Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
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Von den mitgebrachten Broden war das letzte schon seit einigen Tagen
angeschnitten, und Frau Hinkel hatte die zwei Dutzend Federvoegelchen
fertig. Gockel nahm sie und sprach: "Diese Thierchen sollen uns Brod
schaffen, bis wir lebendige Huehnchen zu verkaufen haben" und somit
empfahl er ihnen fleissig zu seyn und gieng fort durch den wilden Wald
nach der Landstrasse zu. Kaum war er eine Stunde Wegs gegangen, als
er einen Postillon ganz erbaermlich blasen hoerte. Er gieng auf den
Schall zu, und sah einen Mann in gelbem Rock mit schwarzen
Aufschlaegen im Gebuesch herum kriechen. Als sie sich erblickten,
sagte dieser: "Gott sey Dank, dass da jemand koemmt, mir aus der Noth
zu helfen."--"Von Herzen gern, wenn's moeglich ist," erwiederte Gockel,
"was giebt es, wo fehlt es?"--"Seht," fuhr der Mann fort, "ich bin
der Conducteur vom heiligen roemischen Reichs-Postwagen und fahre
jetzt nach Nuernberg; da ich durch Gelnhausen kam, war ein Laerm in der
Stadt, dass der Huehnerminister, Alles zuruecklassend, mit Frau und Kind
verschwunden sey. Das aergerte den Koenig Eifrasius, er liess mich zu
sich rufen und sagte: "Herr Conducteur, will er mir gegen ein gutes
Trinkgeld einen Gefallen thun?"--"Nicht mehr als Schuldigkeit, ihre
Majestaet," sagte ich.--Da sagte der Koenig: "Mein Huehnerminister, ein
alter eigensinniger deutscher Degenknopf, ist in Gnaden entlassen auf
und davon gegangen, und hat nicht einmal seinen Gehalt fuers letzte
Vierteljahr mitgenommen; ich will ihm nichts schuldig bleiben; wie
ich vermuthe, ist er in sein wuestes Stammschloss im Hanauer Wald
gezogen. Nehme er ihm sein letztes Quartal mit und suche er ihn
auszufragen; wenn er mir einen Zettel bringt, dass er es empfangen, so
gebe ich ihm bei der Rueckkehr ein gutes Trinkgeld."--Ich war zu Allem
bereit; man lud mir einen Sack voll Kartoffeln, einen Sack voll Mehl,
einen Kuhkaes, einen Topf voll Butter, einige Laib Brod und einen Korb
mit Eiern auf. Alles mit der Adresse, an Seine Hochgeborne Excellenz
Herrn Raugrafen Gockel von Hanau, koeniglich Gelnhausenischen
Exhuehnerminister in--da steht ein Fragezeichen.--Nun fahre ich schon
ein paar Stunden herum und kann das Schloss nicht finden, und ich
fuehre noch herum--aber es geht nicht--denn der Postwagen ist mir
umgefallen, und der ganze Korb mit Eiern ist mir zerbrochen, ihr
werdet die Bescheerung sehen.--Ich liess den Postillon schon eine
Stunde lang um Huelfe blasen und suchte einstweilen, bis jemand kaeme,
uns den Wagen aufrichten zu helfen, hier unter den Baeumen
Pfifferlinge fuer einen Freund in Nuernberg. Das ist die Geschichte,
jetzt kommt und helft."
Gockel umarmte den Conducteur, knoepfte seinen Wammes auf, zeigte ihm
seinen Orden und gab sich als den Exhuehnerminister zu erkennen.
Niemand war froher als der Conducteur. Sie eilten nach dem
umgefallenen Postwagen, trugen die Kartoffeln, das Mehl, das Brod,
den Kaes, die Butter, die Gockel gehoerten, in ein dichtes Gebuesch,
richteten den Postwagen wieder auf, wischten mit Gras das Eigelb von
den zerbrochenen Eiern aus dem Wagen und schmierten die Raeder damit.
