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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Gockel, Hinkel und Gackeleia

C >> Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia

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Nun schrie der Dritte: "o Unglueck ueber Unglueck, alle Muehe und Arbeit
verloren! Wie lange haben wir dem Koenig von Gelnhausen zugesetzt,
wie viel haben wir an seine Minister spendirt, bis sie den Gockel ins
Elend gebracht, damit wir ihm den Hahn leicht abkaufen koennten; haben
unsere Eltern doch allein das Petschierstechen gelernt, um dem Hahn
naeher zu kommen, da sie sein Portrait nach der Natur auf das
Grafensiegel stachen, wo sie ihm auf den Zahn fuehlen konnten, ob er
nach dem Tod des fruehern Hahns, als dessen erstgeborner Sohn, auch
den Ring wieder im Kropf habe.--Wie haben wir muessen laufen von
Heddernheim nach Krakau, von Krakau nach Bockenheim, von Bockenheim
nach Constantinopel, von Constantinopel nach Fuerth, von Fuerth nach
Jerusalem, von Jerusalem nach Worms, von Worms nach Cairo, von Cairo
wieder nach Heddernheim und von Heddernheim wieder in die ganze
Geographie, laufen, laufen um zu lernen die Kabbala, Gicks Gacks und
Kikriki, die grosse Alektryomantie, bis wir endlich den Spruch auf dem
Grabstein in der Burg Gockels verstehen konnten.--Weh, Alles umsonst,
Alles verloren! Wenn wir nur aus dem Loche waeren, und wer bezahlt
mir nun die Katze, die ich mit ihren fuenf Jungen selbst aus meinem
Beutel gekauft und in das Schloss gesetzt habe, damit sie die Gallina
sammt der Brut fressen sollte, auf dass dem Gockel der Hahn feil
wuerde? Wer bezahlt mir die Katze? Ich will mein Geld fuer die Katze.
Haette ich ihr den Pelz doch abziehen und sie als einen Hasen
verkaufen und den Pelz auch verkaufen koennen, ich will mein Geld fuer
die Katze! Die Katze ist verloren, der Ring ist verloren, der einem
giebt, Herz was verlangst du? Jugend und Reichthum, alle Gueter der
Welt!--Geld!--Geld!--Geld!--Geld!"-Da Gockel ueber ihr Geschrei lachen
musste, glaubte der erste Petschierstecher, der zweite habe ihn
ausgelacht, und schlug nach ihm; der schrie und sagte, der dritte sey
es gewesen; da schlug dieser nach ihm und daraus entstand eine
allgemeine Pruegelei unter den Dreien, worueber Gockel mit Alektryo die
Grube verliess und nach seinem Schlosse in tiefen Gedanken zurueckgieng.

Gockel hatte gar vieles erfahren, die Luege der Frau Hinkel und der
kleinen Gackeleia, die Anwesenheit einer alten Schrift auf einem
Grabstein in seiner Schlosskapelle, das Geheimniss von dem Siegelring
in des Hahnen Kropf und die ganze Betruegerei der morgenlaendischen
Petschierstecher. Alles dieses machte ihn gar tiefsinnig und betruebt;
er drueckte den edlen Hahn Alektryo einmal um das andremal an sein
Herz und sagte zu ihm: "nein, du geliebter, ehrwuerdiger, kostbarer
Alektryo, und wenn du den Stein der Weisen in deinem Kropf haettest,
du sollst darum durch meine Hand nicht sterben, und ehe Gockel nicht
verhungert, sollst du auch nicht umkommen." Nach diesen Worten
wollte Gockel dem Alektryo einen Bissen Brod geben, der aber
schuettelte den Kopf und sprach gar beweglich:

"Alektryo in grosser Noth,
Gallina todt, die Huehnchen todt,
Alektryo will mehr kein Brod,
Will sterben durch das Grafenschwert,
Wie es ein edler Ritter werth,
Verlangt ein ehrlich Halsgericht,
Wo Raugraf Gockel das Urtheil spricht,
Und ueber die Katze das Staeblein bricht."

