Gockel, Hinkel und Gackeleia
C >>
Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 | 9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16
"Salomon du weiser Koenig,
Dem die Geister unterthaenig,
Mach' den Gockel wieder alt,
Zumpig, lumpig, missgestalt,
Mach' Frau Hinkel wieder haesslich,
Zaenkisch, raenkisch, griesgram, graesslich,
Mach' die Gackeleia schmutzig,
Ruppig, stuppig, zuppig, trutzig.
Nehme ihnen Gut und Geld,
Schloss und Ross und Hof und Feld,
Jag' sie wieder Knall und Fall
In den alten Huehnerstall.
Aber uns drei Petschaftstechern,
Bau' ein Haus mit goldnen Daechern,
Mache uns zu Hofagenten,
Hoffactoren, Consulenten,
Rittern und Kommerzienraethen,
Commissaeren und Propheten.
Gieb uns Gold und Geld und Glanz,
Stell' uns hoch in der Finanz,
Mach' uns schoen wie Davids Sohn,
Den scharmanten Absalon,
Mach' uns gluecklich ganz enorm,
Orden gieb und Uniform!
Ringlein, Ringlein dreh' dich um,
Mach' es schoen, wir bitten drum.
Waehrend sie so am Ring drehten, entstand lautes Murren und Lachen und
Schimpfen unter dem versammelten Volk. "Ei, seht den alten Bettler,
die alte schmutzige Bettlerin, das schmutzige freche Kind, nein das
ist unverschaemt; jagt sie fort, pratsch, pratsch, wie sie die Eier
zertreten!"--und bald ward das Geschrei und Getuemmel so allgemein,
dass der Koenig Eifrasius und die Koenigin Eilegia und der Prinz
Kronovus ihre Binden von den Augen rissen, und wie erstaunten sie
nicht, als sie den Raugrafen Gockel und die Frau Hinkel und Fraeulein
Gackeleia, die vorher so schoen und jung, und praechtig gekleidet
gewesen waren, in eine alte, haessliche, zerrissene Bettlerfamilie
verwandelt sahen, welche alle Eier auf dem koestlichen Teppich
zertreten hatten; auf ihr unwilliges Geschrei rissen nun auch diese
Ungluecklichen die Binden von den Augen, und fiengen an, bitterlich zu
weinen und zu klagen ueber ihren verwandelten Zustand, denn sie
erkannten sich kaum mehr wieder. Gockel griff nach seinem Ring
Salomonis und drehte, aber der falsche verwechselte Ring vermochte
nichts; da sah er den Ring an und erkannte, dass er ausgetauscht war,
und schrie laut aus: "o weh mir! ich bin verloren, ich bin um den
Ring betrogen!"
Er wollte eben dem Koenig Eifrasius zu Fuessen fallen und ihm sein
Unglueck klagen, aber dieser stiess ihn zurueck, zog sein Schwert und
stiess einen Schwur aus, auf welchen seine Adjutanten, ihn in jedem
Falle zurueckzuhalten, perennirenden Befehl hatten, damit er nicht das
Alleraeusserste thue. Die Koenigin Eilegia war so entsetzt, dass sie
unter Glucksen und Schluchsen in Nerven-Zuund Umstaende und in die
Arme der Ober--und Unter-Eiermarschallin ohnmaechtig sank. Gockel und
Hinkel welche diese Erscheinungen theils aus frueherer Erfahrung,
theils aus den Annalen der leidenden Menschheit kannten, nahmen die
Beine auf die Schultern und liefen davon, um so mehr und schneller
aber, als die Mitglieder der k. Hofkapelle erstaunliche Leistungen,
mit Eiern nach ihnen werfend, gegen sie zu Stande brachten, worin sie
von der hochloeblichen Gelnhausener buergerlichen
Scharfschuetzen-Compagnie patriotisch unterstuetzt wurden, nachdem der
wachsame Stadthuermer zu Huelfe geblasen hatte.
