A / B / C / D / E /  F / G / H / I / J /  K / L / M / N / O /  P / R / S / T / UV / W / Z

Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Agnes Bernauer

F >> Friedrich Hebbel >> Agnes Bernauer

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7


This etext was produced by Michael Pullen.






Agnes Bernauer

Ein deutsches Trauerspiel in fuenf Aufzuegen

Friedrich Hebbel



Personen:


Ernst, regierender Herzog zu Muenchen-Bayern

Albrecht, sein Sohn

Hans von Preising, sein Kanzler

Marschall von Pappenheim,
Ignaz von Seyboltstorf,
Wolfram von Pienzenau und
Otto von Bern, Ritter auf der Seite des Herzogs Ernst

Graf Toerring,
Nothhafft von Wernberg und
Rolf von Frauenhoven, Ritter auf der Seite des Herzogs Albrecht

Hans von Laeubelfing, ein Ritter von Ingolstadt

Emeran Nusperger zu Kalmperg, Richter zu Straubing

Caspar Bernauer, Bader und Chirurgus zu Augsburg

Agnes, seine Tochter

Theobald, sein Geselle

Knippeldollinger, sein Gevatter

Hermann Noerdlinger, Buergermeister zu Augsburg

Barbara und
Martha, Buergermaedchen

Stachus, ein Diener

Der Kastellan auf Vohburg und Straubing

Ein Herold des Reichs

Ein Legat der Kirche

Volk, Ritter und Reisige in grossen Massen


Die Handlung ereignet sich zwischen 1420 und 1430.


Erster Akt
Zweiter Akt
Dritter Akt
Vierter Akt
Fuenfter Akt





Erster Akt

Augsburg.



Erste Szene

Baderstube.

Theobald (allein, einen Blumenstrauss in der Hand). Ich weiss nicht,
was ich tun soll. (Er haelt den Blumenstrauss empor.) Zertret ich
dich? Um die schoenen Rosen waer's schade, die sind unschuldig! Oder
ueberreich ich dich? Nein, gewiss nicht, und das haett' ich ihm gleich
gesagt, dem Herrn Ungetreu, der zu glauben scheint, dass ich keine
Augen habe, und kein Herz, und kein Blut, wenn--ja, das war's ja!
Ich wollte sie pruefen! Da kommt sie! Mit dem Morgensueppchen des
Vaters! Oh, wie das schmecken muss! Wenn die fuer mich einmal kochte,
ich--(Verbirgt den Strauss.)



Zweite Szene

Agnes (tritt ein mit einer Suppe). Guten Morgen, Theobald!

Theobald. Danke schoen, Jungfer, danke schoen! Wohl geschlafen?

Agnes. So sollt' ich Euch fragen! Ihr werdet oft herausgeklopft,
wenn sie gerauft haben, und ein Pflaster brauchen.

Theobald. Das bemerkt Ihr? (Fuer sich.) Ich geb ihr den Strauss und
bestelle alles! Wenn sie dann ein Gesicht macht und pfui sagt und
mich anfaehrt: dazu gibst du dich her-Agnes. Was verbergt Ihr denn
hinter dem Ruecken?

Theobald (zeigt den Strauss). Ja so, das haett' ich bald vergessen!

Agnes. Ah, der ist schoen! Gebt ihn mal her! (Sie riecht.) Wenn wir
doch auch einen Garten haetten! Wessen Namensfest ist denn heute?
(Sie will ihn zurueckgeben.)

Theobald. Behuete, er gehoert Euch!

Agnes. Mir? Oh, da dank ich! Aber da geht's mit Eurem alten Ohm
wohl bald zu Ende?

Theobald. Mit meinem Ohm?

Agnes. Nun ja, weil er seine Blumen zu verschenken anfaengt, das
pflegt ein Gaertner nicht zu tun, und gekauft habt Ihr sie doch gewiss
nicht?

Theobald. Er ist nicht von mir!

Agnes. Nicht von Euch? Von wem denn?

Theobald. Ratet!

Agnes. Von--Nein, Barbara kann's nicht sein, die sieht mich nicht
mehr an, ich weiss zwar nicht, warum.

Theobald. Es ist keine Sie!

