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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Ecce Homo

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7.

Ein ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch.
Angreifen gehoert zu meinen Instinkten. Feind sein koennen, Feind sein
- das setzt vielleicht eine starke Natur voraus, jedenfalls ist es
bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstaende, folglich
sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehoert ebenso nothwendig
zur Staerke als das Rach- und Nachgefuehl zur Schwaeche. Das Weib zum
Beispiel ist rachsuechtig: das ist in seiner Schwaeche bedingt, so gut
wie seine Reizbarkeit fuer fremde Noth. - Die Staerke des Angreifenden
hat in der Gegnerschaft, die er noethig hat, eine Art Maass; jedes
Wachsthum verraeth sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners -
oder Problems: denn ein Philosoph, der kriegerisch ist, fordert auch
Probleme zum Zweikampf heraus. Die Aufgabe ist nicht, ueberhaupt ueber
Widerstaende Herr zu werden, sondern ueber solche, an denen man seine
ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen
hat, - ueber gleiche Gegner... Gleichheit vor dem Feinde - erste
Voraussetzung zu einem rechtschaffnen Duell. Wo man verachtet, kann
man nicht Krieg fuehren; wo man befiehlt, wo man Etwas unter sich
sieht, hat man nicht Krieg zu fuehren. Meine Kriegs-Praxis ist in vier
Saetze zu fassen. Erstens: ich greife nur Sachen an, die siegreich
sind, - ich warte unter Umstaenden, bis sie siegreich sind. Zweitens:
ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossen finden wuerde,
wo ich allein stehe, - wo ich mich allein compromittire... Ich habe
nie einen Schritt oeffentlich gethan, der nicht compromittirte: das
ist mein Kriterium des rechten Handelns. Drittens: ich greife nie
Personen an, - ich bediene mich der Person nur wie eines starken
Vergroesserungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber
schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen
kann. So griff ich David Strauss an, genauer den Erfolg eines
altersschwachen Buchs bei der deutschen "Bildung", - ich ertappte
diese Bildung dabei auf der That... So griff ich Wagnern an, genauer
die Falschheit, die Instinkt-Halbschlaechtigkeit unsrer "Cultur",
welche die Raffinirten mit den Reichen, die Spaeten mit den
Grossen verwechselt. Viertens: ich greife nur Dinge an, wo jedwede
Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer
Erfahrungen fehlt. Im Gegentheil, angreifen ist bei mir ein Beweis des
Wohlwollens, unter Umstaenden der Dankbarkeit. Ich ehre, ich zeichne
aus damit, dass ich meinen Namen mit dem einer Sache, einer Person
verbinde: fuer oder wider - das gilt mir darin gleich. Wenn ich dem
Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von
dieser Seite aus keine Fatalitaeten und Hemmungen erlebt habe, - die
ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein
Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, es dem Einzelnen
nachzutragen, was das Verhaengniss von Jahrtausenden ist.


8.

