Ecce Homo
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3.
Ich kenne einigermassen meine Vorrechte als Schriftsteller; in
einzelnen Faellen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewoehnung
an meine Schriften den Geschmack "verdirbt". Man haelt einfach andre
Buecher nicht mehr aus, am wenigsten philosophische. Es ist eine
Auszeichnung ohne Gleichen, in diese vornehme und delikate Welt
einzutreten, - man darf dazu durchaus kein Deutscher sein; es ist
zuletzt eine Auszeichnung, die man sich verdient haben muss. Wer mir
aber durch Hoehe des Wollens verwandt ist, erlebt dabei wahre Ekstasen
des Lernens: denn ich komme aus Hoehen, die kein Vogel je erflog, ich
kenne Abgruende, in die noch kein Fuss sich verirrt hat. Man hat mir
gesagt, es sei nicht moeglich, ein Buch von mir aus der Hand zu legen,
- ich stoerte selbst die Nachtruhe... Es giebt durchaus keine stolzere
und zugleich raffinirtere Art von Buechern: sie erreichen hier und da
das Hoechste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus; man
muss sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten
Faeusten erobern. Jede Gebrechlichkeit der Seele schliesst aus davon,
ein fuer alle Male, selbst jede Dyspepsie: man muss keine Nerven
haben, man muss einen froehlichen Unterleib haben. Nicht nur die
Armut, die Winkel-Luft einer Seele schliesst davon aus, noch viel
mehr das Feige, das Unsaubere, das Heimlich-Rachsuechtige in den
Eingeweiden: ein Wort von mir treibt alle schlechten Instinkte ins
Gesicht. Ich habe an meinen Bekannten mehrere Versuchsthiere, an denen
ich mir die verschiedene, sehr lehrreich verschiedene Reaktion auf
meine Schriften zu Gemuethe fuehre. Wer nichts mit ihrem Inhalte zu
thun haben will, meine sogenannten Freunde zum Beispiel, wird dabei
"unpersoenlich": man wuenscht mir Glueck, wieder "so weit" zu sein, -
auch ergaebe sich ein Fortschritt in einer groesseren Heiterkeit des
Tons... Die vollkommen lasterhaften "Geister", die "schoenen Seelen",
die in Grund und Boden Verlognen, wissen schlechterdings nicht, was
sie mit diesen Buechern anfangen sollen, - folglich sehn sie dieselben
unter sich, die schoene Folgerichtigkeit aller "schoenen Seelen". Das
Hornvieh unter meinen Bekannten, blosse Deutsche, mit Verlaub, giebt
zu verstehn, man sei nicht immer meiner Meinung, aber doch mitunter,
zum Beispiel... Ich habe dies selbst ueber den Zarathustra gehoert...
Insgleichen ist jeder "Femininismus" im Menschen, auch im Manne, ein
Thorschluss fuer mich: man wird niemals in dies Labyrinth verwegener
Erkenntnisse eintreten. Man muss sich selbst nie geschont haben, man
muss die Haerte in seinen Gewohnheiten haben, um unter lauter harten
Wahrheiten wohlgemuth und heiter zu sein. Wenn ich mir das Bild eines
vollkommnen Lesers ausdenke, so wird immer ein Unthier von Muth
und Neugierde daraus, ausserdem noch etwas Biegsames, Listiges,
Vorsichtiges, ein geborner Abenteurer und Entdecker. Zuletzt: ich
wuesste es nicht besser zu sagen, zu wem ich im Grunde allein rede,
als es Zarathustra gesagt hat: wem allein will er sein Raethsel
erzaehlen?
Euch, den kuehnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen
Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, -
euch, den Raethsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit
Floeten zu jedem Irrschlunde gelockt wird:
- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und wo
ihr errathen koennt, da hasst ihr es, zu erschliessen...
4.
