Die Geburt der Tragoedie
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12 Friedrich Nietzsche
Die Geburt der Tragoedie
Versuch einer Selbstkritik.
1.
Was auch diesem fragwuerdigen Buche zu Grunde liegen mag: es muss
eine Frage ersten Ranges und Reizes gewesen sein, noch dazu eine
tief persoenliche Frage, - Zeugniss dafuer ist die Zeit, in der
es entstand, trotz der es entstand, die aufregende Zeit des
deutsch-franzoesischen Krieges von 1870/71. Waehrend die Donner der
Schlacht von Woerth ueber Europa weggiengen, sass der Gruebler und
Raethselfreund, dem die Vaterschaft dieses Buches zu Theil ward,
irgendwo in einem Winkel der Alpen, sehr vergruebelt und verraethselt,
folglich sehr bekuemmert und unbekuemmert zugleich, und schrieb seine
Gedanken ueber die Griechen nieder, - den Kern des wunderlichen
und schlecht zugaenglichen Buches, dem diese spaete Vorrede (oder
Nachrede) gewidmet sein soll. Einige Wochen darauf: und er befand sich
selbst unter den Mauern von Metz, immer noch nicht losgekommen von den
Fragezeichen, die er zur vorgeblichen "Heiterkeit" der Griechen und
der griechischen Kunst gesetzt hatte; bis er endlich in jenem Monat
tiefster Spannung, als man in Versailles ueber den Frieden berieth,
auch mit sich zum Frieden kam und, langsam von einer aus dem Felde
heimgebrachten Krankheit genesend, die "Geburt der Tragoedie aus dem
Geiste der Musik" letztgueltig bei sich feststellte. - Aus der Musik?
Musik und Tragoedie? Griechen und Tragoedien-Musik? Griechen und
das Kunstwerk des Pessimismus? Die wohlgerathenste, schoenste,
bestbeneidete, zum Leben verfuehrendste Art der bisherigen Menschen,
die Griechen - wie? gerade sie hatten die Tragoedie noethig? Mehr noch
- die Kunst? Wozu - griechische Kunst?
Man erraeth, an welche Stelle hiermit das grosse Fragezeichen vom
Werth des Daseins gesetzt war. Ist Pessimismus nothwendig das Zeichen
des Niedergangs, Verfalls, des Missrathenseins, der ermuedeten und
geschwaechten Instinkte? - wie er es bei den Indern war, wie er es,
allem Anschein nach, bei uns, den "modernen" Menschen und Europaeern
ist? Giebt es einen Pessimismus der Staerke? Eine intellektuelle
Vorneigung fuer das Harte, Schauerliche, Boese, Problematische des
Daseins aus Wohlsein, aus ueberstroemender Gesundheit, aus Fuelle des
Daseins? Giebt es vielleicht ein Leiden an der Ueberfuelle selbst?
Eine versucherische Tapferkeit des schaerfsten Blicks, die nach dem
Furchtbaren verlangt, als nach dem Feinde, dem wuerdigen Feinde, an
dem sie ihre Kraft erproben kann? an dem sie lernen will, was "das
Fuerchten" ist? Was bedeutet, gerade bei den Griechen der besten,
staerksten, tapfersten Zeit, der tragische Mythus? Und das ungeheure
Phaenomen des Dionysischen? Was, aus ihm geboren, die Tragoedie? - Und
wiederum: das, woran die Tragoedie starb, der Sokratismus der Moral,
die Dialektik, Genuegsamkeit und Heiterkeit des theoretischen Menschen
- wie? koennte nicht gerade dieser Sokratismus ein Zeichen des
Niedergangs, der Ermuedung, Erkrankung, der anarchisch sich loesenden
Instinkte sein? Und die "griechische Heiterkeit" des spaeteren
Griechenthums nur eine Abendroethe? Der epikurische Wille gegen den
Pessimismus nur eine Vorsicht des Leidenden? Und die Wissenschaft
selbst, unsere Wissenschaft - ja, was bedeutet ueberhaupt, als Symptom
des Lebens angesehn, alle Wissenschaft? Wozu, schlimmer noch, woher -
alle Wissenschaft? Wie? Ist Wissenschaftlichkeit vielleicht nur eine
Furcht und Ausflucht vor dem Pessimismus? Eine feine Nothwehr gegen -
die Wahrheit? Und, moralisch geredet, etwas wie Feig- und Falschheit?
