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Editorial
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Ecce Homo

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Friedrich Nietzsche

Ecce homo

Wie man wird, was man ist




Vorwort

1.

In Voraussicht, dass ich ueber Kurzem mit der schwersten Forderung an
die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde, scheint
es mir unerlaesslich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde duerfte
man's wissen: denn ich habe mich nicht "unbezeugt gelassen". Das
Missverhaeltniss aber zwischen der Groesse meiner Aufgabe und der
Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass
man mich weder gehoert, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen
eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, dass ich
lebe?... Ich brauche nur irgend einen "Gebildeten" zu sprechen, der im
Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu ueberzeugen, dass ich nicht
lebe... Unter diesen Umstaenden giebt es eine Pflicht, gegen die
im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte
revoltirt, naemlich zu sagen: Hoert mich! denn ich bin der und der.
Verwechselt mich vor Allem nicht!


2.

Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, - ich
bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als
tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu
meinem Stolz gehoert. Ich bin ein juenger des Philosophen Dionysos,
ich zoege vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man
lese nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte
diese Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer
heitren und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen.
Das Letzte, was ich versprechen wuerde, waere, die Menschheit zu
"verbessern". Von mir werden keine neuen Goetzen aufgerichtet; die
alten moegen lernen, was es mit thoenernen Beinen auf sich hat.
Goetzen (mein Wort fuer "Ideale") umwerfen - das gehoert schon eher zu
meinem Handwerk. Man hat die Realitaet in dem Grade um ihren Werth,
ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt
erlog... Die "wahre Welt" und die "scheinbare Welt" - auf deutsch: die
erlogne Welt und die Realitaet... Die Luege des Ideals war bisher der
Fluch ueber der Realitaet, die Menschheit selbst ist durch sie bis in
ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur
Anbetung der umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das
Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbuergt waere.


3.

Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine
Luft der Hoehe ist, eine starke Luft. Man muss fuer sie geschaffen
sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkaelten. Das
Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge
im Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fuehlt!
- Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das
freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge - das Aufsuchen alles Fremden
und Fragwuerdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher
in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche
Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher
moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwuenscht
sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie
ihrer grossen Namen kam fuer mich an's Licht. - Wie viel Wahrheit
ertraegt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde fuer mich immer
mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (- der Glaube an's Ideal
-) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit... Jede Errungenschaft,
jeder Schritt vorwaerts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der
Haerte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Ich widerlege die
Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an... Nitimur in
vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man
verbot bisher grundsaetzlich immer nur die Wahrheit. -


4.

Innerhalb meiner Schriften steht fuer sich mein Zarathustra. Ich habe
mit ihm der Menschheit das groesste Geschenk gemacht, das ihr bisher
gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme ueber Jahrtausende
hinweg, ist nicht nur das hoechste Buch, das es giebt, das eigentliche
Hoehenluft-Buch - die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne
unter ihm -, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum
der Wahrheit heraus geborene, ein unerschoepflicher Brunnen, in
den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Guete gefuellt
heraufzukommen. Hier redet kein "Prophet", keiner jener schauerlichen
Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter
nennt. Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen
halkyonischen Ton richtig hoeren, um dem Sinn seiner Weisheit nicht
erbarmungswuerdig Unrecht zu thun. "Die stillsten Worte sind es,
welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfuessen kommen,
lenken die Welt."

Die Feigen fallen von den Baeumen, sie sind gut und suess: und indem
sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen
Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun
trinkt ihren Saft und ihr suesses Fleisch! Herbst ist es umher und
reiner Himmel und Nachmittag -

Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht "gepredigt", hier wird
nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfuelle und
Glueckstiefe faellt Tropfen fuer Tropfen, Wort fuer Wort, eine
zaertliche Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt
nur zu den Auserwaehltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier
Hoerer zu sein; es steht Niemandem frei, fuer Zarathustra Ohren zu
haben... Ist Zarathustra mit Alledem nicht ein Verfuehrer?... Aber was
sagt er doch selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit
zurueckkehrt? Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein "Weiser",
"Heiliger", "Welt-Erloeser" und andrer decadent in einem solchen Falle
sagen wuerde... Er redet nicht nur anders, er ist auch anders...

