Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Kann die Spinnen nicht bedauern,
Die so auf die Mueckchen lauern."
Der Alte:
"Guck', hier bei dem letzten Gloeckchen
Haengt ein lust'ges, rothes Roeckchen,
Fallhut, Rassel, rothe Schuh'
Und ein Pueppchen auch dazu,
An Figur und Art und Sitten,
Wie ihr aus dem Aug geschnitten.
Wenn sie spielt die Kinderrolle,
Huepft dies Pueppchen hinter drein,
Und sie neckt es: Molle, Molle!
Weil es nicht wie sie so fein.
Kind und Pueppchen wetten dann,
Wer von ihnen beiden kann
Suesser: "bitte, bitte" sagen,
Dass Mama nichts ab kann schlagen.
Und dann spielt das Kind Verstecken,
Mit dem Pueppchen sich zu necken,
Thut sich mit dem Schurz bedecken,
Ruft: "Wu Wu", es zu erschrecken.
Hierauf streut das noch verhuellte
Kind, den Voeglein die Brosamen,
Womit es die Saeckchen fuellte,
Und sie rathen seinen Namen:
Klandestinchen? Schirosellchen?
Penseroeschen? Hirondellchen?
Kaschettinchen? Allerleja?
Und das Kind spricht: "Eja! Eja!
Gukuk! gukuk--nit da, nit da!"
Laesst sie fressen aus der Hand."
Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Aber ich ruf', um zu necken,
Girri, girri beim Verstecken."
Nun drehte der wunderliche Alte seinen Schellenschirm wieder klingend
im Kreis und machte ihn dann ploetzlich vor den Augen Gackeleia's zu,
der das Herz flog vor Begierde nach der Puppe und all den schoenen
Kleinigkeiten.--"Ach die Puppe, die Puppe, ach die schoenen Kleider",
sagte sie einmal ueber das andremal, "ach duerfte ich sie nur ein
bischen haben, nur ein klein bischen! bitte, bitte, bitte!"
"Halten Sie ein Comtesschen," sagte der Alte: "halten Sie ein, es wird
mir so ruehrend, mein Herz laeuft mir aus; ich kann das Lamentiren
nicht hoeren von einem so artigen Frauenzimmerchen; wollen Sie mir
eine kleine Freundschaft erweisen, nur ein bischen, ein bischen, so
sollen sie die Puppe und die schoenen Kleidchen haben fuer immer, fuer
immer! bitte, bitte, bitte!"
"Die Puppe haben?" sagte Gackeleia mit grossem Schmerz und rang die
Haendchen, "ach edler Mann! Gackeleia darf keine Puppe haben, nie,
nie! Gackeleia hat Schurrimurri zu Gallina gefuehrt, Gallina ward
erwuergt, und Gackeleia ward verurtheilt: nie, nie eine Puppe haben zu
duerfen--ach und ich haette diese so gern! ach nur ein bischen, ein
bischen, bitte, bitte!"
Waehrend Gackeleia so wehklagte, machte der Alte seinen Schirm bald
halb auf, bald wieder zu, so dass alle die schoenen Kleidchen immer vor
den Augen des Kindes herumflatterten, und sagte dann: "ein grausames
Urtheil, ein hartes Wort, da muesste sich ein Stein erbarmen, wider die
Natur, wider die Menschheit, wider alle Sinnlichkeit fuer religioese
Gefuehle! ein Kind, ein so schoenes, liebes Comtesschen soll keine Puppe
haben?--hat doch jed Huendchen sein Knoechelchen, hat doch jed Kaetzchen
sein Maeuschen, womit es spielt!"--"Schweig still, schweig still",
sagte Gackeleia, "sag nichts von den Kaetzchen, ach die Kaetzchen sind
eben daran Schuld, dass ich keine Puppe haben darf!--aber es geht
nicht, es geht nicht, ich haette diese doch gar zu gern, ach nur ein
Bischen, bitte, bitte!" Da fieng Gackeleia an zu weinen, und der
gefuehlvolle Alte, der unter einem rauhen Aeussern ein zartes
kindliches Herz im Busen zu tragen hatte, weinte, oder ich muesste mich
sehr irren, mit.