"O Alektryo," sprach Gockel mit Thraenen, "ein strenges Gericht soll
ueber die Katze ergehen, deine verstorbene Gallina und deine dreissig
Jungen sollen geraecht werden, und was noch von ihnen uebrig ist, soll
in einem ehrlichen Grabe bestattet werden; aber du, du musst bei mir
bleiben." Der Hahn blieb immer bei seiner Rede, er muesse in jedem
Falle sterben, und wolle ihn Gockel nicht enthaupten, so werde er
sich zu Tode hungern; Gockel werde schon heute in der wuesten
Schlosskapelle noch Alles erfahren und dann kurzen Process machen.

Es war Nacht geworden: als Gockel nach Hause kam. Frau Hinkel und
Gackeleia schliefen schon, denn sie erwarteten heute den Vater nicht
zurueck, weil sie glaubten, er sey mit den Kaeufern des Alektryo nach
der Stadt gegangen. Zuerst schlich sich Gockel nach dem Winkel, wo
die moerderische Katze mit ihren Jungen schlief, Alektryo zeigte ihm
den Weg. Gockel ergriff sie alle zusammen und steckte sie in
denselben Sack, in welchem Alektryo gefangen gelegen war. Ach wie
trauerten Gockel und Alektryo, als sie die Federn und Gebeine der
guten ermordeten Gallina und ihrer Kuechlein um das Nest der Katze
herumliegen sahen. Sie weinten bittere Thraenen mit einander und
Alektryo sammelte, mit seinem Schnabel herumsuchend, alle Beinchen
und Federn der Ermordeten in die Muetze Gockels, der sie ihm hiezu
hinhielt. Dann sprach Alektryo zu Gockel, indem er traurig vor ihm
herschritt, Kamm und Schweif niedersenkte und die Fluegel haengen liess,
als begleite er wie ein Kriegsmann mit gesenkter Fahne und
niedergewendetem Gewehr eine Leiche zu Grab:

Nun folg mir zur Kapelle,
Dass diese theure Last
Dort find' an heil'ger Schwelle
Auf ewig Ruh und Rast.

So giengen sie wie ein stiller Leichenzug zu der wuesten Kapelle,
Alektryo sang eine leise Lamentation und die Voegel aus dem Schlafe
erwachend guckten hie und da aus den Nestern und lamentirten, ohne
die einfache Wuerde der erhabenen Trauerzeremonie zu stoeren, in
sanfter Harmonie ein bischen mit. Der Himmel selbst hatte seine
Sterne mit Wolken verhuellt und der Mond, mit Thraenen im Auge,
schimmerte bleich durch einen Schleier der Wehmuth. Die halbe Natur
stimmte in das schoene Ganze dieser eben so ruehrenden als wuerdigen
Feier mit ein, wobei auch die so sinnige Mitwirkung der Buesche und
Kraeuter und Blumen ruehmlich zu erwaehnen ist, denn die Glockenblumen,
die ehr--und tugendsam Jungfer Campana laeutet ganz mitleidig mit
allen ihren blauen Glocken, und die bewussten weissen Rosen, die bei
Feierlichkeiten immer so beliebten weissgekleideten Maedchen, gossen
Schalen voll reichlichen Thraenenthaus vor dem Zuge aus; man bemerkte
unter den Leidtragenden die so achtbare Klagejungfrau Rosmarin, die
demuethige Familie Thymian, die Miss Lavendel, die Comtesse Quentel und
viele andre edle Familien. Auch die barmherzigen Schwestern Jungfer
Melissa, Krausemuentze, Kamille, Schaafgarbe, Koenigskerze, Ehrenpreiss,
Baldrian, Himmelsschluessel bewiesen ihre innigste Theilnahme. Vor
allen andern des schoenen Blumengeschlechtes aber beurkundete Fraeulein
Reseda, welche so oft im Wochenblaettchen anzeigt, dass sie mehr auf
gute Behandlung als grossen Gehalt sehe, den guten Geruch aller ihrer
Verdienste. Der allgemeine Blumen-Notarius Publicus Salomons-Siegel
bewaehrte durch seine Theilnahme, dass sein Name in grossem Bezug mit
diesem merkwuerdigen Ereignisse stehe. Kurz die Theilnahme aller
Kraeutlein war so gross, dass sogar die faule Grethe unter ihnen bemerkt
wurde, der redliche gute Heinrich hatte sie aufgeweckt, dass auch sie
mit ihm dem Alektryo ihr Beileid bezeige.

