Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Schoenster Baum im Paradies,
Gieb mir Das und gieb mir Dies,
Ruettel dich und schuettel dich,
Schuettel Leib und Herz und Geist,
Und was diesen zierlich heisst,
Huellend, fuellend ueber mich."
O Hinkel!--dein blaues, oder wie du willst, farbiges Wunder sollst du
da sehen, augenblicklich sollst du da fix und fertig auf die schoenste
und vortheilhafteste Weise bekleidet dastehen.--Ich will nicht weiter
sprechen, o Hinkel von Hennegau, von allen Kabinetten und
Kabinettchen, von der Bibliothek, der Hauskapelle, der Kueche, der
Speisekammer, dem Saal, Ball zu schlagen, dem Musiksaal, der
Gemaelde-Gallerie, der Aepfelkammer, der tiefsinnigen Denkhalle, der
Kinderstube, dem Karoussel, dem Badhaus, dem Huehnerhof, ach! und dem
bezaubernd schoenen Stall voll der edelsten Pferde und Pferdchen, vor
Allem ein arabisches Schimmelchen, weiss wie der gefallne Schnee,
Maehnen und Schweif mit Purpurbaendern durchflochten, mit tief rothem
Sammet gezaeumt, Gebiss und Buegel von Gold und Rubin; ach Hinkel! und
der Sattel!--der Sattel ist ihm von Natur auf den Ruecken gewachsen!
nun denke!"
"Lieber Gockel," sagte Frau Hinkel, "es ist nicht moeglich, es ist zu
viel, ich kanns nicht glauben; aber ich moechte trinken, kannst du mir
nicht ein Glas Wasser herbeidrehen?"--"Geh nur links an deinen
Waschtisch," erwiederte Gockel, "und halte den Krystall-Pokal zum
Fenster hinaus." "O Gockel, gehe mit," sagte Hinkel, sich an seinen
Arm haengend, "ich weiss nicht Bescheid hier, es ist mir ganz bang vor
lauter Schoenheit, ich fuerchte, ich moechte ueber das siebente Wunder
der Welt stolpern und in das achte hineinstuerzen."
Da fuehrte Gockel sie zu ihrem Waschtisch an ein zweites Fenster,
dessen Vorhang der volle Mond mit angenehmem Licht durchstrahlte. O
da gieng das Verwundern erst recht an; neben einem Schirm von goldnen
Staeben, an welchem weisse Rosenstraeucher hinaufrankten, die alle ihre
Rosen nach Innen senkten, stand das Waschtischchen; aber welch ein
Waschtischchen, ein Waschtischchen, das sich nicht nur gewaschen
hatte, sondern sich auch in alle Ewigkeit fortwusch.--In den mit
tiefrothem Sammet belegten Marmorboden war ein eirundes tiefes Becken
von Krystall versenkt, der Rand oben war von Muscheln, Korallen und
lebendigen Blumen umgeben, Reseda und Veilchen und Vergissmeinnicht;
diese Wanne war voll Rosenwasser; ueber diesem ragte wie schwimmend
ein mit Lotos-Blumen gesattelter Delphin von Perlenmutter hervor, auf
seinem Ruecken sass ein feingefluegeltes Kind von weissem Marmor, in der
einen Hand hielt es ein Sieb von Krystall voll der duftendsten Rosen,
in welches von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwey Strahlen des
frischesten, klaresten Wassers aus den Nuestern des Delphins
sprudelten und als Rosenwasser in das Becken niederflossen, mit der
andern Hand stuetzte das Marmorkind die krystallne, durchsichtige
Tischplatte, welche den Waschtisch bildete, und da war erst die
rechte Herrlichkeit von schoenen sieben Sachen.
Frau Hinkel sah und fuehlte Alles mit grossem Entzuecken an, aber sie
hatte gestern so viel geweint und nachher so viel gesalzenes Fleisch
gegessen, so dass sie ungemein duerstete und sprach:
Wunder ueber Wunder, Gockel!