Allein gehe ich nun, meine Juenger! Auch ihr geht nun davon und
allein! So will ich es.

Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch:
schaemt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.

Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss
auch seine Freunde hassen koennen.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schueler
bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfaellt?
Huetet euch, dass euch nicht eine Bildsaeule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra!
Ihr seid meine Glaeubigen, aber was liegt an allen Glaeubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle
Glaeubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn
ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren...

Friedrich Nietzsche.




Inhalt

Warum ich so weise bin.
Warum ich so klug bin.
Warum ich so gute Buecher schreibe.
Geburt der Tragoedie.
Die Unzeitgemaessen.
Menschliches, Allzumenschliches.
Morgenroethe.
La gaya scienza.
Also sprach Zarathustra.
Jenseits von Gut und Boese.
Genealogie der Moral.
Goetzen-Daemmerung.
Der Fall Wagner.
Warum ich ein Schicksal bin.
Kriegserklaerung.
Der Hammer redet




An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube
braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah
rueckwaerts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf
einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr,
ich durfte es begraben, - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist
unsterblich. Die Umwerthung aller Werthe, die Dionysos-Dithyramben
und, zur Erholung, die Goetzen-Daemmerung - Alles Geschenke dieses
Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem
ganzen Leben dankbar sein? Und so erzaehle ich mir mein Leben.



Warum ich so weise bin.

1.

Das Glueck meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in
seinem Verhaengniss: ich bin, um es in Raethselform auszudruecken, als
mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde
alt. Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der
untersten Sprosse an der Leiter des Lebens, decadent zugleich und
Anfang - dies, wenn irgend Etwas, erklaert jene Neutralitaet, jene
Freiheit von Partei im Verhaeltniss zum Gesammtprobleme des Lebens,
die mich vielleicht auszeichnet. Ich habe fuer die Zeichen von Aufgang
und Niedergang eine feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat,
ich bin der Lehrer par excellence hierfuer, - ich kenne Beides,
ich bin Beides. - Mein Vater starb mit sechsunddreissig Jahren: er
war zart, liebenswuerdig und morbid, wie ein nur zum Voruebergehn
bestimmtes Wesen, - eher eine guetige Erinnerung an das Leben, als das
Leben selbst. Im gleichen Jahre, wo sein Leben abwaerts gieng, gieng
auch das meine abwaerts: im sechsunddreissigsten Lebensjahre kam ich
auf den niedrigsten Punkt meiner Vitalitaet, - ich lebte noch, doch
ohne drei Schritt weit vor mich zu sehn. Damals - es war 1879 - legte
ich meine Basler Professur nieder, lebte den Sommer ueber wie ein
Schatten in St. Moritz und den naechsten Winter, den sonnenaermsten
meines Lebens, als Schatten in Naumburg. Dies war mein Minimum: "Der
Wanderer und sein Schatten" entstand waehrenddem. Unzweifelhaft, ich
verstand mich damals auf Schatten... Im Winter darauf, meinem ersten
Genueser Winter, brachte jene Versuessung und Vergeistigung, die mit
einer extremen Armuth an Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die
"Morgenroethe" hervor. Die vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst
Exuberanz des Geistes, welche das genannte Werk wiederspiegelt,
vertraegt sich bei mir nicht nur mit der tiefsten physiologischen
Schwaeche, sondern sogar mit einem Excess von Schmerzgefuehl. Mitten
in Martern, die ein ununterbrochner dreitaegiger Gehirn-Schmerz sammt
muehseligem Schleimerbrechen mit sich bringt, - besass ich eine
Dialektiker-Klarheit par excellence und dachte Dinge sehr kaltbluetig
durch, zu denen ich in gesuenderen Verhaeltnissen nicht Kletterer,
nicht raffinirt, nicht kalt genug bin. Meine Leser wissen vielleicht,
in wie fern ich Dialektik als Decadence-Symptom betrachte, zum
Beispiel im allerberuehmtesten Fall: im Fall des Sokrates. - Alle
krankhaften Stoerungen des Intellekts, selbst jene Halbbetaeubung, die
das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis heute gaenzlich fremde Dinge
geblieben, ueber deren Natur und Haeufigkeit ich mich erst auf
gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut laeuft langsam.
Niemand hat je an mir Fieber constatiren koennen. Ein Arzt, der mich
laenger als Nervenkranken behandelte, sagte schliesslich: "nein!
an Ihren Nerven liegt's nicht, ich selber bin nur nervoes."
Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung; kein
organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge der
Gesammterschoepfung, die tiefste Schwaeche des gastrischen Systems.
Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefaehrlich
annaehernd, nur Folge, nicht ursaechlich: so dass mit jeder Zunahme
an Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. - Eine lange,
allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, - sie bedeutet
leider auch zugleich Rueckfall, Verfall, Periodik einer Art decadence.
Brauche ich, nach alledem, zu sagen, dass ich in Fragen der decadence
erfahren bin? Ich habe sie vorwaerts und rueckwaerts buchstabirt.
Selbst jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens ueberhaupt,
jene Finger fuer nuances, jene Psychologie des "Um-die-Ecke-sehns" und
was sonst mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche
Geschenk jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die
Beobachtung selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der
Kranken-Optik aus nach gesuenderen Begriffen und Werthen, und wiederum
umgekehrt aus der Fuelle und Selbstgewissheit des reichen Lebens
hinuntersehn in die heimliche Arbeit des Decadence-Instinkts - das war
meine laengste Uebung, meine eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin
wurde ich darin Meister. Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die
Hand dafuer, Perspektiven umzustellen: erster Grund, weshalb fuer mich
allein vielleicht eine "Umwerthung der Werthe" ueberhaupt moeglich
ist.