O wie kindlich, einfaeltig ruehrend sprach sich die Theilnahme der
frommen Klosterschwestern, Marienkinder genannt, aus, welche ihr
Kloesterchen in dem mit Erde erfuellten trockenen Becken des
verfallenen Springbrunnens zu Fuessen des zerbrochenen Liebfrauenbildes
bewohnten. Gackeleia nannte dieses mit lauter Marienpflaenzchen
ueberwachsene Brunnenbecken gewoehnlich ihr Marienklostergaertchen, und
pflegte es besser, als alle anderen Gartenbeete. Alle
Marienkaeferchen, die sie fand, setzte sie hinein.

Sie hatte sich eine Bank darin bereitet, und neben dieser stand das
Kraeutlein Unserlieb-Frauenbettstroh. Da trieb Gackeleia gewoehnlich
ihre Spielereien. Sie hatte das liebe Dreifaltigkeitsbluemchen, das
auch Jelaengerjelieber und Denkeli und unnuetze Sorge genannt wird, zu
Fuessen des Liebfrauenbildes gepflanzt, weil die Mutter ihr gesagt
hatte, dass diess Bluemchen in Hennegau Jesusbluemchen heisse. Da nahm
dann Gackeleia manchmal ein solches Jesusbluemchen und legte es auf
das Kraeutchen Marienbettstroh und wiegte es hin und her und sang dazu:

Da oben im Gaertchen,
Da wehet der Wind,
Da sitzet Maria
Und wieget ihr Kind,
Sie wiegt es mit ihrer schneeweissen Hand,
Und brauchet dazu gar kein Wiegenband.
Ich will mich zur lieben Maria vermiethen,
Will helfen ihr Kindlein recht fleissig zu wiegen,
Da fuehrt sie mich auch in ihr Kaemmerlein ein,
Da singen die lieben Engelein fein,
Da singen wir alle das Gloria,
Das Gloria, Lieb Frau Maria!

Als der Leichenzug Gallina's an diesem Mariengaertchen voruebergieng,
war die Betruebniss von dessen Bewohnerinnen um so groesser, als ihre
Freundin Gackeleia diesen hoechst traurigen Todesfall veranlasst hatte;
ach, sie fuehlten Alle in ihrem frommen Herzen, als theilten sie die
Schuld Gackeleia's. Da standen nun die lieben Kraeutchen, die
Marienkinder, in einer Reihe. Schwester Margarita Marienroeschen,
Schwester Chardonetta Mariendistel, Schwester Cuscutta Marienflachs,
Schwester Spergula Mariengras, Schwester Gremila Marienhirse,
Schwester Alchimilla Marienmantel, Schwester Mentha Marienmuenze,
Schwester Paeonia Marienrose, Schwester Calceola Marienschuh und auch
die kleine feine Novize Mignardisa Marientroepfchen hatte ihr
gefranztes Trauerschleierchen ganz nass geweint. Alle standen sie in
stiller Andacht und dufteten ein de profundis, und einer jeden hatten
die Marienkaeferchen eine brennende Kerze in die Hand gegeben, und die
Laienschwestern Campanula, Marienhandschuh und Mariengloecklein
laeuteten mit den blauen, violetten und weissen Klostergloeckchen gar
beweglich und harmonisch. Nirgends aber sprach sich Trauer, Mit--und
Beileid tiefer und wahrer aus, als unter der uralten Linde, nahe bei
dem Eingang in die Kapelle. Es muessen sich theure Gockelhinkelsche
Erinnerungen an diese klassische Stelle knuepfen; Ortsnamen und
Bewohner zeugen dafuer. Die Linde heisst von Olims Zeiten her die
Hennenlinde, das kleine Feldkreuz unter ihr, worauf eine Henne
ausgehauen, heisst das Hennenkreuz. Die drei zu ewiger Anbetung und
Fuerbitte verlobten adeligen Klosterfrauen, die drei reinen
schneeweissen Lilien, welche zu Haeupten dieses Kreuzes stehen,
sendeten Weihrauch und Gebete aus den Opferschalen ihrer Kelche empor.

