Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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"Wohlan," sprach Gockel, "so will ich dann sogleich allhier ein
hochnothpeinliches Halsgericht halten, du sollst Zeter ueber die
Moerder der Deinigen rufen und strenge Genugthuung erhalten.--Dann
aber will ich an dir thun, was du verlangst.--Rufe sogleich als
Herold meines Stammes alle Bewohner dieses Schlosses vor die Schranken."
Da nun eben der Morgen graute, flog Alektryo auf die hoechste
Giebel-Mauer des Schlosses und kraehte dreimal so laut und heftig in
die Luft hinein, dass sein Ruf wie der Schall einer Gerichtstrompete
von allen Waenden wiederhallte, und alle Voegel erwachten und streckten
die Koepfe aus dem Neste hervor, um zu vernehmen, was er verkuende; und
da sie hoerten, dass er sie zu Recht und Gericht gegen die moerderische
Katze vor den Raugrafen Gockel von Hanau rief, fiengen sie an, mit
tausend Stimmen ihre Freude ueber diesen Ruf zu verkuenden, schluepften
alle aus ihren Nestern, schuettelten sich die Federn und putzten sich
die Schnaebel, um ihre Klagen vorzubringen, und flogen in den Raum der
Kapelle, wo sie sich huebsch ordentlich in Reih und Glied in die
leeren Fenster, auf die Mauervorspruenge und auf die Straeucher und
Baeume, welche darin wuchsen, setzten und die Eroeffnung des Gerichts
erwarteten.
Als die Voegel alle versammelt waren, trat Alektryo vor den
Huehnerstall, worin Hinkel und Gackeleia noch schliefen; und indem er
gedachte, dass hier der Mord an der frommen Gallina geschehen, kraehte
er mit solchem Zorne in den Stall hinein, und schlug dermassen mit
den Fluegeln dazu, dass Frau Hinkel und Gackeleia mit einem gewaltigen
Schrecken erwachten, und beide zusammen ausriefen: "o weh, o weh! da
ist der abscheuliche Alektryo schon wieder, er ist gewiss dem Vater im
Walde entwischt, wir muessen ihn nur gleich fangen." Nun sprangen sie
beide auf und verfolgten den Alektryo mit ihren Schuerzen wehend; er
aber lief spornstreichs in die Kapelle hinein; wie erschrecken Hinkel
und Gackeleia, als sie daselbst auf den Stufen des Altares den Gockel
mit finsterm Angesicht das grosse rostige Grafenschwert in der Hand
haltend sitzen sahen. Sie wollten ihn eben fragen, wie er wieder
hieher gekommen sey, aber er gebot ihnen zu schweigen und wies ihnen
mit einer so finstern Miene einen Ort an, wo sie ruhig stehen bleiben
sollten, bis sie vor Gericht gerufen wuerden, dass sie sich verwundert
einander ansahen. Der Hahn Alektryo gieng immer sehr traurig und in
schweren Gedanken mit gesenktem Kopfe vor Gockel auf und ab, wie ein
Mann, der in traurigen Umstaenden sehr tiefsinnige, verwickelte Dinge
ueberlegt. Ja es sah ordentlich aus, als lege er die Haende auf dem
Ruecken zusammen. Auch Gockel sah einige Minuten still vor sich hin
und alle Voegel ruehrten sich nicht. Nun stand Gockel auf und hieb mit
seinem Grafenschwert majestaetisch nach allen vier Winden mit dem
Ausruf:
"Ich pflege und hege ein Hals-Gericht,
Wo Gockel von Hanau das Urtheil spricht
Und ueber den Moerder den Stab zerbricht."
Nach diesen Worten flog Alektryo auf die Schulter Gockels und kraehte
dreimal sehr durchdringlich. Frau Hinkel wusste gar nicht, was das
alles bedeuten sollte, und schrie in grossen Aengsten aus: "o Gockel,
mein lieber Mann, was machst du? ach ich unglueckselige, er ist
naerrisch geworden!" Da winkte ihr Gockel nochmals zu schweigen, und
sprach:
"Wer koemmt zu Ruege, wer kommt zu Recht?"
Da trat Alektryo hervor, und sprach mit gebeugtem Haupt:
"Alektryo klagt, dein Edelknecht!"