2.

Abgerechnet naemlich, dass ich ein decadent bin, bin ich auch dessen
Gegensatz. Mein Beweis dafuer ist, unter Anderem, dass ich instinktiv
gegen die schlimmen Zustaende immer die rechten Mittel waehlte:
waehrend der decadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel
waehlt. Als summa summarum war ich gesund, als Winkel, als
Specialitaet war ich decadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung
und Herausloesung aus gewohnten Verhaeltnissen, der Zwang gegen
mich, mich nicht mehr besorgen, bedienen, beaerzteln zu lassen - das
verraeth die unbedingte Instinkt-Gewissheit darueber, was damals vor
Allem noth that. Ich nahm mich selbst in die Hand, ich machte mich
selbst wieder gesund: die Bedingung dazu - jeder Physiologe wird das
zugeben - ist, dass man im Grunde gesund ist. Ein typisch morbides
Wesen kann nicht gesund werden, noch weniger sich selbst gesund
machen; fuer einen typisch Gesunden kann umgekehrt Kranksein sogar ein
energisches Stimulans zum Leben, zum Mehr-leben sein. So in der That
erscheint mir jetzt jene lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte das
Leben gleichsam neu, mich selber eingerechnet, ich schmeckte alle
guten und selbst kleinen Dinge, wie sie Andre nicht leicht schmecken
koennten, - ich machte aus meinem Willen zur; Gesundheit, zum Leben,
meine Philosophie... Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner
niedrigsten Vitalitaet waren es, wo ich aufhoerte, Pessimist zu sein:
der Instinkt der Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie
der Armuth und Entmuthigung... Und woran erkennt man im Grunde
die Wohlgerathenheit! Dass ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen
wohlthut: dass er aus einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und
wohlriechend zugleich ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zutraeglich ist;
sein Gefallen, seine Lust hoert auf, wo das Maass des Zutraeglichen
ueberschritten wird. Er erraeth Heilmittel gegen Schaedigungen,
er nuetzt schlimme Zufaelle zu seinem Vortheil aus; was ihn nicht
umbringt, macht ihn staerker. Er sammelt instinktiv aus Allem, was er
sieht, hoert, erlebt, seine Summe: er ist ein auswaehlendes Princip,
er laesst Viel durchfallen. Er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er
mit Buechern, Menschen oder Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er
waehlt, indem er zulaesst, indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art
Reize langsam, mit jener Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein
gewollter Stolz ihm angezuechtet haben, - er prueft den Reiz, der
herankommt, er ist fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an
"Unglueck", noch an "Schuld": er wird fertig, mit sich, mit Anderen,
er weiss zu vergessen, - er ist stark genug, dass ihm Alles zum Besten
gereichen muss. - Wohlan, ich bin das Gegenstueck eines decadent: denn
ich beschrieb eben mich.