Gockel nahm seinen Siegelring, worauf ein doppelter Hahn eingestochen
war, den er mit Eigelb bestrich und dem Conducteur in sein Postbuch
als Bescheinigung des Empfangs abdruckte.--"Nun ist alles
vortrefflich, Herr Graf," sagte der Conducteur, "aber eine
Gefaelligkeit moechte ich mir erbitten. Ein Freund von mir, in
Nuernberg, ein Liebhaber von Raritaeten, hat auf der Durchreise in
Gelnhausen, im koeniglichen Normalhuehnermuseum, eine Sammlung kleiner,
von Federn gemachter Huehnchen gesehen, und wuenschte um Alles in der
Welt zu wissen, wo dieselben verfertigt werden, er koennte bei seinem
ausgebreiteten Handel wohl hundert Dutzend davon gebrauchen." "Gut,
mein Freund," erwiederte Gockel, "ich kann sie Ihnen verschaffen,
hier haben sie gleich zwei Dutzend von neuester Facon als eine Probe;
wenn sie hier wieder vorbeifahren, legen sie nur dort in den hohlen
Baum, was ihr Freund dafuer bezahlt, sie sollen dort immer von Zeit zu
Zeit einige Dutzend solchen Gefluegels vorraethig finden. Wenn sie
wieder kommen, bringen sie mir etwas Drath und Zwirn und eine halbe
Elle rothes Tuch mit, die Beine und den Kamm an den Thierchen schoener
machen zu koennen." Der Conducteur versprach Alles, und da Gockel
fragte, wie denn das Handlungshaus in Nuernberg heisse, zog er eine
leere Rauchtabaksduete aus der Tasche, fuellte die Huehnchen hinein und
zeigte Gockel die Adresse: Gebrueder Portorico ohne Rippen.--Da blies
der Postillon recht ungeduldig. Gockel schuettelte dem Conducteur die
Hand, der in den heil. roemischen Reichspostwagen kroch, der gewiss
sehr schnell fortgefahren waere, weil er so gut geschmiert war--aber
der Kasten war schwer, die Pferde mued, der Weg schlecht und der
Postillon schlief.
Gockel packte sogleich von Allem, was er erhalten hatte, so viel auf,
als er tragen konnte, das Uebrige verdeckte er dicht mit Zweigen, um
es Morgen vollends nach Haus zu bringen. Als er in das Schloss kam,
rief er sogleich: "geschwind Frau Hinkel! Den Kessel uebers Feuer,
ich bringe Lebensmittel," und nun zeigte er, was er gebracht, und
erzaehlte Alles, was er erlebt." Frau Hinkel kochte Kartoffeln,
machte gebrannte Mehlsuppe, backte Pfannkuchen. Sie assen froehlich,
streuten den Voegeln Brosamen und giengen zufrieden schlafen. Am
andern Morgen holte Gockel den uebrigen Vorrath und fuhr fort in dem
wuesten Gebaeude aufzuraeumen und einzurichten.