Unmoralisch geredet, eine Schlauheit? Oh Sokrates, Sokrates, war das
vielleicht dein Geheimniss? Oh geheimnissvoller Ironiker, war dies
vielleicht deine - Ironie? - -
2.
Was ich damals zu fassen bekam, etwas Furchtbares und Gefaehrliches,
ein Problem mit Hoernern, nicht nothwendig gerade ein Stier,
jedenfalls ein neues Problem: heute wuerde ich sagen, dass es das
Problem der Wissenschaft selbst war - Wissenschaft zum ersten Male als
problematisch, als fragwuerdig gefasst. Aber das Buch, in dem mein
jugendlicher Muth und Argwohn sich damals ausliess - was fuer
ein unmoegliches Buch musste aus einer so jugendwidrigen Aufgabe
erwachsen! Aufgebaut aus lauter vorzeitigen uebergruenen
Selbsterlebnissen, welche alle hart an der Schwelle des Mittheilbaren
lagen, hingestellt auf den Boden der Kunst - denn das Problem der
Wissenschaft kann nicht auf dem Boden der Wissenschaft erkannt werden
- ein Buch vielleicht fuer Kuenstler mit dem Nebenhange analytischer
und retrospektiver Faehigkeiten (das heisst fuer eine Ausnahme-
Art von Kuenstlern, nach denen man suchen muss und nicht einmal
suchen moechte...), voller psychologischer Neuerungen und
Artisten-Heimlichkeiten, mit einer Artisten-Metaphysik im
Hintergrunde, ein Jugendwerk voller Jugendmuth und Jugend-Schwermuth,
unabhaengig, trotzig-selbststaendig auch noch, wo es sich einer
Autoritaet und eignen Verehrung zu beugen scheint, kurz ein
Erstlingswerk auch in jedem schlimmen Sinne des Wortes, trotz seines
greisenhaften Problems, mit jedem Fehler der Jugend behaftet, vor
allem mit ihrem "Viel zu lang", ihrem "Sturm und Drang": andererseits,
in Hinsicht auf den Erfolg, den es hatte (in Sonderheit bei dem
grossen Kuenstler, an den es sich wie zu einem Zwiegespraech wendete,
bei Richard Wagner) ein bewiesenes Buch, ich meine ein solches, das
jedenfalls "den Besten seiner Zeit" genug gethan hat. Darauf hin
sollte es schon mit einiger Ruecksicht und Schweigsamkeit behandelt
werden; trotzdem will ich nicht gaenzlich unterdruecken, wie
unangenehm es mir jetzt erscheint, wie fremd es jetzt nach sechzehn
Jahren vor mir steht, - vor einem aelteren, hundert Mal verwoehnteren,
aber keineswegs kaelter gewordenen Auge, das auch jener Aufgabe selbst
nicht fremder wurde, an welche sich jenes verwegene Buch zum ersten
Male herangewagt hat, - die Wissenschaft unter der Optik des
Kuenstlers zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens....
3.
Nochmals gesagt, heute ist es mir ein unmoegliches Buch, - ich heisse
es schlecht geschrieben, schwerfaellig, peinlich, bilderwuethig
und bilderwirrig, gefuehlsam, hier und da verzuckert bis zum
Femininischen, ungleich im Tempo, ohne Willen zur logischen
Sauberkeit, sehr ueberzeugt und deshalb des Beweisens sich
ueberhebend, misstrauisch selbst gegen die Schicklichkeit des
Beweisens, als Buch fuer Eingeweihte, als "Musik" fuer Solche, die auf
Musik getauft, die auf gemeinsame und seltene Kunst-Erfahrungen hin
von Anfang der Dinge an verbunden sind, als Erkennungszeichen fuer
Blutsverwandte in artibus, - ein hochmuethiges und schwaermerisches
Buch, das sich gegen das profanum vulgus der "Gebildeten" von
vornherein noch mehr als gegen das "Volk" abschliesst, welches aber,
wie seine Wirkung bewies und beweist, sich gut genug auch darauf
verstehen muss, sich seine Mitschwaermer zu suchen und sie auf neue
Schleichwege und Tanzplaetze zu locken. Hier redete jedenfalls - das
gestand man sich mit Neugierde ebenso als mit Abneigung ein - eine
fremde Stimme, der Juenger eines noch "unbekannten Gottes", der sich
einstweilen unter die Kapuze des Gelehrten, unter die Schwere und
dialektische Unlustigkeit des Deutschen, selbst unter die schlechten
Manieren des Wagnerianers versteckt hat; hier war ein Geist mit
fremden, noch namenlosen Beduerfnissen, ein Gedaechtniss strotzend von
Fragen, Erfahrungen, Verborgenheiten, welchen der Name Dionysos wie
ein Fragezeichen mehr beigeschrieben war; hier sprach - so sagte man
sich mit Argwohn - etwas wie eine mystische und beinahe maenadische
Seele, die mit Muehsal und willkuerlich, fast unschluessig darueber,
ob sie sich mittheilen oder verbergen wolle, gleichsam in einer
fremden Zunge stammelt. Sie haette singen sollen, diese "neue Seele" -
und nicht reden! Wie schade, dass ich, was ich damals zu sagen hatte,
es nicht als Dichter zu sagen wagte: ich haette es vielleicht gekonnt!