Zu Fuessen des Hennen-Kreuzes trauerte in stummem Schmerz ein adeliger
Fraeuleinverein von lauter Pflanzen und Kraeutern, welche der Graefin
Hinkel von Hennegau namensverwandt und seit Olims Zeiten in diesem
Schlosse einheimisch waren. Hier weinten unter dem Vorstand der alle
Schmerzen uebernehmenden Fraeulein Grasette Fetthenne ihre stillen
Thraenen die edlen Fraeulein Moscatellina von Hahnenfuss, Ornitogalia
von Huehnermilch, Serpoleta von Huehnerklee, Morgelina von Huehnerbiss,
Cornelia von Hahnenpfoetchen, Osterlustia von Hahnensporn, Cretellina
von Hahnenkamm und Esparsetta von Hahnenkaemmchen.--Dank den edlen
schoenen Seelen!

Es haben sich ausserdem allerlei Geruechte von ausserordentlichen
Erscheinungen verbreitet, die bei diesem Begraebniss eingetreten seyn
sollen, und es ist noch jetzt das Gerede unter den Voegeln der
Umgegend davon: "es sey ein Comet in der Gestalt eines Paradiesvogels
am Himmel gesehen worden, und unter der Linde haetten die drei Lilien
zu leuchten begonnen, Sterne seyen in sie niedersinkend gesehen
worden und vor ihnen sey eine schoene edle Frau, eine Graefin von
Hennegau, erschienen und habe beim Voruebergang der Leiche die Worte
gesungen:

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!

worauf Alles verschwunden sey." Wir stellen diese Geruechte, als dem
Reiche der Phantasie angehoerig, unverbuergt dem Glauben eines jeden
anheim. Als Gockel und Alektryo in der dachlosen, Busch und Baum
durchwachsenen Kapelle mit den Ueberresten Gallina's angekommen war,
schuettete er dieselben fein sachte auf die Stufen des zerfallenen
Altares aus und zog seine Muetze wieder ueber die Ohren, weil er wohl
wusste, es koenne ihm bei seiner Anlage zu rheumatischem Kopf-,
Zahn--und Ohrenweh unmoeglich gesund seyn, das nicht mehr dicht
behaarte Haupt dem kuehlen Nachtthau auszusetzen. Hierauf sprach der
treue Alektryo, der nicht von den Ueberresten seiner Familie wich, zu
Gockel:

####Wachholderstrauch
####Macht guten Rauch.
Zu Stambul hat der Grosssultan
Wachholder in dem Garten sein
Und drum ein goldnes Gitterlein,
Er zuendet dran die Pfeife an
Und hat recht seine Freude dran;
Du Gockel brich Wachholder mir
Zu dem Castrum Doloris hier.

Da brach Gockel ihm Reiser von einem dort stehenden Wachholderbusch
und flocht eine Art Nest daraus, welches er auf die Stufe des Altares
setzte. Alektryo legte alle die Beinchen der Gallina und ihrer
Jungen in diesem Nest in einen wohlgeordneten Scheiterhaufen zusammen,
fuellte diesen mit den Federn und legte den Kopf und die Koepfchen der
Seinigen darauf.

Indessen blickte Graf Gockel nachdenklicher als je den alten
Grabstein an, der hinter dem Altar in der Wand eingemauert war; es
war sein erster Ahnherr, der Urgockel, mit einem Hahnen auf der
Schulter und einem ABC-Buch in der Hand, in bedeutender Groesse darauf
abgebildet, und zu seiner Linken war an der Mauer eine Reihe von
Bildern aus seinem Leben in Stein gehauen. Gockel wusste nicht viel
von dem Urgockel und noch weniger von der Bedeutung der Bilder; die
Hauschronik war mit dem Schloss verbrannt. Er wusste nur den alten
Familiengebrauch, dass die Grafen Gockel immer den Alektryo in Ehren
hielten, und dass er ihrem Haus Glueck bringe.