Agnes. Keine Sie? Und Ihr seid's auch nicht? (Sie legt den Strauss
auf den Tisch.)

Theobald. Gottlob, ihr faellt sonst niemand ein!

Agnes. Aber, da muss ich Euch doch fragen-Theobald. Scheltet nur!
Ich wollt's bloss wissen!

Agnes. Was?

Theobald. Ob Ihr vielleicht in der Kirche nach ihm geblinzelt, oder
ihm wohl gar bei einem Tanze die Hand gedrueckt haettet!

Agnes. Wem denn?

Theobald. Es ist schon gut, wenn Ihr nicht von selbst auf ihn kommt!
(Er nimmt den Strauss.) Ha, unserer alten Gertrud will ich ihn jetzt
verehren, die soll ihn an die platte Brust stecken, wenn sie auf den
Markt humpelt, und sich mit einem Knicks bedanken, wenn sie sich an
dem Hause vorbeischiebt! (Er springt.) Ich koennte jetzt--(Er singt.)

Wenn zwei sich die Haende geben-Jungfer, es ist ein schoenes Lied!
(Singt wieder.)


Und wer ein guter Geselle ist,
Der wird wohl auch ein Meister!


Oder ist das nicht wahr?

Agnes. Ihr seid zu frueh lustig! Spaet am Abend ist besser, als frueh
am Morgen.

Theobald. Und doch singen die Voegel, wenn sie erwachen, und nicht,
wenn sie einschlafen. (Er fasst ihre Hand.)

Agnes (zieht sie zurueck). Was wollt Ihr?

Theobald. Bloss nachsehen, ob--Ihr habt sie mir einmal gelassen!

Agnes. Als Ihr mir eine Ader oeffnen solltet!

Theobald. Nun freilich! (Er nimmt die Hand wieder.) Liess mein
Schnepper keine Spur? Ich machte es ungeschickt!

Agnes. Zittert Ihr immer so dabei, wie damals?

Theobald. O nein! mir ward nur so wunderlich, als ich Euch weh tun
sollte. Aber wie rot Euer Blut ist! (Fuer sich.) Aus meinen Lippen
haett' ich gern den Verband gemacht, wenn der Vater nicht
dabeigestanden waere!



Dritte Szene

Knippeldollinger (ruft ins Fenster). Guten Morgen, Patchen!

Agnes. Guten Morgen, Herr Gevatter!

Theobald. Ist der alte Geck auch schon da?

Knippeldollinger. Ich habe von Euch getraeumt!

Agnes. Danke der Ehre.

Theobald. Von deinem Begraebnis haett'st traeumen sollen! Das haett'
sich besser geschickt.

Knippeldollinger. Kirschen gab ich Euch, von den grossen, fremden,
die ich an der Mauer aufziehe!

Agnes. Sind die schon so weit?

Knippeldollinger. O ja, es kommt heut abend ein Korb voll davon aufs
Tanzhaus!

Theobald. Da werden sie gut bezahlt!

Knippeldollinger. Und waehrend Ihr sie verzehrtet, fuehrte ich Euch
spazieren!

Theobald (laut). Auf den Kirchhof, jawohl, ich war mit dabei!

Knippeldollinger. Spassvogel, ist Er auch da?

Theobald. Ihr tratet auf einen Totenkopf, und der schnappte nach
Euch, es war der von Eurer letzten Frau!

Agnes. Pfui!

Knippeldollinger. Nicht doch, nicht doch, Patchen, ein Bader muss
spassig sein, man will doch was hoeren, wenn man sich den Bart oder das
Haar scheren laesst. Der Theobald taugt zum Geschaeft! Nur in die
Ohren muss er niemanden schneiden, wie neulich mir! Nun, geh ich
heute leer aus, bekomm ich das Patschchen nicht?

Agnes. Ich habe wieder die Blattern!

Knippeldollinger. Halt mir das nicht immer vor! Nun, ich werde dich
nachher noch sehen, denn die Muhme wird dich zum Turnier abholen, ich
habe fuer Plaetze gesorgt. Das wollt' ich dir eigentlich sagen!

