit Hegel verwechselte, bis zu den "Idealisten"
der Bayreuther Blaetter, die Wagner mit sich selbst verwechseln, - ich
habe alle Art Bekenntnisse "schoener Seelen" ueber Wagner gehoert.
Ein Koenigreich fuer Ein gescheidtes Wort! - In Wahrheit, eine
haarstraeubende Gesellschaft! Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in
infinitum! Keine Missgeburt fehlt darunter, nicht einmal der
Antisemit. - Der arme Wagner! Wohin war er gerathen! - Waere er doch
wenigstens unter die Saeue gefahren! Aber unter Deutsche!... Zuletzt
sollte man, zur Belehrung der Nachwelt, einen echten Bayreuther
ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen, denn an Spiritus fehlt es
-, mit der Unterschrift: so sah der "Geist" aus, auf den hin man das
"Reich" gruendete... Genug, ich reiste mitten drin fuer ein paar
Wochen ab, sehr ploetzlich, trotzdem dass eine charmante Pariserin
mich zu troesten suchte; ich entschuldigte mich bei Wagner bloss mit
einem fatalistischen Telegramm. In einem tief in Waeldern verborgnen
Ort des Boehmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meine Melancholie und
Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum und schrieb von
Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel "die Pflugschar", einen Satz in
mein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich vielleicht in
"Menschliches, Allzumenschliches" noch wiederfinden lassen.


3.

Was sich damals bei mir entschied, war nicht etwa ein Bruch mit Wagner
- ich empfand eine Gesammt-Abirrung meines Instinkts, von der der
einzelne Fehlgriff, heisse er nun Wagner oder Basler Professur, bloss
ein Zeichen war. Eine Ungeduld mit mir ueberfiel mich; ich sah ein,
dass es die hoechste Zeit war, mich auf mich zurueckzubesinnen. Mit
Einem Male war mir auf eine schreckliche Weise klar, wie viel Zeit
bereits verschwendet sei, - wie nutzlos, wie willkuerlich sich meine
ganze Philologen-Existenz an meiner Aufgabe ausnehme. Ich schaemte
mich dieser falschen Bescheidenheit... Zehn Jahre hinter mir, wo ganz
eigentlich die Ernaehrung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo
ich nichts Brauchbares hinzugelernt hatte, wo ich unsinnig Viel ueber
einem Krimskrams verstaubter Gelehrsamkeit vergessen hatte. Antike
Metriker mit Akribie und schlechten Augen durchkriechen - dahin war
es mit mir gekommen! - Ich sah mit Erbarmen mich ganz mager, ganz
abgehungert: die Realitaeten fehlten geradezu innerhalb meines
Wissens und die "Idealitaeten" taugten den Teufel was! - Ein geradezu
brennender Durst ergriff mich: von da an habe ich in der That nichts
mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften,
- selbst zu eigentlichen historischen Studien bin ich erst wieder
zurueckgekehrt, als die Aufgabe mich gebieterisch dazu zwang.
Damals errieth ich auch zuerst den Zusammenhang zwischen einer,
instinktwidrig gewaehlten Thaetigkeit, einem sogenannten "Beruf",
zu dem man am letzten berufen ist und jenem Beduerfniss nach einer
Betaeubung des Oede- und Hungergefuehls durch eine narkotische Kunst,
- zum Beispiel durch die Wagnerische Kunst. Bei einem vorsichtigeren
Umblick habe ich entdeckt, dass fuer eine grosse Anzahl junger Maenner
der gleiche Nothstand besteht: Eine Widernatur erzwingt foermlich eine
zweite. In Deutschland, im "Reich", um unzweideutig zu reden, sind nur
zu Viele verurtheilt, sich unzeitig zu entscheiden und dann, unter
einer unabwerfbar gewordnen Last, hinzusiechen... Diese verlangen nach
Wagner als nach einem Opiat, - sie vergessen sich, sie werden sich
einen Augenblick los... Was sage ich! fuenf bis sechs Stunden!


4.