Wunderherrlich ist der Sockel
Von dem Wischiwaschi-Tisch;
Herzerquicklich scheint der Fisch
Lustig in dem Meer zu gaukeln
Und das flinke Kind zu schaukeln
Mit dem vollen Rosensieb,
Alles ist so suess und lieb,
Alles ist so fein und frisch!--
Doch, eh ich das Glas erwisch,
Kann ich gar nichts recht betrachten
Und muss schier vor Durst verschmachten.
"Verzeih, Herz Hinkel!" sprach Gockel, "ich selbst vergesse ueber den
kuriosen Sachen Essen und Trinken"--da gab er ihr das Glas von dem
Waschtisch, duenn und klar und rein wie eine Seifenblase, die sich auf
eine Lilie niedergelassen, so war Kelch und Stiel gebildet--"halte es
zum Fenster hinaus, ich will den Ring Salomonis drehen."
Gockel zog den rothdamastenen Vorhang hinweg, da sah man durch die
bluethenvollen Wipfel der Orangenbaeume in den blauen Himmel, an dessen
Osten der Tag graute; der Mond stand am Himmel wie ein freigebiger
Kavalier, welcher der Frau Graefin Hinkel von Hennegau ein Staendchen
von der Nachtigall will bringen lassen.--"Reiche nur den Pokal hinaus,"
sagte Gockel, "fahre nur mit der Hand mitten durch die
Orangenbluethen, die Geister Salomonis werden schon einen Wasserstrahl
senden, der dir das Herz erlabt."--Frau Hinkel that, wie Gockel
befahl, und Gockel sprach den Ring drehend:
"Salomo, du weiser Koenig,
Dem die Geister unterthaenig,
Fuell' Frau Hinkel den Pokal
Mit der reinsten Quelle Strahl,
In der Felsen Herz entsprungen,
Durch der Erde Brust gedrungen,
Durch der Bluethen Duft geschwungen,
Von der Nachtigall besungen,
Von der Sterne Licht gegruesst,
Von des Mondes Strahl gekuess't;
Gieb zum Labsal durst'ger Zungen
Ein Glas Wasser, bitt' dich drum!
Ringlein, Ringlein, dreh dich um."
Schon waehrend diesen Worten plaetscherte es unter den Orangen-Baeumen
heftiger, die Blaetter bewegten sich, die Bluethen kuessten sich, und
zwischen ihnen spritzte der feine, im Mond--und Sternenlicht
schimmernde Strahl eines Springbrunnens aus dem unten liegenden
Garten empor und fuellte den Pokal, welchen die Hand der Frau Hinkel
hinaushielt, ohne sie selbst im Mindesten zu benetzen. Frau Hinkel
trank und trank wieder, auch Gockel trank, und die allerliebste Frau
Nachtigall sang in der nahen Linde das freundlichste: "wohl bekomm's,
Frau Graefin von Hennegau" dazu.
"Ach"! sagte Frau Hinkel, indem sie den Pokal wieder auf den
Waschtisch setzte, "das hat aber einmal geschmeckt, das Wasser
duftete ganz von Bluethen, und wie die liebe Nachtigall singt"!
--"Horch"! sagte Gockel, "da singt noch was", es war aber der
Kutscher, der den Haber siebte; als er die Nachtigall hoerte, fieng er
an zu singen:
"Nachtigall, ich hoer dich singen,
s'Herz im Leib moecht mir zerspringen,
Komme doch und sag mir bald,
Wie sich Alles hier verhalt'.
Nachtigall, ich seh dich laufen,
An dem Baechlein thust du saufen,
Tunkst hinein dein Schnaebelein,
Meinst es sey der beste Wein!
Nachtigall, wohl ist gut wohnen
In der Linde gruenen Kronen,
Bei dir, lieb Frau Nachtigall,
Kuess' dich Gott viel tausendmal!"
Das gefiel nun Gockel und Hinkel gar wohl, denn es war ihr
Lieblingslied und ihre Mutter hatte es ihr an der Wiege gesungen.