Ihr Leben ward taeglich ertraeglicher in dem wilden Schloss. Gockel
gieng oft ganze Tage in den Wald, bald zu jagen, bald um die
Voegelchen und Huehnchen der Frau Hinkel in den hohlen Baum zu tragen,
wo er immer fuer jedes zwei Kreuzer von Hrn. Gebrueder Portorico ohne
Rippen durch den Conducteur und neue Bestellungen, und was er selbst
bestellt, hingelegt fand.--Wenn Gockel weggieng, befahl er immer, was
gearbeitet werden sollte, und Alektryo horchte seinen Auftraegen
jedesmal sehr ernsthaft zu. Seine Befehle wurden aber nicht immer
befolgt. Zum Beispiel: Gackeleia sollte aus Weidenruthen
Huehnernester flechten und die Weidenruthen in den Brunnen vor dem
Schlossgarten legen, damit sie sich recht geschmeidig flechten liessen;
aber sie that das sehr nachlaessig, war eine neugierige, naschhafte
kleine Spielratze, guckte in alle Vogelnester, naschte von allen
Beeren, machte sich Blumenkraenze und hatte keine rechte Lust zum
Arbeiten, wesswegen der strenge Alektryo sie manchmal mit grossem Zorn
ankraehte, so dass sie erschreckt zu ihrer Arbeit zuruecklief. Darum
fasste sie einen starken Unwillen auf den alten Wetterpropheten und
verklagte ihn bei der Mutter. Auch diese hatte keine Liebe zu
Alektryo, denn, wenn sie sich manchmal ueber der Gartenarbeit ermuedet
auf einen Stein setzte und sehnsuechtig an die Fleischer--und
Baeckerladen zu Gelnhausen dachte, begann Alektryo, der ihr immer wie
ein beschwerlicher Haushofmeister auf allen Schritten nachgieng, auf
den zu bestellenden Gartenbeeten zu scharren und zu kraehen, um sie an
die Arbeit zu erinnern.
Als sie nun einstens so sitzend eingeschlafen war und vergessen hatte,
der Henne Gallina Futter vorzustreuen und frisches Wasser zu geben,
traeumte ihr auch von den Gelnhausner Braten und Eierwecken so klar
und deutlich, dass sie im Traum sagte: "ach es ist Wahrheit, es ist
kein Traum;" da kraehte ihr Alektryo so schneidend dicht in die Ohren,
dass sie vor Schrecken erwachte und an die harte Erde fiel. Darum
hatte sie noch einen viel groessern Unwillen gegen den ehrlichen
Stammhahn Alektryo, und jagte ihn ueberall hinweg, wo sie zu thun
hatte. Auch haette sie ihm gerne laengst den Hals abgeschnitten, weil
er sie alle Morgen um 3 Uhr von ihrem Lager aufweckte. Aber er war
ihr zu der Huehnerzucht, auf welche Gockel alle seine Hoffnung
gestellt hatte, gar zu noethig.
Wenn nun Gockel Abends heimkehrte, kam ihm gewoehnlich Alektryo
entgegengeflogen, schlug mit den Fluegeln und kraehte ihm allerlei vor,
als wolle er Hinkel und Gackeleia wegen ihrer Nachlaessigkeit verklagen,
und diese verklagten den Hahn wieder und es gieng ein strenges
Nachforschen Gockels ueber Alles an, wo darin Hinkel und Gackeleia
mancherlei Verdruss bekamen, so dass sie dem Alektryo taeglich
feindseliger wurden. Das Alles waehrte so fort, bis die Henne Gallina
dreissig Eier gelegt hatte, auf denen sie bruetend sass. Auf diese Brut
setzte Gockel alle seine Hoffnung fuer die Zukunft, und zuernte darum
so gewaltig auf Frau Hinkel, als sie die Vorsprecherin der Raubvoegel
werden wollte, die gern im Schlosse aufgenommen gewesen waeren, worueber
ihr Gockel einen so derben Verweis gab, wie ich gleich anfangs
erzaehlte.
Die Freude des guten Gockels ueber seine bruetende Henne war ungemein
gross, und da er taeglich erwartete, dass die kleinen Huehnchen
auskriechen sollten, eilte er nach einer nahe gelegenen Stadt, Hirse
zu ihrem Futter zu kaufen, und empfahl sowohl der Frau Hinkel als der
kleinen Gackeleia sehr auf die bruetende Gallina Acht zu haben, dass
ihr ja niemals etwas mangle. Er gieng schon um Mitternacht weg, weil
er einen weiten Weg vor sich hatte. Frau Hinkel dachte nun einmal
recht auszuschlafen, und nahte sich dem Hahn Alektryo, der noch auf
seiner Stange schlafend sass, ergriff ihn und steckte ihn in einen
dunkeln Sack, damit er den anbrechenden Morgen nicht erblicken und
sie mit seinem Kraehen nicht erwecken moege, worauf sie sich wieder
niederlegte und wie ein Ratze zu schlafen begann.