Damals entschied sich mein Instinkt unerbittlich gegen ein noch
laengeres Nachgeben, Mitgehn, Mich-selbst-verwechseln. Jede Art Leben,
die unguenstigsten Bedingungen, Krankheit, Armut - Alles schien mir
jener unwuerdigen "Selbstlosigkeit" vorziehenswerth, in die ich zuerst
aus Unwissenheit, aus Jugend gerathen war, in der ich spaeter aus
Traegheit, aus sogenanntem "Pflichtgefuehl" haengen geblieben war. -
Hier kam mir, auf eine Weise, die ich nicht genug bewundern kann, und
gerade zur rechten Zeit jene schlimme Erbschaft von Seiten meines
Vaters her zu Huelfe, - im Grunde eine Vorbestimmung zu einem fruehen
Tode. Die Krankheit loeste mich langsam heraus: sie ersparte mir
jeden Bruch, jeden gewaltthaetigen und anstoessigen Schritt. Ich habe
kein Wohlwollen damals eingebuesst und viel noch hinzugewonnen. Die
Krankheit gab mir insgleichen ein Recht zu einer vollkommnen Umkehr
aller meiner Gewohnheiten; sie erlaubte, sie gebot mir Vergessen; sie
beschenkte mich mit der Noethigung zum Stillliegen, zum Muessiggang,
zum Warten und Geduldigsein... Aber das heisst ja denken!... Meine
Augen allein machten ein Ende mit aller Buecherwuermerei, auf deutsch:
Philologie: ich war vom "Buch" erloest, ich las jahrelang Nichts
mehr - die groesste Wohlthat, die ich mir je erwiesen habe! - Jenes
unterste Selbst, gleichsam verschuettet, gleichsam still geworden
unter einem bestaendigen Hoeren-Muessen auf andre Selbste (- und das
heisst ja lesen!) erwachte langsam, schuechtern, zweifelhaft, - aber
endlich redete es wieder. Nie habe ich so viel Glueck an mir gehabt,
als in den kraenksten und schmerzhaftesten Zeiten meines Lebens:
man hat nur die "Morgenroethe" oder etwa den "Wanderer und seinen
Schatten" sich anzusehn, um zu begreifen, was diese "Rueckkehr zu mir"
war: eine hoechste Art von Genesung selbst!... Die andre folgte bloss
daraus.


5.

Menschliches, Allzumenschliches, dies Denkmal einer rigoroesen
Selbstzucht, mit der ich bei mir allem eingeschleppten "hoeheren
Schwindel", "Idealismus", "schoenen Gefuehl", und andren
Weiblichkeiten ein jaehes Ende bereitete, wurde in allen Hauptsachen
in Sorrent niedergeschrieben; es bekam seinen Schluss, seine
endgueltige Form in einem Basler Winter, unter ungleich unguenstigeren
Verhaeltnissen als denen in Sorrent. Im Grunde hat Herr Peter Gast,
damals an der Basler Universitaet studirend und mir sehr zugethan,
das Buch auf dem Gewissen. Ich diktirte, den Kopf verbunden und
schmerzhaft, er schrieb ab, er corrigirte auch, - er war im Grunde der
eigentliche Schriftsteller, waehrend ich bloss der Autor war. Als das
Buch endlich fertig mir zu Haenden kam - zur tiefen Verwunderung eines
Schwerkranken -, sandte ich, unter Anderem, auch nach Bayreuth zwei
Exemplare. Durch ein Wunder von Sinn im Zufall kam gleichzeitig bei
mir ein schoenes Exemplar des Parsifal-Textes an, mit Wagners Widmung
an mich "seinem theuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner,
Kirchenrath". - Diese Kreuzung der zwei Buecher - mir war's, als ob
ich einen ominoesen Ton dabei hoerte. Klang es nicht, als ob sich
Degen kreuzten?... Jedenfalls empfanden wir es beide so: denn wir
schwiegen beide. - Um diese Zeit erschienen die ersten Bayreuther
Blaetter: ich begriff, wozu es hoechste Zeit gewesen war. -
Unglaublich! Wagner war fromm geworden...