Ach! wie fuhr das der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia durch das
Gewissen, als sie hoerten, dass der Hahn reden konnte; sie zitterten,
dass nun Alles gewiss herauskommen wurde. Da sprach Gockel:
"Alektryo, was ward dir gethan?"
Da antwortete Alektryo:
"Graf Gockel, trag mir das Schwert voran,
Trag es voran mit gewaffneter Hand,
Dann rufe ich Zeter wohl durch das Land."
Da zog Gockel einen alten Blechhandschuh an die rechte Hand, in der
er sein Schwert trug, und gieng so vor Alektryo, der ihm folgte, im
Kreis durch die Kapelle wieder zu den Gebeinen Gallina's zurueck.
Da trat Alektryo zu den Gebeinen der Gallina und kraehte Zeter mit
zitternden Stimme.
"Ach Herr, schau diese Gebeinlein an,
Das war mein Weib und meine Brut,
Die Katze zerriss sie und trank ihr Blut.
Zeter ueber Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog, Demagog;
Zeter und Weh und aber weh,
Und immer und ewig Herr Jemine!"
Bei diesen Worten kraehte er wieder gar betruebt, und Gockel sagte:
"Alektryo, du mein edler Hahn,
Ich hoerte, du haettest es selbst gethan.
Nun bringe du mir auch Zeugen bei,
Dass deine Klage wahrhaftig sey."
Da antwortete Alektryo:
"Hier war ich schon lange ein laestiger Gast,
Sie haben den redlichen Waechter gehasst;
Oft musste ich hoeren den Wiegengesang,
Der mir, wie ein Messer, die Kehle durchdrang:
"Ha heia, popeia, schlag's Kickelchen todt,
Er legt keine Eier und frisst mir mein Brod,
Dann rupfen wir ihm seine Federchen aus,
Und machen Gackeleia ein Bettchen daraus!"
O waer ich gestorben! Wie waer' mir jetzt gut
Mit meiner Gallina und mit meiner Brut,
Bei dir lieber Hiob, bei dir Salomo
In himmlischen Hoefen auf goldenem Stroh!
Doch fehlte der Muth hier zu blutiger That,
Ich sollte verderben durch Lug und Verrath.
Weil oft ich zu frueh das Gewissen erweckt,
Ward mit dem Gewissen in Sack ich gesteckt.
So hab ich gehoert nur und hab nicht gesehn,
Wie hier ist die graessliche Unthat geschehn,
Und lad' drum die lieben Schlossvoegelein ein,
Sie sollen wahrhaftige Zeugen mir seyn."
Nach diesen Worten fiengen alle die Voegel an, so gewaltig
durcheinander zu zwitschern, zu schnurren und zu klappern, dass Gockel
sprach:
"Halt ein, huebsch stille, macht kein Geschrei,
Ich will euch vernehmen nun nach der Reih'!
Zuerst Frau Schwalbe, die frueh aufsteht,
An dich mein Zeugenruf ergeht."
Da flog die Schwalbe heran und sprach:
"Noch zittere ich und beb ich,
Es ist wirklich, gewiss, sicherlich geschehn,
Sterb ich, oder leb ich, will ich's immer und ewig
Sicherlich nimmer mehr wieder sehn;
Wie die wilde Kaetzin und ihre Kaetzchen
Sprangen mit zierlichen Spruengen und Saetzchen
Zum Nestchen und rissen ripps, rapps,
Die Kuechlein und ihr Muetterlein treu,
Gripps, grapps in viele, viele Restchen,
Und federwinzige Fetzen entzwei.
Ich blieb drueber schier vor Schrecken
Zwier im zierlichen Gezwitscher stecken.