Als Alektryo mit der Ordnung der Gebeine seiner Familie fertig war,
scharrte er die Erde von einer Marmorplatte, die vor dem Altar am
Boden lag, und Gockel reinigte sie vollkommen. Auf dieser Platte
waren allerlei Zeichen, wie Hahnen und Huehner sie mit ihren Pfoten im
Schnee machen, eingegraben. Alektryo sprach:

Graf Gockel lies,
Was heisset dies?

Gockel konnte aus dem Gekritzel nicht klug werden und sprach:

Alektryo, mein lieber Hahn,
Wie sehr ich auch nachdenken mag,
Kann ich kein Woertchen doch verstahn
Von dieser Kribbes-Krabbes-Sprach.

Da erwiederte Alektryo:

Der Ur-Alektryo dies schrieb
Dem Ur-Gockelio zu lieb.
Da keine Handschrift konnte lesen,
Noch schreiben Ur-Gockelio,
So ist ihm hier zu Dienst gewesen
Mit Fussschrift Ur-Alektryo.
Sein Lehrer war ein Indian,
Ein Schreiber des Gott Hahnemann,
Die Tinte war der Morgenthau,
Die Federn waren Hahnenpfoten,
Er schrieb auf Paradieses Au
Zum reinen Kikriki die Noten;
Doch als im Eifer eine Sau
Er einstens hat hineingekleckst,
Fiel gleich sein Stamm mit Kind und Frau
Auf lange Zeiten aus dem Text;
Bis er bei Job als Concipist
Ward angestellet auf dem Mist.
Was Hahn zu Hahn hat je gekraeht,
Der Schrei noch um die Erde geht;
Was Hahn an Hahn vor Langem schrieb,
Nicht immer ganz verstaendlich blieb.
Weil Fussschrift auf die Fussschrift trifft,
So ward es Kribbes-Krabbes-Schrift.
Ein jeder liest sich erst hinein
Was er sich gern heraus moecht' lesen,
Oft giebt ein Strich, ein Puenktlein klein,
Dem ganzen Sinn ein andres Wesen.
So ward auch hier der dunkle Spruch
Aus dein und meinem Schicksalsbuch,
Der auch auf deinem Wappen steht,
Von Schriftgelehrten boes verdreht;
Doch weil ich kraeh' nach Tradition,
So kann ich noch mein Lektion.

Nun las Alektryo ihm folgende Worte von der Marmorplatte:

Alektryo bringt dir Glueck selbst um Undank.
O Gockel hau ihm den Kopf ab,
Schneid' ihm den Kropf auf, Salomo's
Siegelring Jedem noch Brod gab.

Da sah nun Graf Gockel deutlich, dass die Eltern der Petschierstecher
schon seine Vorfahren bei dem Spruch auf dem Wappen betrogen hatten,
und dass die Worte: Kopf, Kropf, Siegel gar nicht ihre Namen waren.
Alles Gehoerte erweckte dunkle Erinnerungen wie von Maehrchen aus
seiner fruehesten Jugend in ihm, und begierig, von der Geschichte
seiner Vorfahren etwas zu wissen, sprach er zu dem Hahnen:

Alektryo! es ist curios,
Du sprichst vom Ringe Salomo's
Und von dem Urgockelio
Und von dem Uralektryo;
Mir ist, wenn ich dies Alles hoer',
Wie einer Eierschaale leer,
Wenns Huhn, von dem sie war gelegt,
Sich gacksend um sie her bewegt.
Wer lang, wie ich, bei Hofe sitzt
Im Huehner-Ministerium,
Zuletzt gar von sich selbst ausschwitzt
Das innere Mysterium.
Mir ist so dumm, als ob ich sey
Ein in der Stichedunklichkeit
Der finstern Mittelaltrichkeit
Gelegtes ausgeblas'nes Ei.
Belehr mich doch!--ich weiss nicht mehr,
Wo kommen alle wir nur her,
Wo Gockel, wo Alektryo,
Wo jener Ring des Salomo?