6.

Wie ich damals (1876) ueber mich dachte, mit welcher ungeheuren
Sicherheit ich meine Aufgabe und das Welthistorische an ihr in der
Hand hielt, davon legt das ganze Buch, vor Allem aber eine sehr
ausdrueckliche Stelle Zeugniss ab: nur dass ich, mit der bei mir
instinktiven Arglist, auch hier wieder das Woertchen "ich" umgieng und
dies Mal nicht Schopenhauer oder Wagner, sondern einen meiner Freunde,
den ausgezeichneten Dr. Paul Ree, mit einer welthistorischen Glorie
ueberstrahlte - zum Glueck ein viel zu feines Thier, als dass... Andre
waren weniger fein: ich habe die Hoffnungslosen unter meinen Lesern,
zum Beispiel den typischen deutschen Professor, immer daran erkannt,
dass sie, auf diese Stelle hin, das ganze Buch als hoeheren Reealismus
verstehn zu muessen glaubten... In Wahrheit enthielt es den
Widerspruch gegen fuenf, sechs Saetze meines Freundes: man moege
darueber die Vorrede zur Genealogie der Moral nachlesen. - Die Stelle
lautet: welches ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kuehnsten und
kaeltesten Denker, der Verfasser des Buchs "ueber den Ursprung der
moralischen Empfindungen" (lisez: Nietzsche, der erste Immoralist)
vermoege seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen
Handelns gelangt ist? "Der moralische Mensch steht der intelligiblen
Welt nicht naeher als der physische - denn es giebt keine intelligible
Welt..." Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem
Hammerschlag der historischen Erkenntniss (lisez: Umwerthung aller
Werthe) kann vielleicht einmal, in irgend welcher Zukunft - 1890!
- als die Axt dienen, welche dem "metaphysischen Beduerfniss" der
Menschheit an die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen oder zum
Fluche der Menschheit, wer wuesste das zu sagen? Aber jedenfalls als
ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich
und mit jenem Doppelblick in die Welt sehend, welchen alle grossen
Erkenntnisse haben...



Morgenroethe.

Gedanken ueber die Moral als Vorurtheil.

1.

Mit diesem Buche beginnt mein Feldzug gegen die Moral. Nicht dass es
den geringsten Pulvergeruch an sich haette: - man wird ganz andre und
viel lieblichere Gerueche an ihm wahrnehmen, gesetzt, dass man einige
Feinheit in den Nuestern hat. Weder grosses, noch auch kleines
Geschuetz: ist die Wirkung des Buchs negativ, so sind es seine Mittel
um so weniger, diese Mittel, aus denen die Wirkung wie ein Schluss,
nicht wie ein Kanonenschuss folgt. Dass man von dem Buche Abschied
nimmt mit einer scheuen Vorsicht vor Allem, was bisher unter dem Namen
Moral zu Ehren und selbst zur Anbetung gekommen ist, steht nicht im
Widerspruch damit, dass im ganzen Buch kein negatives Wort vorkommt,
kein Angriff, keine Bosheit, - dass es vielmehr in der Sonne liegt,
rund, gluecklich, einem Seegethier gleich, das zwischen Felsen sich
sonnt. Zuletzt war ich's selbst, dieses Seegethier: fast jeder Satz
des Buchs ist erdacht, er schluepft in jenem Felsen-Wirrwarr nahe bei
Genua, wo ich allein war und noch mit dem Meere Heimlichkeiten hatte.
Noch jetzt wird mir, bei einer zufaelligen Beruehrung dieses Buchs,
fast jeder Satz zum Zipfel, an dem ich irgend etwas Unvergleichliches
wieder aus der Tiefe ziehe: seine ganze Haut zittert von zarten
Schaudern der Erinnerung. Die Kunst, die es voraus hat, ist keine
kleine darin, Dinge, die leicht und ohne Geraeusch vorbeihuschen,
Augenblicke, die ich goettliche Eidechsen nenne, ein wenig fest zu
machen - nicht etwa mit der Grausamkeit jenes jungen Griechengottes,
der das arme Eidechslein einfach anspiesste, aber immerhin doch mit
etwas Spitzem, mit der Feder... "Es giebt so viele Morgenroethen, die
noch nicht geleuchtet haben" - diese indische Inschrift steht auf der
Thuer zu diesem Buche. Wo sucht sein Urheber jenen neuen Morgen, jenes
bisher noch unentdeckte zarte Roth, mit dem wieder ein Tag - ah, eine
ganze Reihe, eine ganze Welt neuer Tage! - anhebt? In einer Umwerthung
aller Werthe, in einem Loskommen von allen Moralwerthen, in einem
Jasagen und Vertrauen-haben zu Alledem, was bisher verboten,
verachtet, verflucht worden ist. Dies jasagende Buch stroemt sein
Licht, seine Liebe, seine Zaertlichkeit auf lauter schlimme Dinge aus,
es giebt ihnen "die Seele", das gute Gewissen, das hohe Recht und
Vorrecht auf Dasein wieder zurueck. Die Moral wird nicht angegriffen,
sie kommt nur nicht mehr in Betracht... Dies Buch schliesst mit einem
"Oder?", - es ist das einzige Buch, das mit einem "Oder?" schliesst...