Wie ich eben im Begriffe bin gewesen,
Meinen Kindern, wie ueblich, gar lieblich
Ein Capitel erspriesslich aus der Bibel
Von Tobiae Schwaelblein und Saelblein
Exegisirend, explicirend zu lesen,
Geschah das himmelschreiende grimmige Uebel;
Als ich, wie's schicklich, erquicklich ist,
Mit witziger, spitziger List
Die Hirngespinnste meiner Gesichte,
Die figuerlichen, manierlichen Traumgedichte
Den Kindern ein bischen zimperlich, spaerlich,
Doch ziemlich klimperklaerlich
Im glitzernden Fruehlichts-Schimmer
Spintisirlich rezitirte, ist, was ich gewiss nimmer
Bis jetzt je gesehen, nie wieder will sehen,
Die verzwiefelte, verzweifelte Misse--Misse--
Missethat binnen kuerzester Frist geschehen,
Dass die wilde Kaetzin ohne Rezepisse
Und Gewissen die Gallina zerrisse;
Sieh, es ist die fleissige, aemsige, sitzende,
Giksende, gacksende, kratzende, kritzende
Gickel, Gackel, Gallina nicht mehr,
Das von weissen, weichen Ginster und Weidenzweigen
Zierlich gewickelte, figuerlich gezwickelte, fleur-de-lysirte,
Gothisch verzierte, stilisirte, persisch ziselirte,
Von piependen, trippelnden, nickenden, pickenden
Kuechelchen wimmelnde Erbhuehnernest ist zerrissen,
Zerbissen und lee, lee, lee, leer;
Zwischen den Splittern zittern und wehen die Federchen rings her,
Ich theile gewisslich mit denen, die drum wissen,
Das stechende, beissende, boese Gewissen
Immer und ewiglich nimmer nie, nie, nie, mehr!"
Nach dieser sehr beweglichen Aussage der kleinen Schwalbe kraehte
Alektryo wieder:
"Zeter ueber Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog, Demagog;
Zeter und Weh und aber weh,
Und immer und ewig, Herr Jemine!"
Bei dem Kraehen aber ward der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia
fast zu Muthe, wie Einem, der seinen Herrn verlaeugnet hat, beim
Hahnenschrei zu Muthe ward. Gockel sprach nun:
"Hab Dank Frau Schwalbe, tritt von dem Plan,
Nun komm Rothkehlchen als Zeug' heran."
Da flog das liebe kleine Rothkehlchen auf einen wilden Rosenstrauch
in die Naehe des Altars und sagte:
"Auf des hoechsten Giebels Spitze
Sang im ersten Sonnenblitze
Ich mein Morgenliedlein fromm,
Pries den lieben Tag willkomm.
Bei mir sass gar freundlich laechelnd,
Sich im Morgenlueftchen faechelnd,
Der erwachte Sonnenstrahl,
Unten lag die Nacht im Thal.
Unten zwischen finstern Mauern
Sah ich Katzenaugen lauern,
Und ich dankte Gott vertraut,
Dass ich hoch mein Nest gebaut.
Und ich sah die Katze schleichen,
Mit den Kaetzchen unten streichen
In den Stall, und hoert' Geschrei,
Wusst' bald, was geschehen sey;
Denn sie und die Kaetzchen alle
Sprangen blutig aus dem Stalle,
Trugen Huehnchen in dem Maul
Und zerrissen sie nicht faul.
Ach, da war ich sehr erschrecket,
Hab' die Fluegel ausgestrecket,
Flog ins Nest und deckt' in Ruh
Meine lieben Jungen zu.
Ja ich muss es eingestehen,
Hab' den boesen Mord gesehen,
Und mein kleines Mutterherz
Brach mir schier vor Leid und Schmerz!"
Nach diesen Worten kraehte Alektryo wieder:
Zeter ueber Schurrimurri und Gog,
Mack, Benack, Magog und Demagog!
Zeter und Weh und aber Weh!
Und immer und ewig, Herr Jemine!
Nun hoerte Gockel noch viele andere Voegel als Zeugen ab, und alle, vom
Storch bis zur Grasmuecke, erzaehlten, wie sie den Mord durch die Katze
gesehen.
Als aber Gockel sich nun zu Frau Hinkel und Gackeleia wendete und sie
beide fragte, wie sie das haetten koennen geschehen lassen, da die
Gallina doch dicht neben ihrem Ruhelager gebruetet habe, und wie sie
Alles auf den edlen Alektryo geschoben haetten, sanken beide auf die
Kniee, gestanden ihr Unrecht unter bitteren Thraenen, und versprachen,
es niemals wieder zu thun. Gockel hielt ihnen eine scharfe Ermahnung
und bat den Alektryo, ihnen selbst ihre Strafe zu bestimmen. Der
gute Alektryo aber bat fuer sie und verzieh ihnen selbst. Gockel
sagte nun: "deine Strafe, Frau Hinkel, soll seyn, dass ich dir und
deiner Tochter ein Huehnerbein und einen Katzenellenbogen in das
Wappen setze zum ewigen Andenken fuer eure boese Handlung, und ausserdem
soll Gackeleia, weil sie die Katze Schurrimurri mit ihren verwegenen
Soehnen, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog sich heimlich zum Spiele
erzogen und durch diese ihre Spielerei ein solches Unglueck angestellt
hat, nie eine Puppe besitzen, nie mit einer Puppe spielen duerfen."