Das hoffnungsvolle Prinzchen Kronovus allein statuirte abermals ein
Exempel seines standhaften Charakters. Als Gackeleia die Eltern alt,
haesslich und verlumpt fliehen und sich selbst schmutzig und zerrissen
sah, schrie sie weinend: "ach Kronovus, ach wie bin ich so schmutzig
und wa wa geworden! wer hat mich so schmutzig gemacht?" da reichte
mit schoener Fassung ihr Kronovus sein Schnupftuch mit den Worten: "da
Gackeleia wische dich schoen ab und putze dir die Nase tuechtig, so--so,
das ist brav, da hast du auch dein Koerbchen, ich hab dirs beim
Tanzen aufgehoben."--dann warf er ihr noch einen Thaler in die
Schuerze--"da hast du mein Taschengeld. Samstag Abends hinten am
Entenpfuhl, wo die Vergissmeinnicht stehen, sollst du immer ein Ei
finden, worauf Vivat Gackeleia steht, und worin mein Taschengeld
steckt, das hole dir!"--dann zog er eine Bretzel hervor und sagte:
"ziehe!"--da zogen sie, und jedes riss ein Stueck davon;--und einen
Bubenschenkel und sprach: "reisse!" und jedes riss die Haelfte davon;
dann sprach er: "jedes von uns bewahre seinen Theil, und wenn wir uns
wieder sehen und jeder bringt seinen Theil wieder, und die Stuecke
passen noch huebsch zusammen, dann sind wir recht brave, treue
Spielkameraden gewesen, und ich schwoere dir, wie du mir, bei dem Grab
des alten Urgockels, von dem du mir erzaehlet hast, dass wir dann immer
beisammen bleiben wollen!"--da hoben sie beide die Haende auf und
schworen.--Gackeleia weinte in dem feierlichen Momente und wollte
Kronovus umarmen, da rief Gockel: "Gackeleia tummle dich geschwind,
der Bettelvogt koemmt!"--worauf Kronovus diesem zurief: "halte er sich
zurueck, Meister Schelm, ich werde das Comtesschen selbst fortfuehren";
in demselben Augenblicke kam aber ein Adjutant des Eifrasius,
forderte dem Prinzchen seinen Degen ab und fuehrte ihn fort in das
koenigliche Oberhof-Ofenloch. Kronovus aber sagte vorher noch dem
Bettelvogt: "dass er sich nicht untersteht, meine liebe Spielkameraedin,
das Comtesschen anzuruehren!" reichte ihr die Hand und sprach: "leide
geduldig, aber jetzt laufe, was du kannst!" da lief Gackeleia, was
giebst du, was hast du? ihren Eltern mit ihrem Koerbchen nach, und der
Bettelvogt begleitete die unglueckliche Familie, mehr um sie mit
seinem ausgespannten Regenschirm gegen den Regen von Eiern zu
schuetzen, welchen die unartigen Gassenbuben auf sie schleuderten, als
dass er sie fortgetrieben haette. Auf dem Eiercirkus war grosse
Verwirrung eingetreten; der Koenig Eifrasius war allzusehr ausser sich,
die Koenigin Eilegia allzusehr inner sich gekommen. Eifrasius hatte
sein Schwert gezogen, er wollte dem Gockel ans Leben, er strampelte
mit allen vier Fuessen, da er aber den allerhoechsten Familienschwur
ausstiess: "in Kraft sechzig destillirter Eierschnaepse, ich fresse den
Kerl auf einem Butterbrod!" so fassten ihn der Kommandant der