Agnes. Danke! Zwar weiss ich nicht-Knippeldollinger. Ei, es kommt
nicht alle Tage. Ritter, Grafen und Barone sind schon hier in
Augsburg selten, nun gar ein Herzog von Bayern--der Tausend, da wird
niemand, als der Scharfrichter mit seinen Freiknechten fehlen, der
freilich gute Gruende hat, nicht unter ehrlichen Christenmenschen zu
erscheinen!



Vierte Szene

Theobald. Da humpelt er hin auf seinen drei Beinen. Ihr steht doch
in seinem Testament? Nun, recht hat er, es wird lustig zugehen, ich
freu mich auch! (Es wird etwas durchs Fenster geworfen.) Was ist
denn das? Es klirrt ja!

Agnes. Schluessel!



Fuenfte Szene

Barbara (tritt in die Tuer). Darf ich sie wiederholen?

Agnes. Barbara!

Barbara. Agnes?

Agnes. Du kamst lange nicht!

Barbara (nimmt die Schluessel auf). Und jetzt hab ich hier etwas zu
tun! Siehst du?

Agnes. Wir waren immer so gut miteinander: was hast du jetzt gegen
mich?

Barbara. Oh, das bin ich nicht allein!

Agnes. Heilige Mutter Gottes, was sagst du da?

Barbara. Du siehst deine Gespielinnen wohl gar nicht mehr an, dass du
nicht weisst, wie sie dich ansehen?

Agnes. Es ist wahr, ich erhalte meinen Gruss nicht immer so
freundlich zurueck, wie ich ihn biete!

Barbara. Glaub's!

Agnes. Aber bei Gott, wenn mir das mit einer begegnete, so dacht'
ich: Sie hat schlecht getraeumt oder sie ist von der Mutter gescholten
oder sie hat ihren Ring verloren-Barbara. Dabei kamst du denn
freilich gut weg.

Agnes. Was tu ich denn? Sag's!

Barbara. Tun! Was tun! Wenn's schon so weit gekommen waere, so
wuerde man leicht mit dir fertig!

Agnes. Barbara!

Barbara. Sag doch einmal, warum--(Sie zeigt auf Theobald.) Nun, da
steht ja gleich wieder einer und gafft! (Zu Theobald.) Nicht wahr,
ich bin gar nicht da! (Zu Agnes.) Gehst du heute? Zum Turnier, mein
ich! Ja? Nun, da will ich's allen ansagen, damit sie zu Hause
bleiben, ich zuerst!

Agnes. Das ist zu arg, das muss mein Vater wissen.

Barbara. Bewahre! Niemand red't dir was uebles nach!

Agnes. Und doch flieht man mich? Doch will man mich ausstossen?

Barbara. Agnes, sieh mich mal an!

Agnes. Nun?

Barbara. Wie waer' dir wohl zumute, wenn--lass uns hinaufgehen in
deine Kammer!

Theobald. Ich will nicht im Wege sein, wenn gebeichtet werden soll!
(Ab.)

Barbara. Ja, wie waer' dir zumute, wenn du, wie sag ich, nun, wenn du
einen gern haettest, und der haette nur Augen fuer mich?

Agnes. Wie soll ich das wissen!

Barbara. So will ich's dir sagen! Du wuerdest--Doch ich will mich
nicht laecherlich machen, du weisst es selbst recht gut! Und meinst du,
dass es anderen besser geht? (Bemerkt den Strauss.) Woher kommt der?

Agnes. Das weiss ich nicht!

Barbara. Nicht? Kommen so viele? Wenn er von meinem Wolfram kaeme,
ich--Und es ist gern moeglich, gerade die Blumen stehen in seinem
Garten! Gestern den ganzen Tag sah ich nach seinem Vetter, zwang
mich, dem gleichgueltigen Menschen verliebte Blicke zuzuwerfen und
dachte, er wuerde rasen. Abends, als wir zu Hause gingen, strich er
den Burschen selbst gegen mich heraus, es war ihm recht gewesen, ich
hatte ihm einen Gefallen damit getan!

Agnes. Arme!

Barbara. Daran bist du schuld, niemand schuld, als du! Als er dich
noch nicht kannte, hing er an mir, wie eine Klette. In den
Baerenzwinger waer' er fuer mich hinabgestiegen und haette meinen
Handschuh heraufgeholt. Und nun--pfui!