--Gockel war so froh, ueber Alles, was er so erfinderisch
herbeigewuenscht hatte, dass er wuenschte, Frau Hinkel moege gleich Alles
betrachten, was auf ihrem Waschtisch weiter liege. Sie sagte aber:
"nein, ich muss warten bis der Tag anbricht, es ist Alles so herrlich
und fein, ich zittre so vor Freude, ich habe eine solche Wallung im
Blut. Wir sahen nun dort in den Hof, hier in den bluehenden Garten,
voll Duft und Springbrunnen und Nachtigallen, jetzt lass uns an jener
Seite hinaus schauen, was dort zu sehen ist."--Nun liefen sie an ein
drittes Fenster; "o je, welche Freude!" rief Frau Hinkel aus, "Wir
sind in Gelnhausen, da oben liegt das Schloss des Koenigs, und da
drueben, o zum Entzuecken! da sehe ich in einer Reihe alle die
Baecker--und Fleischerladen; es ist noch ganz stille in der Stadt;
horch, der Nachtwaechter ruft in einer entfernten Strasse, drei Uhr ist
es; ach, was wird er sich wundern, wenn er hieher auf den Markt koemmt
und auf einmal unsern praechtigen Palast sieht! Und der Koenig, was
wird der Koenig die Augen aufreissen und alle die Hofherrn und
Hofdamen, die uns so spoettisch ansahen, da wir in Ungnade fielen, was
werden sie gedemuethiget seyn durch unsern Glanz! O Gockel, liebster
Gockel, was bist du fuer ein herzallerliebster, besster Gockel mit
deinem Ring Salomonis!" und da fielen sie sich wieder um den Hals und
fuhren vor Freude gleichsam Schlitten auf dem spiegelglatten Boden.
Es brach aber der Tag an und es war kein Traum; Alles hatte Bestand,
sie blickten Arm in Arm scheu und doch freudig bald sich in ihrer
verjuengten Gestalt und praechtigen Kleidung, bald die wunderbare
Pracht ihres Schlafgemaches an, und als sie neben ihrem grossen
Prachtbett, welches wie ein Himmelwagen aussah, mit Federbueschen
besteckt, ein anderes schoenes Bettchen sahen, fiel ihnen erst im
Taumel der grossen Freude ihre liebe Gackeleia ein; sie rissen die
rothsammetnen, goldgestickten Vorhaenge hinweg, da lag Gackeleia schoen
wie ein Engel, ach viel schoener als sie je gewesen. Gockel und
Hinkel erweckten sie mit Kuessen und Thraenen: "wach auf, Gackeleia,
ach alle Freude ist um uns her; ach Gackeleia, sieh alle die schoenen
Sachen an!" Da schlug Gackeleia die blauen Augen auf, und glaubte,
sie traeume das Alles nur; und da sie Vater und Mutter, welche beide
so jung und schoen geworden waren, gar nicht wieder erkannte, fieng
sie an zu weinen und verlangte nach ihren lieben Aeltern. Ja alle
die schoenen Sachen konnten sie nicht zufrieden stellen; sie sagte
immer: "o was soll ich mit all der Herrlichkeit, ich will zu meiner
lieben Mutter, Frau Hinkel, zu meinem guten Vater, Gockel, zurueck."
Die Mutter und der Vater konnten sie auf keine Weise bereden, dass sie
es selbst seyen. Endlich sagte Gockel zu ihr: "Wer bist du denn?"