2.

Meine Aufgabe, einen Augenblick hoechster Selbstbesinnung der
Menschheit vorzubereiten, einen grossen Mittag, wo sie zurueckschaut
und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der
Priester heraustritt und die Frage des warum?, des wozu? zum ersten
Male als Ganzes stellt -, diese Aufgabe folgt mit Nothwendigkeit aus
der Einsicht, dass die Menschheit nicht von selber auf dem rechten
Wege ist, dass sie durchaus nicht goettlich regiert wird, dass
vielmehr gerade unter ihren heiligsten Werthbegriffen der Instinkt der
Verneinung, der Verderbniss, der decadence-Instinkt verfuehrerisch
gewaltet hat. Die Frage nach der Herkunft der moralischen Werthe ist
deshalb fuer mich eine Frage ersten Ranges, weil sie die Zukunft der
Menschheit bedingt. Die Forderung, man solle glauben, dass Alles im
Grunde in den besten Haenden ist, dass ein Buch, die Bibel, eine
endgueltige Beruhigung ueber die goettliche Lenkung und Weisheit
im Geschick der Menschheit giebt, ist, zurueckuebersetzt in die
Realitaet, der Wille, die Wahrheit ueber das erbarmungswuerdige
Gegentheil davon nicht aufkommen zu lassen, naemlich, dass die
Menschheit bisher in den schlechtesten Haenden war, dass sie von den
Schlechtweggekommenen, den Arglistig-Rachsuechtigen, den sogenannten
"Heiligen", diesen Weltverleumdern und Menschenschaendern, regiert
worden ist. Das entscheidende Zeichen, an dem sich ergiebt, dass der
Priester (- eingerechnet die versteckten Priester, die Philosophen)
nicht nur innerhalb einer bestimmten religioesen Gemeinschaft, sondern
ueberhaupt Herr geworden ist, dass die decadence-Moral, der Wille
zum Ende, als Moral an sich gilt, ist der unbedingte Werth, der dem
Unegoistischen und die Feindschaft, die dem Egoistischen ueberall zu
Theil wird. Wer ueber diesen Punkt mit mir uneins ist, den halte ich
fuer inficirt... Aber alle Welt ist mit mir uneins... Fuer einen
Physiologen laesst ein solcher Werth-Gegensatz gar keinen Zweifel.
Wenn innerhalb des Organismus das geringste Organ in noch so kleinem
Maasse nachlaesst, seine Selbsterhaltung, seinen Kraftersatz, seinen,
"Egoismus" mit vollkommner Sicherheit durchzusetzen, so entartet das
Ganze. Der Physiologe verlangt Ausschneidung des entartenden Theils,
er verneint jede Solidaritaet mit dem Entartenden, er ist am fernsten
vom Mitleiden mit ihm. Aber der Priester will gerade die Entartung des
Ganzen, der Menschheit: darum conservirt er das Entartende - um diesen
Preis beherrscht er sie... Welchen Sinn haben jene Luegenbegriffe, die
Huelfsbegriffe der Moral, "Seele", "Geist", "freier Wille", "Gott",
wenn nicht den, die Menschheit physiologisch zu ruiniren?... Wenn man
den Ernst von der Selbsterhaltung, Kraftsteigerung des Leibes, das
heisst des Lebens ablenkt, wenn man aus der Bleichsucht ein Ideal, aus
der Verachtung des Leibes "das Heil der Seele" construirt, was ist das
Anderes, als ein Recept zur decadence? - Der Verlust an Schwergewicht,
der Widerstand gegen die natuerlichen Instinkte, die "Selbstlosigkeit"
mit Einem Worte - das hiess bisher Moral... Mit der "Morgenroethe"
nahm ich zuerst den Kampf gegen die Entselbstungs-Moral auf. -