Darf ich noch. einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen,
der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeit
macht? Mir eignet eine vollkommen unheimliche Reizbarkeit des
Reinlichkeits-Instinkts, so dass ich die Naehe oder - was sage ich?
- das Innerlichste, die "Eingeweide" jeder Seele physiologisch
wahrnehme - rieche... Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische
Fuehlhoerner, mit denen ich jedes Geheimniss betaste und in die
Hand bekomme: der viele verborgene Schmutz auf dem Grunde mancher
Natur, vielleicht in schlechtem Blut bedingt, aber durch Erziehung
uebertuencht, wird mir fast bei der ersten Beruehrung schon bewusst.
Wenn ich recht beobachtet habe, empfinden solche meiner Reinlichkeit
unzutraegliche Naturen die Vorsicht meines Ekels auch ihrerseits:
sie werden damit nicht wohlriechender... So wie ich mich immer
gewoehnt habe - eine extreme Lauterkeit gegen mich ist meine
Daseins-Voraussetzung, ich komme um unter unreinen Bedingungen,
schwimme und bade und plaetschere ich gleichsam bestaendig im Wasser,
in irgend einem vollkommen durchsichtigen und glaenzenden Elemente.
Das macht mir aus dem Verkehr mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe;
meine Humanitaet besteht nicht darin, mitzufuehlen, wie der Mensch
ist, sondern es auszuhalten, dass ich ihn mitfuehle... Meine
Humanitaet ist eine bestaendige Selbstueberwindung. - Aber ich habe
Einsamkeit noethig, will sagen, Genesung, Rueckkehr zu mir, den Athem
einer freien leichten spielenden Luft... Mein ganzer Zarathustra ist
ein Dithyrambus auf die Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden
hat, auf die Reinheit... Zum Glueck nicht auf die reine Thorheit. -
Wer Augen fuer Farben hat, wird ihn diamanten nennen. - Der Ekel am
Menschen, am "Gesindel" war immer meine groesste Gefahr... Will man
die Worte hoeren, in denen Zarathustra von der Erloesung vom Ekel
redet?

Was geschah mir doch? Wie erloeste ich mich vom Ekel? Wer verjuengte
mein Auge? Wie erflog ich die Hoehe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen
sitzt?

Schuf mein Ekel selber mir Fluegel und quellenahnende Kraefte?
Wahrlich, in's Hoechste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust
wiederfaende!-

Oh ich fand ihn, meine Brueder! Hier im Hoechsten quillt mir der Born
der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt!

Fast zu heftig stroemst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den
Becher wieder, dadurch, dass du ihn fuellen willst.

Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig
stroemt dir noch mein Herz entgegen:

- mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse,
schwermuethige, ueberselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner
Kuehle!

Vorbei die zoegernde Truebsal meines Fruehlings! Vorueber die
Schneeflocken meiner Bosheit im Juni! Sommer wurde ich ganz und
Sommer-Mittag,

- ein Sommer im Hoechsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh
kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde!

Denn dies ist unsre Hoehe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen
wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.

Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie
sollte er darob truebe werden? Entgegenlachen soll er euch mit seiner
Reinheit.

Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen
Speise bringen in ihren Schnaebeln!

Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen duerften! Feuer
wuerden sie zu fressen waehnen und sich die Maeuler verbrennen.

Wahrlich, keine Heimstaetten halten wir hier bereit fuer Unsaubere!
Eishoehle wuerde ihren Leibern unser Glueck heissen und ihren
Geistern!

Und wie starke Winde wollen wir ueber ihnen leben, Nachbarn den
Adlern, Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke
Winde.

Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit
meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.

Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen: und
solchen Rath raeth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit:
huetet euch, gegen den Wind zu speien!...



Warum ich so klug bin.

1.