Das Toechterlein Gackeleia aber schlief nicht viel, denn sie hatte
sich schon lange darauf gefreut, wenn der Vater Gockel einmal laenger
abwesend seyn wuerde, sich ein Vergnuegen zu machen, das sie gar nicht
erwarten konnte. Sie hatte naemlich bei ihrem Herumklettern in einem
entfernten Winkel des alten Schlosses eine Katze mit fuenf Jungen
gefunden und weder dem Vater noch der Mutter etwas davon gesagt, weil
diese immer sehr gegen die Katzen sprachen. Gackeleia aber konnte
sich nie satt mit den artigen Kaetzchen spielen, sie brachte alle ihre
Freistunden bei denselben zu und hatte der alten Katze den Namen
Schurrimurri gegeben, die fuenf Jungen aber Mack, Benack, Gog, Magog
und Demagog genannt. Heute stand sie nun in aller Fruehe leise neben
der schlafenden Mutter auf, froh, dass Alektryo sie nicht verrathen
koenne, denn sie hatte wohl bemerkt, dass die Mutter ihn in den Sack
gesteckt. Als sie aber an dem Neste der bruetenden Gallina
voruebergieng, hatte sie eine wunderbare Freude, denn sieh da, alle
die Eier waren kleine Huehnchen geworden, und piepten um die Henne
herum und draengten sich unter ihre ausgebreiteten Fluegel und guckten
bald da, bald dort mit ihren niedlichen Koepfchen hervor. Gackeleia
wusste sich vor Freude gar nicht zu fassen; anfangs wollte sie die
Mutter gleich wecken, dann aber fiel es ihr ein, sie wolle es zuerst
ihren kleinen Kaetzchen erzaehlen, und meinte, die wuerden sich eben so
sehr, als sie selbst, ueber die schoenen Huehnchen freuen.
Schnell lief sie nun nach dem Katzennest, und als ihr die alte Katze
mit einem hohen Buckel entgegen kam und um sie herumzuschnurren
begann, und die kleinen Kaetzchen hinter ihr drein zogen, sprach
Gackeleia: "Ach, Schurrimurri! Gallina hat dreissig junge Huehnchen,
und jedes ist nicht groesser als eine Maus." Als die Katze dies hoerte,
war sie so begierig die Huehnchen zu sehen, dass ihr die Augen
funkelten. Da sagte Gackeleia: "wenn du huebsch leise auftreten
willst und nicht miauen, damit die Mutter nicht erwacht, so will ich
dir die artigen Huehnchen zeigen; die kleinen Kaetzchen koennen auch
mitgehen, die werden grosse Freude an den Huehnchen haben." Gleich
lief nun Schurrimurri mit ihren Jungen vor Gackeleia her, und als sie
an den Stall gekommen waren, ermahnte sie dieselben nochmals, recht
artig zu seyn, und machte leise die Thuere auf. Da konnte sich aber
Schurrimurri nicht laenger halten, sie setzte mit einem Sprunge auf
die bruetende Gallina und erwuergte sie, und die jungen Kaetzchen waren
eben so schnell mit den jungen Huehnchen fertig.
Das Geschrei der Gackeleia und der sterbenden Gallina weckte die
Mutter, die noch auf dem Lager schlief und mit Entsetzen ihre ganze
Hoffnung von der Katze erwuergt sah, die sich, nebst ihren Jungen,
bald mit ihrer Beute davon machte. Gackeleia und Hinkel weinten und
rangen die Haende, und der arme Alektryo, der das Wehgeschrei der
Seinigen wohl gehoert hatte, flatterte und schrie in dem Sack.
Gackeleia wollte sterben vor Angst, sie umfasste die Kniee der Mutter
und schrie immer; "ach der Vater, ach der Vater, ach was wird der
Vater sagen, ach er wird mich umbringen; Mutter, liebe Mutter, hilf
der armen Gackeleia!"