Agnes. Du schiltst mich, und ich weiss nicht einmal, wovon du
sprichst!

Barbara (nimmt den Strauss). Ich will schon dahinterkommen, ich nehm
ihn mit!

Agnes. Mir gleich!

Barbara. Allen machst du abspenstig, was ihnen gehoert! Ich wuerde
mich schaemen!

Agnes. Kannst du sagen, dass ich auch nur einen ansehe?

Barbara. Das ist's vielleicht eben! Nonne und doch keine! Heilige,
aber noch nicht im Himmel! Die muss man Gott abjagen! Da muss man
alles daransetzen! Ei, sei, wie wir, kuck auf, sprich, und es wird
sich geben!

Agnes. Taet' ich's, so wuerdest du wieder schmaelen!

Barbara. So geh ins Kloster, wirf den Schleier ueber, den niemand
heben darf! Ich dich um Vergebung bitten? In Ewigkeit nicht!

Agnes. Wer verlangt's denn?

Barbara. Mein Beichtvater! Glaubst du, ich kam von selbst? Aber
nein, lieber auf Erbsen knien! (Haelt den Strauss in die Hoehe.) Den
werd ich ihm jetzt schenken! Kennt er ihn nicht, so schick ich dir
einen doppelt so schoenen! (Ab.)

Agnes. Sie tut mir leid! Aber kann ich's aendern?



Sechste Szene

Theobald (tritt wieder ein). Die hat die arme Gertrud ja beraubt!

Agnes. Sie scheint den Verstand verloren zu haben!

Theobald. Das moecht' ich doch nicht sagen!

Agnes. So haette sie recht?

Theobald. Ich glaube fast! Jungfer, ich koennt' Euch alle Morgen-

Siebente Szene

Caspar Bernauer (tritt mit einem Buch ein, das in ein rotes Tuch
gewickelt ist; zu Agnes). Ja, ja, ja! Wenn ich nur nicht mit soll!
Nun geh hinauf und lege dein Kettlein an. Sie blasen schon am
Fronhof.

Agnes. Nein, Vater, ich bleibe zu Hause!

Caspar Bernauer. Wie? Was? Warum wartest du hier denn auf mich?
(Zu Theobald.) An den Destillierkolben! Das Feuer wird zu schueren
sein!

Theobald (geht ab).

Caspar Bernauer. Nun?

Agnes. Vater, all die Augen--es ist mir, als ob mich geradesoviel
Bienen staechen! Und Er weiss ja, sie sehen alle nach mir!

Theobald (tritt wieder ein).

Caspar Bernauer. Sieh du sie wieder an! Nun, wenn du lieber deinen
Rosenkranz abbetest, meinetwegen! (Sieht sich um, zu Theobald.) Noch
keine Salben abgeruehrt? Hat der Hahn heut morgen nicht gekraeht?

Theobald (geht ans Geschaeft).

Agnes. Barbara war hier, alle hassen mich, ich verderb ihnen den Tag,
wenn ich komme.

Caspar Bernauer. Und darum willst du ausbleiben? Nichts da! Dann
duerfte der beste Ritter ja auch nicht kommen, denn der verdirbt den
uebrigen ja auch den Tag. Und der naechstbeste ebensowenig, und wer
noch, bis auf den letzten, der nur zum Umpurzeln da ist! Torheit und
kein Ende! Hinauf! (Zu Theobald.) Und du hole die Flasche mit dem
Wundwasser herunter!

Beide (ab).



Achte Szene

Caspar Bernauer. Die Suppe ist kalt geworden! Ich nehm's fuer
genossen! (Legt das Buch auf den Tisch.) Bischoefliche Gnaden haben
recht, wenig bring ich heraus und gerade die Hauptsachen nicht, die
vom Hippokrates, denn die sind griechisch. Ich muss es so
zuruecktragen.



Neunte Szene

Knippeldollinger (tritt herein). Guten Morgen, Gevatter! Ah! Das
ist wohl ein Buch? Ja?

Caspar Bernauer. Und das ist wohl ein funkelnagelneues Wams?