- Warum ich Einiges mehr weiss? Warum ich ueberhaupt so klug bin? Ich
habe nie ueber Fragen nachgedacht, die keine sind, - ich habe mich
nicht verschwendet. - Eigentliche religioese Schwierigkeiten zum
Beispiel kenne ich nicht aus Erfahrung. Es ist mir gaenzlich
entgangen, in wiefern ich "suendhaft" sein sollte. Insgleichen fehlt
mir ein zuverlaessiges Kriterium dafuer, was ein Gewissensbiss ist:
nach dem, was man darueber hoert, scheint mir ein Gewissensbiss nichts
Achtbares... Ich moechte nicht eine Handlung hinterdrein in Stich
lassen, ich wuerde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen
grundsaetzlich aus der Werthfrage wegzulassen. Man verliert beim
schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick fuer Das, was man
that: ein Gewissensbiss scheint mir eine Art "boeser Blick". Etwas,
das fehlschlaegt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es
fehlschlug - das gehoert eher schon zu meiner Moral. - "Gott",
"Unsterblichkeit der Seele", "Erloesung", "Jenseits" lauter Begriffe,
denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst
als Kind nicht, - ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? -
Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger
als Ereigniss: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu
neugierig, zu fragwuerdig, zu uebermuethig, um mir eine faustgrobe
Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort,
eine Undelicatesse gegen uns Denker -, im Grunde sogar bloss ein
faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken!... Ganz anders
interessirt mich eine Frage, an der mehr das "Heil der Menschheit"
haengt, als an irgend einer Theologen-Curiositaet: die Frage der
Ernaehrung. Man kann sie sich, zum Handgebrauch, so formuliren: "wie
hast gerade du dich zu ernaehren, um zu deinem Maximum von Kraft, von
Virtu im Renaissance-Stile, von moralinfreier Tugend zu kommen?" -
Meine Erfahrungen sind hier so schlimm als moeglich; ich bin erstaunt,
diese Frage so spaet gehoert, aus diesen Erfahrungen so spaet
"Vernunft" gelernt zu haben. Nur die vollkommne Nichtswuerdigkeit
unsrer deutschen Bildung - ihr "Idealismus" - erklaert mir
einigermaassen, weshalb ich gerade hier rueckstaendig bis zur
Heiligkeit war. Diese "Bildung", welche von vornherein die Realitaeten
aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus problematischen,
sogenannten "idealen" Zielen nachzujagen, zum Beispiel der
"klassischen Bildung": - als ob es nicht von vornherein verurtheilt
waere, "klassisch", und "deutsch" in Einen Begriff zu einigen! Mehr
noch, es wirkt erheiternd, - man denke sich einmal einen "klassisch
gebildeten" Leipziger! - In der That, ich habe bis zu meinen reifsten
Jahren immer nur schlecht gegessen, - moralisch ausgedrueckt
"unpersoenlich", "selbstlos", "altruistisch", zum Heil der Koeche und
andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch Leipziger Kueche,
gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer's (1865), sehr
ernsthaft meinen "Willen zum Leben". Sich zum Zweck unzureichender
Ernaehrung auch noch den Magen verderben - dies Problem schien mir die
genannte Kueche zum Verwundern gluecklich zu loesen. (Man sagt, 1866
habe darin eine Wendung hervorgebracht -.) Aber die deutsche Kueche
ueberhaupt - was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor
der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbuechern des 16. Jahrhunderts
alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig
gemachten Gemuese; die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer!
Rechnet man gar noch die geradezu viehischen Nachguss-Beduerfnisse der
alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen dazu, so versteht man auch
die Herkunft des deutschen Geistes - aus betruebten Eingeweiden...
Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit Nichts fertig. -
Aber auch die englische Diaet, die, im Vergleich mit der deutschen,
selbst der franzoesischen, eine Art "Rueckkehr zur Natur", naemlich
zum Canibalismus ist, geht meinem eignen Instinkt tief zuwider;
es scheint mir, dass sie dem Geist schwere Fuesse giebt -
Englaenderinnen-Fuesse... Die beste Kueche ist die Piemont's. -
Alkoholika sind mir nachtheilig; ein Glas Wein oder Bier des Tags
reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein "Jammerthal" zu machen,
- in Muenchen leben meine Antipoden. Gesetzt, dass ich dies ein wenig
spaet begriff, erlebt habe ich's eigentlich von Kindesbeinen an. Als
Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs nur eine
Vanitas junger Maenner, spaeter eine schlechte Gewoehnung. Vielleicht,
dass an diesem herben Urtheil auch der Naumburger Wein mit schuld ist.
Zu glauben, dass der Wein erheitert, dazu muesste ich Christ sein,
will sagen glauben, was gerade fuer mich eine Absurditaet ist. Seltsam
genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine, stark
verduennte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es
sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine
Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache
niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in
der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedraengtheit
nachzuthun und einigen Grog von schwerstem Kaliber ueber mein Latein
zu giessen, dies stand schon, als ich Schueler der ehrwuerdigen
Schulpforta war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie,
noch vielleicht auch zu der des Sallust wie sehr auch immer zur
ehrwuerdigen Schulpforta... Spaeter, gegen die Mitte des Lebens hin,
entschied ich mich freilich immer strenger gegen jedwedes "geistige"
Getraenk: ich, ein Gegner des Vegetarierthums aus Erfahrung, ganz wie
Richard Wagner, der mich bekehrt hat, weiss nicht ernsthaft genug
die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen
anzurathen. Wasser thut's... Ich ziehe Orte vor, wo man ueberall
Gelegenheit hat, aus fliessenden Brunnen zu schoepfen (Nizza, Turin,
Sils); ein kleines Glas laeuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas:
es scheint, dass ich auch hier wieder ueber den Begriff "Wahrheit" mit
aller Welt uneins bin: - bei mir schwebt der Geist ueber dem Wasser...
Ein paar Fingerzeige noch aus meiner Moral. Eine starke Mahlzeit ist
leichter zu verdauen als eine zu kleine. Dass der Magen als Ganzes
in Thaetigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung.
Man muss die Groesse seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind
jene langwierigen Mahlzeiten zu widerrathen, die ich unterbrochne
Opferfeste nenne, die an der table d'hote. - Keine Zwischenmahlzeiten,
keinen Cafe: Cafe verduestert. Thee nur morgens zutraeglich. Wenig,
aber energisch; Thee sehr nachtheilig und den ganzen Tag ankraenkelnd,
wenn er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maass,
oft zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr
agacanten Klima ist Thee als Anfang unraethlich: man soll eine Stunde
vorher eine Tasse dicken entoelten Cacao's den Anfang machen lassen.
- So wenig als moeglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der
nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht
auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den
Eingeweiden. - Das Sitzfleisch - ich sagte es schon einmal - die
eigentliche Suende wider den heiligen Geist.