"Comtesschen", sagte er, "ich halte das Mitleid nicht laenger aus, mir
wird wie der grosse Dichter in der Poesie sagt:
Liebes Kind! was soll mir das?
Wein' nicht so, du wirst ganz nass,
Ich muss lachend dir gestehen,
Gleich werd' ich dich trocken sehn."
"Comtesschen, wischen Sie sich die Augen, putzen Sie sich die Augen,
putzen Sie sich das Naeschen an die Schuerze, aber an der innern Seite,
damit man's nicht sieht; Heimlichkeit, Verborgenheit sitzt ganz still
und koemmt doch weit. Jetzt geben Sie acht: verbietet uns der Herr
Doctor das Bier, so trinken wir Gerstensaft, die Aepfel, essen wir
suesse Pomeranzen, das Brod, essen wir Kuchen--verstehen Sie Comtesschen,
jed Ding will sein Sach haben, man muss dem Beil einen Stiel suchen
und dem Kind ein Pueppchen."-"Ach! ich darf aber keine haben",
jammerte Gackeleia, "gewiss, gewiss, ich darf keine Puppe haben"!--"Ganz
gut", sagte der Alte, "bei Leibe nicht! Gehorsam muss seyn, aber
koennen das Comtesschen lesen? schauen Sie da oben auf die Inschrift
ueber meinem chinesischen Sonnenschirm, was steht da geschrieben? denn
man muss immer sehen, was geschrieben steht." Da fieng Gackeleia an
zu buchstabiren: k. e. i. kei, n. e. ne keine u.s.w.--keine Puppe,
sondern nur eine schoene Kunstfigur--und sie guckte den Mann und dann
wieder die Puppe in seinem Guertel mit grossen Augen an und sprach:
"wie, das waere keine Puppe? keine Puppe?"
Nun nahm der Alte die Puppe aus seinem Guertel in seine Hand und sagte:
"Mit Verstand sind wir erschaffen,
Menschen haben nicht, wie Affen,
Alles nur gleich nachzumachen;
Zu begruenden sind die Sachen.
Und so werd' ich auch beweisen,
Dass dies nicht kann Puppe heissen,
Dass Comtesschen ohne List
Sie darf haben, denn es ist
Keine Puppe, sondern nur
Eine schoene Kunstfigur
Nach der Schnur und nach der Uhr,
Und ein Maeuschen von Natur.
Eine Puppe steht ganz starr,
Aber hier der liebe Narr,
Hat da an dem Kettchen fein
Zu der Uhr ein Schluesselein.
Ich zieh' auf--horch--knirr, knirr, knirr!
Sieh', schon geht sie in's Geschirr!
Wackelt mit dem klugen Koepfchen,
Schuettelt ihre Seidenzoepfchen,
Regt die Aermchen hin und her,
Bis die Stund vorueber waer'.
Alles, Alles nach der Schnur,
Alles, Alles nach der Uhr
Thut kein Pueppchen, sondern nur
Eine schoene Kunstfigur."
"Ja", sagte Gackeleia, "das ist einmal richtig, keine Puppe, sondern
nur eine schoene Kunstfigur"; und der Alte fuhr fort:
"Eine Puppe kann nicht laufen,
Man muss staets herum sie schleppen,
Diese rennt auf Flur und Treppen
Jede Puppe ueber'n Haufen.
Eine Puppe kann nicht hoeren,
Diese hier ist leicht zu stoeren,
Niemand hoert sie, doch sie hoert,
Wenn ein Blumenblatt sich kehrt,
Wenn ein Holzwurm leise pickt,
Das Figuerchen um sich blickt,
Spitzt die Oehrchen und erschrickt;
Und wenn gar die Katze maut,
Schaudert ihr die zarte Haut,
Bang ist ihr, es koennt' die Katze
Halten sie fuer eine Ratze,
Und sie hielt' mit einem Satze
Sie in ihrer scharfen Tatze;
Und gleich sucht sie eine Ecke,
Dass sie sich darin verstecke.