"Gackeleia bin ich," erwiederte das Kind. "So", sagte Gockel",du
bist Gackeleia? Aber Gackeleia hatte ja gestern ein Roeckchen von
grauer Leinwand an, wie koemmt den Gackeleia in das schoene,
buntgebluemte, seidene Schlafroeckchen?" "Ach, das weiss ich nicht,"
antwortete Gackeleia, "aber ich bin doch ganz gewiss Gackeleia; ach
ich weiss es gewiss, die Augen schmerzen mich so sehr, ich habe gestern
gar viel geweint, ich habe grosses Unglueck angestellt, ich habe die
Katze an das Nest der Gallina gefuehrt; ich bin Schuld, dass sie
gefressen worden, ich habe dadurch den guten Alektryo in den Tod
gebracht, ach ich bin gewiss die boese Gackeleia;" dabei weinte sie so
bitterlich und fuhr fort: "o du bist Gockel nicht; der Vater Gockel
hat ganz schneeweisse Haare und einen weissen Bart und ist bleich im
Gesicht und hat eine spitze Nase; du Schwarzer mit den rothen Wangen
bist Gockel nicht; du bist auch die Mutter Hinkel nicht; du bist ja
so huebsch glatt und anmuthig wie ein Turteltaeubchen; die Mutter
Hinkel ist klapperduerr wie ein Zaunpfahl; ich will fort in das alte
Schloss, ihr habt mich gestohlen;" und da weinte das Kind wieder
heftig. Gockel wusste sich nicht anders zu helfen, als dass er sagte:
"Schau mich einmal recht an, ob ich dein Vater Gockel nicht bin." Da
guckte ihn Gackeleia scharf an, und er drehte den Ring Salomonis ganz
sachte am Finger und sprach leis:
"Salomon, du grosser Koenig,
Mache mich doch gleich ein wenig
Dem ganz alten Gockel aehnlich;
Mach' mich wieder wie gewoehnlich."
Und wie er am Ring drehte, ward er immer aelter und grauer, und das
Kind sagte immer: "ach Herrje, ja, fast wie der Vater!" und als er
ganz fertig mit dem Drehen war, sprang das Kind aus dem Bett, und
flog ihm um den Hals und schrie: "ach ja, du bist's, du bist's,
liebes, gutes, altes Vaeterchen! Aber die Mutter ist es mein Lebtag
nicht." Da begann Gockel auch fuer Frau Hinkel den Ring zu drehen,
dass sie wieder ganz alt ward. Aber dieser machte das gar keine
Freude, und sie sagte immer: "halt ein Gockel, nein das ist doch ganz
abscheulich, einen so herunter zu bringen, nein das ist zu arg! so
habe ich mein Lebtag nicht ausgesehen; du machst mich viel aelter, als
ich war!" und begann zu weinen und zu zanken, und wollte dem Gockel
mit Gewalt nach der Hand greifen und ihm den Ring wieder zurueckdrehen.
Aber Gackeleia sprang ihr in die Arme und kuesste und herzte sie, und
rief einmal ueber das anderemal aus: "ach Mutter, liebe Mutter, du
bist's, du bist's ganz gewiss!" Da sagte Frau Hinkel: "nun
meinethalben," und kuesste das Kind Gackeleia von ganzem Herzen.
Gockel aber sprach: "ei, ei, Frau Hinkel, ich haette mein Lebtag nicht
gedacht, dass du so eitel waerest; es ist gut, nun habe ich ein Mittel,
dich zu strafen; sieh, bist du mir nun nicht fein ordentlich und
fleissig, oder brummest du, oder bist du neugierig, so drehe ich
gleich den Ring um und mache dich hundert Jahre alt." Da sagte Frau
Hinkel: "thue was du willst, ich habe es nicht gern gethan, es hat
mich nur so ueberrascht." Nun umarmte sie Gockel und drehte den Ring
wieder, und sie wurden wieder jung und schoen. So erfuhr auch
Gackeleia das Geheimniss mit dem Ringe, und Gockel schaerfte ihr und
der Frau Hinkel ein, ja niemals etwas von dem Ringe zu sprechen,
sonst koennte er ihnen gestohlen werden, und dann muessten sie wohl
wieder arm und elend in das alte Schloss zurueck. "Bewahr uns Gott
davor!" sagten alle, und Gockel fuhr fort: "ja, dass er uns davor
bewahre, lasset uns vor Allem beten und danken; ihm allein gebuehrt
die Ehre!" da knieten sie in Mitte der Stube nieder und dankten Gott
von Herzen.