Ach, da fiengen Frau Hinkel und Gackeleia bitterlich zu weinen an.
Gockel befahl nun dem Hahn den Scharfrichter zu holen, damit die
Katze mit ihren Jungen hingerichtet wuerde. Da schrie der Hahn und
alle Voegel: "das ist die Eule, die grosse alte Eule, die dort draus in
der hohlen duerren Eiche mit ihren Jungen sitzt", und sogleich ward
die Eule gerufen. Als diese ernsthaft und finster wie ein verhasstes,
gefuerchtetes, von allen andern Voegeln geflohenes Thier mit ihren
Jungen zu der Kapelle mit schweren Fluegeln hereinrasselte und mit dem
Schnabel knappte und hu hu schrie, und die Augen verdrehte,
versteckten sich die Voegel zitternd und bebend in alle Loecher und
Winkel; und Gackeleia verkroch sich schreiend unter die Schuerze ihrer
Mutter, welche sich selbst die Augen zuhielt. Gockel aber legte den
Sack, worin die boese Katze mit ihren Jungen stack, in die Kapelle und
die Eule trat mit ihren drei Jungen vor den Sack hin und sprach:
Ich komm zu richten und zu rechten
Mit meinen drei Soehnen und Knechten;
Nun hoeret ihr armen Suender,
Katz Schurrimurri und Kinder,
Du Mack, du Benack und du Gog,
Du Magog und du Demagog,
Die ihr seid arme Suenderlein,
Ein Exempel muss statuiret seyn.
Nun Hackaug, Blutklau, Brich-das-Genick!
Meine Soehne, macht eurer Meisterstueck.
Da wollten sie den Sack aufmachen und die Katzen vor aller Augen
hinrichten, aber Gackeleia schrie so entsetzlich, dass Gockel der Eule
befahl, mit ihren Soehnen den Sack fortzutragen und sich zu Hause mit
den Katzen abzufinden, was sie auch buchstaeblich gethan.--Ja, ja sie
fanden sich mit ihnen ab!
Als so dieses schreckliche Schauspiel vermieden war, trat Alektryo
vor Gockel und verlangte, dass er ihm nun den Kopf abschlagen, sich
den Siegelring Salomonis aus seinem Kropfe nehmen und ihn sodann mit
den Gebeinen der Gallina und ihrer Jungen verbrennen sollte. Gockel
weigerte sich lange, dem Begehren des Alektryo zu folgen, aber da er
sich auf keine Weise wollte abweisen lassen und ihn versicherte, dass
er sich doch in jedem Falle zu Tode hungern werde, so willigte Gockel
ein; er umarmte den edlen Alektryo nochmals von ganzem Herzen. Dann
streckte der ritterliche Hahn den Hals weit aus und rief, auf der
Inschrift des Grabsteins scharrend, mit lauter Stimme aus:
Alektryo bringt dir Glueck selbst um Undank.
O Gockel! hau' ihm den Kopf ab,
Schneid' ihm den Kropf auf!
Salomo's Siegelring Jedem noch Brod gab.