Ich sage zugleich noch ein allgemeines Wort ueber meine Kunst des
Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zeichen,
eingerechnet das tempo dieser Zeichen, mitzutheilen - das ist der Sinn
jedes Stils; und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer Zustaende
bei mir ausserordentlich ist, giebt es bei mir viele Moeglichkeiten
des Stils - die vielfachste Kunst des Stils ueberhaupt, ueber die je
ein Mensch verfuegt hat. Gut ist jeder Stil, der einen inneren Zustand
wirklich mittheilt, der sich ueber die Zeichen, ueber das tempo der
Zeichen, ueber die Gebaerden - alle Gesetze der Periode sind Kunst der
Gebaerde - nicht vergreift. Mein Instinkt ist hier unfehlbar. - Guter
Stil an sich - eine reine Thorheit, blosser "Idealismus", etwa, wie
das "Schoene an sich", wie das "Gute an sich", wie das "Ding an
sich"... Immer noch vorausgesetzt, dass es Ohren giebt - dass es
Solche giebt, die eines gleichen Pathos faehig und wuerdig sind, dass
die nicht fehlen, denen man sich mittheilen darf. - Mein Zarathustra
zum Beispiel sucht einstweilen noch nach Solchen - ach! er wird noch
lange zu suchen haben! - Man muss dessen werth sein, ihn zu hoeren...
Und bis dahin wird es Niemanden geben, der die Kunst, die hier
verschwendet worden ist, begreift: es hat nie jemand mehr von neuen,
von unerhoerten, von wirklich erst dazu geschaffnen Kunstmitteln zu
verschwenden gehabt. Dass dergleichen gerade in deutscher Sprache
moeglich war, blieb zu beweisen: ich selbst haette es vorher am
haertesten abgelehnt. Man weiss vor mir nicht, was man mit der
deutschen Sprache kann, - was man ueberhaupt mit der Sprache kann.
- Die Kunst des grossen Rhythmus, der grosse Stil der Periodik
zum Ausdruck eines ungeheuren Auf und Nieder von sublimer, von
uebermenschlicher, Leidenschaft ist erst von mir entdeckt; mit einem
Dithyrambus wie dem letzten des dritten Zarathustra, "die sieben
Siegel", ueberschrieben, flog ich tausend Meilen ueber das hinaus, was
bisher Poesie hiess.
5.
- Dass aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines
Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter
Leser gelangt - ein Leser, wie ich ihn verdiene, der mich liest,
wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen. Die Saetze, ueber
die im Grunde alle Welt einig ist, gar nicht zu reden von den
Allerwelts-Philosophen, den Moralisten und andren Hohltoepfen,
Kohlkoepfen - erscheinen bei mir als Naivetaeten des Fehlgriffs:
zum Beispiel jener Glaube, dass "unegoistisch" und "egoistisch"
Gegensaetze sind, waehrend das ego selbst bloss ein "hoeherer
Schwindel", ein "Ideal" ist... Es giebt weder egoistische, noch
unegoistische Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer
Widersinn. Oder der Satz "der Mensch strebt nach Glueck"... Oder der
Satz "das Glueck ist der Lohn der Tugend"... Oder der Satz "Lust und
Unlust sind Gegensaetze"... Die Circe der Menschheit, die Moral, hat
alle psychologica in Grund und Boden gefaelscht - vermoralisirt - bis
zu jenem schauderhaften Unsinn, dass die Liebe etwas "Unegoistisches"
sein soll... Man muss fest auf sich sitzen, man muss tapfer auf seinen
beiden Beinen stehn, sonst kann man gar nicht lieben. Das wissen
zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel was aus
selbstlosen, aus bloss objektiven Maennern... Darf ich anbei die
Vermuthung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehoert zu meiner
dionysischen Mitgift. Wer weiss? vielleicht bin ich der erste
Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle - eine
alte Geschichte: die verunglueckten Weiblein abgerechnet, die
"Emancipirten", denen das Zeug zu Kindern abgeht. - Zum Glueck bin
ich nicht Willens mich zerreissen zu lassen: das vollkommne Weib
zerreisst, wenn es liebt... Ich kenne diese liebenswuerdigen
Maenaden... Ah, was fuer ein gefaehrliches, schleichendes,
unterirdisches kleines Raubthier! Und so angenehm dabei!... Ein
kleines Weib, das seiner Rache nachrennt, wuerde das Schicksal selbst
ueber den Haufen rennen. - Das Weib ist unsaeglich viel boeser als
der Mann, auch klueger; Guete am Weibe ist schon eine Form der
Entartung... Bei allen sogenannten "schoenen Seelen" giebt es einen