Als sie wieder aufgestanden waren, sagte Frau Hinkel: "jetzt kommt,
jetzt geht das Hauptplaisir an, jetzt geht es ans Betrachten, und mit
uns selbst wird angefangen." Nun traten sie alle drei vor einen
grossen Spiegel und beschauten sich in Lebensgroesse von allen Seiten
und lachten und huepften; Frau Hinkel machte einige spitze Maeulchen
und Gackeleia probirte so vielerlei, dass sie sogar die Zunge ziemlich
weit herausstreckte, worauf aber Gockel sagte: "Pfui, wawa, das ist
unartig!" Hierauf gieng Frau Hinkel nach ihrem Waschtisch, um Alles
zu betrachten, was sie in der Nacht noch nicht gesehen. In einer
andern Fensternische stand der Waschtisch Gockels, und zwischen
beiden ein Waschtischchen Gackeleia's.
Auf der krystallenen Platte des Tisches stand Waschbecken und Kanne
von gleichem Stoff, man konnte sie so oft man wollte bei dem Delphin
unter dem Tische fuellen; hinter dem Waschbecken war etwas Hohes mit
einem feinsten weissen Tuche bedeckt.--"Was ist nur das?"--sagte Frau
Hinkel und zog das Tuch weg,--aber Alle wurden still und ernst, als
sie sahen, was es war; denn es war das Bild einer Gluckhenne auf dem
Neste sitzend mit ausgebreiteten Fluegeln und ueber Huehnchen bruetend,
die hie und da die Koepfchen hervorstreckten; Alles von Gold und
Silber, auf das natuerlichste kunstreich ausgearbeitet; die Augen
waren alle von Edelsteinen und die Kaemme von Rubinen!
"Ach!" sagte Frau Hinkel, "das ist wohl eine ernste Erinnerung, das
kann uns wohl demuethigen; sieh Gackeleia, da ist das Bild der Gallina,
wie sie leibte und lebte, da koennen wir an die betruebte Geschichte
denken!"--"Ach ja," sagte Gackeleia, und weinte. Gockel aber sprach:
"wollen wir dabei an irgend etwas denken, was uns vor Uebermuth
bewahrt, so ist das gut. Hier aber steht die goldene Henne nur als
ein altes Familienkleinod, das ich selbst zum erstenmal sehe; dort
auf meinem Waschtisch wird wohl der goldene Hahn stehen."--Da deckte
Gockel auf seinem Waschtisch das Gefaess auf, und wirklich stand das
Bild Alektryos von Gold in groesster Vollkommenheit da.--Sie waren Alle
ganz erstaunt.
Gockel aber sprach weiter: "du wirst dich erinnern, Frau Hinkel, dass
in unsrer Familie ein altes Sprichwort ist, der goldne Hahn kraeht
nicht mehr, die goldne Henne legt nicht mehr, um unsre Verarmung
anzudeuten. Das bezieht sich auf diese beiden unschaetzbaren
Kunstwerke, die lange in dem Schatze der Kapelle zu Gockelsruh
bewahrt wurden. Als aber die Franzosen ihre angeblichen Rechte auf
alle Hahnen geltend machten, weil in dem wohl anatomirten Gehirn
jedes Hahns ihr Wappen, naemlich das Bild einer Lilie zu finden seyn
soll, haben sie sich dieses goldnen Gefluegels vor allem Andern
bemeistert.--Bei seiner Vermaehlung mit Urhinkel von Hennegau drehte
Urgockel den Ring Salomos, und wuenschte ihr das herrlichste
Toiletten-Geschenk, das Salomo selbst der Koenigin von Saba gegeben;
--dann drehte die Graefin von Hennegau den Ring und wuenschte dem
Urgockel das Gegengeschenk der Koenigin von Saba, und so standen am
Hochzeitmorgen dieser Waschtisch mit der goldnen Henne und jener dort
mit dem goldnen Hahn im Brautgemache, und von dieser Hochzeit an
wurden die goldne Henne und der goldne Hahn bei jeder Hochzeit in
Gockelsruh dem Brautpaar vorgetragen und bei der Mahlzeit aufgestellt,
bis sie verloren giengen. Jetzt wollen wir einmal sehen, wie die
Geschenke beschaffen sind, vor Allem die Probe, ob es gut Gold ist.