Oder mindestens als Philologe: - bleibt doch auch heute noch fuer
den Philologen auf diesem Gebiete beinahe Alles zu entdecken und
auszugraben! Vor allem das Problem, dass hier ein Problem vorliegt,
- und dass die Griechen, so lange wir keine Antwort auf die Frage
"was ist dionysisch?" haben, nach wie vor gaenzlich unerkannt und
unvorstellbar sind...
4.
Ja, was ist dionysisch? - In diesem Buche steht eine Antwort darauf, -
ein "Wissender" redet da, der Eingeweihte und Juenger seines Gottes.
Vielleicht wuerde ich jetzt vorsichtiger und weniger beredt von einer
so schweren psychologischen Frage reden, wie sie der Ursprung der
Tragoedie bei den Griechen ist. Eine Grundfrage ist das Verhaeltniss
des Griechen zum Schmerz, sein Grad von Sensibilitaet, - blieb dies
Verhaeltniss sich gleich? oder drehte es sich um? - jene Frage,
ob wirklich sein immer staerkeres Verlangen nach Schoenheit, nach
Festen, Lustbarkeiten, neuen Culten, aus Mangel, aus Entbehrung, aus
Melancholie, aus Schmerz erwachsen ist? Gesetzt naemlich, gerade
dies waere wahr - und Perikles (oder Thukydides) giebt es uns in
der grossen Leichenrede zu verstehen -: woher muesste dann das
entgegengesetzte Verlangen, das der Zeit nach frueher hervortrat,
stammen, das Verlangen nach dem Haesslichen, der gute strenge Wille
des aelteren Hellenen zum Pessimismus, zum tragischen Mythus, zum
Bilde alles Furchtbaren, Boesen, Raethselhaften, Vernichtenden,
Verhaengnissvollen auf dem Grunde des Daseins, - woher muesste dann
die Tragoedie stammen? Vielleicht aus der Lust, aus der Kraft, aus
ueberstroemender Gesundheit, aus uebergrosser Fuelle? Und welche
Bedeutung hat dann, physiologisch gefragt, jener Wahnsinn, aus dem die
tragische wie die komische Kunst erwuchs, der dionysische Wahnsinn?
Wie? Ist Wahnsinn vielleicht nicht nothwendig das Symptom der
Entartung, des Niedergangs, der ueberspaeten Cultur? Giebt es
vielleicht - eine Frage fuer Irrenaerzte - Neurosen der Gesundheit?