Keine Puppe, so thut nur
Eine schoene Kunstfigur,
Die trotz Uhr und die trotz Schnur
Ist ein Maeuschen von Natur;
Darum bitt' ich um die Guete,
Dass man sie vor Katzen huete."
Da sprach Gackeleia:
"Ach ich huet' mich schon davor,
Vater schrieb mir's hinter's Ohr!"
Der Alte fuhr fort:
"Eine Puppe kann nicht essen,
Die Figur hat's nie vergessen,
Isst zu der bestimmten Stund'
immer sich huebsch satt und rund;
Braungebackne Semmelrinde
Knuppert sie gern ab geschwinde,
Koennte auch nach ihrem Magen
Speck und Schinken wohl vertragen,
Was sie aber niemals that,
Denn sie ist zu delikat,
Dass des Morgenlands Gesetze
Sie durch solche Kost verletze,
Drum lass' ich steinharten Kuchen
Sie belohnend oft versuchen.
Andern goennt sie staets das Beste,
Und sich selbst laesst sie die Reste,
Was so uebrig ist geblieben,
Ganz demuethiglich belieben.
Zuseh'n laesst sie sich nicht gerne,
Wenn sie isst, sonst waer's gar leicht,
Dass man menschlich essen lerne
Und nicht mehr den Thieren gleicht.--
Ja ich zweifle, ob Comtessen
Jemals zierlicher gegessen."
Bei diesen Worten des Alten hob Gackeleia ihr Koepfchen mit einigem
Selbstgefuehl in die Hoehe, denn sie wusste wohl, dass sie eine Comtesse
sey, und dass sie sehr anstaendig nach den Tischregeln zu essen gelernt
hatte; ja sie bildete sich etwas darauf ein; daher sprach sie zu dem
Alten etwas in verweisendem Tone:
"Wie Comtessen essen, weiss ich,
Denn ich uebe mich gar fleissig.
Die Erzmundwischmeisterin,
Comtess Torschon de Popin,
Lehrte mich, wie staets bei Tische
Jeder anders, laendlich, sittlich,
Appe--und unappetitlich,
Standsgemaess das Maul sich wische.
Denk', die grosse Lektion
Vom Maulwischrecht kann ich schon;
Als ich mit Gefuehlsbetonung
Sie bei Hof hab' deklamirt,
Wischt' die Koenigin, geruehrt,
Mir das Maeulchen zur Belohnung."
Dann wendete sich Gackeleia gegen die Puppe und erzaehlte ihr, was ihr
vom anstaendigen Betragen bei Tisch gelehrt worden war:
"Hoer'--nicht Puppe, sondern nur
Allerschoenste Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und du Maeuschen von Natur!
Hoer', was sittlich und dezent
Nach dem Tischzuchtreglement,
Alles, Alles sag ich dir.
Meine Meist'rin sprach zu mir:
"Alle Prinzen und Prinzessen,
Alle Grafen und Comtessen,
Alle Junker, alle Fraeulchen
Wischen sich so Mund als Maeulchen,
Dupse-Daeumchen, Fingerlein
An der Serviette rein.
O Comtesse, nie vergesse,
Wie ein Kind von deinem Adel
Mit Delikatesse esse--
Gackeleia ohne Tadel!
Schluck' nicht grosse Brocken ein,
Spuck' huebsch aus die Pflaumenstein';
Alles esse mit Manier,
Ohne Traegheit, ohne Gier,
Doch mit angeborner Zier;
Pruefe, ordne jeden Bissen
Recht mit zartestem Gewissen,
Ja mit feinem Skrupel schier.