Sieh da unten an dem Neste die Probe in phoenizischer Schrift; ich
drehe den Ring und wuensche es zu lesen, und sieh, ich kanns lesen.
"Dieses Necessaire, vorstellend das Siebengestirn als eine Gluckhenne
mit sechs Kuechlein fuer ihre Majestaet die Koenigin Balkis von Saba,
verfertigte auf Befehl Seiner Majestaet des Koenigs Salomo von
Jerusalem, dessen erster Goldschmied Hieram von Tyrus, aus
24karatigem Gold von Ophir in Augsburgirter Butzbacher-Facon." Nun
sieh, welche Raritaet, was mag aber Alles darin enthalten seyn?"
Nun zerlegte Gockel das ganze Huhn nach der Transchierkunst, die er
als Huehnerminister aus dem Fundament verstand; Alles bestand aus
Deckeln, Buechschen und Faechern u.s.w. Wenn man den Ruecken mit den
ausgebreiteten Fluegeln der Henne in die Hoehe schlug, hatte man einen
aufgerichteten Handspiegel; im Innern der Henne befanden sich in
verschiedenen goldenen Kaestchen mehrere Schwaemme und Kaemme, weite und
enge, Haarbuersten, Zahnbuersten, Ohrloeffel, Zahnstocher, Puderbuechsen
von allen Farben, Schoenheitspflaesterchen, Schminke aller Farben,
Nagelscheeren und Buersten, eine Haarzange, ein Kaemmchen fuer die
Augenbraunen, erstaunlich viele Sachen. In dem Kopf der Henne fand
man Huehneraugensalbe fuer den linken und rechten Fuss. Der Hals
enthielt eine Nadelbuechse voll allerlei Nadeln, auch eine
Insektenfalle. In jedem der Huehnchen, die man oeffnen konnte, fand
sich eine andre wohlriechende Seife, oder Salbe, oder Essenz; das
Nest im Innern selbst war ein Naeh--und Nadelkissen von tyrischem
Purpur, worauf die schoensten Muster mit goldenen Demantnadeln
abgesteckt waren. Das ganze kuenstliche Flechtwerk des goldenen
Nestes hieng und stack voll tausenderlei Geschmeid, Ringen, Ketten,
Spangen, Agraffen, Amuletten, Talismanen, Perlen und
Bernsteinschnueren. Aus dem Nest streckten sich vier Zweige von
gewachsenem Gold mit Lilien, weissen und rothen Rosen von Edelsteinen.
Diese Zweige bildeten Leuchter, worauf Wachskerzen standen und woran
viele Wachsstoeckchen hiengen, alle von wohlriechendem Wachse gemacht,
das Erstlingsbienen beim Aufgang des Siebengestirns auf den Linden
des Hymettus und von Lilien gesammelt hatten, die schoener bekleidet
waren als Salomo selbst. Ausserdem hiengen an diesen Goldzweigen
Siegelringe, kleine Kalenderchen und Notizbuechelchen von Elfenbein.
Vor der Henne kniete ein feines Kind mit Fluegeln von Edelsteinen; es
hielt in der einen Hand eine Schale voll der koestlichsten
Staerkungskuegelchen, in der andern eine Schale voll Balsam von Mekka,
als wolle es die Henne fuettern. Das Wunderbarste aber war, dass die
Henne die Stundenzahl und die Huehnchen die Viertelstundenzahl mit
suessem Glucksen und Piepen angaben, und wenn man an einer Feder zog,
so sang eine im Innern befindliche Orgel die Melodie des hoechsten
Liedes, das Salomo je gedichtet.
