Ecce Homo
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5.
Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort
noethig, um meine Dankbarkeit fuer das auszudruecken, was mich in ihm
bei weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne
allen Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich
lasse den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich moechte um
keinen Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage
des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufaelle - der tiefen
Augenblicke... Ich weiss nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben:
ueber unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen. - Und hiermit
komme ich nochmals auf Frankreich zurueck, - ich habe keine Gruende,
ich habe bloss einen verachtenden Mundwinkel gegen Wagnerianer et hoc
genus omne uebrig, welche Wagner damit zu ehren glauben, dass sie ihn
sich aehnlich finden... So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten
Allem, was deutsch ist, fremd, so dass schon die Naehe eines Deutschen
meine Verdauung verzoegert, war die erste Beruehrung mit Wagner auch
das erste Aufathmen in meinem Leben: ich empfand, ich verehrte ihn als
Ausland, als Gegensatz, als leibhaften Protest gegen alle "deutschen
Tugenden" - Wir, die wir in der Sumpfluft der Fuenfziger Jahre Kinder
gewesen sind, sind mit Nothwendigkeit Pessimisten fuer den Begriff
"deutsch"; wir koennen gar nichts Anderes sein als Revolutionaere, -
wir werden keinen Zustand der Dinge zugeben, wo der Mucker obenauf
ist. Es ist mir vollkommen gleichgueltig, ob er heute in andren
Farben spielt, ob er sich in Scharlach kleidet und Husaren-Uniformen
anzieht... Wohlan! Wagner war ein Revolutionaer - er lief vor den
Deutschen davon... Als Artist hat man keine Heimat in Europa ausser in
Paris; die delicatesse in allen fuenf Kunstsinnen, die Wagner's Kunst
voraussetzt, die Finger fuer nuances, die psychologische Morbiditaet,
findet sich nur in Paris. Man hat nirgendswo sonst diese Leidenschaft
in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scene - es ist der
Pariser Ernst par excellence. Man hat in Deutschland gar keinen
Begriff von der ungeheuren Ambition, die in der Seele eines Pariser
Kuenstlers lebt. Der Deutsche ist gutmuethig - Wagner war durchaus
nicht gutmuethig... Aber ich habe schon zur Genuege ausgesprochen
(in "Jenseits von Gut und Boese" S. 256 f.), wohin Wagner gehoert,
in wem er seine Naechstverwandten hat: es ist die franzoesische
Spaet-Romantik, jene hochfliegende und hoch emporreissende Art von
Kuenstlern wie Delacroix, wie Berlioz, mit einem fond von Krankheit,
von Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen
durch und durch... Wer war der erste intelligente Anhaenger Wagner's
ueberhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix
verstand, jener typische decadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht
von Artisten wiedererkannt hat - er war vielleicht auch der letzte...
Was ich Wagnern nie vergeben habe? Dass er zu den Deutschen
condescendirte, - dass er reichsdeutsch wurde... Soweit Deutschland
reicht, verdirbt es die Cultur. -
6.
Alles erwogen, haette ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne
Wagnerische Musik. Denn ich war verurtheilt zu Deutschen. Wenn man
von einem unertraeglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch
noethig. Wohlan, ich hatte Wagner noethig. Wagner ist das Gegengift
gegen alles Deutsche par excellence, - Gift, ich bestreite es nicht...
Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab -
mein Compliment, Herr von Buelow! -, war ich Wagnerianer. Die aelteren
Werke Wagner's sah ich unter mir - noch zu gemein, zu "deutsch"...
Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefaehrlicher
Fascination, von einer gleich schauerlichen und suessen Unendlichkeit,
wie der Tristan ist, - ich suche in allen Kuensten vergebens. Alle
Fremdheiten Lionardo da Vinci's entzaubern sich beim ersten Tone
des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner's; er
erholte sich von ihm mit den Meistersingern und dem Ring. Gesuender
werden - das ist ein Rueckschritt bei einer Natur wie Wagner... Ich
nehme es als Glueck ersten Rangs, zur rechten Zeit gelebt und gerade
unter Deutschen gelebt zu haben, um reif fuer dies Werk zu sein: so
weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm fuer
den, der niemals krank genug fuer diese "Wollust der Hoelle" gewesen
ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel
anzuwenden. - Ich denke, ich kenne besser als irgend jemand
das Ungeheure, das Wagner vermag, die fuenfzig Welten fremder
Entzueckungen, zu denen Niemand ausser ihm Fluegel hatte; und
so wie ich bin, stark genug, um mir auch das Fragwuerdigste und
Gefaehrlichste noch zum Vortheil zu wenden und damit staerker zu
werden, nenne ich Wagner den grossen Wohlthaeter meines Lebens. Das,
worin wir verwandt sind, dass wir tiefer gelitten haben, auch an
einander, als Menschen dieses Jahrhunderts zu leiden vermoechten, wird
unsre Namen ewig wieder zusammenbringen; und so gewiss Wagner unter
Deutschen bloss ein Missverstaendniss ist, so gewiss bin ich's
und werde es immer sein. - Zwei Jahrhunderte psychologische und
artistische Diciplin zu erst, meine Herrn Germanen!... Aber das holt
man nicht nach.
7.
Ich sage noch ein Wort fuer die ausgesuchtesten Ohren: was ich
eigentlich von der Musik will. Dass sie heiter und tief ist, wie ein
Nachmittag im Oktober. Dass sie eigen, ausgelassen, zaertlich, ein
kleines suesses Weib von Niedertracht und Anmuth ist... ich werde nie
zulassen, dass ein Deutscher wissen koenne, was Musik ist. Was man
deutsche Musiker nennt, die groessten voran, sind Auslaender, Slaven,
Croaten, Italiaener, Niederlaender - oder Juden; im andren Falle
Deutsche der starken Rasse, ausgestorbene Deutsche, wie Heinrich
Schuetz, Bach und Haendel. Ich selbst bin immer noch Pole genug,
um gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben: ich nehme, aus drei
Gruenden, Wagner's Siegfried-Idyll aus, vielleicht auch Liszt, der die
vornehmen Orchester-Accente vor allen Musikern voraus hat; zuletzt
noch Alles, was jenseits der Alpen gewachsen ist - diesseits... Ich
wuerde Rossini nicht zu missen wissen, noch weniger meinen Sueden in
der Musik, die Musik meines Venediger maestro Pietro Gasti. Und wenn
ich jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn
ich ein andres Wort fuer Musik suche, so finde ich immer nur das Wort
Venedig. Ich weiss keinen Unterschied zwischen Thraenen und Musik
zu machen, ich weiss das Glueck, den Sueden nicht ohne Schauder von
Furchtsamkeit zu denken.
An der Bruecke stand
juengst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll's
ueber die zitternde Flaeche weg.
Gondeln, Lichter, Musik
trunken schwamm's in die Daemmrung hinaus...
Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar beruehrt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hoerte Jemand ihr zu?...
8.
In Alledem - in der Wahl von Nahrung, von Ort und Klima, von Erholung
- gebietet ein Instinkt der Selbsterhaltung, der sich als Instinkt der
Selbstvertheidigung am unzweideutigsten ausspricht. Vieles nicht sehn,
nicht hoeren, nicht an sich herankommen lassen - erste Klugheit,
erster Beweis dafuer, dass man kein Zufall, sondern eine Necessitaet
ist. Das gangbare Wort fuer diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist
Geschmack. Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja
eine "Selbstlosigkeit" sein wuerde, sondern auch sowenig als moeglich
Nein zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und
immer wieder das Nein noethig werden wuerde. Die Vernunft darin
ist, dass Defensiv-Ausgaben, selbst noch so kleine, zur Regel,
zur Gewohnheit werdend, eine ausserordentliche und vollkommen
ueberfluessige Verarmung bedingen. Unsre grossen Ausgaben sind die
haeufigsten kleinen. Das Abwehren, das Nicht-heran-kommen-lassen ist
eine Ausgabe man taeusche sich hierueber nicht -, eine zu negativen
Zwecken verschwendete Kraft. Man kann, bloss in der bestaendigen
Noth der Abwehr, schwach genug werden, um sich nicht mehr wehren zu
koennen. - Gesetzt, ich trete aus meinem Haus heraus und faende, statt
des stillen und aristokratischen Turin, die deutsche Kleinstadt: mein
Instinkt wuerde sich zu sperren haben, um Alles das zurueckzudraengen,
was aus dieser plattgedrueckten und feigen Welt auf ihn eindringt.