Schiebe mit der Gabelspitze
Zierlich Alles, was nichts nuetze,
Nicht an Reinheit ebenbuertig,
Nicht an Feinheit speisewuerdig,
Dass du's ueber's Herzchen bringst
Und in's Maegelchen verschlingst,
Zaehe Adern, harte Flechsen,
Harte Fasern von Gewaechsen,
Schiebe solche Dingerchen
Leis auf deines Tellers Rand,
Heb' das kleine Fingerchen
Fein dabei an rechter Hand,
O, das steht dir ganz scharmant!
Niemals hoer' ein Mensch dich schmatzen
Wie die Teller-Lecker-Katzen,
Die unehrbar unter'm Tisch
Hoerbar fressen Fleisch und Fisch.
Nein, mit staets geschloss'nen Lippen
Musst du knuppern, und bei'm Trinken
Laesst du sanft die Aeuglein sinken,
Musst du wie ein Voeglein nippen.
Wie man leckt und schmeckt und kaut,
Werde nie durch einen Laut
Irgendjemand anvertraut,
Eben so, wie man verdaut--
Alles still, gleich wie es thaut.
Gar Nichts lass' zu Grunde geh'n,
Was nicht soll zum Munde geh'n,
Jedes Kruemchen noch so klein,
Streue aus den Voegelein!"
Gackeleia hatte ihre Lektion hergesagt und erwartete eine Antwort von
der Puppe, indem sie fortfuhr:
"Wie ich esse sagt' ich dir,
Wie du isst, auch sage mir,
O! du Puppe, o du nur
Eine schoene Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Maeuschen von Natur!"
So plauderte Gackeleia mit der Puppe, welche mit Kopf und Aermchen in
der Hand des Alten wackelte. Der Alte aber sagte: "Comtesse
Gackeleia, sie wird es Ihnen nicht sagen, Sie sollen sie auch nicht
fragen, ich habe es nie gewagt; es giebt Geheimnisse im
kunstfiguerlichen Herzen, es ist gefaehrlich da eindringen zu wollen
nach den Worten des grossen Abulfeda:
"In's Inn're der Natur dringt kein erschaffner Geist,
Zu gluecklich, wem sie nur die aeussre Schaale weis't.
Zum Kern der Kunstfigur, zu wissen wie sie speis't,
Dringt jener Frevler nur, den in die Nas' sie beisst."
"Sehen kann man es nicht, aber hoeren sollen Sie es gleich!"-"Hoeren?"
sagte Gackeleia, "sie schmatzt doch nicht, das waere nicht artig!
"--"Geduld," sagte der Alte, "geben mir das Comtesschen ihr Koerbchen,
haben Sie nichts zu naschen?"--"O ja", sagte Gackeleia, "da sind
Knackmandeln von Jungfer Widder, der Schuljungfer, sie hat sie nach
ihrem Braeutigam geworfen, und Prinz Kronovus hat sie aufgelesen und
mir geschenkt."-"Herrlich," sagte der Alte, "aber eine ist genug,"
und er that die Figur in den Korb und die Knackmandel dazu und den
Deckel darueber, und nun stellte er den Korb dicht ans Gartengitter
und sagte: "Jetzt horchen Sie, wie die Kunstfigur krustilliret.
"-Gackeleia hielt das Ohr an den Korb und hoerte die Kunstfigur bald
so artig mit den Zaehnchen knuppern, dass sie freudig ausrief:
"Knupper, Knupper Kneischen,
Du knupperst ja im Haeuschen,
O du schoene Kunstfigur!
Wie ein Maeuschen von Natur."
Dann nahm der Alte die Kunstfigur wieder heraus, zog das Uhrwerk auf
und sagte: "Jetzt wird ihr zur Verdauung ein Spaziergang gesund seyn,
sonst schlaeft sie uns ein:
Denn nach Tische soll man stehn,
Oder tausend Schritte gehn,
Sagt der wuerdige Galen."
Die Puppe aber wackelte mit Kopf und Haendchen und da er sie an den
Boden setzte, lief sie gar geschaeftig am Gartengitter hin und her,
nickte und winkte und stiess manchmal ans Gitter, weil sie durch
wollte in den Garten, aber nicht konnte, denn die Oeffnungen waren
nicht gross genug.