Frau Hinkel war nicht weniger erschreckt, als Gackeleia, und
fuerchtete sich nicht weniger als diese vor dem gerechten Zorne
Gockels, denn sie hatte den wachsamen Alektryo in den Sack gesteckt.
Als sie das bedachte, fiel ihr auf einmal ein, sie wolle den Hahn
Alektryo als den Moerder der jungen Huehnlein angeben, und hoffte
dadurch den Zorn Gockels auf diesen unbequemen Waechter zu wenden.
Sie nahm daher den Sack, worin der Hahn war, und sagte: "komm
Gackeleia, wir wollen dem Vater nacheilen und ihm den Alektryo als
den Moerder der kleinen Huehner und der Gallina ueberbringen," und so
eilten sie nun beide den Gockel einzuholen, der im Walde herumstrich,
einiges Wild zu erlegen, das er bei dem Kraemer gegen Hirse
vertauschen wollte.
Bald sahen sie ihn auch in einem Busche zwei Schnepfen, die sich in
einem Sprenkel gefangen hatten, in seinen Ranzen stecken; da fiengen
sie laut an zu weinen. Gockel schrie ihnen entgegen: "Gott sey Dank,
ihr weinet gewiss vor Freude, Gallina hat gewiss dreissig schoene junge
Huehnchen ausgebruetet."--"Ach," schrie Frau Hinkel, "ach ja, aber!
"--"Aber, was aber?" sagte Gockel, "was aber weint ihr, dreissig
Huehner, und immer so fort, entsetzlich viele Huehner!"--Da rief Hinkel:
"O Unglueck ueber Unglueck, Alektryo, dein sauberer Haushahn hat
Gallina und alle die gegenwaertigen und kuenftigen Huehner gefressen!
Da hab ich ihn in den Sack gesteckt, da hast du ihn, strafe ihn, ich
will ihn nie wieder sehen." Mit diesen Worten warf sie dem vor
Schreck versteinerten Gockel den Sack mit dem Hahn vor die Fuesse.
Gockel war ueber die schreckliche Nachricht, die alle seine Hoffnungen
zerstoerte, ganz wie von Sinnen; "ach," rief er aus, "nun habe ich
Alles verloren, das Glueck weicht von meinem Stammhaus, alle meine
Voreltern und Nachkommen sind betrogen durch den unseligen Alektryo,
den wir ueber Menschen und Vieh hoch geachtet haben. O! haette ich ihn
doch den drei morgenlaendischen Petschierstechern fuer den Geisbock und
die Ziege verkauft, da haetten wir doch etwas gehabt." Als Frau
Hinkel hoerte, dass er den Alektryo so gut haette verkaufen koennen,
machte sie dem Gockel bittere Vorwuerfe, der immer trauriger ward, und
endlich seinen alten pergamentenen Adelsbrief aus dem Busen zog und
zu seiner Frau sagte: "Hinkel, sieh, was meinen Stamm immer bewogen
hat, den Alektryo zu ehren; da unten auf der goldenen Buechse, in
welcher der treulose Alektryo als mein Familienwappen in Wachs
abgebildet ist, steht ein alter Familienspruch, nach welchem ich mit
allen meinen Vorfahren, von dem Geschlechte des Alektryo unser Glueck
erwartete. Die schriftliche Urkunde davon ist bei der Verbrennung
unseres Schlosses verloren gegangen, mein Grossvater hat den Spruch
aber zum ewigen Angedenken auf die goldene Siegelbuechse stechen
lassen. Er lautet ganz klar:
"Alektryo bringt dir Gluecke selbst um Undank.
Gockel--Kopf--Kropf--Siegel--Brod gab."
Was aber die Worte: Kopf, Kropf, Siegel, Brod gab, bedeuten sollen,
weiss ich nicht."