physiologischen Uebelstand auf dem Grunde, - ich sage nicht Alles, ich
wuerde sonst medicynisch werden. Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar
ein Symptom von Krankheit: jeder Arzt weiss das. - Das Weib, je mehr
Weib es ist, wehrt sich ja mit Haenden und Fuessen gegen Rechte
ueberhaupt: der Naturzustand, der ewige Krieg zwischen den
Geschlechtern giebt ihm ja bei weitem den ersten Rang. - Hat man Ohren
fuer meine Definition der Liebe gehabt? es ist die einzige, die eines
Philosophen wuerdig ist. Liebe - in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem
Grunde der Todhass der Geschlechter. - Hat man meine Antwort auf die
Frage gehoert, wie man ein Weib kurirt - "erloest"? Man macht ihm ein
Kind. Das Weib hat Kinder noethig, der Mann ist immer nur Mittel:
also sprach Zarathustra. - "Emancipation des Weibes" - das ist der
Instinkthass des missrathenen, das heisst gebaeruntuechtigen Weibes
gegen das wohlgerathene, - der Kampf gegen den "Mann" ist immer nur
Mittel, Vorwand, Taktik. Sie wollen, indem sie sich hinaufheben, als
"Weib an sich", als "hoeheres Weib", als "Idealistin" von Weib, das
allgemeine Rang-Niveau des Weibes herunterbringen; kein sichereres
Mittel dazu als Gymnasial-Bildung, Hosen und politische
Stimmvieh-Rechte. Im Grunde sind die Emancipirten die Anarchisten
in der Welt des "Ewig-Weiblichen", die Schlechtweggekommenen, deren
unterster Instinkt Rache ist... Eine ganze Gattung des boesartigsten
"Idealismus" - der uebrigens auch bei Maennern vorkommt, zum Beispiel
bei Henrik Ibsen, dieser typischen alten Jungfrau - hat als Ziel das
gute Gewissen, die Natur in der Geschlechtsliebe zu vergiften... Und
damit ich ueber meine in diesem Betracht ebenso honnette als strenge
Gesinnung keinen Zweifel lasse, will ich noch einen Satz aus meinem
Moral-Codex gegen das Laster mittheilen: mit dem Wort Laster bekaempfe
ich jede Art Widernatur oder wenn man schoene Worte liebt, Idealismus.
Der Satz heisst: "die Predigt der Keuschheit ist eine oeffentliche
Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen
Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff `unrein` ist
das Verbrechen selbst am Leben, - ist die eigentliche Suende wider den
heiligen Geist des Lebens." -
6.
Um einen Begriff von mir als Psychologen zu geben, nehme ich ein
curioses Stueck Psychologie, das in "Jenseits von Gut und Boese"
vorkommt, - ich verbiete uebrigens jede Muthmassung darueber, wen ich
an dieser Stelle beschreibe. "Das Genie des Herzens, wie es jener
grosse Verborgene hat, der Versucher-Gott und geborne Rattenfaenger
der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unterwelt jeder Seele
hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein Wort sagt, nicht einen Blick
blickt, in dem nicht eine Ruecksicht und Falte der Lockung laege, zu
dessen Meisterschaft es gehoert, dass er zu scheinen versteht - und
nicht das, was er ist, sondern was denen, die ihm folgen, ein Zwang
mehr ist, um sich immer naeher an ihn zu draengen, um ihm immer
innerlicher und gruendlicher zu folgen... Das Genie des Herzens, das
alles Laute und Selbstgefaellige verstummen macht und horchen lehrt,
das die rauhen Seelen glaettet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten
giebt, - still zu liegen, wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel
auf ihnen spiegele... Das Genie des Herzens, das die toelpische
und ueberrasche Hand zoegern und zierlicher greifen lehrt; das den
verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen Guete und suesser
Geistigkeit unter truebem dickem Eise erraeth und eine Wuenschelruthe
fuer jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker vielen Schlammes
und Sandes begraben lag... Das Genie des Herzens, von dessen
Beruehrung jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und ueberrascht,
nicht wie von fremdem Gute beglueckt und bedrueckt, sondern reicher an
sich selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde
angeweht und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zaertlicher
zerbrechlicher zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen
Namen haben, voll neuen Willens und Stroemens, voll neuen Unwillens
und Zurueckstroemens..."