Knippeldollinger. Nun, wenn alte Leute nichts mehr machen liessen,
wuerde mancher Schneider hungern! (Sieht ins Buch.) Herrje, wie kraus
und bunt! Und das versteht Ihr, wie der Bischof?

Theobald (tritt mit der Flasche ein und macht sich wieder zu tun).

Caspar Bernauer. Ihr muesst immer fragen!

Knippeldollinger. Wie alt das wohl ist?

Caspar Bernauer. Seit der Kreuzigung unseres Herrn und Heilandes
Jesu Christi sind jetzt verflossen
eintausendvierhundertsechsundzwanzig Jahre, aber der Autor dieses
Buches, das ist zu sagen der Urheber, naemlich der Mann, der es
gemacht hat, war schon ueber vierhundert Jahre tot, bevor der Herr auf
Erden im Fleisch unter uns erschien.

Knippeldollinger. Macht an die zweitausend Jahre! Sollte man's
glauben, dass es Leute gibt, die solche Buecher so lange aufheben? Es
ist doch kein Gold! Denkt nur an all die Feuersbruenste und
ueberschwemmungen, an Pestilenz und Seuchen! Sieh, sieh!

Caspar Bernauer. Es gab immer gelehrte Maenner!

Knippeldollinger. Freilich, freilich! Was gab's nicht! Wenn man
das so erwaegt, Gevatter, und gehoerig bedenkt--Ja, ja! Nicht wahr?
Sagt selbst!

Caspar Bernauer. Ich weiss nicht, was Ihr meint!

Knippeldollinger. Ho, ho! Besser, als ich! Damit kommt Ihr mir
nicht durch. Nun, wie Ihr wollt! Wo bleibt denn mein Patchen? Die
Muhme wird schon warten!

Caspar Bernauer. Ja, die hatte Grillen! (Zu Theobald.) Spring
einmal zu ihr hinauf! Bring gleich das Besteck mit! Wir werden's
brauchen.

Theobald (ab).

Knippeldollinger. Ihr geht nicht auch? Wir koennten zusammenruecken!

Caspar Bernauer. Mich kuemmern bei einem Turnier nur die Beulen und
Wunden, und die krieg ich hier schon zu sehen, denn man traegt mir die
Krueppel her!

Knippeldollinger. Aber der Herzog, der Herzog von Bayern-Caspar
Bernauer. Mich luestet nicht nach seiner Bekanntschaft, und ich will
ihm wuenschen, dass er auch die meinige nicht suchen muss, denn dazu
fuehrt nur ein Rippenbruch! Heut abend ist das was anders.

Knippeldollinger. Denkt Euch, hinter der alten Klostermauer, wo mein
Vetter wohnt, hat man letzte Nacht einen Toten gefunden!

Caspar Bernauer. Da ist viel zu wundern! Kommen jemals
Reichsknechte nach Augsburg, ohne dass es etwas gibt?

Knippeldollinger. Wohl! Aber dieser ist so entstellt, dass man ihn
gar nicht mehr erkennen kann!

Caspar Bernauer. So soll man drei Tropfen seines Blutes nehmen und
sie um Mitternacht, mit einem gewissen Liquor vermischt, auf eine
gluehende Eibenkohle traeufeln. Dann wird der Verstorbene im Dampf
erscheinen, wie er leibte und lebte, aber in durchsichtiger Gestalt,
gleich einer Wasserblase, mit einem dunkelroten Punkt in der Mitte,
der das Herz vorstellt.

Knippeldollinger. Ei! Ei! Habt Ihr den Liquor?

Caspar Bernauer. Wenn Ihr ihn haettet, so liesset Ihr's durch den
Ratsweibel ausrufen!



Zehnte Szene

Agnes (kommt im Putz. Theobald folgt).

Knippeldollinger. Sieh da! (Fasst ihre Hand.) Nun bekomm ich sie
doch?

Caspar Bernauer (zu Agnes). Soll ich dir jetzt mit dem Korkstoepsel
ein neues Gesicht machen, wie zum Schoenbartlaufen, da du das alte
nicht gern mehr herumtraegst?

Agnes. Kommt, Gevatter!