Gackeleia ausser sich vor Freude rief. "ach sie winkt mir, sie winkt
mir, sie moechte zu mir in den Garten--ach lieber alter Mann sage mir
geschwind, was ich dir zu Gefallen thun soll, dass du mir die
Kunstfigur giebst!"--Da steckte der Mann die Kunstfigur wieder in
seinen Guertel und sprach: "O Comtesschen! es ist nur eine Miniatur von
einer Kleinigkeit von einer Bagatelle; ach! ich bin ein armer,
betruebter, verlassener Mann, ich habe nicht Vater nicht Mutter, nicht
Schwester nicht Bruder, nicht Kind nicht Rind, nicht Kuh und nicht
Kalb, nicht ganz und nicht halb, mir fehlet Alles, was man nicht
begehren darf, seines Naechsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel und
Alles, was sein ist, ach! ich habe selbst keine Puppe, sondern nur
diese schoene Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur und ein
Maeuschen von Natur; aber mein Kummer ist so gross, dass auch sie mich
nicht troesten kann. Doch Sie koennen es, o Exzellenzchen, dass ich
lustig werde wie ein Laemmerschwaenzchen."
Nach diesen Worten fieng der wunderliche Alte so zu weinen und zu
wimmern an, dass Gackeleia mit Thraenen in den Augen zu ihm sprach:
"ach weine nur nicht so, du armer Mann! ich will dir ja Alles thun,
was dich troesten kann, wenn du mir die schoene Kunstfigur giebst; sage
mir doch um Gotteswillen, was dich troesten kann."--Da erwiederte der
Alte:
"Dein Vater hat ein Ringelein
Mit einem gruenen Edelstein,
Der hat gar einen schoenen Schein,
Lass mich nur einmal sehn hinein,
So werd ich gleich durch Mark und Bein
Froh wie ein Laemmerschwaenzchen seyn,
Dann soll das Kunstfiguerchen fein
Zu dir ins Gaertchen gleich hinein;
Es bleibt mit allen Kleidern sein
O lieb Comtesschen! immer dein,
Damit die Gackeleia klein
Nicht so allein, allein, allein!"
"Ei!" sagte Gackeleia",den Ring kenne ich wohl, er hat auch mich
manchmal schon froehlich gemacht, wenn ich ihn ansehen durfte. Gehe
nur ein bischen weg, gleich wird mein Vater in einer nahen Laube sein
Mittagsschlaefchen halten, da will ich den Ring schon auf ein Weilchen
kriegen. Aber, dass du mir gleich wieder da bist, wenn ich den Ring
bringe."
"Ganz gewiss", sagte der Alte, "ich will Ihnen die Kleider der
Kunstfigur als ein Pfand gleich hier lassen, Sie koennen sie alle
huebsch glatt streichen und in ihr Koerbchen legen, sie sind an dem
Schirm ein bischen aus der Facon gekommen." Da gab er ihr die
Kleider und Kleinigkeiten, die er von dem Schirme abloeste, und
verliess dann mit der Kunstfigur die kleine Gackeleia, die ihm immer
nachrief "aber dass du nur auch ganz gewiss koemmst, der Ring soll dich
recht anlachen!" "Ja, ja ganz gewiss", rief der Alte und verschwand
hinter den Hecken. Gackeleia aber setzte sich in ihre Laube,
musterte und ordnete alle Kleider der Puppe, und dachte schon, wie
die kleine Gaertnerin bei ihr zwischen den Blumenbeeten herumlaufen
wuerde, und konnte sich zum Voraus vor Freude gar nicht fassen.