Am Schlusse dieser Worte schwang Gockel das Grafenschwert und hieb den
Hals des Alektryo mitten durch, dass ihm der Kopf des Hahnen vor die
Fuesse fiel und der todte Rumpf in den Scheiterhaufen sank. Gockel
nahm das ehrwuerdige Haupt bei dem Kamm, hob es empor, kuesste es,
schuettelte es dann ueber seiner Hand, und der Siegelring Salomonis
fiel ihm hinein. Alle Anwesenden weinten, Gockel legte das Haupt zu
dem Leibe auf den Scheiterhaufen der Gebeine Gallina's; alle Voegel
brachten noch duerre Reiser und legten sie drum her, da steckte Gockel
die Reiser an und verbrannte alles zu Asche; aus den Flammen aber sah
man die Gestalt eines Hahns wie ein goldenes Woelkchen durch die Luft
davon schweben. Nun begrub Gockel die Asche und deckte den Stein mit
der Schrift wieder mit Erde zu, und hielt dann eine herrliche
Leichenrede ueber die Verdienste Gallina's und besonders Alektryo's,
wie des edlen Hahnengeschlechts ueberhaupt. Nachdem er die Herkunft
Alektryo's von dem Hahne Hiobs nach der Erzaehlung Urgockels
mitgetheilt hatte, sprach er unter Anderm:
"Wer gibt die Weisheit ins verborgene Herz des Menschen, wer giebt
dem Hahnen den Verstand? Gleichwie der Hahn den Tag verkuendet und
den Menschen vom Schlaf erweckt, so verkuenden fromme Lehrer das Licht
der Wahrheit in die Nacht der Welt und sprechen: "die Nacht ist
vergangen, der Tag ist gekommen, lasset uns ablegen die Werke der
Finsterniss und anlegen die Waffen des Lichtes." Wie lieblich und
nuetzlich ist das Kraehen des Hahnen; dieser treue Hausgenosse erwecket
den Schlafenden, ermahnet den Sorgenden, troestet den Wanderer, meldet
die Stunde der Nacht und verscheuchet den Dieb und erfreuet den
Schiffer auf einsamem Meere, denn er verkuendet den Morgen, da die
Stuerme sich legen. Die Frommen weckt er zum Gebet und den Gelehrten
ruft er, seine Buecher bei Licht zu suchen. Den Suender ermahnet er
zur Reue, wie Petrum. Sein Geschrei ermuthiget das Herz des Kranken.
Zwar spricht der weise Mann: "Dreierlei haben einen feinen Gang und
das Vierte geht wohl, der Loewe maechtig unter den Thieren, er fuerchtet
Niemand--ein Hahn mit kraftgeguerteten Lenden, ein Widder und ein
Koenig, gegen den sich Keiner erheben darf"--aber dennoch fuerchtet der
Loewe, der Niemanden fuerchtet, den Hahn und fliehet vor seinem Anblick
und Geschrei; denn der Feind, der umhergeht wie ein bruellender Loewe
und suchet, wie er uns verschlinge, fliehet vor dem Rufe des Waechters,
der das Gewissen erwecket, auf dass wir uns ruesten zum Kampf. Darum
auch ward kein Thier so erhoehet; die weisesten Maenner setzen sein
goldenes Bild hoch auf die Spitzen der Thuerme ueber das Kreuz, dass bei
dem Waechter wohne der Warner und Waechter. So auch steht des Hahnen
Bild auf dem Deckel des ABC-Buchs, die Schueler zu mahnen, dass sie
frueh aufstehen sollen, zu lernen. O wie loeblich ist das Beispiel des
Hahnen! Ehe er kraeht, die Menschen vom Schlafe zu wecken, schlaegt er
sich selbst ermunternd mit den Fluegeln in die Seite, anzeigend, wie
ein Lehrer der Wahrheit sich selbst der Tugend bestreben soll, ehe er
sie anderen lehret. Stolz ist der Hahn, der Sterne kundig, und
richtet oft seine Blicke zum Himmel; sein Schrei ist prophetisch, er
kuendet das Wetter und die Zeit. Ein Vogel der Wachsamkeit, ein
Kaempfer, ein Sieger wird er von den Kriegsleuten auf den Ruestwagen
gesetzt, dass sie sich zurufen und abloesen zu gemessener Zeit. So es
daemmert und der Hahn mit den Huehnern zu ruhen sich auf die Stange
setzt, stellen sie die Nachtwache aus. Drei Stunden vor Mitternacht