Die Geburt der Tragoedie.
1.
Um gegen die "Geburt der Tragoedie" (1872) gerecht zu sein, wird
man Einiges vergessen muessen. Sie hat mit dem gewirkt und selbst
fascinirt, was an ihr verfehlt war - mit ihrer Nutzanwendung auf die
Wagnerei, als ob dieselbe ein Aufgangs-Symptom sei. Diese Schrift war
eben damit im Leben Wagner's ein Ereigniss: von da an gab es erst
grosse Hoffnungen bei dem Namen Wagner. Noch heute erinnert man mich
daran, unter Umstaenden mitten aus dem Parsifal heraus: wie ich es
eigentlich auf dem Gewissen habe, dass eine so hohe Meinung ueber den
Cultur-Werth dieser Bewegung obenauf gekommen sei. - Ich fand die
Schrift mehrmals citirt als "die Wiedergeburt der Tragoedie aus dem
Geiste der Musik": man hat nur Ohren fuer eine neue Formel der Kunst,
der Absicht, der Aufgabe Wagner's gehabt, - darueber wurde ueberhoert,
was die Schrift im Grunde Werthvolles barg. "Griechenthum und
Pessimismus": das waere ein unzweideutigerer Titel gewesen: naemlich
als erste Belehrung darueber, wie die Griechen fertig wurden mit dem
Pessimismus, - womit sie ihn ueberwanden... Die Tragoedie gerade
ist der Beweis dafuer, dass die Griechen keine Pessimisten waren:
Schopenhauer vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen hat.
- Mit einiger Neutralitaet in die Hand genommen, sieht die "Geburt
der Tragoedie" sehr unzeitgemaess aus: man wuerde sich nicht traeumen
lassen, dass sie unter den Donnern der Schlacht bei Woerth begonnen
wurde. Ich habe diese Probleme vor den Mauern von Metz, in kalten
September-Naechten, mitten im Dienste der Krankenpflege, durchgedacht;
man koennte eher schon glauben, dass die Schrift fuenfzig Jahre aelter
sei. Sie ist politisch indifferent, - "undeutsch", wird man heute
sagen - sie riecht anstoessig Hegelisch, sie ist nur in einigen
Formeln mit dem Leichenbitter-parfum Schopenhauer's behaftet. Eine
"Idee" - der Gegensatz dionysisch und apollinisch - ins Metaphysische
uebersetzt; die Geschichte selbst als die Entwicklung dieser "Idee";
in der Tragoedie der Gegensatz zur Einheit aufgehoben; unter dieser
Optik Dinge, die noch nie einander ins Gesicht gesehn hatten,
ploetzlich gegenueber gestellt, aus einander beleuchtet und
begriffen... Die Oper zum Beispiel und die Revolution. - Die zwei
entscheidenden Neuerungen des Buchs sind einmal das Verstaendniss
des dionysischen Phaenomens bei den Griechen: es giebt dessen erste
Psychologie, es sieht in ihm die Eine Wurzel der ganzen griechischen
Kunst. Das Andre ist das Verstaendniss des Sokratismus: Sokrates
als Werkzeug der griechischen Aufloesung, als typischer decadent
zum ersten Male erkannt. "Vernuenftigkeit", gegen Instinkt.
Die "Vernuenftigkeit" um jeden Preis als gefaehrliche, als
leben-untergrabende Gewalt! - Tiefes feindseliges Schweigen ueber
das Christenthum im ganzen Buche. Es ist weder apollinisch, noch
dionysisch; es negirt alle aesthetischen Werthe - die einzigen Werthe,
die die "Geburt der Tragoedie" anerkennt: es ist im tiefsten Sinne
nihilistisch, waehrend im dionysischen Symbol die aeusserste Grenze
der Bejahung erreicht ist. Einmal wird auf die christlichen Priester
wie auf eine "tueckische Art von Zwergen", von "Unterirdischen"
angespielt...
2.