Die froehliche Wissenschaft.

("la gaya scienza")

Die "Morgenroethe" ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und
guetig. Dasselbe gilt noch einmal und im hoechsten Grade von der
gaya scienza: fast in jedem Satz derselben halten sich Tiefsinn und
Muthwillen zaertlich an der Hand. Ein Vers, welcher die Dankbarkeit
fuer den wunderbarsten Monat Januar ausdrueckt, den ich erlebt habe -
das ganze Buch ist sein Geschenk - verraeth zur Genuege, aus welcher
Tiefe heraus hier die "Wissenschaft" froehlich geworden ist:

Der du mit dem Flammenspeere
Meiner Seele Eis zertheilt,
Dass sie brausend nun zum Meere
Ihrer hoechsten Hoffnung eilt:
Heller stets und stets gesunder,
Frei im liebevollsten Muss
Also preist sie deine Wunder,
Schoenster Januarius!

Was hier "hoechste Hoffnung" heisst, wer kann darueber im Zweifel
sein, der als Schluss des vierten Buchs die diamantene Schoenheit
der ersten Worte des Zarathustra aufglaenzen sieht? - Oder der die
granitnen Saetze am Ende des dritten Buchs liest, mit denen sich ein
Schicksal fuer alle Zeiten zum ersten Male in Formeln fasst? - Die
Lieder des Prinzen Vogelfrei, zum besten Theil in Sicilien gedichtet,
erinnern ganz ausdruecklich an den provencialischen Begriff der "gaya
scienza", an jene Einheit von Saenger, Ritter und Freigeist, mit
der sich jene wunderbare Fruehkultur der Provencalen gegen alle
zweideutigen Culturen abhebt; das allerletzte Gedicht zumal, "anden
Mistral", ein ausgelassenes Tanzlied, in dem, mit Verlaub! ueber die
Moral hinweggetanzt wird, ist ein vollkommner Provencalismus. -



Also sprach Zarathustra.

Ein Buch fuer Alle und Keinen.

1.