Aber schnell bewahrte sie die Kleider in ihrem Korb, da sie den Vater
Gockel auf seinem Stuhle in der Laube schnarchen hoerte. Sie schlich
hin, setzte sich zu seinen Fuessen, hatte seine Hand in der ihrigen und
sah in den gruenen Stein des Ringes. Als sie nun den Stein beruehrte
und vor sich sagte: "ach wenn ich den Ring nur leise von seinem
Finger herunter haette!" da that der Ring seine Wirkung. Gockel
schlief fest und schnarchte, und der Ring fiel in das Haendchen der
Gackeleia, welche geschwind wie der Wind nach ihrem Gaertchen lief, wo
der alte Mann vor Begierde nach dem Ring sein mageres Gesicht mit dem
Barte schon wie ein alter Ziegenbock ueber das Gitter herueber streckte.
Gackeleia hielt ihm den Ring entgegen und sprach: "die Kunstfigur
her! die Kunstfigur her! sieh hier ist der Ring; aber ich gebe ihn
nicht, bis du mir erklaeret hast, wie man die Figur aufzieht und wie
ich sonst mit ihr umgehen muss, damit sie mir nicht krank wird, und
bis ich sie in den Haenden habe, dann kannst du geschwind in den Ring
gucken, denn ich muss ihn schnell in die Laube zurueck bringen, ehe der
Vater aufwacht."
Der Alte, der nach dem Ring noch gieriger hin sah, als das Kind nach
der Puppe, nahm diese, steckte ihr das Schluesselchen, welches sie
anhaengen hatte, in das Ohr und sagte: "Comtesschen! links muessen Sie
leise drehen, bis Sie Widerstand fuehlen, sonst koennte die Figur
ueberschnappen. Sie muessen sich nicht wundern, dass man die Kunstfigur
durch das Ohr aufzieht, man zieht ja auch die Kinder auf durch das
Gehoer. Man schraubt auch die Jugend auf und verschraubt sie eben so
leicht, dass kein Uhrmacher mehr helfen kann, nur knarrt es ein
bischen mehr bei der Kunstfigur. Aber ich hoffe, die Comtesse werden
ihr dieses wegen anderer trefflicher Eigenschaften zu Gute halten.
Wenn ich nun aufgezogen, knirr, knirr, knirr, nickt sie ein Weilchen
gar lieblich mit dem Kopf und winkt mit den Haendchen, ja laeuft auch
auf ebenem Boden, weil aber Berg und Thal zusammen kommen, so wird
ihr das Laufen beschwerlich, und muss darum die Natur der Kunst zu
Huelfe kommen, wie umgekehrt bei Menschen die Kunst der Natur oft
nachhelfen muss. Was nun die Kunst dieser Figur betrifft, so lassen
ihr die Comtesse, so sie harthoerig wuerde, manchmal ein Troepfchen
Mandeloel ins andere Ohr laufen; dann geht sie wieder wie geschmiert.
Was die Natur betrifft, habe ich schon gesagt, was sie gern isst:
braune Semmelrinde, auch hartes Zuckerbrod und Knackmandeln; ich
rathe nicht zu vielen fetten Speisen, weil sie sich leicht dadurch
ihre Garderobe beflecken koennte. Sie trinkt nicht viel, und setzt
Comtesschen ihr alle Tage ihr Fingerhuetchen voll Wasser in den Korb,
ist es zum Trinken, Mundausspuehlen und Waschen genug. In das
Koerbchen machen Sie ihr Bettchen, Sie brauchen sie nicht schlafen zu
legen, sie legt sich von selbst. Morgens den Fingerhut und was zu
knuppern, Mittags, Abends eben so. Die Kleiderchen halten Sie huebsch
reinlich, und verbleichen sie, so lassen Sie sie faerben. Hueten Sie
sie vor Ungeziefer, besonders vor Spinnen und vor Allem vor Katzen.
Ihre Stiefelchen und Tanzschuhe halten Sie besonders in Ordnung, denn
sie haelt viel darauf und hat Huehneraugen; darum bitte ich, ihr nicht
auf die Fuesse zu treten; sie ist sehr empfindlich.--Hoeren Sie, um Sie
ganz zu ueberzeugen, dass sie keine Puppe ist, will ich Ihnen ihr
Stimmchen hoeren lassen." Da zwickte der Alte die Figur an der Spitze
des Fuesschens, und sie piepte wie ein Maeuschen, so dass Gackeleia laut
aufschrie: "ach dem Klandestinchen nicht weh, weh thun!" der Alte
aber sagte: "nicht wahr Comtesschen, schreien kann doch
Keine Puppe, sondern nur
Eine schoene Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Maeuschen von Natur."