Frau Hinkel wusste sich gar keinen Rath ueber allen diesen Wundern und
schaute sich weiter bei dem Waschtische um, da sah sie in das Gitter
des Rosenschirms mehrere Engelchen geflochten; einige reichten Koerbe
mit Rosenblaettern, Orangenbluethen und Mandelkleie herein, andre boten
lange weiche Tuecher von weisser oder purpurfarbiger indischer Leinwand
oder Wolle dar.--"Ach," sagte Frau Hinkel, "allen Respekt vor der
Frau Koenigin Balkis, aber sie muss viele Zeit und wenige Schoenheit
gehabt haben, wenn sie Alles das gebraucht hat, sich zu waschen; ich
werde es nie gebrauchen."--"Da hast du wieder Recht," sagte Gockel,
"es ist auch nur ein Schau--und Familienstueck, du wirst schon ein
andres Waschtischchen mit allem Noethigen finden; ich aber will meinen
goldenen salomonischen Alektryo gleich gebrauchen, denn ich sehe, er
enthaelt nichts ausser Stiefelzieher und Stiefelhacken, Schuh-,
Kleider--und Zahnbuerste, Kamm und Scheere, nicht viel mehr, als ein
veritables englisches Rasirzeug, das habe ich mir lange gewuenscht,"
und somit fing er gleich an und pinselte sich den Bart mit
Seifenschaum ein.
Gackeleia gieng auch nach ihrem Waschtischchen, aber es wollte ihr
nicht recht gefallen, denn es stand ein goldnes Kaetzchen darauf, das
ein silbernes Huehnchen im Maul hatte. Sie wollte schon wieder
anfangen zu weinen, aber Frau Hinkel sagte zu ihr: "komm Gackeleia,
damit wir den Vater beim Rasiren nicht stoeren, er ist es lange nicht
mehr gewohnt, er koennte sich schneiden.--Wir wollen in die
Kleiderkammer gehen und uns unter das Baeumchen stellen und sagen:
Baeumchen ruettel dich und schuettel dich,
Schuettle schoene Kleider ueber mich!"
Da verliess Gackeleia sehr erfreut die Stube mit ihr, und bald traten
sie in schoenen Morgenkleidern von schneeweissem Pique mit leichter
Goldstickerei wieder herein.
Nun war die Sonne aufgegangen und der Nachtwaechter war auf den Markt
gekommen und hatte das Wunder-Schloss Gockels, das wie ein Pilz in der
Nacht hervorgewachsen, kaum erblickt, als er ein ungemeines Geschrei
erhob:
"Hoert ihr Herrn und lasst euch sagen,
Die Glocke hat vier Uhr geschlagen,
Aber das ist noch gar nicht viel
Gegen ein Schloss, das vom Himmel fiel;
Da steht's vor mir ganz lang und breit,
Wir leben in wunderbarer Zeit,
Ich schau es an, es koemmt mir vor,
Wie der alten Kuh das neue Thor.
Wacht auf ihr Herrn und werdet munter,
Schaut an das Wunder ueber Wunder,
Und wahrt das Feuer und das Licht,
Dass dieser Stadt kein Leid geschiecht
Und lobet Gott den Herren!"
Da wachten die Buerger rings am Markte auf, die Baecker und die
Fleischer rieben sich die Augen und rissen die Maeuler sperrangelweit
auf und streckten die Koepfe mit sammt den Nachtmuetzen zum Fenster
heraus und schauten das Schloss mit grossem Spektakel der Verwunderung
an.--Gockel, Hinkel und Gackeleia standen am Fenster und guckten
hinter dem Vorhang Allem zu. Endlich schrie ein dicker Fleischer:
"da ist da, das Schloss kann Keiner wegdisputiren; aber, ob Leute
darin sind, die Fleisch essen, das moecht ich wissen."
"Ja, und Brod und Semmeln und Eierwecken," fuhr ein staubiger,
untersetzter Baeckermeister fort. Da gieng aber auf einmal die
Schlossthuere auf, und es trat ein grosser, baertiger Thuersteher heraus
mit einem grossen Kragen, wie ein Wagenrad, und einem breiten,
silberbordirten Bandelier ueber der Brust und weiten gepufften Hosen
und einem Federhut, wie ein alter Schweizer gekleidet; er trug einen
langen Stock, woran ein silberner Knopf war, wie ein Kuerbis so gross,
und auf diesem ein grosser silberner Hahn mit ausgebreiteten Fluegeln.