Da erwiederte Alektryo:

Du dauerst mich, du armer Tropf!
Fass an den Ring in meinem Kropf,
Sprich: Urgockel! dort an der Wand,
Hast's ABC-Buch in der Hand,
Gehorch' dem Ring des Salomon
Und sag mir auf dein Lektion,
Links vom Altar bis zu der Thuer
Die alten Bilder explizir'!

Graf Gockel nahm nun den Alektryo unter den Arm, fasste mit der Hand
an seinen Kropf und sprach diese Worte ganz feierlich zu dem Bilde
Urgockels an der Wand. Da rauschte es dumpf in dem Steinbild, der
steinerne Hahn Urgockels schlug sich mit den Fluegeln in die Seite,
dass Moos und Kalk niederfiel; er streckte den Hals und kraehte, wenn
gleich ein wenig heiser, doch so laut und feierlich, als wolle er den
Schlafenden den juengsten Tag verkuenden, und Alektryo antwortete ihm
mit ehrfuerchtigem Ernst.









Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia / 7














Nun aber fiel hie und da bruechiges Gestein an der Wand rasselnd
nieder, es regte sich das steinerne Bild Urgockels, hob langsam die
Haende, streckte sich, rieb sich die Augen, gaehnte etwas zu laut,
machte aber dabei ein Kreuz vor den Mund, welches ein schoenes Zeugniss
fuer die fromme Sitte des finstern Mittelalters war; er schob sich
auch die Muetze ein wenig hin und her und niesste sehr heftig, und Graf
Gockel sagte ernsthaft: "wohl bekomm's!" und er erwiederte: "Schoenen
Dank!"--Dann aber stellte er sich ruhig in Positur, deutete der Reihe
nach auf die Bilder an der Mauer hin und las dabei aus seinem
ABC-Buch schoen deutlich wie ein verstaendiger Knabe, aber freilich,
wie es von seiner Zeit nicht anders zu erwarten war, ohne Gefuehl,
ohne Betonung, ohne Ausdruck, ohne Deklamation, etwas eintoenig
folgende Reime ab:

Urgockel werde ich genannt,
Zog weit umher im Morgenland
Und schlief einst dorten auf dem Mist,
Wo Job versuchet worden ist.
Da traeumte mir, der Dulder fromm
Heiss' mich auf seinem Mist willkomm
Und schenk' mir einen schwarzen Hahn
Und spraech': "es hat des Hahnen Ahn
Bei mir auf diesem Mist gekraeht,
Zu Gott geklagt, zu Gott gefleht,
So klug, dass ich den Spruch erfand:
Wer giebt dem Hahnen den Verstand?
Leb wohl--er heisst Alektryo."
Da weckte mich auf meinem Stroh
Ein ritterlicher Hahnenschrei;
Ich sah, dass es derselbe sey,
Den mir Herr Job im Traume gab,
Er sass auf meinem Pilgerstab
Und weckt' mit Schrei und Fluegelschlag
Sich, mich und auch den jungen Tag.
Ich theilt' mit ihm mein Sorgenbrod
Und zog mit ihm durch Morgenroth,
Durch Mittagsgluth und Abendschein,
Durch Mond--und Sternennacht, allein,
Ach so allein, allein, allein,
Als Mann und Hahn kann jemals seyn!
Alektryo so mit mir kam
Durch Persiam und Mediam,
Armeniam, Mingreliam,
Durch Gock--und Magockeliam;--
In Montevillas Reisbuch stehn
Die Laender all, die wir besehn.
Wann Nachts ich ruht, da wacht' der Hahn,
Zeigt' redlich mir die Stunden an,
Da stand ich auf, that ein Gebet--
Schlief wieder bis er wieder kraeht';
Oft hielt sein Kraehn--Lob Gott den Herrn,
Die wilden Loewen von mir fern.
Ich hatte ein Geluebd gethan,
Zu Ehren Jobs mit meinem Hahn
Zu schlafen staets auf einem Mist,
Weil da er mir erschienen ist.
Zu Tadmor einst war meine Rast
Am Mist vor Salomo's Palast;
Da weckte mich Alektryo,
Kraeht' laut und scharrte aus dem Stroh
Ein Kleinod licht, ein blinkend Ding
Und steckte mir den Siegelring
Selbst an den Finger meiner Hand.--
Wer gab dem Hahnen den Verstand?--
Den Ring ich gegen Morgen hielt,
Der junge Tag drin lieblich spielt';
Ich dacht: wem nur das Wunderding,
Der schoene Ring, verloren gieng?
Da drangen gleich zu meinem Ohr
Die Worte aus dem Ring hervor:--
"Der Siegelring von Salomo
Macht alle Menschen reich und froh,
Wer an dem Finger um mich kehrt,
Dem ist ein jeder Wunsch gewaehrt!"
Da dankt ich Gott still im Gebet,
Bis laut Alektryo gekraeht,
Und wuenscht': "waer ich dem Land heraus,
Mit Hahn und Ring bei mir zu Haus!"
Als auf dies Wort den Ring ich dreh',
Bei Hanau hier im Wald ich steh';
Mit Amen schloss mein Fruehgebet,
Der Morgenschrei war ausgekraeht
Im Walde hier, was Hahn und Mann
Zu Tadmor eben erst begann.
Ich fand nicht Vater, Mutter mehr,
Sie waren todt--die Huette leer!
Ich dreh' den Ring--"haett' ich ein Schloss
Und Knecht, Magd, Ochs und Kuh und Ross!"
Und sieh das Schloss stand alsobald
Mit Knecht, Magd, Ochs, Kuh, Pferd im Wald.
Ich dreh den Ring--"haett' ich zur Frau
Das liebste Herz aus Hennegau,
Und haett' mein Hahn ein Huehnlein gut,
Es wuerde eine edle Brut."
Da hoert' im Wald ich ein Geschrei
Und eilt' mit Ross und Knecht herbei,
Und bei der Hennen-Linde draus,
Da hatt' ich einen blut'gen Strauss.
Der Schrei von einem Fraeulein war,
Entfuehrt von wilder Raeuberschaar.
Die Raeuber schlug ich alle todt
Und half dem Fraeulein aus der Noth;
Und in der Linde Schattenraum
Sprach sie: "schon ruendet sich mein Traum,
Ich ward durch eines Hahnen Schrei
Aus wilder Loewen Kralle frei,
Giebt nun der Hahn mir noch den Ring,
Dann Alles in Erfuellung gieng."
Ich gab den Ring dem lieben Bild,
Vereint ward unser Wappenschild;
Urhinkel wars von Hennegau,
Der Kaiser gab sie mir zur Frau.
Ein Huhn sie mir als Brautschatz gab,
Das von dem Hahnen stammte ab,
Der einstens kraehte hell und klar,
Als Petrus in Versuchung war.
Es bracht' dies edle Huhngeschlecht
Aus Syria ein Edelknecht,
Der bei Pilati Leibwach stand,
Salm hiess er, aus Savoierland.--
Nun fing ich und mein edler Hahn
Ein ritterliches Leben an;
Ich hatte Soehnchen nach der Reih,
Er Hahn und Huehnchen, Ei auf Ei!
Ich dreht den Ring--den Grafenhut
Hatt' ich sogleich, er stand mir gut.--
Doch als ich ward ein edler Greis,
Gedacht ich an die weite Reis,
Ins andere gelobte Land.
Ich dreht' den Ring--"haett' ich Verstand!"
Da war ich klug wie Salomo
Und sprach da zu Alektryo:
"Ich hab den Ring bald ausgedreht,
"Und du die Zeit bald ausgekraeht,
"Es naht der Ring der Ewigkeit,
"Da misst kein Hahnenschrei die Zeit;
"Die Schlange beisst sich in den Schweif,
"Ohn' End und Anfang ist der Reif,
"Und da es geht zum Ende nun,
"Sprich, was soll mit dem Ring ich thun?"
Alektryo sprach: "hoer' sey klug!
"Du laessst wohl Geld und Gut genug
"Den Soehnen dein, sie koennen sich
"Als Grafen naehren ritterlich;
"Gaebst ihrer Einem du den Ring,
"Gar leicht ein Zank und Streit angieng;
"Er wuenschte sich solch Glueck und Ehr,
"Dass drueber er sein Seel' verloer'!
"Da Keiner von dem Ring noch weiss,
"Wird Keinem um den Ring auch heiss.
"Dem Erstgebornen gieb das Haus,
"Die Andern statte reichlich aus;
"So soll jed Erstgeborner thun,
"Bis alle Gockel bei dir ruhn.
"Ich, dein Alektryo, fueg' bei:
"Aus der Gallinen erstem Ei,
"Der Erstling der Alektryonen,
"Soll staets bei allen Gockeln wohnen,
"Dass er vor Missbrauch und Gefahr
"Dem Haus den Ring im Kropf bewahr'.
"So komm' dein Ring von Kropf zu Kropf,
"Dein Grafenhut von Kopf zu Kopf.
"Und wenn erlischt der Mannesstamm
"Vom Gockelhut, vom Hahnenkamm,
"Schlaegt ab des letzten Gockels Schwert
"Dem Schluss-Alektryo den Kopf.
"Und Salomonis Ringlein kehrt
"In Grafen Hand aus Hahnen Kropf.
"Der letzte Spross den Ring dann dreht,
"Bis neu der Hahn vom Tod ersteht,
"Der auf den Wunsch von einem Kind
"Das End vom Liede schnell ersinnt."
Zu mir dem Urgockelio
Sprach so der Uralektryo,
Und hat mit seinem Kopf gezuckt
Und schnell in seinen Kropf verschluckt
Den Siegelring des Salomo,
Und hat dann dunkel, als Prophet,
Den Schicksalsspruch mir vorgekraeht,
Der auf dem Grab und Wappen steht,
Und richtig, ward er gleich verdreht,
Noch heute in Erfuellung geht.
Doch ich hab' nicht recht zugehoert,
Ich sprach im Bett zur Wand gekehrt:
"Wer gab dem Hahnen den Verstand?"
Dann reiste in das andre Land,
Wohin den Weg noch jeder fand,
Ich, der Urgockel, an der Wand!