"Gewiss", sagte Gackeleia und sprach diese Worte mit. Der Alte aber
sagte noch: "Sie muessen ihr nicht beim Essen und Trinken zusehen;
wenn sie heraus ist, lassen Sie sie ruhig laufen, aber nicht wo es
ganz offen ist, sonst laeuft sie Ihnen davon." Dann gab er die Puppe
der Gackeleia, und sie gab ihm den Ring, mit dem er sich unter seinem
Mantel verbarg, wo er ihn eifrig zu betrachten schien.
Gackeleia setzte die Puppe in dem Gaertchen nieder und tanzte voll
Entzuecken vor ihr her, die ihr ueberall artig nachschnurrte; Gackeleia
patschte freudig in die kleinen Haende, der Alte aber patschte in
seine grossen Haende. "Ach!" rief ihm Gackeleia zu, "gelt, du hast
dich in dem Ring schon recht lustig geguckt? O gieb ihn geschwind,
geschwind zurueck, ich hoere den Vater schon in der Laube gaehnen."-"O
mir ist schon ganz froehlich", sagte der Alte, "bald werde ich noch
lustiger seyn!" Nun gab er ihr den Ring zurueck und wuenschte ihr mit
einem haesslichen Gelaechter viel Glueck zu der schoenen Kunstfigur,
worauf er sich in das Gebuesch verlor.
Gackeleia hatte bereits alle Kleiderchen in ihr Koerbchen gelegt, sie
legte nun die Kunstfigur oben drauf und deckte den Deckel huebsch
darueber. Das Koerbchen am Arm lief sie schnell in die Laube und
setzte sich zu den Fuessen Gockels, der wieder eingeschlafen war, und
leise, leise schob sie ihm den Ring wieder an den Finger. Es war ihr,
als haette sie einen Stein von dem Herzen.
Gackeleia sass nicht so lange zu den Fuessen Gockels, als man braucht,
um ein Ei zu sieden, da ertoente in der Ferne ein Oratorium von sechs
Posthoernern von der Composition des Cospetto di Bacco, und von der
beruehmten Agatha Gaddi ward darin eine Fuge Solo gesungen nach den
tiefsinnigen Worten des Koeniglich Gelnhausenischen
General-Ober-Hofpostamts-Dichters, der, seinen Namen zu verschweigen,
aus uebertriebener Bescheidenheit allzufrueh mit Tod abgegangen ist:
"Fahr', fahr', fahr' auf der Post,
Frag', frag', frag' nit, was's kost,
Spann' mir sechs Schimmel ein,
Ich will der Postknecht seyn,
Fahr', fahr', fahr' auf der Post!"
Gleich erwachte Gockel und sprach: "ei, es ist schon vorgefahren, gut,
dass du da bist Gackeleia, geschwind lass uns einsteigen, die Mutter
sitzt gewiss schon in der Alamode-Barutsche, wir sind von Eifrasius
auf die Eierburg zum Eiertanz eingeladen." "Ich habe es gewusst",
sagte Gackeleia, "ich bin schon ganz geputzt und habe Alles bei mir.
"--Da eilten sie vors Schloss, wo bereits Frau Hinkel breit in der
Barutsche sass, die mit sechs Schimmeln bespannt war, auf welchen
sechs Postillone das Oratorium bliesen. Die Signora Agatha Gaddi
gieng, die Fuge Solo singend, mit einem Teller unter den versammelten
Baeckern und Metzgern herum und nahm Heller und Pfennige ein, als sie
aber Gockel kommen sah, legte sie ein variirtes Hahnengeschrei in
ihre Partie ein, und Gockel warf ihr eine brilliantene Repetir-Uhr
mit Schnupftabackdosen von Lava besetzt, worauf der Adler des Gesangs,
den Ganymed des Gefuehls zum Himmel hinreissend, in Stein gehauen war,
in die Schuerze, dabei rief er: "bravissimo! da capissimo! cito
citissimo!"--hob Gackeleia in die Barutsche und sprang mit gleichen
Beinen hinter ihr drein; Alles das zugleich, und die Postillone
knallten ein Finale mit den Peitschen, und sie kamen gerade auf der
Eierburg an, als die Signora ihren Danktriller geendet, der bis zum
Pfarrthurm hinauf stieg. Wir haben es aus seinem Munde vernommen.