Die versammelten Leute fuhren alle auseinander, als er mit ernster
drohender Miene ganz breitbeinig auf sie zuschritt; sie meinten, er
sey ein Gespenst. Auch Gockel und Hinkel oben am Fenster waren sehr
ueber ihn verwundert und oeffneten das Fenster ein wenig, um zu hoeren,
was er sagte. Er sprach aber: "hoert einmal ihr lieben Buerger von
Gelnhausen, es ist sehr unartig, dass ihr hier bei Anbruch des Tages
einen so abscheulichen Laerm vor dem Schlosse Seiner Hoheit des
hochgebornen Raugrafen Gockel von Hanau, Hennegau und Henneberg,
Erbherrn auf Huehnerbein und Katzenellenbogen macht, Seine
hochgraeflichen Gnaden werden es sehr ungern vernehmen, so ihr Sie
also fruehe in der Ruhe stoeret, und wuensche sich das nicht wieder zu
erleben, das lasst euch gesagt seyn."--"Mit Gunst" sagte da der
Fleischer und zog seine Muetze hoeflich ab, "wenn erlaubt ist zu fragen,
wird diess Schloss, das ueber Nacht wie ein Pilz aus der Erde gewachsen
ist, von dem ehemaligen hiesigen Huehnerminister bewohnt?"
"Allerdings," erwiederte der Schweizer, "es ist bewohnt von ihm und
seiner Graeflichen Gemahlin Hinkel und Hochdero Toechterlein Gackeleia,
ausserdem von zwei Kammerdienern, zwei Kammerfrauen, vier Bedienten,
vier Stubenmaedchen, zwei Jaegern, zwei Laufern, zwei Kammerriesen,
zwei Kammerzwergen, zwei Thuerstehern, wovon ich einer zu seyn mir
schmeicheln kann, zwei Leibkutschern, sechs Stallknechten, zwei
Koechen, sechs Kuechenjungen, zwei Gaertnern, sechs Gaertnerburschen,
einem Haushofmeister, einer Haushofmeisterin, einem Kapaunenstopfer,
einem Huehnerhofmeister, einem Fasanenmeister und noch allerlei
anderem Gesinde, welche alle zusammen hundert Pfund Kalbfleisch,
fuenfzig Pfund Hammelfleisch, fuenfzig Pfund Schweinfleisch, sechszig
Wuerste und dergleichen essen."--"Ach", schrie da der Metzger und
kniete beinahe vor dem Schweizer nieder, "ich recommandire mich
besstens als Hochgraeflicher Hofmetzger." Und der Baecker zupfte den
Schweizer am Aermel mit den Worten: "Seine Hochgraeflichen Gnaden
nebst Familie werden doch das viele Fleisch nicht so ohne Brod in den
nuechternen Magen hineinfressen; das koennte ihnen unmoeglich gesund
seyn." "Ei behuete," sagte der Schweizer, "Sie brauchen taeglich
dreissig grosse Weissbrode, hundert fuenfzig Semmeln, hundert Eierwecken,
hundert Bubenschenkel und zweihundert und sechs und neunzig Zwiebacke
zum Kaffee"--"O so empfehle ich mich besstens zum Hochgraeflichen
Hofbaecker", rief der Baeckermeister. "Wir wollen sehen", sprach der
Schweizer, "wer heute gleich das besste liefern wird, koemmt ans Brett."
Da stuerzten alle die Baecker und Fleischer nach ihren Buden und
hackten und kneteten und rollten und glasirten die Eierwecken und
rissen die Laeden auf und stellten Alles hinaus, dass es eine Pracht
war; und so gieng es nun auf allen Seiten von Gelnhausen; alle Kraemer
und alle Krauthaendler kamen, sahen, staunten und wurden berichtet und
waren voll Freude, dass sie so viel Geld verdienen sollten.
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