3.

Ich betrachte es als ein grosses Vorrecht, einen solchen Vater gehabt
zu haben: die Bauern, vor denen er predigte - denn er war, nachdem
er einige Jahre am Altenburger Hofe gelebt hatte, die letzten Jahre
Prediger - sagten, so muesse wohl ein Engel aussehn. - Und hiermit
beruehre ich die Frage der Rasse. ich bin ein polnischer Edelmann pur
sang, dem auch nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am
wenigsten deutsches. Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die
unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine
Mutter und Schwester, - mit solcher canaille mich verwandt zu glauben
waere eine Laesterung auf meine Goettlichkeit. Die Behandlung, die
ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen
Augenblick, floesst mir ein unsaegliches Grauen ein: hier arbeitet
eine vollkommene Hoellenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit ueber den
Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann - in meinen hoechsten
Augenblicken,... denn da fehlt jede Kraft, sich gegen giftiges Gewuerm
zu wehren... Die physiologische Contiguitaet ermoeglicht eine solche
disharmonia praestabilita... Aber ich bekenne, dass der tiefste
Einwand gegen die "ewige Wiederkunft", mein eigentlich abgruendlicher
Gedanke, immer Mutter und Schwester sind. - Aber auch als Pole bin
ich ein ungeheurer Atavismus. Man wuerde Jahrhunderte zurueckzugehn
haben, um diese vornehmste Rasse, die es auf Erden gab, in dem Masse
instinktrein zu finden, wie ich sie darstelle. Ich habe gegen Alles,
was heute noblesse heisst, ein souveraines Gefuehl von Distinktion, -
ich wuerde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein
Kutscher zu sein. Es giebt einen einzigen Fall, wo ich meines Gleichen
anerkenne ich bekenne es mit tiefer Dankbarkeit. Frau Cosima Wagner
ist bei Weitem die vornehmste Natur; und, damit ich kein Wort zu wenig
sage, sage ich, dass Richard Wagner der mir bei Weitem verwandteste
Mann war... Der Rest ist Schweigen... Alle herrschenden Begriffe ueber
Verwandtschafts-Grade sind ein physiologischer Widersinn, der nicht
ueberboten werden kann. Der Papst treibt heute noch Handel mit diesem
Widersinn. Man ist am wenigsten mit seinen Eltern verwandt: es waere
das aeusserste Zeichen von Gemeinheit, seinen Eltern verwandt zu sein.
Die hoeheren Naturen haben ihren Ursprung unendlich weiter zurueck,
auf sie hin hat am laengsten gesammelt, gespart, gehaeuft werden
muessen. Die grossen Individuen sind die aeltesten: ich verstehe es
nicht, aber Julius Caesar koennte mein Vater sein - oder Alexander,
dieser leibhafte Dionysos... In diesem Augenblick, wo ich dies
schreibe, bringt die Post mir einen Dionysos-Kopf...


4.

Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen auch das
verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater - und selbst noch, wenn
es mir von grossem Werthe schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das
unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man
mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin, jenen Einen Fall
abgerechnet, keine Spuren davon entdecken, dass jemand boesen Willen
gegen mich gehabt haette, - vielleicht aber etwas zu viel Spuren
von gutem Willen... Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen
Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu
deren Gunsten; ich zaehme jeden Baer, ich mache die Hanswuerste noch
sittsam. In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des
Basler Paedagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlass gehabt,
eine Strafe zu verhaengen; die Faulsten waren bei mir fleissig. Dem
Zufall bin ich immer gewachsen; ich muss unvorbereitet sein, um meiner
Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so
verstimmt, wie nur das Instrument "Mensch" verstimmt werden kann
- ich muesste krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm
etwas Anhoerbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den
"Instrumenten" selber gehoert, dass sie sich noch nie so gehoert
haetten... Am schoensten vielleicht von jenem unverzeihlich jung
gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter
Erlaubniss, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann
erklaerend, dass er nicht wegen des Engadins komme. Dieser
ausgezeichnete Mensch, der mit der ganzen ungestuemen Einfalt eines
preussischen Junkers in den Wagner'schen Sumpf hineingewatet war (-
und ausserdem noch in den Duehring'schen!) war diese drei Tage wie
umgewandelt durch einen Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der
ploetzlich in seine Hoehe gehoben wird und Fluegel bekommt. Ich sagte
ihm immer, das mache die gute Luft hier oben, so gehe es jedem, man
sei nicht umsonst 6000 Fuss ueber Bayreuth, - aber er wollte mir's
nicht glauben... Wenn trotzdem an mir manche kleine und grosse
Missethat veruebt worden ist, so war nicht "der Wille", am wenigsten
der boese Wille Grund davon: eher schon haette ich mich - ich deutete
es eben an - ueber den guten Willen zu beklagen, der keinen kleinen
Unfug in meinem Leben angerichtet hat. Meine Erfahrungen geben mir
ein Anrecht auf Misstrauen ueberhaupt hinsichtlich der sogenannten
"selbstlosen" Triebe, der gesammten zu Rath und That bereiten
"Naechstenliebe". Sie gilt mir an sich als Schwaeche, als Einzelfall
der Widerstands-Unfaehigkeit gegen Reize, - das Mitleiden heisst nur
bei decadents eine Tugend. Ich werfe den Mitleidigen vor, dass ihnen
die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefuehl vor Distanzen leicht
abhanden kommt, dass Mitleiden im Handumdrehn nach Poebel riecht und
schlechten Manieren zum Verwechseln aehnlich sieht, - dass mitleidige
Haende unter Umstaenden geradezu zerstoererisch in ein grosses
Schicksal in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein Vorrecht auf
schwere Schuld hineingreifen koennen. Die Ueberwindung des Mitleids
rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als "Versuchung
Zarathustra's" einen Fall gedichtet, wo ein grosser Nothschrei an
ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Suende ihn ueberfallen,
ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben, hier die
Hoehe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren und
kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen
Handlungen thaetig sind, das ist die Probe, die letzte Probe
vielleicht, die ein Zarathustra abzulegen hat - sein eigentlicher
Beweis von Kraft...


5.

Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloss mein Vater noch einmal
und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufruehen Tode. Gleich
jedem, der nie unter seines Gleichen lebte und dem der Begriff
"Vergeltung" so unzugaenglich ist wie etwa der Begriff "gleiche
Rechte", verbiete ich mir in Faellen, wo eine kleine oder sehr
grosse Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaassregel, jede
Schutzmaassregel, - wie billig, auch jede Vertheidigung, jede
"Rechtfertigung". Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit so
schnell wie moeglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie
vielleicht noch ein. Im Gleichniss geredet: ich schicke einen Topf
mit Confitueren, um eine sauere Geschichte loszuwerden... Man hat nur
Etwas an mir schlimm zu machen, ich "vergelte" es, dessen sei man
sicher: ich finde ueber Kurzem eine Gelegenheit, dem "Missethaeter"
meinen Dank auszudruecken (mitunter sogar fuer die Missethat) - oder
ihn um Etwas zu bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben...
Auch scheint es mir, dass das groebste Wort, der groebste Brief noch
gutartiger, noch honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen,
fehlt es fast immer an Feinheit und Hoeflichkeit des Herzens;
Schweigen ist ein Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen
schlechten Charakter, - es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger
sind dyspeptisch. - Man sieht, ich moechte die Grobheit nicht
unterschaetzt wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des
Widerspruchs und, inmitten der modernen Verzaertelung, eine unsrer
ersten Tugenden. - Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein
Glueck, Unrecht zu haben. Ein Gott, der auf die Erde kaeme, duerfte
gar nichts Andres thun als Unrecht, - nicht die Strafe, sondern die
Schuld auf sich zu nehmen waere erst goettlich.