Als er kaum die Worte ausgesprochen hatte, traten die drei
Petschierstecher, die ihm neulich den Hahn abkaufen wollten, aus dem
Gebuesch und sprachen: "was befehlen der Herr Graf Gockel von Hanau
von uns?"--"Wie so," sagte Gockel unwillig, "was soll ich
befehlen?"--"Der Herr Graf," antworteten die Maenner, "haben doch
unsre Namen, Kopf, Kropf und Siegel zweimal ausgesprochen, denn so
heissen wir, seit unsre Voraeltern nach Deutschland gezogen.--Aber
vielleicht wollen der Herr Graf sich ein neues Petschaft stechen
lassen; denn ausserdem, dass wir in der Astrologie, Physiognomie,
Chiromantie, Geomantie, Alektryomantie, Coscinomantie, Hydromantie,
Crystallomantie, Cabbala, Goetie, Diplomatie und Prophetie
unbegreiflich billige Privatstunden geben, und dass wir Huehneraugen
schneiden, zerbrochenes Porzellain kitten und Kaffeemuehlen scharf
machen, sind wir hauptsaechlich Petschierstecher, was durchaus zur
Diplomatie, wegen der Siegelkenntniss an den Urkunden, und zur
Verfertigung der Talismane noethig ist. Ach, Herr Graf! es gehoert
heut zu Tag ein entsetzlicher Umfang dazu, um in den Wissenschaften
komplett zu seyn; es werden grausame Forderungen gemacht, und was hat
man davon, nichts als die Ehre, dass Alles in einander greift mit
leeren Haenden. Ja, wenn der Handel mit Vieh, mit alten Kleidern und
Hasenpelzen nicht waere--Herr Graf!--wahrhaftig die hohen
Wissenschaften machen die Suppe nicht fett."--"Also, dass ich meine
Rede nicht vergesse, wollen der Herr Graf sich nicht ein Petschaft
stechen lassen?--denn wir sehen, dass sie Ihr Siegel in den Haenden
haben, welches ein Siegel des Gleichnisses, voll der Weisheit und
ausnehmend schoen ist."
"Ach", sagte Gockel, "ich moechte mein Wappen lieber ganz vernichten,
denn der Hahn Alektryo, der darauf abgebildet ist, hat uns schaendlich
betrogen," und nun erzaehlte er ihnen sein ganzes Unglueck.--"Sehen der
Herr Graf," sagte der eine Petschierstecher, "wie gut wir es mit
Ihnen gemeint, da wir Ihnen neulich den Hahn abkaufen wollten; haben
wir nicht gesagt, Sie wuerden ihn naechstens vielleicht gern los werden,
wenn ihn nur jemand wollte, das lehrte uns die Prophetenkunst."
"Wie so, gut gemeint," sagte Gockel, "wie konntet ihr denn wissen,
dass mich der Hahn in solches Leid versetzen werde?" Da erwiederte
der eine Morgenlaender: "diess Leid ist ja deutlich in dem alten
Familienspruch ausgesprochen, welchen unsre Voraeltern selbst auf die
goldne Siegelbuechse gestochen haben; weswegen auch abgekuerzt unter
dem Spruche steht, dass durch diese Arbeit Gockel dem Kopf, dem Kropf,
dem Siegel Brod gab, und aus Dankbarkeit fuer dieses Brod, das Ihre
Voraeltern den unsern gegeben, wollten wir, da der Herr Graf in
Ungnade und Armuth gerathen ist, Ihro Excellenz den Hahn abkaufen,
weiteres Unglueck von Ihnen abzuwenden."