2.

Mit der Frage der Ernaehrung ist naechstverwandt die Frage nach Ort
und Klima. Es steht Niemandem frei, ueberall zu leben; und wer grosse
Aufgaben zu loesen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat
hier sogar eine sehr enge Wahl. Der klimatische Einfluss auf den
Stoffwechsel, seine Hemmung, seine Beschleunigung, geht so weit, dass
ein Fehlgriff in Ort und Klima jemanden nicht nur seiner Aufgabe
entfremden, sondern ihm dieselbe ueberhaupt vorenthalten kann: er
bekommt sie nie zu Gesicht. Der animalische vigor ist nie gross genug
bei ihm geworden, dass jene ins Geistigste ueberstroemende Freiheit
erreicht wird, wo jemand erkennt: das kann ich allein... Eine zur
schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Traegheit
genuegt vollstaendig, um aus einem Genie etwas Mittelmaessiges, etwas
"Deutsches", zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend, um
starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmuthigen. Das
tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhaeltniss zur
Beweglichkeit oder Lahmheit der Fuesse des Geistes; der "Geist"
selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels. Man stelle sich die
Orte zusammen, wo es geistreiche Menschen giebt und gab, wo Witz,
Raffinement, Bosheit zum Glueck gehoerten, wo das Genie fast
nothwendig sich heimisch machte: sie haben alle eine ausgezeichnet
trockne Luft. Paris, die Provence, Florenz, Jerusalem, Athen - diese
Namen beweisen Etwas: das Genie ist bedingt durch trockne Luft, durch
reinen Himmel, - das heisst durch rapiden Stoffwechsel, durch die
Moeglichkeit, grosse, selbst ungeheure Mengen Kraft sich immer wieder
zuzufuehren. Ich habe einen Fall vor Augen, wo ein bedeutend und
frei angelegter Geist bloss durch Mangel an Instinkt-Feinheit im
Klimatischen eng, verkrochen, Specialist und Sauertopf wurde. Und ich
selber haette zuletzt dieser Fall werden koennen, gesetzt, dass mich
nicht die Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken ueber die Vernunft
in der Realitaet gezwungen haette. Jetzt, wo ich die Wirkungen
klimatischen und meteorologischen Ursprungs aus langer Uebung an mir
als an einem sehr feinen und zuverlaessigen Instrumente ablese und bei
einer kurzen Reise schon, etwa von Turin nach Mailand, den Wechsel
in den Graden der Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne,
denke ich mit Schrecken an die unheimliche Tatsache, dass mein Leben
bis auf die letzten 10 Jahre, die lebensgefaehrlichen Jahre, immer
sich nur in falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielt hat.
Naumburg, Schulpforta, Thueringen ueberhaupt, Leipzig, Basel - ebenso
viele Ungluecks-Orte fuer meine Physiologie. Wenn ich ueberhaupt von
meiner ganzen Kindheit und Jugend keine willkommne Erinnerung habe,
so waere es eine Thorheit, hier sogenannte "moralische" Ursachen
geltend zu machen, - etwa den unbestreitbaren Mangel an zureichender
Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand,
ohne dass er mich hinderte, heiter und tapfer zu sein. Sondern die
Unwissenheit in physiologicis - der verfluchte "Idealismus" - ist
das eigentliche Verhaengniss in meinem Leben, das ueberfluessige
und Dumme darin, Etwas, aus dem nichts Gutes gewachsen, fuer das
es keine Ausgleichung, keine Gegenrechnung giebt. Aus den Folgen
dieses "Idealismus" erklaere ich mir alle Fehlgriffe, alle grossen
Instinkt-Abirrungen und "Bescheidenheiten" abseits der Aufgabe meines
Lebens, zum Beispiel, dass ich Philologe wurde - warum zum Mindesten
nicht Arzt oder sonst irgend etwas Augen-Aufschliessendes? In meiner
Basler Zeit war meine ganze geistige Diaet, die Tages-Eintheilung
eingerechnet, ein vollkommen sinnloser Missbrauch ausserordentlicher
Kraefte, ohne eine irgendwie den Verbrauch deckende Zufuhr von
Kraeften, ohne ein Nachdenken selbst ueber Verbrauch und Ersatz. Es
fehlte jede feinere Selbstigkeit, jede Obhut eines gebieterischen
Instinkts, es war ein Sich-gleichsetzen mit Irgendwem, eine
"Selbstlosigkeit", ein Vergessen seiner Distanz, - Etwas, das ich mir
nie verzeihe. Als ich fast am Ende war, dadurch das sich fast am Ende
war, wurde ich nachdenklich ueber diese Grund-Unvernunft meines Lebens
- den "Idealismus". Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft. -


3.