Leibgarde unter den Armen und der Obrist des Garde-Zwergen-Korps
hielt ihm ein Bein fest, bis die erste Courage beruhiget und die
Aussersichkeit wieder nach Haus gekommen war. Die Koenigin Eilegia
forderte noch groessere Anstrengung, um sie aus ihrer Innerlichkeit
wieder ans Tageslicht zu bringen; sie war in sich selbst, wie in
einen tiefen Ziehbrunnen, vor Schrecken hinabgestuerzt. Die Nerven,
an welchen bekanntlich der goldene Eimer haengt, in dem die Seele des
Menschen sitzt, waren bei Eilegia von so grosser Zartheit und Feinheit,
dass sie vor Schrecken zerrissen und die hehre Seele mit sammt dem
goldenen Eimer tief, tief, tief in ihr schoenes Gemueth hinunter
plumps'te. Eilegia war unter einem lauten Schrei: "horreur! welche
Bettelbagage!" der Oberhof-Eiermarschallin ohnmaechtig in die Arme
gesunken. Nur den vereinten Anstrengungen der Akademie der
Rettungswissenschaften fuer Verunglueckte, welche sogleich eine
ausserordentliche Sitzung hielt, gelang es, die theure Innige wieder
zurueckzurufen; die geheime Kammer-Schnuerdame schnuerte sie auf, um
ihrem hehren Gemuethe mehr Luft zu geben; der so ganz fuers Vaterland
gluehende Oberhof-Osterhaas legte sinnig in kuerzester Baelde ein
frisches Osterei mit der Inschrift: "Vivat Eilegia!", mit welchem die
Ohnmaechtige angestrichen ward; und der fuer das Besste der leidenden
Menschheit immer auf dem Sprung stehende Leibchirurg und
Aderlassschnepper rief die Seele der edeln, sinnigen, innigen Eilegia
durch eine, mit eben so viel Geschmack, als Wirkung, mit eben so viel
Grazie als Praezision geleistete Blutentlassung wieder aus der innern
Tiefe ihres herrlichen Gemuethes auf ihr edles Antlitz zurueck--ach!
--und ihr erstes schoenes Thun war, ihre geliebten Gelnhausener
anzulaecheln. Die Hofkapelle spielte eine patriotische Dankgallopade,
unter welcher Eifrasius und Eilegia in zwei Portchaisen sitzend in
die Eierburg zurueckwalzten, um sich ganz zu erholen; Prinz Kronovus
aber musste die Nacht im Oberhof-Ofenloch bei Bisquit-Torte und suessem
Wein einen strengen Arrest aushalten.
Alles Volk zog nach Gelnhausen laermend zurueck, um Gockels Palast zu
pluendern und dem Boden gleich zu machen, aber sie kehrten unterwegs
so oft in den Wirthshaeusern ein, dass sie erst in tiefer Nacht auf dem
Markte ankamen, wo ihnen der Nachtwaechter entgegen sang:
"Hoert ihr Herrn und lasst euch sagen,
Die Glocke hat zwoelf Uhr geschlagen,
Aber das ist noch gar nicht viel
Gegen ein Schloss, das in Staub zerfiel;
Hier hat's gestanden lang und breit,
Wir leben in wunderbarer Zeit;
Der Markt ist leer als wie zuvor,
Die Kuh steht wieder vor dem alten Thor,
Schaut an ihr Herren dieses Wunder
Gieng schnell, wie es entstanden, unter;
Bewahrt das Feuer und das Licht,
Dass nicht der Stadt selbst Unglueck g'schiecht,
Und lobet Gott den Herrn."