Dieser Anfang ist ueber alle Maassen merkwuerdig. Ich hatte zu meiner
innersten Erfahrung das einzige Gleichniss und Seitenstueck, das
die Geschichte hat, entdeckt, - ich hatte ebendamit das wundervolle
Phaenomen des Dionysischen als der Erste begriffen. Insgleichen
war damit, dass ich Sokrates als decadent erkannte, ein voellig
unzweideutiger Beweis dafuer gegeben, wie wenig die Sicherheit meines
psychologischen Griffs von Seiten irgend einer Moral-Idiosynkrasie
Gefahr laufen werde: - die Moral selbst als decadence-Symptom ist
eine Neuerung, eine Einzigkeit ersten Rangs in der Geschichte der
Erkenntniss. Wie hoch war ich mit Beidem ueber das erbaermliche
Flachkopf-Geschwaetz von Optimismus contra Pessimismus
hinweggesprungen! - Ich sah zuerst den eigentlichen Gegensatz: - den
entartenden Instinkt, der sich gegen das Leben mit unterirdischer
Rachsucht wendet (- Christenthum, die Philosophie Schopenhauers, in
gewissem Sinne schon die Philosophie Platos, der ganze Idealismus als
typische Formen) und eine aus der Fuelle, der Ueberfuelle geborene
Formel der hoechsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum
Leiden selbst, zur Schuld selbst, zu allem Fragwuerdigen und
Fremden des Daseins selbst... Dieses letzte, freudigste,
ueberschwaenglich-uebermuethigste Ja zum Leben ist nicht nur die
hoechste Einsicht, es ist auch die tiefste, die von Wahrheit und
Wissenschaft am strengsten bestaetigte und aufrecht erhaltene. Es ist
Nichts, was ist, abzurechnen, es ist Nichts entbehrlich - die von den
Christen und andren Nihilisten abgelehnten Seiten des Daseins sind
sogar von unendlich hoeherer Ordnung in der Rangordnung der Werthe als
das, was der Decadence-Instinkt gutheissen, gutheissen durfte. Dies
zu begreifen, dazu gehoert Muth und, als dessen Bedingung, ein
Ueberschuss von Kraft: denn genau so weit als der Muth sich vorwaerts
wagen darf, genau nach dem Maass von Kraft naehert man sich der
Wahrheit. Die Erkenntniss, das Jasagen zur Realitaet ist fuer den
Starken eine ebensolche Nothwendigkeit als fuer den Schwachen, unter
der Inspiration der Schwaeche, die Feigheit und Flucht vor der
Realitaet - das "Ideal"... Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen:
die decadents haben die Luege noethig, sie ist eine ihrer
Erhaltungs-Bedingungen. - Wer das Wort "Dionysisch" nicht nur
begreift, sondern sich in dem Wort "dionysisch" begreift, hat keine
Widerlegung Platos oder des Christenthums oder Schopenhauers noethig -
er riecht die Verwesung...
3.
In wiefern ich ebendamit den Begriff "tragisch", die endliche
Erkenntniss darueber, was die Psychologie der Tragoedie ist, gefunden
hatte, habe ich zuletzt noch in der Goetzen-Daemmerung Seite 139
zum Ausdruck gebracht. "Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen
fremdesten und haertesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer
seiner hoechsten Typen der eignen Unerschoepflichkeit frohwerdend
- das nannte ich dionysisch, das verstand ich als Bruecke zur
Psychologie des tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und
Mitleiden loszukommen, nicht um sich von einem gefaehrlichen Affekt
durch eine vehemente Entladung zu reinigen so missverstand es
Aristoteles: sondern um, ueber Schrecken und Mitleiden hinaus, die
ewige Lust des Werdens selbst Zusein, jene Lust, die auch noch die
Lust am Vernichten in sich schliesst..." In diesem Sinne habe ich
das Recht, mich selber als den ersten tragischen Philosophen zu
verstehn - das heisst den aeussersten Gegensatz und Antipoden eines
pessimistischen Philosophen. Vor mir giebt es diese Umsetzung des
Dionysischen in ein philosophisches Pathos nicht: es fehlt die
tragische Weisheit, - ich habe vergebens nach Anzeichen davon selbst
bei den grossen Griechen der Philosophie, denen der zwei Jahrhunderte
vor Sokrates, gesucht. Ein Zweifel blieb mir zurueck bei Heraklit,
in dessen Naehe ueberhaupt mir waermer, mir wohler zu Muthe wird
als irgendwo sonst. Die Bejahung des Vergehens und Vernichtens, das
Entscheidende in einer dionysischen Philosophie, das Jasagen zu
Gegensatz und Krieg, das Wer den, mit radikaler Ablehnung auch selbst
des Begriffs "Sein" - darin muss ich unter allen Umstaenden das mir
Verwandteste anerkennen, was bisher gedacht worden ist. Die Lehre von
der "ewigen Wiederkunft", das heisst vom unbedingten und unendlich
wiederholten Kreislauf aller Dinge - diese Lehre Zarathustra's koennte
zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt worden sein. Zum Mindesten
hat die Stoa, die fast alle ihre grundsaetzlichen Vorstellungen von
Heraklit geerbt hat, Spuren davon.