Knippeldollinger (fuehrt sie ab, in der Tuer). Wisst Ihr, dass der
Syndikus sich wieder verheiratet? Er ist zehn Jahr aelter, wie ich!

Caspar Bernauer. Ihr irrt, nur fuenf! Viel Vergnuegen! Wenig
Rippenstoesse!

Knippeldollinger (mit Agnes ab).



Elfte Szene

Caspar Bernauer. Alter schuetzt vor Torheit nicht! Nun, Caspar,
nicht hochmuetig, du hast wohl auch deinen Sparren! (Zu Theobald.)
Geh nur auch, aber sei zur rechten Zeit wieder da! Du siehst's ja
schon! Wenn sie einen forttragen!

Theobald (ab).



Zwoelfte Szene

Caspar Bernauer (nimmt das Buch wieder). Ich will's noch einmal
versuchen! Ich schaem mich doch, es so wiederzubringen! Wahrhaftig,
mich aergert der babylonische Turmbau weit mehr, als der Suendenfall,
denn ohne den spraechen wir mit unserer einen Zunge doch auch nur eine
Sprache, und verstaenden uns nicht bloss, wenn wir schreien. Das hat
mich schon in meiner Jugend verdrossen. Wie gern waer' ich als
Geselle in die weite Welt gegangen, ob ich das Einhorntier, den Vogel
Phoenix, die Menschen, die auf Baeumen wachsen, irgendwo zu sehen
bekaeme, oder gar in der Tuerkei, wo sie doch gewiss viele unschuldig
haengen, ein Alraeunchen erwischte! Aber dann dacht' ich immer: du
verstehst die Leute ja nicht und sie dich auch nicht! und blieb
daheim! (Ab.)




Herberge.



Dreizehnte Szene

Herzog Albrecht, Freiherr von Toerring, Nothhafft von Wernberg und
Ritter Frauenhoven, vom Turnier kommend, nebst Knappen und Dienern.
Buergermeister Noerdlinger.

Albrecht. Ich danke jetzt, Herr Buergermeister, ich danke fuer das
Geleite!

Buergermeister. Gestrenger Herr, ich kenne meine Pflicht! (Ruft.)
Wein her!

Nothhafft von Wernberg (zum Herzog). Ihr koennt ihn nicht vor dem
Trunk verabschieden.

Albrecht. Frauenhoven!

Frauenhoven. Was ist's?

Albrecht. Hast du das Maedchen gesehen--Aber, du musst ja, du musst ja!

Frauenhoven. Welche denn?

Albrecht. Welche! Ich bitte dich, geh, ihr nach! Vom Pferd haett'
ich mich geworfen und waere ihr gefolgt, wenn nicht (er zeigt auf den
Buergermeister) der da-Buergermeister (mit einem Pokal). Gestrenger
Herr, die reichsfreie Stadt Augsburg heisst Euch nach ruhmvoll
bestandenem Turnier in Eurer Herberge willkommen, und dankt Euch, dass
Ihr ihre Patrizier einer Lanze gewuerdigt habt.

Albrecht (trinkt). Sie lebe hoch, denn sie verdient's! Ha, wo solch
ein wunderbares Licht der Schoenheit leuchtet--(streift sich mit der
Hand ueber die Stirn) ja, sie verdient's! (Wendet sich.) Frauenhoven,
du bist noch da?

Frauenhoven. Aber-Buergermeister. Verhoffe demnach-Albrecht. Heute
abend auf dem Tanzhaus--das versteht sich! Nichts kann mich
zurueckhalten, vorausgesetzt, dass auch sie--Verzeiht, ich bin ganz
verwirrt! Ein Bote von meinem Vater-Buergermeister. Ich hatte die
Einladung nach Amtspflicht zu wiederholen, muss jedoch als Patrizier
bemerken: es ist nicht bloss Geschlechter-Tanz. Auch die Zuenfte
kommen!

Albrecht. Ich wollte, die ganze Stadt waere da!

Buergermeister. Empfehle mich zu Gnaden! (Ab.)



Vierzehnte Szene

Albrecht (zu Frauenhoven). Und nun, du lieber, lieber Herzensfreund,
schnell, schnell! Oder besser: ihr alle! Du die eine Strasse
hinunter, du die andere, du die dritte!