Ich erzaehle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die
Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese
hoechste Formel der Bejahung, die ueberhaupt erreicht werden kann
-, gehoert in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt
hingeworfen, mit der Unterschrift: "6000 Fuss jenseits von Mensch
und Zeit". Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die
Waelder; bei einem maechtigen pyramidal aufgethuermten Block unweit
Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke. - Rechne ich von
diesem Tage ein paar Monate zurueck, so finde ich, als Vorzeichen,
eine ploetzliche und im Tiefsten entscheidende Veraenderung meines
Geschmacks, vor Allem in der Musik. Man darf vielleicht den
ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen; - sicherlich war eine
Wiedergeburt in der Kunst zu hoeren, eine Vorausbedingung dazu.
In einem kleinen Gebirgsbade unweit Vicenza, Recoaro, wo ich den
Fruehling des Jahrs 1881 verbrachte, entdeckte ich, zusammen
mit meinem maestro und Freunde Peter Gast, einem gleichfalls
"Wiedergebornen", dass der Phoenix Musik mit leichterem und
leuchtenderem Gefieder, als er je gezeigt, an uns vorueberflog. Rechne
ich dagegen von jenem Tage an vorwaerts, bis zur ploetzlichen und
unter den unwahrscheinlichsten Verhaeltnissen eintretenden Niederkunft
im Februar 1883 - die Schlusspartie, dieselbe, aus der ich im Vorwort
ein paar Saetze citirt habe, wurde genau in der heiligen Stunde fertig
gemacht, in der Richard Wagner in Venedig starb - so ergeben sich
achtzehn Monate fuer die Schwangerschaft. Diese Zahl gerade von
achtzehn Monaten duerfte den Gedanken nahelegen, unter Buddhisten
wenigstens, dass ich im Grunde ein Elephanten-Weibchen bin. - In die
Zwischenzeit gehoert die "gaya scienza", die hundert Anzeichen der
Naehe von etwas Unvergleichlichem hat; zuletzt giebt sie den Anfang
des Zarathustra selbst noch, sie giebt im vorletzten Stueck des
vierten Buchs den Grundgedanken des Zarathustra. - Insgleichen gehoert
in diese Zwischenzeit jener Hymnus auf das Leben (fuer gemischten Chor
und Orchester), dessen Partitur vor zwei Jahren bei E. W. Fritzsch in
Leipzig erschienen ist: ein vielleicht nicht unbedeutendes Symptom
fuer den Zustand dieses Jahres, wo das ja sagende Pathos par
excellence, von mir das tragische Pathos genannt, im hoechsten Grade
mir innewohnte. Man wird ihn spaeter einmal zu meinem Gedaechtniss
singen. - Der Text, ausdruecklich bemerkt, weil ein Missverstaendniss
darueber im Umlauf ist, ist nicht von mir: er ist die erstaunliche
Inspiration einer jungen Russin, mit der ich damals befreundet war,
des Fraeulein Lou von Salome. Wer den letzten Worten des Gedichts
ueberhaupt einen Sinn zu entnehmen weiss, wird errathen, warum ich es
vorzog und bewunderte: sie haben Groesse. Der Schmerz gilt nicht als
Einwand gegen das Leben: "Hast du kein Glueck mehr uebrig mir zu
geben, wohlan! noch hast du deine Pein..." Vielleicht hat auch meine
Musik an dieser Stelle Groesse. (Letzte Note der Oboe cis nicht
c. Druckfehler.) - Den darauf folgenden Winter lebte ich in jener
anmuthig stillen Bucht von Rapallo unweit Genua, die sich zwischen
Chiavari und dem Vorgebirge Porto fino einschneidet. Meine Gesundheit
war nicht die beste; der Winter kalt und ueber die Maassen regnerisch;
ein kleines Albergo, unmittelbar am Meer gelegen, so dass die hohe
See nachts den Schlaf unmoeglich machte, bot ungefaehr in Allem das
Gegentheil vom Wuenschenswerthen. Trotzdem und beinahe zum Beweis
meines Satzes, dass alles Entscheidende "trotzdem", entsteht, war es
dieser Winter und diese Ungunst der Verhaeltnisse, unter denen mein
Zarathustra entstand. - Den Vormittag stieg ich in suedlicher Richtung
auf der herrlichen Strasse nach Zoagli hin in die Hoehe, an Pinien
vorbei und weitaus das Meer ueberschauend; des Nachmittags, so oft es
nur die Gesundheit erlaubte, umgieng ich die ganze Bucht von Santa
Margherita bis hinter nach Porto fino. Dieser Ort und diese Landschaft
ist durch die grosse Liebe, welche der unvergessliche deutsche Kaiser
Friedrich der Dritte fuer sie fuehlte, meinem Herzen noch naeher
gerueckt; ich war zufaellig im Herbst 1886 wieder an dieser Kueste,
als er zum letzten Mal diese kleine vergessne Welt von Glueck
besuchte. - Auf diesen beiden Wegen fiel mir der ganze erste
Zarathustra ein, vor Allem Zarathustra selber, als Typus: richtiger,
er ueberfiel mich...

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