"Das ist dankenswerth," erwiederte Gockel, "aber ich sehe in dem
Spruche gar keine Ungluecksprophezeiung, sondern gerade das Gegentheil;
steht nicht in den Worten: Alektryo bringt dir Gluecke selbst um
Undank.
ganz deutlich ausgesprochen, dass der Hahn selbst fuer Undank seinem
Herrn Glueck bringen werde?"--"Ja," sagte da der zweite
Petschierstecher, "der Spruch ist, wie viele solche Sprueche, in der
Flattirmanier gestellt, grosse Herrn flattirt man gern. Die Urkunde
ist ein bischen verschmeichelt und aus Menschenfreundlichkeit ein
wenig aufgemuntert; so wie man einem alten Ross die Haare aus den
Ohren schneidet und die Zaehne feilt, dass es juenger aussieht, haben
unsre Vorfahren dem damaligen Graf Gockel den Schrecken ersparen
wollen und haben ein r aus einem e und aus einem u ein ue gemacht,
denn der Spruch heisst eigentlich:
Alektryo bringt die Glucke selbst um, o Undank!
was durch die Thatsache bewiesen ist, denn der undankbare Alektryo
hat ja die Glucke sammt den Kuechlein umgebracht; wir aber muessen
dieses verstehen, denn wir sind von undenklichen Zeiten aus dem
Stamme der Petschierstecher. Von unsern Voraeltern ist das Siegel
Juda, das Siegel Pharaos, das Siegel Ahabs, das Siegel Ahasveri und
das Siegel des Darius gestochen, womit er den Daniel in die
Loewengrube versiegelte. Wir sind Leute vom Fach, der Herr Graf
koennen sich auf die Guete unsrer Auslegung verlassen, und so sie sich
nicht von erster Qualitaet bewaehrt, koennen der Herr Graf sie uns
wieder zurueckgeben."
Gockel ganz von der Rede der Maenner und seinem Ungluecke ueberzeugt,
bat sie, ihm doch nun den Bock und die Ziege fuer den Hahn zu geben,
aber das wollten sie nicht mehr und sprachen: "was soll uns der Hahn,
er ist ein Unglueckshahn, er kann uns ein Leid anthun, wer wird einen
Unglueckshahn essen, und bleibt er am Leben, er koennte einem ein
Unglueck ankraehen; aber lassen ihn der Herr Graf einmal sehen, man
kauft keine Katze im Sack, viel weniger einen Hahn." Da zog Gockel
den Hahn aus dem Sack, und sprach weinend: "o Alektryo, Alektryo!
welch Leid hast du mir gethan." Alektryo liess Kopf und Fluegel haengen
und war sehr traurig; aber als ihm der eine Petschierstecher an den
Kropf fuehlen wollte, ward er ganz wuethend; alle seine Federn
straeubten sich empor, er hackte und biss nach ihm und schrie und
schlug so heftig mit den Fluegeln, dass der Mann zurueckwich, und Gockel
den Hahn kaum halten konnte.
"Schau eins," sagten die drei Petschierstecher, "man soll noch Geld
geben fuer so ein wildes Ungeheuer, es will die Leute fressen; wer
wird ihn kaufen?" Als aber Gockel ihn immer wohlfeiler bot, sagten
sie ihm endlich: "wir geben dem Herrn Grafen, wenn er uns den Hahn
nach Hause tragen will, neun Ellen Zopfband dafuer, dass er sich einen
schoenen langen Zopf binden kann, wie sichs einem Grafen gebuehrt," und
Gockel willigte ein, um nur etwas fuer den Alektryo zu erhalten.
Frau Hinkel und Gackeleia hatten alles dieses still mit angehoert und
giengen mit schwerem Gewissen nach Hause, denn sie wussten wohl, dass
die Dreie die Unwahrheit sagten. Gockel aber nahm den Alektryo unter
den Arm und folgte traurig den drei Petschierstechern durch den Wald
nach ihrem Wohnorte. Anfangs giengen sie dicht um ihn; weil der Hahn
aber dann immer nach ihnen biss und schrie, baten sie Gockel, einige
Schritte mit dem grausamen Ungeheuer hinter ihnen her zu gehen.