6.

Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklaerung ueber das Ressentiment
- wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit
zu Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man
muss es aus der Kraft heraus und aus der Schwaeche heraus erlebt
haben. Wenn irgend Etwas ueberhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein
geltend gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche
Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen muerbe
wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig zu
werden, man weiss Nichts zurueckzustossen, - Alles verletzt. Mensch
und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief,
die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art
Ressentiment selbst. - Hiergegen hat der Kranke nur Ein grosses
Heilmittel - ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus
ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug
zu hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts ueberhaupt mehr
annehmen, an sich nehmen, in sich hineinnehmen, - ueberhaupt nicht
mehr reagiren... Die grosse Vernunft dieses Fatalismus, der nicht
immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter den
lebensgefaehrlichsten Umstaenden, ist die Herabsetzung des
Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf.
Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir,
der wochenlang in einem Grabe schlaeft... Weil man zu schnell sich
verbrauchen wuerde, wenn man ueberhaupt reagirte, reagirt man gar
nicht mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher
ab, als mit den Ressentiments-Affekten. Der Aerger, die krankhafte
Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach
der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne - das ist fuer Erschoepfte
sicherlich die nachtheiligste Art zu reagiren: ein rapider Verbrauch
von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schaedlicher Ausleerungen,
zum Beispiel der Galle in den Magen, ist damit bedingt. Das
Ressentiment ist das Verbotene an sich fuer den Kranken - sein Boeses:
leider auch sein natuerlichster Hang. - Das begriff jener tiefe
Physiolog Buddha. Seine "Religion", die man besser als eine Hygiene
bezeichnen duerfte, um sie nicht mit so erbarmungswuerdigen Dingen wie
das Christenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhaengig von
dem Sieg ueber das Ressentiment: die Seele davon frei machen - erster
Schritt zur Genesung. "Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu
Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende": das steht am
Anfang der Lehre Buddha's - so redet nicht die Moral, so redet die
Physiologie. - Das Ressentiment, aus der Schwaeche geboren, Niemandem
schaedlicher als dem Schwachen selbst, - im andern Falle, wo eine
reiche Natur die Voraussetzung ist, ein ueberfluessiges Gefuehl, ein
Gefuehl, ueber das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums
ist. Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den
Rach- und Nachgefuehlen bis in die Lehre vom "freien Willen" hinein
aufgenommen hat - der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein
Einzelfall daraus - wird verstehn, weshalb ich mein persoenliches
Verhalten, meine instinktsicherheit in der Praxis hier gerade an's
Licht stelle. In den Zeiten der decadence verbot ich sie mir als
schaedlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war,
verbot ich sie mir als unter mir. Jener "russische Fatalismus",
von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, dass ich beinahe
unertraegliche Lagen, Orte, Wohnungen, Gesellschaften, nachdem sie
einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zaeh festhielt, - es
war besser, als sie aendern, als sie veraenderbar zu fuehlen, - als
sich gegen sie aufzulehnen... Mich in diesem Fatalismus stoeren, mich
gewaltsam aufwecken nahm ich damals toedtlich uebel: - in Wahrheit war
es auch jedes Mal toedtlich gefaehrlich. - Sich selbst wie ein Fatum
nehmen, nicht sich "anders" wollen - das ist in solchen Zustaenden die
grosse Vernunft selbst.

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