regt sich der Hahn, und die Wache wird gewechselt; um die Mitternacht
beginnt er zu kraehen, sie stellen die dritte Wache aus, und drei
Stunden gen Morgen rufet sein tagverkuendender Schrei die vierte Wache
auf ihre Stelle. Ein Ritter ist der Hahn, sein Haupt ist geziert mit
Busch und rother Helmdecke und ein purpurnes Ordensband schimmert an
seinem Halse; stark ist seine Brust wie ein Harnisch im Streit, und
sein Fuss ist bespornt. Keine Kraenkung seiner Damen duldet er, kaempft
gegen den eindringenden Fremdling auf Tod und Leben und selbst
blutend verkuendet er seinen Sieg stolz emporgerichtet gleich einem
Herold mit lautem Trompetenstoss. Wunderbar ist der Hahn; schreitet
er durch ein Thor, wo ein Reiter hindurch koennte, buecket er doch das
Haupt, seinen Kamm nicht anzustossen, denn er fuehlt seine innere
Hoheit. Wie liebet der Hahn seine Familie! Dem legenden Huhn singt
er liebliche Arien: "bei Huehnern, welche Liebe fuehlen, fehlt auch ein
gutes Herze nicht, die suessen Triebe mit zu fuehlen, ist auch der
Hahnen erste Pflicht;"--stirbt ihm die bruetende Freundin, so
vollendet er die Brut und fuehret die Huehnlein, doch ohne zu kraehen,
um allein Muetterliches zu thun.--O welch erhabenes Geschoepf ist der
Hahn! Phidias setzte sein Bild auf den Helm der Minerva, Idomeneus
auf sein Schild. Er war der Sonne, dem Mars, dem Mercur, dem
Aesculap geweiht. O wie geistreich ist der Hahn! Wer kann es den
morgenlaendischen Kabbalisten verdenken, dass sie sich Alektryo's
bemaechtigen wollten, da sie an die Seelenwanderung glaubten und der
Hahn des Mycillus sich seinem Herrn selbst als die Seele des
Pythagoras vorstellte, die inkognito kraehte. Ja wie mehr als ein
Hahn ist ein Hahn, da sogar ein gerupfter Hahn noch den Menschen des
Plato vorstellen konnte"! u.s.w.
Noch unaussprechlich vieles Erbauliche, Moralische, Historische,
Allegorische, Medizinische, Mystische, selbst Politische brachte
Gockel in dieser schoenen Leichenrede an, welche auch oft von dem
lauten Schluchzen und Weinen Gockels, der Frau Hinkel und der kleinen
Gackeleia unterbrochen ward. Selbst alle Voegelein gaben ihre Ruehrung
mit leisem Piepen zu verstehen; weil aber der groesste Theil der Rede
aus Coleri Haushaltungsbuch und aus Gesneri Vogelbuch u.s.w.
herruehrte, zogen sich die zuhoerenden Voegel, denen es viel zu lang
dauerte, nach und nach in der Stille zurueck,--und da er nun gar noch
allerlei Aberglaeubisches von der Alektryomantie, einer Art
zauberischer Wahrsagerei vermittelst der Hahnen, und von dem Hahnenei,
woraus die Basilisken entstehen, vorbrachte, ward Frau Hinkel auch
etwas unruhig--doch hielt sie sich noch zurueck--dann aber kam er auf
einen gewissen unpartheiischen Englaender zu sprechen, und was dieser
von Hahnen und Hinkeln gesagt; da ward es Frau Hinkel nicht recht
wohl und sie sprach: "Lieber Gockel, ich glaube, wir haben das schon
gehoert, wir sind auch noch nuechtern, ich fuerchte die Milch wird sauer,
ich habe auch noch kein Wasser zum Kaffee am Feuer, ich daechte wir
hielten einen kleinen Leichenschmaus." Da laechelte der gute Gockel,
umarmte Frau Hinkel und Gackeleia und begab sich, selbst ermuedet von
der schlaflosen Nacht, gern mir ihr in den Huehnerstall.
Den ganzen uebrigen Tag weinten Frau Hinkel und Gackeleia noch oefter,
und wollten sich gar nicht zufrieden geben, dass sie an dem Tode der
Gallina und Alektryo's Schuld gewesen.
Gockel gab ihnen die schoensten Ermahnungen, sie versprachen die
aufrichtigste Besserung, und so entschlief die ganze Familie am Abend
dieses traurigen Tages nach einem gemeinschaftlichen herzlichen Gebet.