Oder ich faende die deutsche Grossstadt, dies gebaute Laster, wo
nichts waechst, wo jedwedes Ding, Gutes und Schlimmes, eingeschleppt
ist. Muesste ich nicht darueber zum Igel werden? - Aber Stacheln
zu haben ist eine Vergeudung, ein doppelter Luxus sogar, wenn es
freisteht, keine Stacheln zu haben, sondern offne Haende...
Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, dass man so
selten als moeglich reagirt und dass man sich Lagen und Bedingungen
entzieht, wo man verurtheilt waere, seine "Freiheit", seine Initiative
gleichsam auszuhaengen und ein blosses Reagens zu werden. Ich nehme
als Gleichniss den Verkehr mit Buechern. Der Gelehrte, der im Grunde
nur noch Buecher "waelzt" - der Philologe mit maessigem Ansatz des
Tags ungefaehr 200 - verliert zuletzt ganz und gar das Vermoegen, von
sich aus zu denken. Waelzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet
auf einen Reiz (- einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, - er
reagirt zuletzt bloss noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im
Ja und Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, - er selber
denkt nicht mehr... Der Instinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm
muerbe geworden; im andren Falle wuerde er sich gegen Buecher wehren.
Der Gelehrte - ein decadent. - Das habe ich mit Augen gesehn: begabte,
reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren "zu
Schanden gelesen", bloss noch Streichhoelzer, die man reiben muss,
damit sie Funken - "Gedanken" geben. - Fruehmorgens beim Anbruch des
Tags, in aller Frische, in der Morgenroethe seiner Kraft, ein Buch
lesen - das nenne ich lasterhaft! - -
9.
An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn die eigentliche Antwort auf
die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. Und damit beruehre
ich das Meisterstueck in der Kunst der Selbsterhaltung - der
Selbstsucht... Angenommen naemlich, dass die Aufgabe, die Bestimmung,
das Schicksal der Aufgabe ueber ein durchschnittliches Maass bedeutend
hinausliegt, so wuerde keine Gefahr groesser als sich selbst mit
dieser Aufgabe zu Gesicht zu bekommen. Dass man wird, was man ist,
setzt voraus, dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. Aus
diesem Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren
eignen Sinn und Werth, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die
Verzoegerungen, die "Bescheidenheiten", der Ernst, auf Aufgaben
verschwendet, die jenseits der Aufgabe liegen. Darin kann eine grosse
Klugheit, sogar die oberste Klugheit zum Ausdruck [kommen]: wo
nosce te ipsum das Recept zum Untergang waere, wird Sich-Vergessen,
Sich-Missverstehn, Sich-Verkleinern, -Verengern, -Vermittelmaessigen
zur Vernunft selber. Moralisch ausgedrueckt: Naechstenliebe, Leben
fuer Andere und Anderes kann die Schutzmassregel zur Erhaltung der
haertesten Selbstigkeit sein. Dies ist der Ausnahmefall, in welchem
ich, gegen meine Regel und Ueberzeugung, die Partei der "selbstlosen"
Triebe nehme: sie arbeiten hier im Dienste der Selbstsucht,
Selbstzucht. - Man muss die ganze Oberflaeche des Bewusstseins -
Bewusstsein ist eine Oberflaeche - rein erhalten von irgend einem der
grossen Imperative. Vorsicht selbst vor jedem grossen Worte, jeder
grossen Attituede! Lauter Gefahren, dass der Instinkt zu frueh "sich
versteht" - - Inzwischen waechst und waechst die organisirende, die
zur Herrschaft berufne "Idee" in der Tiefe, - sie beginnt zu befehlen,
sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurueck, sie bereitet
einzelne Qualitaeten und Tuechtigkeiten vor, die einmal als Mittel
zum Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, - sie bildet der Reihe
nach alle dienenden Vermoegen aus, bevor sie irgend Etwas von der
dominirenden Aufgabe, von "Ziel", "Zweck", "Sinn" verlauten laesst. -
Nach dieser Seite hin betrachtet ist mein Leben einfach wundervoll.