Die Wahl in der Ernaehrung; die Wahl von Klima und Ort; das Dritte,
worin man um keinen Preis einen Fehlgriff thun darf, ist die Wahl
seiner Art Erholung. Auch hier sind je nach dem Grade, in dem ein
Geist sui generis ist, die Grenzen des ihm Erlaubten, das heisst
Nuetzlichen, eng und enger. In meinem Fall gehoert alles Lesen zu
meinen Erholungen: folglich zu dem, was mich von mir losmacht, was
mich in fremden Wissenschaften und Seelen spazieren gehn laesst, - was
ich nicht mehr ernst nehme. Lesen erholt mich eben von meinem Ernste.
In tief arbeitsamen Zeiten sieht man keine Buecher bei mir: ich wuerde
mich hueten, jemanden in meiner Naehe reden oder gar denken zu lassen.
Und das hiesse ja lesen... Hat man eigentlich beobachtet, dass in
jener tiefen Spannung, zu der die Schwangerschaft den Geist und im
Grunde den ganzen Organismus verurtheilt, der Zufall, jede Art Reiz
von aussen her zu vehement wirkt, zu tief "einschlaegt"? Man muss
dem Zufall, dem Reiz von aussen her so viel als moeglich aus dem
Wege gehn; eine Art Selbst-Vermauerung gehoert zu den ersten
Instinkt-Klugheiten der geistigen Schwangerschaft. Werde ich es
erlauben, dass ein fremder Gedanke heimlich ueber die Mauer steigt? -
Und das hiesse ja lesen... Auf die Zeiten der Arbeit und Fruchtbarkeit
folgt die Zeit der Erholung: heran mit euch, ihr angenehmen, ihr
geistreichen, ihr gescheuten Buecher! - Werden es deutsche Buecher
sein?... Ich muss ein Halbjahr zurueckrechnen, dass ich mich mit einem
Buch in der Hand ertappe. Was war es doch? - Eine ausgezeichnete
Studie von Victor Brochard, les Sceptiques Grecs, in der auch meine
Laertiana gut benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige ehrenwerthe
Typus unter dem so zwei- bis fuenfdeutigen Volk der Philosophen!...
Sonst nehme ich meine Zuflucht fast immer zu den selben Buechern,
einer kleinen Zahl im Grunde, den gerade fuer mich bewiesenen
Buechern. Es liegt vielleicht nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei
zu lesen: ein Lesezimmer macht mich krank. Es liegt auch nicht
in meiner Art, Viel oder Vielerlei zu lieben. Vorsicht, selbst
Feindseligkeit gegen neue Buecher gehoert eher schon zu meinem
Instinkte, als "Toleranz", "largeur du coeur" und andre
"Naechstenliebe"... Im Grunde ist es eine kleine Anzahl aelterer
Franzosen zu denen ich immer wieder zurueckkehre: ich glaube nur
an franzoesische Bildung und halte Alles, was sich sonst in Europa
"Bildung" nennt, fuer Missverstaendniss, nicht zu reden von der
deutschen Bildung... Die wenigen Faelle hoher Bildung, die ich in
Deutschland vorfand, waren alle franzoesischer Herkunft, vor Allem
Frau Cosima Wagner, bei weitem die erste Stimme in Fragen des
Geschmacks, die ich gehoert habe... Dass ich Pascal nicht lese,
sondern liebe, als das lehrreichste Opfer des Christenthums, langsam
hingemordet, erst leiblich, dann psychologisch, die ganze Logik dieser
schauderhaftesten Form unmenschlicher Grausamkeit; dass ich Etwas von
Montaigne's Muthwillen im Geiste, wer weiss? vielleicht auch im Leibe
habe; dass mein Artisten-Geschmack die Namen Moliere, Corneille und
Racine nicht ohne Ingrimm gegen ein wuestes Genie wie Shakespeare in
Schutz nimmt: das schliesst zuletzt nicht aus, dass mir nicht auch die
allerletzten Franzosen eine charmante Gesellschaft waeren. Ich sehe
durchaus nicht ab, in welchem Jahrhundert der Geschichte man so
neugierige und zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen
koennte, wie im jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise - denn ihre
Zahl ist gar nicht klein - die Herrn Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp,
Meilhac, Anatole France, Jules Lemaitre, oder um Einen von der starken
Rasse hervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan
bin, Guy de Maupassant. Ich ziehe diese Generation, unter uns gesagt,
sogar ihren grossen Lehrern vor, die allesammt durch deutsche
Philosophie verdorben sind: Herr Taine zum Beispiel durch Hegel, dem
er das Missverstaendniss grosser Menschen und Zeiten verdankt. So weit
Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. Der Krieg erst hat den
Geist in Frankreich "erloest"... Stendhal, einer der schoensten
Zufaelle meines Lebens - denn Alles, was in ihm Epoche macht, hat
der Zufall, niemals eine Empfehlung mir zugetrieben - ist ganz
unschaetzbar mit seinem vorwegnehmenden Psychologen-Auge, mit seinem
Thatsachen-Griff, der an die Naehe des groessten Thatsaechlichen
erinnert (ex ungue Napoleonem -); endlich nicht am Wenigsten als
ehrlicher Atheist, eine in Frankreich spaerliche und fast kaum
auffindbare species, - Prosper Merimee in Ehren... Vielleicht bin ich
selbst auf Stendhal neidisch? Er hat mir den besten Atheisten-Witz
weggenommen, den gerade ich haette machen koennen: "die einzige
Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existirt"... Ich selbst habe
irgendwo gesagt: was war der groesste Einwand gegen das Dasein bisher?
Gott...