Nach diesen Worten schwieg Urgockel still und war ein lebloses
Steinbild wie vorher. Graf Gockel, der waehrend der Explication die
Bilder der Reihe nach betrachtet hatte, schuettelte den Kopf und
sprach: "curios, curios, was doch einem Menschen alles passiren kann.
Es ist und bleibt doch halt immer ein hoechst merkwuerdiger
klassischer Boden, die Gegend zwischen Hanau und Gelnhausen!"--dann
wendete sich Gockel zu Alektryo und fuhr fort: "o! nun weiss ich Alles,
verstehe ich Alles, theurer schaetzbarer Freund meines Stammes; aber
sage mir doch, wenn es zu fragen erlaubt ist, wie ist dann dieser
unvergleichliche Siegelring Salomonis eigentlich in deinen Kropf
gekommen?"--da erwiederte Alektryo:

Urahnherr sterbend spie aus den Stein,
Da schluckte ihn mein Ahnherr ein.
Mein Ahnherr sterbend spie aus den Stein,
Da schluckte ihn mein Grossvater ein.
Grossvater sterbend spie aus den Stein,
Da schluckt ihn mein Herr Vater ein.
Herr Vater sterbend spie aus den Stein,
Da schluckte ihn der Alektryo ein.
Alektryo sterbend speit aus den Stein,
Da kehrt er zu Gockel, dem Herren sein.
Gallina todt, die Kuechelchen todt--
Alektryo frisst nun mehr kein Brod.
Er will nun sterben durch Grafenschwert,
So wie ein edler Ritter es werth!
Was Uralektryo prophezeit,
Geht Alles in Erfuellung heut.

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