Als Gockel in der Nacht erwachte, gedachte er der Frau Hinkel und
seines Toechterleins Gackeleia mit vieler Liebe, und entschloss sich,
ihnen nach dem vielen Schrecken, den sie gehabt, eine rechte Freude
zu machen, und zugleich den Siegelring Salomonis zu versuchen. Er
nahm daher den Ring aus der Tasche, steckte ihn an den Finger und
drehte ihn an demselben herum mit den Worten:
"Salomon du weiser Koenig,
Dem die Geister unterthaenig,
Mach' mich und Frau Hinkel jung,
Trag' uns dann mit einem Sprung
Nach Gelnhausen in ein Schloss,
Gieb uns Knecht und Magd und Ross,
Gieb uns Gut und Gold und Geld,
Brunnen, Garten, Ackerfeld,
Fuell' uns Kuech und Keller auch,
Wie's bei grossen Herrn der Brauch,
Gieb uns Schoenheit, Weisheit, Glanz,
Mach' uns reich und herrlich ganz,
Ringlein, Ringlein, dreh' dich um,
Mach's recht schoen, ich bitt' dich drum!"
Unter dem Drehen des Ringes und dem oefteren Wiederholen dieses
Spruches schlief Gockel endlich ein. Da traeumte ihm, es trete ein
Mann in auslaendischer reicher Tracht vor ihn, der ein grosses Buch
vor ihm aufschlug, worin die schoensten Palaeste, Gaerten, Springbrunnen,
Hausgeraethe, Kleidungsstuecke, Tapeten, Schildereien,
Alamode-Kutschen, Pferde, Livreen und andere dergleichen Dinge
abgebildet waren, aus welchen er sich heraussuchen musste, was ihm
wohlgefiel. Gockel beobachtete bei der Wahl Alles mit grossem Fleisse,
was Frau Hinkel und Gackeleia gefallen konnte, denn er traeumte so
klar und deutlich, als ob er wache. Da er aber das Buch
durchblaettert hatte, schlug der Mann im Traume es so heftig zu, dass
Gockel ploetzlich erwachte.
Es war noch dunkel, und er war so voll von seinem Traume, dass er sich
entschloss, seine Frau zu wecken, um ihr denselben zu erzaehlen; auch
fuehlte er ein so wunderbares Behagen durch alle seine Glieder, dass er
sich kaum enthalten konnte, laut zu jauchzen. Da er sich immer mehr
vom Schlafe erholte, empfand er die lieblichsten Wohlgerueche um sich
her und konnte gar nicht begreifen, was nur in aller Welt fuer
koestliche Gewuerzblumen in seinem alten Huehnerstall ueber Nacht muessten
aufgeblueht seyn. Als er aber, sich auf seinem Lager wendend,
bemerkte, dass kein Stroh unter ihm knistre, sondern dass er auf
seidenen Kissen ruhe, begann er vor Erstaunen auszurufen: "o Jemine,
was ist das?" In demselben Augenblicke rief Frau Hinkel dasselbe,
und dann riefen beide: "wer ist hier?" und beide antworteten: "ich
bin's, Gockel!--ich bin's Hinkel!" aber sie wollten's beide nicht
glauben, dass sie es seyen. Es hatte ihnen beiden dasselbe getraeumt,
und sie wuerden geglaubt haben, dass sie noch traeumten, aber sie fanden
gegenseitig ihre Stimmen so veraendert, dass sie vor Verwunderung gar
nicht zu Sinnen kommen konnten. "Gockel," fluesterte Frau Hinkel,
"was ist mit uns geschehen? Es ist mir, als waere ich zwanzig Jahre
alt." "Ach ich weiss nicht," sagte Gockel, "aber ich moechte eine
Wette anstellen, dass ich nicht ueber fuenf und zwanzig alt bin." "Aber
sage nur, wie kommen wir auf die seidenen Betten?" fragte Frau Hinkel,
"so weich habe ich selbst nicht gelegen, als du noch Fasanenminister
in Gelnhausen warst,--und die himmlischen Wohlgerueche umher,--aber
ach, was ist das? Der Trauring, der mir immer so lose an dem Finger
hieng, dass ich ihn oft Nachts im Bettstroh verloren, sitzt mir jetzt
ganz ordentlich, so dass ich ihn eben drehen kann, ich bin gar nicht
mehr so klapperduerr."--Diese letzten Worte erinnerten Gockel an den
Ring Salomonis; er dachte: "ach, das mag Alles von meinem gestrigen
Wunsche herkommen;" da hoerte er auch Rosse im Stalle stampfen und
wiehern, hoerte eine Thuere gehen, und es fuhr ein Licht durch die