Frauenhoven. Ihr gabt mir heut morgen den Auftrag, dem Werdenberg
nachzureiten! Er hat Euch Eure Braut, die Graefin von Wuerttemberg,
entfuehrt, wisst Ihr's noch?

Albrecht. Nenne sie nicht mehr!

Nothhafft von Wernberg. Ja, und ich sollte dem Wuerttemberger die
Schluessel von Goeppingen abfordern, weil die Heirat durch die Flucht
seiner Tochter unmoeglich geworden sei, und also das Reugeld
herausgezahlt werden muesse!

Toerring. Und ich sollte nach Muenchen zu Hof und Eurem Vater beides
melden!

Albrecht. Das ist vorbei, das ist, als ob's nie gewesen waere! Ich
jauchze, dass Elisabeth eine Kette zerbrochen hat, die ich sonst
selbst zerbrochen haben wuerde. Ich will nicht einen Dachziegel von
Goeppingen oder einen Pfenning zur Ausloesung, denn ich koennte mir das
Leben, das Atemholen, ebensogut bezahlen lassen, wie meine neue
Freiheit, und was meinen Vater betrifft, so steht mir seit lange eine
Bitte an ihn zu, und das soll die sein: dass er es ganz so verhalten
moege, wie ich!

Toerring. Dieser Wechsel ist rasch!

Nothhafft von Wernberg. Und kostet Bayern fuenfundzwanzigtausend
Gulden!

Albrecht. Ich kenn euch nicht mehr! Knapp', schael mich ab, ich will
selbst fort, und in diesem Aufzug schlepp ich einen Schweif von
Hunderten hinter mir her.

Ein Knappe (entkleidet den Herzog des Panzerhemdes usw.).

Albrecht. Da liegt der Herzog!--Habt ihr Augen? (Schnallt sein
Schwert ab.) Und da der Ritter! Blumen her, dass ich sie vor ihr
ausstreuen kann, wo ich sie finde! (Setzt ein Barett auf.) Wird mich
nun noch jemand erkennen?

Toerring. Ohne Schwert? Jeder wird sich zu taeuschen glauben!

Albrecht (indem er abgeht). Freunde, habt Geduld mit mir! (Ab.)

Toerring. Begreift ihr das?

Nothhafft von Wernberg. Herzog Ernst wird Augen machen! Der besinnt
sich etwas laenger, wenn sich's um den Verlust von
fuenfundzwanzigtausend Gulden handelt.

Frauenhoven. Brueder, richten wir nicht, dass wir nicht gerichtet
werden! Das haben wir alle entweder hinter uns oder vor uns. Wenn
ihr's noch nicht wisst, so seht ihr's jetzt, warum unsre Altvordern
fuer das Weib den Namen Mannrausch erfanden! Doch diesen Rausch
vertreibt man durchs Trinken, wie den andern durch Enthaltsamkeit; je
tiefer der Zug, je rascher die Nuechternheit! Darum muessen wir ihm
beistehen!

Nothhafft von Wernberg. Aber die absonderlichen Reden wollen wir uns
merken, wir koennen sie einmal wieder ausspielen, sei's auch nur, um
uns selbst unsrer Haut gegen ihn zu wehren. "Habt ihr Augen?--Blumen
her!--Ich kenn euch nicht mehr!" Damit belad ich meinen Esel.
Sammelt ihr auf, was heut abend abfaellt, denn ohne Zweifel trifft der
neue Adam seine Eva beim Tanz. Vielleicht ist's der Engel von
Augsburg!

Toerring. Der Engel von Augsburg?

Nothhafft von Wernberg. So nennt man hier eine Baderstochter, Agnes
Bernauer, deren Schoenheit die halbe Stadt verrueckt machen soll.
Wollen wir die Bude ihres Vaters einmal aufsuchen? Wir koennen uns
die Baerte stutzen lassen, und wer weiss, ob wir das Wunder bei dieser
Gelegenheit nicht zu sehen bekommen.

Frauenhoven. Topp!

(Alle ab.)