der Volks-Jugend und -Jugendlichkeit? Worauf weist jene Synthesis von
Gott und Bock im Satyr? Aus welchem Selbsterlebniss, auf welchen Drang
hin musste sich der Grieche den dionysischen Schwaermer und Urmenschen
als Satyr denken? Und was den Ursprung des tragischen Chors betrifft:
gab es in jenen Jahrhunderten, wo der griechische Leib bluehte, die
griechische Seele von Leben ueberschaeumte, vielleicht endemische
Entzueckungen? Visionen und Hallucinationen, welche sich ganzen
Gemeinden, ganzen Cultversammlungen mittheilten? Wie? wenn die
Griechen, gerade im Reichthum ihrer Jugend, den Willen zum Tragischen
hatten und Pessimisten waren? wenn es gerade der Wahnsinn war, um ein
Wort Plato's zu gebrauchen, der die groessten Segnungen ueber Hellas
gebracht hat? Und wenn, andererseits und umgekehrt, die Griechen
gerade in den Zeiten ihrer Aufloesung und Schwaeche, immer
optimistischer, oberflaechlicher, schauspielerischer, auch nach Logik
und Logisirung der Welt bruenstiger, also zugleich "heiterer" und
"wissenschaftlicher" wurden? Wie? koennte vielleicht, allen "modernen
Ideen" und Vorurtheilen des demokratischen Geschmacks zum Trotz, der
Sieg des Optimismus, die vorherrschend gewordene Vernuenftigkeit,
der praktische und theoretische Utilitarismus, gleich der Demokratie
selbst, mit der er gleichzeitig ist, - ein Symptom der absinkenden
Kraft, des nahenden Alters, der physiologischen Ermuedung sein? Und
gerade nicht - der Pessimismus? War Epikur ein Optimist - gerade als
Leidender? - - Man sieht, es ist ein ganzes Buendel schwerer Fragen,
mit dem sich dieses Buch belastet hat, - fuegen wir seine schwerste
Frage noch hinzu! Was bedeutet, unter der Optik des Lebens gesehn, -
die Moral? . . .
5.
Bereits im Vorwort an Richard Wagner wird die Kunst - und nicht die
Moral - als die eigentlich metaphysische Thaetigkeit des Menschen
hingestellt; im Buche selbst kehrt der anzuegliche Satz mehrfach
wieder, dass nur als aesthetisches Phaenomen das Dasein der Welt
gerechtfertigt ist. In der That, das ganze Buch kennt nur einen
Kuenstler-Sinn und - Hintersinn hinter allem Geschehen, - einen
"Gott", wenn man will, aber gewiss nur einen gaenzlich unbedenklichen
und unmoralischen Kuenstler-Gott, der im Bauen wie im Zerstoeren, im
Guten wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und Selbstherrlichkeit
inne werden will, der sich, Welten schaffend, von der Noth der Fuelle
und Ueberfuelle, vom Leiden der in ihm gedraengten Gegensaetze loest.
Die Welt, in jedem Augenblicke die erreichte Erloesung Gottes, als die
ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidendsten, Gegensaetzlichsten,
Widerspruchreichsten, der nur im Scheine sich zu erloesen weiss: diese
ganze Artisten-Metaphysik mag man willkuerlich, muessig, phantastisch
nennen -, das Wesentliche daran ist, dass sie bereits einen Geist
verraeth, der sich einmal auf jede Gefahr hin gegen die moralische
Ausdeutung und Bedeutsamkeit des Daseins zur Wehre setzen wird. Hier
kuendigt sich, vielleicht zum ersten Male, ein Pessimismus "jenseits
von Gut und Boese" an, hier kommt jene "Perversitaet der Gesinnung" zu
Wort und Formel, gegen welche Schopenhauer nicht muede geworden ist,
im Voraus seine zornigsten Flueche und Donnerkeile zu schleudern,
- eine Philosophie, welche es wagt, die Moral selbst in die Welt
der Erscheinung zu setzen, herabzusetzen und nicht nur unter die
"Erscheinungen" (im Sinne des idealistischen terminus technicus),
sondern unter die "Taeuschungen", als Schein, Wahn, Irrthum,
Ausdeutung, Zurechtmachung, Kunst. Vielleicht laesst sich die Tiefe
dieses widermoralischen Hanges am besten aus dem behutsamen und
feindseligen Schweigen ermessen, mit dem in dem ganzen Buche
das Christenthum behandelt ist, - das Christenthum als die
ausschweifendste Durchfigurirung des moralischen Thema's, welche die
Menschheit bisher anzuhoeren bekommen hat. In Wahrheit, es giebt zu