Wirklich war auch das herrliche Schloss Gockels und alle seine Gaerten
und Alles, was darin war, mit Mann und Maus verschwunden; auf dem
Markte plaetscherte der alte Stadtbrunnen, als wenn er gar nichts
wuesste. Die guten Buerger giengen nach Hause, nachdem sie lange in die
leere Luft geschaut hatten, und ueberlegten, wo sie mit allen ihren
Semmeln und Braten hin sollten, da der grosse Hofstaat Gockels nicht
mehr bei ihnen einkaufen wuerde.--Die guten Gelnhausener konnten aber
doch nicht viel schlafen, denn der Buergermeister hatte von der
Eierburg bis auf das Rathhaus eine lange Reihe von Nachtwaechtern
aufgestellt, welche sich einander zubliesen, wie Eifrasius und
Eilegia sich befaenden, was der Leibarzt alle Viertelstunden auf der
Schlosswache melden liess, und was die Nachtswaechter sich in der ganzen
Stadt wieder zufluesterten, wozu die unzaehligen Metzgerhunde bellten
und heulten und alle Haehne kraehten. Es war eine beispiellos
angestrengte, theilnahmvolle, schlaflose, patriotische Nacht fuer
Gelnhausen. Kaum hatten die Buerger die Schlafkappen aufgesetzt, als
ploetzlich alle Nachtwaechter an den Fensterladen pochten und ausriefen:
"Patriotisches Gelnhausen jubilire,
Deine Fenster gleich all' illuminire,
Hochloebliche staedtische Metzgerschaft
Beurkunde jetzt deiner Treue Kraft;
Liefre Schweinsblasen viel und billig,
Zeig' edles Gelnhausen dich willig,
Lass' donnern den hehren Feierknall,
Erfuelle die Nacht mit Freudenschall;
Eifrasius und Eilegia theuer
Geruhen harmonisch ungeheuer
Zu ruhen, zu schlafen und zu schnarchen,
Wer kanns ihnen unterthaenigst verargen?
Es war ja, was ich schier heiser sag,
Wohl gestern fuerwahr ein heisser Tag.
Prinz Kronovus im Oberhof-Ofenloch
Ist ganz wohl auf und singt munter noch:
"Gackeleia, liebste Gackeleia mein,
"Wann werden wir wieder beisammen seyn."
Postskriptum.
"Jetzt allgemeine Illumination,
Nebst grosser Blasendetonation;
Morgen frueh vor dem Hanauerthor
Grosse Parade vom Nachtwaechterchor,
Dann nach Eierburg Deputation
Vom weissgekleideten Bataillon
Der Maedchen, Blumen zu streuen,
Sie koennen heute Nacht noch heuen
Im Mondschein auf staedtischer Weide;
Dass keinen Schaden doch leide
Die Au buergermeisterlicher Schafe
Wird geboten bei fuenf Gulden Strafe."
Auf diese Bekanntmachung hatten schon mehrere Buerger ihre
Nachtlichter ans Fenster gestellt, da kam ein anderer Befehl:
"Der Patriotismus soll sich noch fassen
Und alles Obige unterlassen;
Nach einem aerztlichen Consulte
Sind zu vermeiden alle Tumulte.
Ein Genesungsfest in leisester Stille
Ist Eifrasii allerweisester Wille."
Die guten Buerger waren so mued und schlaefrig, dass sie ihren
Patriotismus diesmal beruhigen liessen, und ganz Gelnhausen in das
tiefe Schnarchen der Eierburger einstimmte.--Auf dem Markt am
folgenden Tag stieg der Eierpreis um 3 und 7/87 Procent. Der arme
Gockel, die arme Frau Hinkel, die arme Gackeleia zogen wieder wie
ehedem durch den wilden Wald nach dem alten Schloss; aber sie waren
viel trauriger und redeten kein Wort, ja Frau Hinkel hatte gar die
Schuerze ueber den Kopf gehaengt, weil sie sich schaemte, so haesslich
geworden zu seyn. Als sie auf einer Hoehe angekommen waren, wo man
Gelnhausen noch einmal sehen konnte, drehte sich Gockel um, und
sprach: "unseliger Ort, wo ich um den koestlichen Ring Salomonis
betrogen ward; abscheulicher, undankbarer Eifrasius, wie schaendlich
hast du mich in meinem Unglueck verstossen, und hast nicht daran
gedacht, mir die hundert Stueck neue Gockeld'ors wieder zu geben, die
du in gluecklicher Zeit von mir geborgt." Frau Hinkel aber rief aus:
"o Koenigin Eilegia! wie manches indianische Vogelnest sammt den Eiern
habe ich dir zum Geschenk gemacht, wie viele Eierspeisen habe ich
dich bereiten gelehrt, wie viel hundert Ostereier habe ich dir mit
schoenen Blumen und Blaettern bunt gesotten, die schoensten Muster zu
Hauben und Garnituren a l'oeff de Puffpuff habe ich dir mitgetheilt,
und nun, da wir den Ring verloren und arm geworden, laessest du
Undankbare mich zerlumpt und hungernd ueber die Graenze fuehren!"--Nun
erhob auch Gackeleia ihre Stimme und sprach: "Ach du herzliebes
Prinzchen Kronovus, du bist doch der Beste von Allen, du hast mir
deinen Thaler geschenkt und dein Taschentuch gereicht, dass ich mich
abwischen konnte; du willst mir dein Taschengeld alle Sonnabend am
Entenpfuhl bei den Vergissmeinnicht in ein Ei verstecken; ach, du bist
doch mein guter Kronovus geblieben und hast die arme, schmutzige
Gackeleia nicht von dir weggestossen. Ach, es thut mir recht leid,
dass ich in der Angst vergessen, dir meine herrliche Puppe zum
Andenken zu schenken."