Gockel hoerte oefter, wie die drei unheimlichen Maenner zu einander
sagten: "Kropfauf, Siegelring, Kopf ab," und wie sie dann miteinander
zankten und immer einer zum andern schrie: "nein ich Siegelring, nein
du Kropf auf, nein du Hals ab," und als Gockel sie fragte, warum sie
immer miteinander zankten, sagten sie: "ei, es will keiner von uns
den Hahn schlachten, weil er ein so grausames Thier ist; wenn der
Herr Graf ihn gleich schlachten, so wollen wir Ihro Excellenz den
Kamm, die Fuesse und Sporen und Schweif geben, die koennen Sie auf die
Muetze setzen zum ewigen Andenken,--ein schoenes Monument, ein
statuirtes Exempel fuer den Undank; drehen Sie ihm unterm Tragen doch
ganz leise den Hals herum."
"Gut," sagte Gockel, und fasste den Alektryo an der Kehle. Da fuehlte
er aber etwas sehr Hartes in seinem Kropfe, und der Hahn bewegte sich
so heftig dabei, dass die Maenner sich sehr fuerchteten und zu Gockel
sagten: "Ach gehen der Herr Graf ein wenig weiter hinter uns her."
Das that Gockel, und als er wieder an den Hals des Alektryo fasste,
fuehlte er das Harte im Kropfe wieder, und machte sich allerlei
Gedanken, was es doch nur seyn koenne. Da sagte auf einmal der Hahn
mit deutlichen Worten zu ihm:
"Lieber Gockel, bitt' dich drum
Dreh mir nicht den Hals herum,
Koepf mich mit dem Grafenschwert,
Wie es eines Ritters werth.
Weh, Graf Gockel, bittre Schmach!
Traegt den Hahn den Schelmen nach."
Gockel blieb vor Schrecken und Ruehrung stehen, als er den Alektryo
reden hoerte, aber er besann sich bald eines Andern, und wollte ihnen
nicht mehr den koestlichen Hahn, der reden konnte, um neun Ellen
Zopfband nachtragen, und rief ihnen zu, links in das Gebuesch zu
treten, jetzt wolle er das grausame Ungeheuer toedten.
Sie sprangen schnell in das Gebuesch, aber da war eine mit Reisern
bedeckte Wolfsgrube, die kannte Gockel gut, denn er hatte sie selbst
gegraben, und Plumps fielen alle drei morgenlaendische
Petschierstecher hinein, und riefen dem Gockel, ihnen herauszuhelfen;
aber dieser gab keine Antwort, und schlich sich in die Naehe der Grube,
um zu hoeren, was sie da unten fuer Betrachtungen anstellen wuerden.
"O weh mir!" schrie der Eine, "da haben wir es, wer dem Andern eine
Grube graebt, faellt selbst hinein; was nuetzt uns nun der Siegelring
des Darius, womit er die Loewengrube verschlossen, wir sitzen in der
Wolfsgrube. Alle Muehe und Arbeit und Salomonis Siegelring in des
Hahnen Kropf ist verloren fuer uns, der Gockel muss es gemerkt haben,
dass Kopf, Kropf, Siegel nicht unsere Namen, sondern nur einzelne
Worte des alten geheimen Spruches sind, welcher sagt: man muesse dem
Hahnen den Kopf ab und den Kropf aufschneiden, um Salomonis
Siegelring aus demselben zu erhalten, der einem giebt, Herz was
verlangst du? Jugend und Reichthum, alle Gueter der Welt, Geld!--Geld!
--Geld!--Geld!"-Dann schrie der Andere: "o wehe uns, dass wir jemals
etwas von dem Ring in dem Kropfe des Hahnen erfahren haben; o haetten
unsere Vaeter doch niemals in dem alten Gockelschloss nach Schaetzen
gegraben, und dort das ganze Geheimniss auf dem Grabsteine eingehauen
gelesen, so haetten wir Ruhe gehabt, jetzt schwebt uns der Ring immer
vor den Augen, der einem giebt, Herz was verlangst du? Jugend und
Reichthum, alle Gueter der Welt!--Geld! Geld!--Geld!--Geld!"
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