der rein aesthetischen Weltauslegung und Welt-Rechtfertigung, wie sie
in diesem Buche gelehrt wird, keinen groesseren Gegensatz als die
christliche Lehre, welche nur moralisch ist und sein will und mit
ihren absoluten Maassen, zum Beispiel schon mit ihrer Wahrhaftigkeit
Gottes, die Kunst, jede Kunst in's Reich der Luege verweist, - das
heisst verneint, verdammt, verurtheilt. Hinter einer derartigen Denk-
und Werthungsweise, welche kunstfeindlich sein muss, so lange sie
irgendwie aecht ist, empfand ich von jeher auch das Lebensfeindliche,
den ingrimmigen rachsuechtigen Widerwillen gegen das Leben selbst:
denn alles Leben ruht auf Schein, Kunst, Taeuschung, Optik,
Nothwendigkeit des Perspektivischen und des Irrthums. Christenthum
war von Anfang an, wesentlich und gruendlich, Ekel und Ueberdruss des
Lebens am Leben, welcher sich unter dem Glauben an ein "anderes" oder
"besseres" Leben nur verkleidete, nur versteckte, nur aufputzte. Der
Hass auf die "Welt", der Fluch auf die Affekte, die Furcht vor der
Schoenheit und Sinnlichkeit, ein Jenseits, erfunden, um das Diesseits
besser zu verleumden, im Grunde ein Verlangen in's Nichts, an's Ende,
in's Ausruhen, hin zum "Sabbat der Sabbate" - dies Alles duenkte mich,
ebenso wie der unbedingte Wille des Christenthums, nur moralische
Werthe gelten zu lassen, immer wie die gefaehrlichste und
unheimlichste Form aller moeglichen Formen eines "Willens zum
Untergang", zum Mindesten ein Zeichen tiefster Erkrankung, Muedigkeit,
Missmuthigkeit, Erschoepfung, Verarmung an Leben, - denn vor der Moral
(in Sonderheit christlichen, das heisst unbedingten Moral) muss das
Leben bestaendig und unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas
essentiell Unmoralisches ist, - muss endlich das Leben, erdrueckt
unter dem Gewichte der Verachtung und des ewigen Nein's, als
begehrens-unwuerdig, als unwerth an sich empfunden werden. Moral
selbst - wie? sollte Moral nicht ein "Wille zur Verneinung des
Lebens", ein heimlicher Instinkt der Vernichtung, ein Verfalls-,
Verkleinerungs-, Verleumdungsprincip, ein Anfang vom Ende sein? Und,
folglich, die Gefahr der Gefahren?... Gegen die Moral also kehrte
sich damals, mit diesem fragwuerdigen Buche, mein Instinkt, als
ein fuersprechender Instinkt des Lebens, und erfand sich eine
grundsaetzliche Gegenlehre und Gegenwerthung des Lebens, eine rein
artistische, eine antichristliche. Wie sie nennen? Als Philologe und
Mensch der Worte taufte ich sie, nicht ohne einige Freiheit - denn
wer wuesste den rechten Namen des Antichrist? - auf den Namen eines
griechischen Gottes: ich hiess sie die dionysische. -
6.
Man versteht, an welche Aufgabe ich bereits mit diesem Buche zu
ruehren wagte?... Wie sehr bedauere ich es jetzt, dass ich damals noch
nicht den Muth (oder die Unbescheidenheit?) hatte, um mir in jedem
Betrachte fuer so eigne Anschauungen und Wagnisse auch eine eigne
Sprache zu erlauben, - dass ich muehselig mit Schopenhauerischen und
Kantischen Formeln fremde und neue Werthschaetzungen auszudruecken
suchte, welche dem Geiste Kantens und Schopenhauers, ebenso wie
ihrem Geschmacke, von Grund aus entgegen giengen! Wie dachte
doch Schopenhauer ueber die Tragoedie? "Was allem Tragischen den
eigenthuemlichen Schwung zur Erhebung giebt - sagt er, Welt als Wille
und Vorstellung II, 495 - ist das Aufgehen der Erkenntniss, dass die
Welt, das Leben kein rechtes Genuegen geben koenne, mithin unsrer
Anhaenglichkeit nicht werth sei: darin besteht der tragische Geist
-, er leitet demnach zur Resignation hin". Oh wie anders redete
Dionysos zu mir! Oh wie ferne war mir damals gerade dieser ganze
Resignationismus! - Aber es giebt etwas viel Schlimmeres an dem Buche,
das ich jetzt noch mehr bedauere, als mit Schopenhauerischen Formeln
dionysische Ahnungen verdunkelt und verdorben zu haben: dass ich mir
naemlich ueberhaupt das grandiose griechische Problem, wie mir es
aufgegangen war, durch Einmischung der modernsten Dinge verdarb!