Grosser Saal im Tanzhause der Stadt.
Festlich geschmueckt mit den Panieren der Zuenfte und den Wappen der
Geschlechter.
Abend. Die Gaeste versammeln sich rasch, die Zunftmeister empfangen.



Fuenfzehnte Szene

Buergermeister Hermann Noerdlinger kommt mit Nothhafft von Wernberg.

Buergermeister. Ja, Herr Ritter, so laeuft nun alles seit jenem
unseligen Katharinen-Abend, wo wir den Poebel mit in den Rat aufnehmen
mussten, bei uns durcheinander! Perlen und Erbsen in einem Sack, der
Herzog wird das Ausklauben muehsam finden, mich wundert, dass er kommt!

Nothhafft von Wernberg. Ihr habt Euch noch immer nicht gewoehnt? Es
ist doch schon lange her.

Buergermeister. Noch nicht lange genug, dass die Hoffnung auf die
Rueckkehr der guten alten Zeit schon ganz erstickt sein sollte. Seht
den Dicken da, das ist der Zunftmeister der Baecker, der macht die
Ehre der Stadt. Seht doch hin! Wenn er dem ankommenden Gast, den er
zu begruessen hat, nicht mit seinem Stierkopf den Brustkasten einstoesst,
so zerschmettert er einem schon anwesenden ganz sicher durch den
Kratzfuss das Schienbein! Was sagt Ihr? Ist's nicht, als wenn ein
Pferd ausschluege? Und das sollte man gewoehnen!

Nothhafft von Wernberg. Ihr haettet Euch besser wehren sollen!

Buergermeister. Wir wurden ueberrumpelt! Kaiser und Reich haetten uns
besser beistehen sollen! Was noetigte die Majestaet, den vermaledeiten
Zunftbrief, der uns abgezwungen wurde, hinterher mit Ihrem Siegel zu
versehen? Wir hatten genug zu tun, dass wir uns nur nicht selbst
unter die Metzger und Handschuhmacher aufnehmen lassen und unsere
alten Namen mit neuen vertauschen mussten. Denn das wurde verlangt.



Sechzehnte Szene

Frauenhoven und Toerring kommen.

Frauenhoven. Da steht der Buergermeister, der kann es uns sagen!
(Tritt zum Buergermeister heran.) Ist es wahr, wie man im Reich
erzaehlt, dass der Boden von Augsburg keine Ratten duldet?

Buergermeister. Gewiss ist es wahr, man trifft dies Ungeziefer nimmer!
Das war schon so zu den Zeiten des Drusus.

Toerring. Kurios!



Siebzehnte Szene

Trompeten.

Buergermeister. Seine Gnaden der Herzog! (Eilt zum Eingang und
begruesst den eintretenden Herzog Albrecht.)

Albrecht (tritt zu Frauenhoven, Toerring und Nothhafft von Wernberg
heran). Da seid ihr!

Frauenhoven. Wir haben den ganzen Nachmittag gesucht-Albrecht. Und
gefunden-Nothhafft von Wernberg. Eben jetzt!

Albrecht. Mich, meinst du! Oh, koestlicher Fund! Ich bedanke mich!

Frauenhoven. Ich strich allein und-Albrecht. Es ging dir besser,
wie mir? Du entdecktest ihre Spur!

Frauenhoven. Ja!

Albrecht. Warum treff ich dich erst jetzt!

Frauenhoven. Dies Maedchen--Oh! Wohl hattet Ihr recht, uns zu fragen,
ob wir Augen haetten!

Albrecht. Du liebst sie auch?

Frauenhoven. Koennt' ich anders?

Albrecht. Frauenhoven, das ist ein grosses Unglueck! Ich glaub's dir,
dass du nicht anders kannst, es waere Wahnsinn von mir, wenn ich
verlangte, dass du entsagen solltest, hier hoert die Lehnspflicht auf.
Aber wahrlich, auch die Freundschaft, hier beginnt der Kampf um Leben
und Tod, hier fragt sich's, in wessen Adern ein Tropfen Bluts
uebrigbleiben soll! Du laechelst? Laechle nicht! Wenn du das nicht
fuehlst, wie ich, so bist du nicht wert, sie anzusehen!

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7
Copyright (c) 2007. topboookz.com. All rights reserved.