Stube an der Decke weg, als wenn jemand mit einer Laterne Nachts ueber
den Hof geht. Er und Hinkel sprangen auf, aber sie fielen ziemlich
hart auf die Nase, denn jetzt merkten sie, dass sie nicht mehr auf der
ebenen Erde, sondern auf hohen Polsterbetten geschlafen hatten, und
der Schein, der durch die Stube gezogen war, hatte nicht die rauhe
Wand ihres Huehnerstalles, an welcher Stroh und die alte Huehnerleiter
lag, sondern praechtige gemalte und vergoldete Waende, seidene Vorhaenge
und aufgestellte Silber-und Gold-Gefaesse beleuchtet. Sie rafften sich
auf von einem spiegelglatten Boden, sie stuerzten sich in die Arme und
weinten vor Freude, wie Kinder. Sie hatten sich so lieb, als haetten
sie sich zum erstenmale gesehen. Nun bemerkten sie den Schein wieder,
und sahen, dass er durch ein hohes Fenster herein fiel. Mit
verschlungenen Armen liefen sie nach dem Fenster und sahen, dass es
von der Laterne eines Kutschers in einer reichen Livree herkam, der
in einem grossen geraeumigen Hof stand, Haber siebte und ein Liedchen
pfiff. Im Schein der Laterne, der an das Fenster fiel, sah Gockel
Hinkel an und Hinkel Gockel, und beide lachten und weinten und fielen
sich um den Hals und riefen aus: "ach Gockel, ach Hinkel, wie jung
und schoen bist du geworden!" Da sprach Gockel: "Alektryo hat die
Wahrheit gesprochen, der Ring Salomonis hat Probe gehalten, alle
meine Wuensche, bei welchen ich ihn drehte, sind in Erfuellung
gegangen"; und da erzaehlte er der Frau Hinkel, wie ihm der Mann mit
dem grossen Bilderbuch erschienen und er Alles heraus gesucht und den
Ring dabei gedreht habe.--"Ach Gockel, Herzens-Gockel! hast du
wirklich Alles so gewuenscht, Alles wie es mich freuet und erquicket?
Dieses lange, lange Hemd, diesen tiefrothen, chinesischen Schlafrock,
fein, fein, man kann ihn ganz in den Raum einer Nuss verbergen.
Gockel! und dieses seidene Netz um meine Haare--Alles, Alles so nach
meiner Lust?"--"Ja", sagte Gockel, "Alles nach deiner Lust, es wird
schon Tag werden, da wirst du erst sehen die hohen, hellen Raeume,
Saeaele, um Wettrennen darin anzustellen, lauter Doppelthueren, Fussboeden
mit Purpurteppichen bedeckt, herrliche breite Treppen auf Saeulen
ruhend, Terrassen, Gallerien, offne Hallen; ach Hinkel! welche Gaerten
und Springbrunnen und Saeulenhallen und Statuen und Aussichten und
schoene Berglinien und Lorbeern-, Myrten-, Cypressen-, Citronen-,
Pomeranzen-, Orangen-, Granatenhaine und eine Schaukel darin von
weissen Rosen--und eine Wiege von weissen Lilien--vom Kuechengarten will
ich gar nicht reden, es wird dir genug seyn, wenn ich sage, dass die
Pflaumenbaeume ihre Aeste mit getrockneten Fruechten zum Kuechenfenster
hineinhaengen.--Was soll ich von der Garderobe sprechen, ehe ich dir
nur den hundertsten Theil der Stiefelchen, Pantoeffelchen, Roeckchen,
Schuerzchen, Huetchen, Tuechelchen, Quaestchen, Trottelchen u.s.w. nenne,
ist es Tag, und du knieest mitten darunter und raeumst und packst und
probirst Alles nach der Reihe;--aber Herz Hinkel, das Schoenste ist:
da ist kein Zapfenbrett, wie im Huehnerministerium, nein, da stehen
ganze Choere der grossartigsten, edelsten, lieblichsten, erhabensten,
kindlichsten Marmorfiguren von Engeln, Genien, Denkern, Dichtern,
Propheten, Goettern und Helden, und auf ihren Haenden tragen sie die
Kleider, die in krystallenen Schalen zwischen duftenden Blumen ruhen,
in der Mitte der Garderobe stehen die drei Grazien um einen dicken
Lilienbusch, und wenn du zu traege bist, dich selbst anzukleiden,
trittst du zwischen die Grazien und sagst nur den Spruch deiner
Ahnfrau von Hennegau:
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