Dass ich Hoffnungen anknuepfte, wo Nichts zu hoffen war, wo Alles
allzudeutlich auf ein Ende hinwies! Dass ich, auf Grund der deutschen
letzten Musik, vom "deutschen Wesen" zu fabeln begann, wie als ob es
eben im Begriff sei, sich selbst zu entdecken und wiederzufinden - und
das zu einer Zeit, wo der deutsche Geist, der nicht vor Langem noch
den Willen zur Herrschaft ueber Europa, die Kraft zur Fuehrung
Europa's gehabt hatte, eben letztwillig und endgueltig abdankte und,
unter dem pomphaften Vorwande einer Reichs- Begruendung, seinen
Uebergang zur Vermittelmaessigung, zur Demokratie und den "modernen
Ideen" machte! In der That, inzwischen lernte ich hoffnungslos und
schonungslos genug von diesem "deutschen Wesen" denken, insgleichen
von der jetzigen deutschen Musik, als welche Romantik durch und durch
ist und die ungriechischeste aller moeglichen Kunstformen: ueberdies
aber eine Nervenverderberin ersten Ranges, doppelt gefaehrlich, bei
einem Volke, das den Trunk liebt und die Unklarheit als Tugend ehrt,
naemlich in ihrer doppelten Eigenschaft als berauschendes und zugleich
benebelndes Narkotikum. - Abseits freilich von allen uebereilten
Hoffnungen und fehlerhaften Nutzanwendungen auf Gegenwaertigstes,
mit denen ich mir damals mein erstes Buch verdarb, bleibt das grosse
dionysische Fragezeichen, wie es darin gesetzt ist, auch in Betreff
der Musik, fort und fort bestehen: wie muesste eine Musik beschaffen
sein, welche nicht mehr romantischen Ursprungs waere, gleich der
deutschen, - sondern dionysischen? . . .
7.
- Aber, mein Herr, was in aller Welt ist Romantik, wenn nicht Ihr
Buch Romantik ist? Laesst sich der tiefe Hass gegen "Jetztzeit",
"Wirklichkeit" und "moderne Ideen" weiter treiben, als es in Ihrer
Artisten-Metaphysik geschehen ist? - welche lieber noch an das Nichts,
lieber noch an den Teufel, als an das "Jetzt" glaubt? Brummt nicht
ein Grundbass von Zorn und Vernichtungslust unter aller Ihrer
contrapunktischen Stimmen-Kunst und Ohren-Verfuehrerei hinweg, eine
wuethende Entschlossenheit gegen Alles, was "jetzt" ist, ein Wille,
welcher nicht gar zu ferne vom praktischen Nihilismus ist und zu sagen
scheint "lieber mag Nichts wahr sein, als dass ihr Recht haettet,
als dass eure Wahrheit Recht behielte!" Hoeren Sie selbst, mein Herr
Pessimist und Kunstvergoettlicher, mit aufgeschlossnerem Ohre eine
einzige ausgewaehlte Stelle Ihres Buches an, jene nicht unberedte
Drachentoedter-Stelle, welche fuer junge Ohren und Herzen verfaenglich
rattenfaengerisch klingen mag: wie? ist das nicht das aechte rechte
Romantiker-Bekenntniss von 1830, unter der Maske des Pessimismus von
1850 hinter dem auch schon das uebliche Romantiker-Finale praeludirt,
- Bruch, Zusammenbruch, Rueckkehr und Niedersturz vor einem alten
Glauben, vor dem alten Gotte . . . Wie? ist Ihr Pessimisten-Buch nicht
selbst ein Stueck Antigriechenthum und Romantik, selbst etwas "ebenso
Berauschendes als Benebelndes", ein Narkotikum jedenfalls, ein Stueck
Musik sogar, deutscher Musik? Aber man hoere:
"Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit dieser
Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug
in's Ungeheure, denken wir uns den kuehnen Schritt dieser
Drachentoedter, die stolze Verwegenheit, mit der sie allen den
Schwaechlichkeitsdoktrinen des Optimismus den Ruecken kehren, um im
Ganzen und Vollen, resolut zu leben: sollte es nicht noethig sein,
dass der tragische Mensch dieser Cultur, bei seiner Selbsterziehung
zum Ernst und zum Schrecken, eine neue Kunst, die Kunst des
metaphysischen Trostes, die Tragoedie als die ihm zugehoerige Helena
begehren und mit Faust ausrufen muss:
Und sollt' ich nicht, sehnsuechtigster Gewalt,
In's Leben zieh'n die einzigste Gestalt?"