Zur Aufgabe einer Umwerthung der Werthe waren vielleicht mehr
Vermoegen noethig, als je in einem Einzelnen bei einander gewohnt
haben, vor Allem auch Gegensaetze von Vermoegen, ohne dass diese sich
stoeren, zerstoeren durften. Rangordnung der Vermoegen; Distanz;
die Kunst zu trennen, ohne zu verfeinden; Nichts vermischen, Nichts
"versoehnen"; eine ungeheure Vielheit, die trotzdem das Gegenstueck
des Chaos ist - dies war die Vorbedingung, die lange geheime Arbeit
und Kuenstlerschaft meines Instinkts. Seine hoehere Obhut zeigte sich
in dem Maasse stark, dass ich in keinem Falle auch nur geahnt habe,
was in mir waechst, - dass alle meine Faehigkeiten ploetzlich, reif,
in ihrer letzten Vollkommenheit eines Tags hervorsprangen. Es fehlt in
meiner Erinnerung, dass ich mich je bemueht haette, - es ist kein Zug
von Ringen in meinem Leben nachweisbar, ich bin der Gegensatz einer
heroischen Natur. Etwas "wollen", nach Etwas "streben", einen "Zweck",
einen "Wunsch" im Auge haben das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung.
Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft - eine weite
Zukunft! wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kraeuselt
sich auf ihm. Ich will nicht im Geringsten, dass Etwas anders wird als
es ist; ich selber will nicht anders werden. Aber so habe ich immer
gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem
vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um
Weiber, um Geld bemueht hat! Nicht dass sie mir gefehlt haetten... So
war ich zum Beispiel eines Tags Universitaetsprofessor, - ich hatte
nie im Entferntesten an dergleichen gedacht, denn ich war kaum 24 Jahr
alt. So war ich zwei Jahr frueher eines Tags Philolog: in dem Sinne,
dass meine erste philologische Arbeit, mein Anfang in jedem Sinne,
von meinem Lehrer Ritschl fuer sein "Rheinisches Museum" zum Druck
verlangt wurde ( Ritschl - ich sage es mit Verehrung - der einzige
geniale Gelehrte, den ich bis heute zu Gesicht bekommen habe. Er
besass jene angenehme Verdorbenheit, die uns Thueringer auszeichnet
und mit der sogar ein Deutscher sympathisch wird: - wir ziehn selbst,
um zur Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich moechte
mit diesen Worten meinen naeheren Landsmann, den klugen Leopold von
Ranke, durchaus nicht unterschaetzt haben...)
10.
An dieser Stelle thut eine grosse Besinnung Noth. Man wird
mich fragen, warum ich eigentlich alle diese kleinen und nach
herkoemmlichem Urtheil gleichgueltigen Dinge erzaehlt habe; ich schade
mir selbst damit, um so mehr, wenn ich grosse Aufgaben zu vertreten
bestimmt sei. Antwort: diese kleinen Dinge Ernaehrung, Ort, Clima,
Erholung, die ganze Casuistik der Selbstsucht - sind ueber alle
Begriffe hinaus wichtiger als Alles, was man bisher wichtig nahm.
Hier gerade muss man anfangen, umzulernen. Das, was die Menschheit
bisher ernsthaft erwogen hat, sind nicht einmal Realitaeten, blosse
Einbildungen, strenger geredet, Luegen aus den schlechten Instinkten
kranker, im tiefsten Sinne schaedlicher Naturen heraus alle die
Begriffe "Gott", "Seele", "Tugend", "Suende", "Jenseits", "Wahrheit",
"ewiges Leben"... Aber man hat die Groesse der menschlichen Natur,
ihre "Goettlichkeit" in ihnen gesucht... Alle Fragen der Politik, der
Gesellschafts-Ordnung, der Erziehung sind dadurch bis in Grund und
Boden gefaelscht, dass man die schaedlichsten Menschen fuer grosse
Menschen nahm, - dass man die "kleinen" Dinge, will sagen die
Grundangelegenheiten des Lebens selber verachten lehrte... Unsre
jetzige Cultur ist im hoechsten Grade zweideutig... Der deutsche
Kaiser mit dem Papst paktirend, als ob nicht der Papst der
Repraesentant der Todfeindschaft gegen das Leben waere!... Das, was
heute gebaut wird, steht in drei Jahren nicht mehr. - Wenn ich mich
darnach messe, was ich kann, nicht davon zu reden, was hinter mir
drein kommt, ein Umsturz, ein Aufbau ohne Gleichen, so habe ich
mehr als irgend ein Sterblicher den Anspruch auf das Wort Groesse.