4.
Aus dieser Schrift redet eine ungeheure Hoffnung. Zuletzt fehlt mir
jeder Grund, die Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik
zurueckzunehmen. Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen
wir den Fall, dass mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und
Menschenschaendung gelingt. Jene neue Partei des Lebens, welche die
groesste aller Aufgaben, die Hoeherzuechtung der Menschheit in die
Haende nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles
Entartenden und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden
wieder moeglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder
erwachsen muss. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die hoechste
Kunst im Jasagen zum Leben, die Tragoedie, wird wiedergeboren
werden, wenn die Menschheit das Bewusstsein der haertesten, aber
nothwendigsten Kriege hinter sich hat, ohne daran zu leiden... Ein
Psychologe duerfte noch hinzufuegen, dass was ich in jungen Jahren bei
Wagnerischer Musik gehoert habe, Nichts ueberhaupt mit Wagner zu thun
hat; dass wenn ich die dionysische Musik beschrieb, ich das beschrieb,
was ich gehoert hatte, - dass ich instinktiv Alles in den neuen Geist
uebersetzen und transfiguriren musste, den ich in mir trug. Der Beweis
dafuer, so stark als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift
"Wagner in Bayreuth": an allen psychologisch entscheidenden Stellen
ist nur von mir die Rede, man darf ruecksichtslos meinen Namen oder
das Wort "Zarathustra" hinstellen, wo der Text das Wort Wagner giebt.
Das ganze Bild des dithyrambischen Kuenstlers ist das Bild des
praeexistenten Dichters des Zarathustra, mit abgruendlicher Tiefe
hingezeichnet und ohne einen Augenblick die Wagnersche Realitaet auch
nur zu beruehren. Wagner selbst hatte einen Begriff davon; er erkannte
sich in der Schrift nicht wieder. - Insgleichen hatte sich "der
Gedanke von Bayreuth" in Etwas verwandelt, das den Kennern meines
Zarathustra kein Raethsel-Begriff sein wird: in jenen grossen Mittag,
wo sich die Auserwaehltesten zur groessten aller Aufgaben weihen -
wer weiss? die Vision eines Festes, das ich noch erleben werde...
Das Pathos der ersten Seiten ist welthistorisch; der Blick, von
dem auf der siebenten Seite die Rede ist, ist der eigentliche
Zarathustra-Blick; Wagner, Bayreuth, die ganze kleine deutsche
Erbaermlichkeit ist eine Wolke, in der eine unendliche fata
morgana der Zukunft sich spiegelt. Selbst psychologisch sind alle
entscheidenden Zuege meiner eignen Natur in die Wagners eingetragen
das Nebeneinander der lichtesten und verhaengnissvollsten Kraefte,
der Wille zur Macht, wie ihn nie ein Mensch besessen hat, die
ruecksichtslose Tapferkeit im Geistigen, die unbegrenzte Kraft zu
lernen, ohne dass der Wille zur That damit erdrueckt wuerde. Es ist
Alles an dieser Schrift vorherverkuendend: die Naehe der Wiederkunft
des griechischen Geistes, die Nothwendigkeit von Gegen-Alexandern,
welche den gordischen Knoten der griechischen Cultur wieder binden,
nachdem er geloest war... Man hoere den welthistorischen Accent, mit
dem auf Seite 30 der Begriff "tragische Gesinnung" eingefuehrt wird:
es sind lauter welthistorische Accente in dieser Schrift. Dies ist
die fremdartigste "Objektivitaet", die es geben kann: die absolute
Gewissheit darueber, was ich bin, projicirte sich auf irgend eine
zufaellige Realitaet, - die Wahrheit ueber mich redete aus einer
schauervollen Tiefe. Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra mit
einschneidender Sicherheit beschrieben und vorweggenommen; und niemals
wird man einen grossartigeren Ausdruck fuer das Ereigniss Zarathustra,
den Akt einer ungeheuren Reinigung und Weihung der Menschheit, finden,
als er in den Seiten 43-46 gefunden ist. -
Die Unzeitgemaessen.