"Sollte es nicht noethig sein?" . . . Nein, drei Mal nein! ihr
jungen Romantiker: es sollte nicht noethig sein! Aber es ist sehr
wahrscheinlich, dass es so endet, dass ihr so endet, naemlich
"getroestet", wie geschrieben steht, trotz aller Selbsterziehung
zum Ernst und zum Schrecken, "metaphysisch getroestet", kurz, wie
Romantiker enden, christlich Nein! Ihr solltet vorerst die Kunst
des diesseitigen Trostes lernen, - ihr solltet lachen lernen, meine
jungen Freunde, wenn anders ihr durchaus Pessimisten bleiben wollt;
vielleicht dass ihr darauf hin, als Lachende, irgendwann einmal alle
metaphysische Troesterei zum Teufel schickt - und die Metaphysik
voran! Oder, um es in der Sprache jenes dionysischen Unholds zu sagen,
der Zarathustra heisst:
"Erhebt eure Herzen, meine Brueder, hoch, hoeher! Und vergesst mir
auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Taenzer, und
besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!"
"Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte
mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelaechter. Keinen
Anderen fand ich heute stark genug dazu."
"Zarathustra der Taenzer, Zarathustra der Leichte, der mit den
Fluegeln winkt, ein Flugbereiter, allen Voegeln zuwinkend, bereit und
fertig, ein Selig-Leichtfertiger:" -
"Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein
Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Spruenge und Seitenspruenge
liebt: ich selber setzte mir diese Krone auf!"
"Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen
Bruedern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig: ihr
hoeheren Menschen, lernt mir - lachen!"
Vorwort an Richard Wagner.
Um mir alle die moeglichen Bedenklichkeiten, Aufregungen und
Missverstaendnisse ferne zu halten, zu denen die in dieser Schrift
vereinigten Gedanken bei dem eigenthuemlichen Character unserer
aesthetischen Oeffentlichkeit Anlass geben werden, und um auch
die Einleitungsworte zu derselben mit der gleichen beschaulichen
Wonne schreiben zu koennen, deren Zeichen sie selbst, als das
Petrefact guter und erhebender Stunden, auf jedem Blatte traegt,
vergegenwaertige ich mir den Augenblick, in dem Sie, mein
hochverehrter Freund, diese Schrift empfangen werden: wie Sie,
vielleicht nach einer abendlichen Wanderung im Winterschnee, den
entfesselten Prometheus auf dem Titelblatte betrachten, meinen Namen
lesen und sofort ueberzeugt sind, dass, mag in dieser Schrift stehen,
was da wolle, der Verfasser etwas Ernstes und Eindringliches zu sagen
hat, ebenfalls dass er, bei allem, was er sich erdachte, mit Ihnen
wie mit einem Gegenwaertigen verkehrte und nur etwas dieser Gegenwart
Entsprechendes niederschreiben durfte. Sie werden dabei sich erinnern,
dass ich zu gleicher Zeit, als Ihre herrliche Festschrift ueber
Beethoven entstand, das heisst in den Schrecken und Erhabenheiten des
eben ausgebrochnen Krieges mich zu diesen Gedanken sammelte. Doch
wuerden diejenigen irren, welche etwa bei dieser Sammlung an den
Gegensatz von patriotischer Erregung und aesthetischer Schwelgerei,
von tapferem Ernst und heiterem Spiel denken sollten: denen moechte
vielmehr, bei einem wirklichen Lesen dieser Schrift, zu ihrem
Erstaunen deutlich werden, mit welchem ernsthaft deutschen Problem wir
zu thun haben, das von uns recht eigentlich in die Mitte deutscher
Hoffnungen, als Wirbel und Wendepunkt hingestellt wird. Vielleicht
aber wird es fuer eben dieselben ueberhaupt anstoessig sein, ein
aesthetisches Problem so ernst genommen zu sehn, falls sie naemlich
in der Kunst nicht mehr als ein lustiges Nebenbei, als ein auch wohl
zu missendes Schellengeklingel zum "Ernst des Daseins" zu erkennen
im Stande sind: als ob Niemand wuesste, was es bei dieser
Gegenueberstellung mit einem solchen "Ernste des Daseins" auf sich
habe. Diesen Ernsthaften diene zur Belehrung, dass ich von der
Kunst als der hoechsten Aufgabe und der eigentlich metaphysischen
Thaetigkeit dieses Lebens im Sinne des Mannes ueberzeugt bin, dem ich
hier, als meinem erhabenen Vorkaempfer auf dieser Bahn, diese Schrift
gewidmet haben will.
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