4.

Den hoechsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich
suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich
suessen und leidenschaftlichen Musik. Er besass jene goettliche
Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommne nicht zu denken vermag, - ich
schaetze den Werth von Menschen, von Rassen darnach ab, wie nothwendig
sie den Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen. - Und wie
er das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, dass Heine und ich
bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind - in
einer unausrechenbaren Entfernung von Allem, was blosse Deutsche mit
ihr gemacht haben. - Mit Byrons Manfred muss ich tief verwandt sein:
ich fand alle diese Abgruende in mir, - mit dreizehn Jahren war ich
fuer dies Werk reif. Ich habe kein Wort, bloss einen Blick fuer die,
welche in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen.
Die Deutschen sind unfaehig jedes Begriffs von Groesse: Beweis
Schumann. Ich habe eigens, aus Ingrimm gegen diesen suesslichen
Sachsen, eine Gegenouvertuere zum Manfred componirt, von der Hans von
Buelow sagte, dergleichen habe er nie auf Notenpapier gesehn: das
sei Nothzucht an der Euterpe. - Wenn ich meine hoechste Formel fuer
Shakespeare suche, so finde ich immer nur die, dass er den Typus
Caesar concipirt hat. Dergleichen erraeth man nicht, - man ist es oder
man ist es nicht. Der grosse Dichter schoepft nur aus seiner Realitaet
- bis zu dem Grade, dass er hinterdrein sein Werk nicht mehr
aushaelt... Wenn, ich einen Blick in meinen Zarathustra geworfen habe,
gehe ich eine halbe Stunde im Zimmer auf und ab, unfaehig, ueber einen
unertraeglichen Krampf von Schluchzen Herr zu werden. - Ich kenne
keine herzzerreissendere Lektuere als Shakespeare: was muss ein Mensch
gelitten haben, um dergestalt es noethig zu haben, Hanswurst zu sein!
- Versteht man den Hamlet? Nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das,
was wahnsinnig macht... Aber dazu muss man tief, Abgrund, Philosoph
sein, um so zu fuehlen... Wir fuerchten uns Alle vor der Wahrheit...
Und, dass ich es bekenne: ich bin dessen instinktiv sicher und
gewiss, dass Lord Bacon der Urheber, der Selbstthierquaeler
dieser unheimlichsten Art Litteratur ist: was geht mich das
erbarmungswuerdige Geschwaetz amerikanischer Wirr- und Flachkoepfe an?
Aber die Kraft zur maechtigsten Realitaet der Vision ist nicht nur
vertraeglich mit der maechtigsten Kraft zur That, zum Ungeheuren der
That, zum Verbrechen sie setzt sie selbst voraus... Wir wissen lange
nicht genug von Lord Bacon, dem ersten Realisten in jedem grossen Sinn
des Wortes, um zu wissen, was er Alles gethan, was er gewollt, was
er mit sich erlebt hat... Und zum Teufel, mein[e] Herrn Kritiker!
Gesetzt, ich haette meinen Zarathustra auf einen fremden Namen
getauft, zum Beispiel auf den von Richard Wagner, der Scharfsinn von
zwei Jahrtausenden haette nicht ausgereicht, zu errathen, dass der
Verfasser von "Menschliches, Allzumenschliches" der Visionaer des
Zarathustra ist...

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