1.
Die vier Unzeitgemaessen sind durchaus kriegerisch. Sie beweisen, dass
ich kein "Hans der Traeumer" war, dass es mir Vergnuegen macht, den
Degen zu ziehn, - vielleicht auch, dass ich das Handgelenk gefaehrlich
frei habe. Der erste Angriff (1873) galt der deutschen Bildung, auf
die ich damals schon mit schonungsloser Verachtung hinabblickte. Ohne
Sinn, ohne Substanz, ohne Ziel: eine blosse "oeffentliche Meinung".
Kein boesartigeres Missverstaendniss als zu glauben, der grosse
Waffen-Erfolg der Deutschen beweise irgend Etwas zu Gunsten dieser
Bildung - oder gar ihren Sieg ueber Frankreich... Die zweite
Unzeitgemaesse (1874) bringt das Gefaehrliche, das Leben-Annagende und
-Vergiftende in unsrer Art des Wissenschafts-Betriebs an's Licht -:
das Leben krank an diesem entmenschten Raederwerk und Mechanismus, an
der "Unpersoenlichkeit" des Arbeiters, an der falschen Oekonomie der
"Theilung der Arbeit". Der Zweck geht verloren, die Cultur: - das
Mittel, der moderne Wissenschafts-Betrieb, barbarisirt... In dieser
Abhandlung wurde der "historische Sinn", auf den dies Jahrhundert
stolz ist, zum ersten Mal als Krankheit erkannt, als typisches
Zeichen des Verfalls. - In der dritten und vierten Unzeitgemaessen
werden, als Fingerzeige zu einem hoeheren Begriff der Cultur, zur
Wiederherstellung des Begriffs "Cultur", zwei Bilder der haertesten
Selbstsucht, Selbstzucht dagegen aufgestellt, unzeitgemaesse Typen par
excellence, voll souverainer Verachtung gegen Alles, was um sie herum
"Reich", "Bildung", "Christenthum", "Bismarck", "Erfolg" hiess, -
Schopenhauer und Wagner oder, mit Einem Wort, Nietzsche...
2.
Von diesen vier Attentaten hatte das erste einen ausserordentlichen
Erfolg. Der Laerm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll.
Ich hatte einer siegreichen Nation an ihre wunde Stelle geruehrt, -
dass ihr Sieg nicht ein Cultur-Ereigniss sei, sondern vielleicht,
vielleicht etwas ganz Anderes... Die Antwort kam von allen Seiten und
durchaus nicht bloss von den alten Freunden David Straussens, den ich
als Typus eines deutschen Bildungsphilisters und satisfait, kurz als
Verfasser seines Bierbank-Evangeliums vom "alten und neuen Glauben"
laecherlich gemacht hatte (- das Wort Bildungsphilister ist von meiner
Schrift her in der Sprache uebrig geblieben). Diese alten Freunde,
denen ich als Wuertembergern und Schwaben einen tiefen Stich
versetzt hatte, als ich ihr Wunderthier, ihren Strauss komisch fand,
antworteten so bieder und grob, als ich's irgendwie wuenschen konnte;
- die preussischen Entgegnungen waren klueger, - sie hatten mehr
"Berliner Blau" in sich. Das Unanstaendigste leistete ein Leipziger
Blatt, die beruechtigten "Grenzboten"; ich hatte muehe, die
entruesteten Basler von Schritten abzuhalten. Unbedingt fuer mich
entschieden sich nur einige alte Herrn, aus gemischten und zum Theil
unausfindlichen Gruenden. Darunter Ewald in Goettingen, der zu
verstehn gab, mein Attentat sei fuer Strauss toedtlich abgelaufen.