Vergleiche ich mich nun mit den Menschen, die man bisher als erste
Menschen ehrte, so ist der Unterschied handgreiflich. Ich rechne diese
angeblich "Ersten" nicht einmal zu den Menschen ueberhaupt, - sie sind
fuer mich Ausschuss der Menschheit, Ausgeburten von Krankheit und
rachsuechtigen Instinkten: sie sind lauter unheilvolle, im Grunde
unheilbare Unmenschen, die am Leben Rache nehmen... Ich will dazu der
Gegensatz sein: mein Vorrecht ist, die hoechste Feinheit fuer alle
Zeichen gesunder Instinkte zu haben. Es fehlt jeder krankhafte Zug
an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft
geworden; umsonst, dass man in meinem Wesen einen Zug von Fanatismus
sucht. Man wird mir aus keinem Augenblick meines Lebens irgend eine
anmaassliche oder pathetische Haltung nachweisen koennen. Das Pathos
der Attituede gehoert nicht zur Groesse; wer Attitueden ueberhaupt
noethig hat, ist falsch... Vorsicht vor allen pittoresken Menschen!
- Das Leben ist mir leicht geworden, am leichtesten, wenn es das
Schwerste von mir verlangte. Wer mich in den siebzig Tagen dieses
Herbstes gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachen ersten
Ranges gemacht habe die kein Mensch mir nachmacht - oder vormacht,
mit einer Verantwortlichkeit fuer alle Jahrtausende nach mir, wird
keinen Zug von Spannung an mir wahrgenommen haben, um so mehr eine
ueberstroemende Frische und Heiterkeit. Ich ass nie mit angenehmeren
Gefuehlen, ich schlief nie besser. - Ich kenne keine andre Art, mit
grossen Aufgaben zu verkehren als das Spiel: dies ist, als Anzeichen
der Groesse, eine wesentliche Voraussetzung. Der geringste Zwang, die
duestre Miene, irgend ein harter Ton im Halse sind alles Einwaende
gegen einen Menschen, um wie viel mehr gegen sein Werk!... Man darf
keine Nerven haben... Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand,
- ich habe immer nur an der "Vielsamkeit" gelitten... In einer absurd
fruehen Zeit, mit sieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein
menschliches Wort erreichen wuerde: hat man mich je darueber betruebt
gesehn? - Ich habe heute noch die gleiche Leutseligkeit gegen
Jedermann, ich bin selbst voller Auszeichnung fuer die Niedrigsten: in
dem Allen ist nicht ein Gran von Hochmuth, von geheimer Verachtung.
Wen ich verachte, der erraeth, dass er von mir verachtet wird: ich
empoere durch mein blosses Dasein Alles, was schlechtes Blut im Leibe
hat... Meine Formel fuer die Groesse am Menschen ist amor fati: dass
man Nichts anders haben will, vorwaerts nicht, rueckwaerts nicht,
in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch
weniger verhehlen - aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem
Nothwendigen -, sondern es lieben...
Warum ich so gute Buecher schreibe.
1.
Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. - Hier werde,
bevor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oder
Nicht-verstanden-werden dieser Schriften beruehrt. Ich thue es so
nachlaessig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist
durchaus noch nicht an der Zeit. Ich selber bin noch nicht an
der Zeit, Einige werden posthum geboren -- Irgend wann wird man
Institutionen noethig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ich
leben und lehren verstehe; vielleicht selbst, dass man dann auch
eigene Lehrstuehle zur Interpretation des Zarathustra errichtet. Aber
es waere ein vollkommner Widerspruch zu mir, wenn ich heute bereits
Ohren und Haende fuer meine Wahrheiten erwartete: dass man heute
nicht hoert, dass man heute nicht von mir zu nehmen weiss, ist nicht
nur begreiflich, es scheint mir selbst das Rechte. Ich will nicht
verwechselt werden, - dazu gehoert, dass ich mich selber nicht
verwechsele. - Nochmals gesagt, es ist wenig in meinem Leben
nachweisbar von "boesem Willen"; auch von litterarischem "boesen
Willen" wuesste ich kaum einen Fall zu erzaehlen. Dagegen zu viel von
reiner Thorheit... Es scheint mir eine der seltensten Auszeichnungen,
die Jemand sich erweisen kann, wenn er ein Buch von mir in die Hand
nimmt, - ich nehme selbst an, er zieht dazu die Schuhe aus, - nicht
von Stiefeln zu reden... Als sich einmal der Doktor Heinrich von
Stein ehrlich darueber beklagte, kein Wort aus meinem Zarathustra
zu verstehn, sagte ich ihm, das sei in Ordnung: sechs Saetze daraus
verstanden, das heisst: erlebt haben, hebe auf eine hoehere Stufe der
Sterblichen hinauf als "moderne" Menschen erreichen koennten. Wie
koennte ich, mit diesem Gefuehle der Distanz, auch nur wuenschen, von
den "Modernen", die ich kenne -, gelesen zu werden! - Mein Triumph ist
gerade der umgekehrte, als der Schopenhauer's war, - ich sage "non
legor, non legar". - Nicht, dass ich das Vergnuegen unterschaetzen
moechte, das mir mehrmals die Unschuld im Neinsagen zu meinen
Schriften gemacht hat. Noch in diesem Sommer, zu einer Zeit, wo ich
vielleicht mit meiner schwerwiegenden, zu schwer wiegenden Litteratur
den ganzen Rest von Litteratur aus dem Gleichgewicht zu bringen
vermoechte, gab mir ein Professor der Berliner Universitaet
wohlwollend zu verstehn, ich sollte mich doch einer andren Form
bedienen: so Etwas lese Niemand. - Zuletzt war es nicht Deutschland,
sondern die Schweiz, die die zwei extremen Faelle geliefert hat. Ein
Aufsatz des Dr. V. Widmann im "Bund", ueber "Jenseits von Gut und
Boese", unter dem Titel "Nietzsche's gefaehrliches Buch", und ein
Gesammt-Bericht ueber meine Buecher ueberhaupt seitens des Herrn Karl
Spitteler, gleichfalls im Bund, sind ein Maximum in meinem Leben - ich
huete mich zu sagen wovon... Letzterer behandelte zum Beispiel meinen
Zarathustra als "hoehere Stiluebung", mit dem Wunsche, ich moechte
spaeter doch auch fuer Inhalt sorgen; Dr. Widmann drueckte mir seine
Achtung vor dem Muth aus, mit dem ich mich um Abschaffung aller
anstaendigen Gefuehle bemuehe. - Durch eine kleine Tuecke von Zufall
war hier jeder Satz, mit einer Folgerichtigkeit, die ich bewundert
habe, eine auf den Kopf gestellte Wahrheit: man hatte im Grunde
Nichts zu thun, als alle "Werthe umzuwerthen", um, auf eine sogar
bemerkenswerthe Weise, ueber mich den Nagel auf den Kopf zu treffen -
statt meinen Kopf mit einem Nagel zu treffen... Um so mehr versuche
ich eine Erklaerung. - Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die
Buecher eingerechnet, mehr heraushoeren, als er bereits weiss. Wofuer
man vom Erlebnisse her keinen Zugang hat, dafuer hat man kein Ohr.