Kaum hatte Gackeleia das Wort Puppe ausgesprochen, als Gockel zornig
nach ihr blickte und sprach: "du unseliges Kind! du hast eine Puppe?
welche Puppe? woher hast du die Puppe? weisst du nicht mehr das
Urtheil bei dem hochnothpeinlichen Halsgericht wegen der Ermordung
Gallina's, dass du von nun an und nimmermehr keine Puppe haben darfst!
--ach, ich ahnde die Ursache meines Verderbens!" Und da er hierauf
die kleine Gackeleia ergreifen wollte, lief sie vor dem erzuernten
Vater nach dem aeussersten Rande eines Felsens hin, der ueber einen
schroffen Abhang hinausragte. Frau Hinkel schrie: "um Gotteswillen,
das Kind faellt sich zu Tode!" und hielt Gockel beim Arme zurueck.
Gackeleia aber kniete auf dem aeussersten Rande des Felsens, breitete
ihre Aermchen gegen den Vater aus und sprach:
"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei,
Oder Gackeleia klein
Springt und bricht sich Hals und Bein!"
Da bat die Frau Hinkel den Gockel sehr, er solle dem Kind verzeihen,
und Gockel sagte: sie solle nur Alles erzaehlen, was sie angestellt,
er werde sie nicht umbringen. "Erzaehle Gackeleia", sagte die Mutter,
"wo hast du eine Puppe herbekommen?" Da war Gackeleia in grosser
Angst, denn der Vater riss waehrend der Erzaehlung an einer Birke, die
bei dem Felsen stand, dann und wann ein Zweiglein ab, und es sah so
ziemlich aus, als wenn er, wo nicht einen Besen, doch wenigstens eine
Ruthe binden wolle; aber was half Alles, das Kind musste sprechen und
sprach:
"An mein Gaertchen kam heut Morgen
Ein alt Maennchen ganz voll Sorgen,
Liess vor mir im Tanz sich drehn
Ach! ein Pueppchen, wunderschoen."
"Da haben wir es", rief Gockel und riss ein starkes Birkenreis ab, "da
haben wir die saubere Bescheerung, eine Puppe, o es ist
himmelschreiend!" Gackeleia aber sagte geschwind:
"
Keine Puppe, es ist nur
Eine schoene Kunstfigur,
Eine kleine Gaertnerin,
Lehrerin und Taenzerin,
Wirthin, Hirtin und so weiter,
Jede hat besondre Kleider."
"Abscheulich, abscheulich!" sagte Gockel, aber Gackeleia fuhr fort:
"Allerliebst, kaum auszusprechen,
Mir wollt' schier das Herz zerbrechen
Nach dem schoenen Wunderding;
Als es an zu laufen fieng,
Als die Raeder in ihm knarrten,
Wollt' es zu mir in den Garten,
Lief am Gitter hin und her,
Als ob es lebendig waer'.
Und ich glaubt' des Alten Schwur,
Dass es eine Kunstfigur,
Dass es keine Puppe sey,
Dacht' nichts Arges mir dabei."