--Das heisse ich mir gefahren!--Bei der Eierburg waren viele Menschen
auf einer gruenen Wiese versammelt, wo getanzt und gespielt wurde um
Eier; denn es war Ostern, und das grosse Ordensfest des
Ostereierordens. Man lief und sprang um die Wette nach aufgestellten
Eiern, man warf mit Eiern nach Eiern, man stiess mit Eiern gegen Eier,
und wessen Ei eingeknickt wurde, der hatte verloren. Die Kinder von
ganz Gelnhausen suchten Eier, welche der grosse koenigliche geheime
Oberhof-Osterhaas in versteckten Winkeln ins hohe Gras gelegt hatte;
kurz die Freude war allgemein. Bei Gockels Ankunft war das Volk in
einem weiten Kreis unter dem Baume versammelt, auf welchem die
koeniglichen Hofmusikanten und die Gelnhausener Stadtpfeifer einen
herrlichen Tanz aufspielten, naemlich den Eiertanz, den die koenigliche
Familie mit der Raugraeflichen in hoechsteigener Person tanzen wollte.
Auf einem koestlichen Teppich wurden hundert vergoldete Pfaueneier,
immer zehn und zehn, in Reihen gelegt. Nun trat die Koenigin Eilegia
zu Gockel und verband ihm die Augen mit einem seidenen Tuch, und er
that ihr dasselbe; eben so verbanden der Koenig Eifrasius und Frau
Hinkel, und der Prinz Kronovus und Gackeleia sich die Augen und
wurden nun von den Hofmarschaellen auf den Eierteppich gefuehrt, auf
welchem sie mit den zierlichsten Schritten, Spruengen und Wendungen
zwischen den Eiern herumtanzen mussten, ohne auch nur Eines mit den
Fuessen zu beruehren. Die Zuschauer sahen mit gespannter Aufmerksamkeit
ganz stille zu, und bewunderten die erstaunliche Agilitaet der hohen
Herrschaften.
Aber nicht weit davon in einem Gebuesche sassen ein paar alte Maenner,
die hatten keine Freude an dem Tanz und guckten mit unabgewendeten
Augen nach dem Fusssteige, der aus der Stadt herlief, ob ihr Geselle,
der dritte, nicht bald komme, und ehe sie sichs versahen, stand er
mitten unter ihnen. "Hast du, hast du?" schrieen sie dem
Neuangekommenen entgegen und machten Finger so spitz wie Krallen
gegen seine festgeschlossene Faust, und er erwiederte: "Ja ich habe
gluecklich den Ring durch Gackeleia's Puppensucht ertappt, ich habe
ihr einen ganz aehnlichen mit einem falschen gruenen Glasstein gegeben,
welchen Gockel jetzt am Finger hat. Jetzt koennen wir uns an ihm
raechen, dass er uns bei dem Hahnenkauf betrogen und uns in die
Wolfsgrube hat fallen lassen, wo wir elend verhungert waeren, wenn uns
die Bauern nicht herausgeholten haetten."
So sprachen die drei alten morgenlaendischen Petschierstecher, die
Gockel hatten anfuehren wollen, und die er angefuehrt hatte. Sie
hatten sich doch durch ihre List in den Besitz des Ringes gebracht
und wollten jetzt gleich seine Wunderkraft versuchen. Sie fassten
alle drei an den Ring und sprachen zu gleicher Zeit die Worte:
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