Denken wir uns nun einen aeussersten Fall, dass ein Buch von lauter
Erlebnissen redet, die gaenzlich ausserhalb der Moeglichkeit einer
haeufigen oder auch nur seltneren Erfahrung liegen, - dass es die
erste Sprache fuer eine neue Reihe von Erfahrungen ist. In diesem
Falle wird einfach Nichts gehoert, mit der akustischen Taeuschung,
dass wo Nichts gehoert wird, auch Nichts da ist -. Dies ist
zuletzt meine durchschnittliche Erfahrung und, wenn man will, die
Originalitaet meiner Erfahrung. Wer Etwas von mir verstanden zu haben
glaubte, hat sich Etwas aus mir zurecht gemacht, nach seinem Bilde, -
nicht selten einen Gegensatz von mir, zum Beispiel einen "Idealisten";
wer Nichts von mir verstanden hatte, leugnete, dass ich ueberhaupt in
Betracht kaeme. - Das Wort "Uebermensch" zur Bezeichnung eines Typus
hoechster Wohlgerathenheit, im Gegensatz zu "modernen" Menschen, zu
"guten" Menschen, zu Christen und andren Nihilisten - ein Wort, das
im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr
nachdenkliches Wort wird, ist fast ueberall mit voller Unschuld im
Sinn derjenigen Werthe verstanden worden, deren Gegensatz in der Figur
Zarathustra's zur Erscheinung gebracht worden ist, will sagen als
"idealistischer" Typus einer hoeheren Art Mensch, halb "Heiliger",
halb "Genie"... Andres gelehrtes Hornvieh hat mich seinethalben des
Darwinismus verdaechtigt; selbst der von mir so boshaft abgelehnte
"Heroen-Cultus", jenes grossen Falschmuenzers wider Wissen und Willen,
Carlyle's, ist darin wiedererkannt worden. Wem ich ins Ohr fluesterte,
er solle sich eher noch nach einem Cesare Borgia als nach einem
Parsifal umsehn, der traute seinen Ohren nicht. - Dass ich gegen
Besprechungen meiner Buecher, in Sonderheit durch Zeitungen, ohne
jedwede Neugierde bin, wird man mir verzeihn muessen. Meine Freunde,
meine Verleger wissen das und sprechen mir nicht von dergleichen. In
einem besondren Falle bekam ich einmal Alles zu Gesicht, was ueber
ein einzelnes Buch - es war "Jenseits von Gut und Boese" - gesuendigt
worden ist; ich haette einen artigen Bericht darueber abzustatten.
Sollte man es glauben, dass die Nationalzeitung - eine preussische
Zeitung, fuer meine auslaendischen Leser bemerkt, ich selbst lese,
mit Verlaub, nur das Journal des Debats - allen Ernstes das Buch
als ein "Zeichen der Zeit" zu verstehn wusste, als die echte rechte
Junker-Philosophie, zu der es der Kreuzzeitung nur an Muth gebreche?
2.
Dies war fuer Deutsche gesagt: denn ueberall sonst habe ich Leser
- lauter ausgesuchte Intelligenzen, bewaehrte, in hohen Stellungen
und Pflichten erzogene Charaktere; ich habe sogar wirkliche Genies
unter meinen Lesern. In Wien, in St. Petersburg, in Stockholm, in
Kopenhagen, in Paris und New-York - ueberall bin ich entdeckt: ich
bin es nicht in Europa's Flachland Deutschland... Und, dass ich es
bekenne, ich freue mich noch mehr ueber meine Nicht-Leser, solche, die
weder meinen Namen, noch das Wort Philosophie je gehoert haben; aber
wohin ich komme, hier in Turin zum Beispiel, erheitert und verguetigt
sich bei meinem Anblick jedes Gesicht. Was mir bisher am meisten
geschmeichelt hat, das ist, dass alte Hoekerinnen nicht Ruhe haben,
bevor sie mir nicht das Suesseste aus ihren Trauben zusammengesucht
haben. Soweit muss man Philosoph sein. - Man nennt nicht umsonst die
Polen die Franzosen unter den Slaven. Eine charmante Russin wird sich
nicht einen Augenblick darueber vergreifen, wohin ich gehoere. Es
gelingt mir nicht, feierlich zu werden, ich bringe es hoechstens bis
zur Verlegenheit... Deutsch denken, deutsch fuehlen - ich kann Alles,
aber das geht ueber meine Kraefte... Mein alter Lehrer Ritschl
behauptete sogar, ich concipirte selbst noch meine philologischen
Abhandlungen wie ein Pariser romancier - absurd spannend. In Paris
selbst ist man erstaunt ueber "toutes mes audaces et finesses" - der
Ausdruck ist von Monsieur Taine -; ich fuerchte, bis in die hoechsten
Formen des Dithyrambus findet man bei mir von jenem Salze beigemischt,
das niemals dumm - "deutsch" - wird, esprit... Ich kann nicht anders.
Gott helfe mir! Amen. - Wir wissen Alle, Einige wissen es sogar aus
Erfahrung, was ein Langohr ist. Wohlan, ich wage zu behaupten, dass
ich die kleinsten Ohren habe. Dies interessirt gar nicht wenig
die Weiblein -, es scheint mir, sie fuehlen sich besser von mir
verstanden?... Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein
welthistorisches Unthier, - ich bin, auf griechisch, und nicht nur auf
griechisch, der Antichrist...
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