"Schoene Ausreden", sagte Gockel unwillig und riss wieder ein
Birkenreis ab; Gackeleia gefiel das gar nicht, und sie sagte:
"Vater, bitte, bitte schoen,
Lass das Birkenreis doch stehn,
Ach ich sorg' vor Angst verwirrt,
Dass es eine Ruthe wird."
Da sprach Gockel ernsthaft:
"Gackeleia glaub' du nur,
Dass es eine Kunstfigur,
Dass es keine Ruthe sey,
Denk' nichts Arges dir dabei."
Da sagte Gackeleia:
"Kunstfigur von Birkenreis?
Ach du machst mir gar zu heiss!"
Und Gockel sagte:
"Kunstfigur fuer Kunstfigur,
Ruthe fuer die Puppe nur."
Da ward Gackeleia wieder sehr betruebt und schrie wieder ganz
erbaermlich:
"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei,
Oder Gackeleia klein,
Springt und bricht sich Hals und Bein!"
Frau Hinkel bat sehr, und Gockel sagte: "ich werde sie nicht
umbringen, sie soll nur erzaehlen, was der Alte weiter gesagt hat, und
was sie ihm fuer die Kunstfigur gegeben hat." Da fuhr Gackeleia fort:
"Ach der Alte weinte sehr,
Haett' nicht Vater, Mutter mehr,
Bruder nicht, noch Schwesterlein,
Keinen Sohn, kein Toechterlein,
Keinen Vetter, keine Base,
Nichts als eine lange Nase,
Einen Bart ganz weiss und lang,
War betruebt und angst und bang."
"Der alte Schelm", rief da Frau Hinkel aus und riss nun auch ein
starkes Birkenreis ab, "der alte Schelm ist schuld, dass ich auch
wieder eine so haessliche lange Nase habe." Und Gockel sagte: "Schau,
Frau Hinkel, jetzt merkst du auch, was wir ihm zu danken haben, du
die Nase und ich den Bart. O unglueckselige Kunstfigur, was sind wir
fuer abscheuliche Figuren durch dich geworden. Aber erzaehle weiter
Gackeleia, was wollte er fuer die Puppe"? Da erwiederte Gackeleia mit
grosser Angst:
"Fuer die schoene Kunstfigur
Wollt' in deinen Ring er nur
Einmal ein klein bischen blicken,
Seinen Kummer zu erquicken."
"O du abgefeimter Gaudieb", rief Gockel aus, "o du unseliges,
leichtsinniges, spielsuechtiges Kind!--und da zogst du mir den Ring im
Schlafe ab, und gabst dem Schelmen den Ring, sprich, sprich, hast du
das gethan? sprich gleich, oder ich werfe dich auf der Stelle vom
Felsen hinab." Da rief Gackeleia wieder in grosser Angst:
"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei;
Ja als Vater Gockel schlief,
Mit dem Ring ich zu ihm lief,
Doch er sah nicht lang hinein,
Gab zurueck den Edelstein,
Den ich schnell zurueckgebracht,
Eh' der Vater aufgewacht.
Ach ich will's nicht wieder thun,
Einmal ist das Unglueck nun
Durch mich boeses Kind geschehn.
Werdet ihr die Puppe sehn--
Nein nicht Puppe, es ist nur
Eine schoene Kunstfigur,
Ganz natuerlich nach dem Leben--
Ach ihr muesst mir dann vergeben."
Und nun nahm sie die Puppe aus ihrem Koerbchen, das sie am Arm haengen
hatte, zog das Uhrwerk auf, und die kleine Reisende schnurrte so
artig zwischen dem Thymian auf dem Felsen herum, dass Gackeleia ihr,
in die Haende patschend, nachlief. Da erwischte der alte Gockel das
Kind beim Arm und sagte: "Nun habe ich dich, habe ich dir nicht
tausendmal verboten, meinen Ring ohne meine Erlaubniss anzuruehren? Du
hast ihn aber dem alten Betrueger gegeben, und der hat ihn mit einem
andern vertauscht, der keinen Heller werth ist, und so hast du deine
Eltern und dich in Schande und Armuth gebracht durch deine Begierde
nach einer elenden Puppe". Da schrie Gackeleia ganz erbaermlich:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schoene Kunstfigur.