Insgleichen der alte Hegelianer Bruno Bauer, an dem ich von da an
einen meiner aufmerksamsten Leser gehabt habe. Er liebte es, in
seinen letzten Jahren, auf mich zu verweisen, zum Beispiel Herrn von
Treitschke, dem preussischen Historiographen, einen Wink zu geben, bei
wem er sich Auskunft ueber den ihm verloren gegangnen Begriff "Cultur"
holen koenne. Das Nachdenklichste, auch das Laengste ueber die Schrift
und ihren Autor wurde von einem alten Schueler des Philosophen von
Baader gesagt, einem Professor Hoffmann in Wuerzburg. Er sah aus der
Schrift eine grosse Bestimmung fuer mich voraus, - eine Art Krisis und
hoechste Entscheidung im Problem des Atheismus herbeizufuehren, als
dessen instinktivsten und ruecksichtslosesten Typus er mich errieth.
Der Atheismus war das, was mich zu Schopenhauer fuehrte. - Bei weitem
am besten gehoert, am bittersten empfunden wurde eine ausserordentlich
starke und tapfere Fuersprache des sonst so milden Karl Hillebrand,
dieses letzten humanen Deutschen, der die Feder zu fuehren wusste. Man
las seinen Aufsatz in der "Augsburger Zeitung"; man kann ihn heute,
in einer etwas vorsichtigeren Form, in seinen gesammelten Schriften
lesen. Hier war die Schrift als Ereigniss, Wendepunkt, erste
Selbstbesinnung, allerbestes Zeichen dargestellt, als eine wirkliche
Wiederkehr des deutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft in
geistigen Dingen. Hillebrand war voll hoher Auszeichnung fuer die Form
der Schrift, fuer ihren reifen Geschmack, fuer ihren vollkommnen Takt
in der Unterscheidung von Person und Sache: er zeichnete sie als die
beste polemische Schrift aus, die deutsch geschrieben sei, - in der
gerade fuer Deutsche so gefaehrlichen, so widerrathbaren Kunst der
Polemik. Unbedingt jasagend, mich sogar in dem verschaerfend, was ich
ueber die Sprach-Verlumpung in Deutschland zu sagen gewagt hatte (-
heute spielen sie die Puristen und koennen keinen Satz mehr bauen
-), in gleicher Verachtung gegen die "ersten Schriftsteller"
dieser Nation, endete er damit, seine Bewunderung fuer meinen Muth
auszudruecken - jenen "hoechsten Muth, der gerade die Lieblinge eines
Volks auf die Anklagebank bringt"... Die Nachwirkung dieser Schrift
ist geradezu unschaetzbar in meinem Leben. Niemand hat bisher mit mir
Haendel gesucht. Man schweigt, man behandelt mich in Deutschland mit
einer duestern Vorsicht: ich habe seit Jahren von einer unbedingten
Redefreiheit Gebrauch gemacht, zu der Niemand heute, am wenigsten
im "Reich", die Hand frei genug hat. Mein Paradies ist "unter dem
Schatten meines Schwertes"... Im Grunde hatte ich eine Maxime
Stendhals prakticirt: er raeth an, seinen Eintritt in die Gesellschaft
mit einem Duell zu machen. Und wie ich mir meinen Gegner gewaehlt
hatte! den ersten deutschen Freigeist!... In der That, eine ganz neue
Art Freigeisterei kam damit zum ersten Ausdruck: bis heute ist mir
Nichts fremder und unverwandter als die ganze europaeische und
amerikanische Species von "libres penseurs". Mit ihnen als mit
unverbesserlichen Flachkoepfen und Hanswuersten der "modernen Ideen"
befinde ich mich sogar in einem tieferen Zwiespalt als mit Irgendwem
von ihren Gegnern. Sie wollen auch, auf ihre Art, die Menschheit
"verbessern", nach ihrem Bilde, sie wuerden gegen das, was ich bin,
was ich will, einen unversoehnlichen Krieg machen, gesetzt dass sie es
verstuenden, - sie glauben allesammt noch ans "Ideal"... Ich bin der
erste Immoralist.
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