Vater, Vater lass mich los!
Ach sie laeuft durch Stein und Moos
Von dem Fels in vollem Lauf,
Mutter Hinkel halt' sie auf!
Dass sie nicht den Hals zerbricht;
Denn sie kennt die Wege nicht."
Die kleine Puppe lief auch ganz wie toll den Felsen hinunter, und
Frau Hinkel wollte sie aufhalten, aber glitt auf dem glatten Rasen
aus und rutschte ein ziemlich Stueck Weg hinab. Darueber wurde der
alte Gockel noch viel ungeduldiger und sagte: "nun sieh, das Unglueck,
deine Mutter bricht noch schier ein Bein ueber der abscheulichen Puppe.
Recht muss seyn, du hast unverzeihlich gefehlt; jetzt waehle
Gackeleia: entweder kriegst du hier recht tuechtig die Ruthe, oder du
laesst die Puppe laufen", und da Gackeleia wieder schrie:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schoene Kunstfigur,
Nach der Uhr und nach der Schnur,
Und ein Maeuschen von Natur."-legte Gockel sie ueber das Knie und gab
ihr tuechtig die Ruthe mit den Worten:
"Keine Ruthe, es ist nur
Eine Birken-Kunstfigur,
Und du kriegst sie nach der Schnur,
O du Nichtsnutz von Natur!"
Und Gackeleia schrie:
"Mutter halt', o Jemine!
Halt' sie auf, sie thut sich weh."
Und Gockel schlug immer zu und schrie:
"Fitze, fitze, Domine
Thut die ganze Woche weh!"
Er haette auch noch laenger zugeschlagen, aber Frau Hinkel schrie so
erbaermlich, sie koenne nicht wieder herauf, dass Gockel das Kind los
liess und hinabgieng, ihr zu helfen. Kaum aber war Gackeleia los, so
ruettelte und schuettelte sie sich ueber die fatale Kunstfigur, die sie
empfunden hatte, und lief ihrer fluechtig gewordenen schoenen
Kunstfigur nach, die sie eben unten im Thale ueber den Steg eines
Baches laufen sah; die Puppe lief, als ob sie vier Beine haette, ueber
den Steg und links um und in den Wald hinein und Gackeleia immer
hinter ihr drein.
Gockel hatte indessen Frau Hinkel durch einen Umweg wieder auf die
Hoehe hinauf gebracht, und sie klagten sich unterwegs einander, wie
der Schelm, der sie durch Gackeleia's Spielsucht um den koestlichen
Ring Salomonis gebracht, gewiss einer von den alten Petschierstechern
sey, die ihn einst um den Hahn Alektryo hatten betruegen wollen. Als
sie unter solchen Reden auf den Fels zurueckkamen und die Gackeleia
nicht mehr sahen, riefen sie nach allen Seiten nach dem Kinde, aber
nirgends hoerten und sahen sie etwas von ihr. Da ward ihr Kummer um
allen ihren Verlust in eine grosse Sorge um ihr Kind verwandelt, sie
liefen hin und her und schrieen durch den Wald: "Gackeleia, Gackeleia!"
und wenn das Echo wieder rief. Eia, Eia! glaubten sie, das Kind
antworte, und so verirrten sie sich immer tiefer in der Wildniss, bis
sie endlich beide, ach aber ohne Gackeleia, sich bei ihrem
Stammschlosse wieder fanden. Die Voegel wachten alle auf und flogen
wie alte Bekannte um sie her und gruessten sie, aber Gockel und Hinkel
riefen immer in alle Buesche hinein:
"Gackeleia, komm doch nur,
S'ist ja eine Kunstfigur,
Komm' es soll dir nichts geschehn,
Wenn wir dich nur wieder sehn."
Aber keine Antwort von keiner Seite. Da sassen die zwei armen Eltern
auf der Schwelle des alten Huehnerstalles nieder und weinten die ganze
Nacht bitterlich, und alle Voegelein weinten mit. Am Morgen aber
schnitt sich Gockel einen tuechtigen Knotenstock und gab auch der Frau
Hinkel einen und sagte: "Liebe Frau! wir sind arme Leute geworden;
aber es gebuehrt einem Raugrafen Gockel von Hanau und einer Raugraefin
Hinkel von Hennegau nicht, im Ungluecke zu verzweifeln; lass uns auf
Gott vertrauen und unser Fraeulein Tochter Gackeleia durch die weite
Welt suchen, und sollten wir unterwegs Hungers sterben. Geh' du
links, und ich geh' rechts. Alle Monate kommen wir hier wieder
zusammen und sagen uns einander, was wir entdeckt haben, dabei koennen
wir zugleich dem Dieb unsers Ringes nachforschen." Frau Hinkel war
das zufrieden, sie umarmten sich beide unter bitteren Thraenen und
wanderten dann auf getrennten Wegen, Herr Gockel rechts, Frau Hinkel
links. Und wenn sie in die Doerfer oder Staedte kamen, sangen sie vor
allen Thueren:
"Habt ihr nicht ein Kind gesehn?
Ein klein Maegdlein wunderschoen,
Blaue Augen, rothe Backen,
Zaehnchen weiss zum Nuesseknacken,
Einen rothen Kirschenmund,
Frisch und froh und dick und rund,
Glaenzend wie ein Mandelkern,
Huepft und spielt und singt so gern.
Es hat einen blonden Zopf,
Einen Strohhut auf dem Kopf,
Traegt auch eine alte Juppe
Und laeuft hinter einer Puppe
Her und schreit, es sey ja nur
Eine schoene Kunstfigur.
Barfuss laeuft es ohne Schuh,
Fragt man es, wie heissest du?
Sagt es gleich ganz freundlich: "Eja
Ich bin Gockels Gackeleia."
Ach das Kind hab' ich verloren
Und hab' einen Eid geschworen,
Nicht zu ruhn, bis ich das Kind
Gackeleia wieder find'!"
Aber immer sagten die Leute:
"Wir haben so kein Kind gesehn,
Ihr armer Mensch muesst weiter gehn;
Da habet ihr ein Stuecklein Brod,
Gott helfe euch in eurer Noth!"
Da nahmen sie dann das Brod, die armen Eltern, und assen es mit
Thraenen und setzten ihren Stab traurig weiter.
So waren sie schon dreimal wieder in dem alten Schlosse ohne Gackeleia
zusammen gekommen, hatten mit grossem Jammer im alten Huehnerstall
geschlafen, und sich ihre vergeblichen Nachforschungen einander
mitgetheilt. "Ach Gott", sagte Frau Hinkel, "das arme Kind ist gewiss
umgekommen, haettest du es doch nicht so hart wegen der Puppe
behandelt." Da erwiederte Gockel: "Und haettest du besser auf sie
Acht gegeben, so haetten wir den Ring und das Kind nicht verloren;
nichts ist leichter zu sagen, als--haettest du. Lasse uns lieber auf
dem Grabe des Alektryo in der Kapelle recht herzlich beten, dass wir
das Kind morgen zum viertenmale nicht vergebens suchen moegen."
Hierauf giengen sie nach der Kapelle und beteten recht eifrig, legten
sich dann auf ihr Mooslager und schliefen einen gar suessen Schlaf und
traeumten von Gackeleia.
Gegen Morgen hoerte Gockel noch halb im Schlafe etwas um sich her
rasseln, es war noch sehr dunkel in dem Stalle; aber er sah etwas an
der Erde hinlaufen und verschwinden, er stiess Frau Hinkel und sagte:
"Mir war gerade, als wenn die fatale Puppe der Gackeleia vorueber
gelaufen waere." Da sprach eine Stimme:
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 | 9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16