Gockel, Hinkel und Gackeleia
C >>
Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 | 15 |
16
Diese unsre Erklaerung soll bei Braut--und Leichenzuegen den
Ordensgespielinnen jedesmal vorgelesen werden.--Sodann sind die
Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal zu lesen und dieselben
aufzurufen, worauf die Ordensgespielinnen oder deren Lehnserben
aufgerufen und von ihnen die Pflichthuehner abgeliefert werden sollen.
Gegeben in unserm Kabinetchen im Jahr, da man sang:
"Gott gruess dich Mond und Sternenschein,
Entlaubet ist das Fensterlein!"
Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal. Als ich am Tage nach
Johanni des Jahres 1318 den drei Fraeulein zur Lilien auf Gottes
hoehere Mahnung und ihr dringendes Bitten das Kloster Lilienthal
gruendete und ausstattete, wurde dieses Kloster Lilienthal
verpflichtet, den Braut--und Leichenzug jeder Graefin von Hennegau und
Lehnshuldinn von Vadutz, welche das Kleinod auf den Schultern traegt,
von drei Klosterjungfrauen begleiten zu lassen und auf ewige Zeiten
drei weisse Lilien auf meinem Grabe zu erhalten.--Es sind aber diese
drei Klosterschwestern bei solcher Gelegenheit mit den Worten
aufzurufen:
"Ihr Lilien im Garten
Gedenket der Nacht,
Gedenket der Zarten,
Die bei euch gewacht;
Gedenket der Gnade,
Die auf euch gethaut,
Und duftet am Pfade
Der lieblichen Braut,
Und bittet am Grabe,
In dem sie nun ruht,
Dass Friede sie habe,
Die lieb war und gut."
Da neigten sich die drei weissen Klosterfrauen gegen die rechte
Schulter der Ahnfrau und man hoerte die Worte wieder:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
Hierauf nahte die Mutter Gackeleias dem Sarge und legte vier der acht
Amaranthbaender, die von dem Guertel der Ahnfrau ausliefen, zur rechten
und vier zur linken Seite des Sarges heraus, und indem sie die weiten
Aermel ein wenig ueber den hagern elfenbeinernen Haenden der Ahnfrau in
die Hoehe zog, sprach sie: "sieh Gackeleia, da bewaehrt sich das
Sprichwort wieder--an der Klaue kennt man den Loewen und an der Hand
die Graefin von Hennegau.--Wenn wir es auch nicht wuessten, so wuerden
uns diese Haende sagen, dass sie der Graefin Amey von Hennegau gehoeren.
Sieh, Gackeleia, von ihr haben wir die sogenannten Hennegauischen
Dockadaumen oder Gnadendaumen geerbt." Gackeleia kuesste die Haende der
Ahnfrau ehrerbietig, indem sie den Vater fragte, woher denn der Name
Hennegauische Gnadendaumen komme; da erwiederte Gockel: "die ganze
Hennegauische Familie stammt muetterlicher Seite von einem roemischen
Kaiser Curio und dessen Weib Docka her, die Christen geworden, nach
Deutschland gezogen und auch das Land Vadutz gegruendet. Es war aber
bei den heidnischen Roemern eine grausame Belustigung, Maenner mit
Schwertern auf Tod und Leben mit einander fechten zu sehen. Wenn nun
einer der Kaempfer unterlag, setzte ihm der andere das Messer an die
Kehle und schaute umher, ob man ihn toedten oder begnadigen lassen
wolle; wer nun verlangte, der Ueberwundene solle leben bleiben, der
hob die Haende in die Hoehe und schloss den Daumen fest in die Faust,
das war das Zeichen der Gnade; die Kaiserinn Docka soll gleich nach
ihrer Geburt schon die Haendchen in dieser Stellung gehabt haben, so
dass die Mutter ausrief: "Ach mein liebes Kind du bist ein Gnadenkind!"
--Docka aber hielt bei jeder Gelegenheit, wo es Hilfe und Rettung
galt, von fruehester Jugend auf ihre Haendchen immer in dieser
Gnadenstellung, so dass ihre Daumen sich ganz danach bildeten und man
dieselben Gnadendaumen, Dockadaumen nannte, und von ihr ist diese
Handbildung auf alle Graefinnen von Hennegau, mit der grossen Neigung
zu begnadigen und zu vergeben, vererbt.--Sieh Gackeleia, daher koemmt
der Gebrauch, dass man sagt, halte mir den Daumen, wenn man verlangt,
ein anderer solle mit seiner ganzen Seele unser Glueck wuenschen."
"Nun wissen wir Alles," sprach Gackeleia, "so recht, wie man sagt,
bis auf den Fingernagel; wir wissen, warum die drei Lilien und die
drei weissen Klosterfrauen bei der lieben Ahnfrau unter der
Hennenlinde stehen; und warum dort bei den acht Pflanzen die acht
Ordensgespielen des armen Kindes von Hennegau festlich geschmueckt
erscheinen und Huehner in Koerbchen unter dem Arm tragen. Sie kommen
zur Leichen-Uebertragung des aeltesten armen Kindes von Hennegau und
zum Brautzug des juengsten, und das bin ich!--Sie wollen ihre
Pflichthuehner abliefern.--Geschwind, geschwind, lasst uns sie
empfangen, ich sehe, sie schwanken schon ein wenig ungeduldig
durcheinander. Wohlan, ich rufe sie auf--"Im Namen Ihrer
Kindlichkeit der Graefin Amey von Hennegau, ersten Lehnshuldin von
Vadutz und ersten armen Kindes von Hennegau mahne ich, Gackeleia
Koenigin von Gelnhausen, Graefin in Hennegau und von Gockelsruh,
juengste Lehnshuldin von Vadutz und juengstes armes Kind von Hennegau,
--Euch, acht erste Ordensgespielen, die acht Pflichthuehner
abzuliefern.--Zuerst rufe ich auf. Fraeulein Ornitogalia, fuer eine am
30. April 1318 empfangene Weide-Gerechtigkeit liefere ab ein
Hirtenhuhn!"
Auf diesen Ruf schwebte Ornitogalia, ein Kraenzlein des Kraeutleins
Huehnermilch auf den blonden Locken und ein schoenes Huhn in einem
Koerbchen tragend, zwischen den Sarg und Gackeleia. Sie verbeugte
sich gegen den Geist der Ahnfrau, kuesste dann knieend den Orden, den
der Leichnam im Sarge trug. Hierauf erhob sie sich wieder, lehnte
ihr Haupt gegen das Kleinod der rechten Achselspange Gackeleias,
setzte sodann ihren Korb mit dem Hirtenhuhn zu ihren Fuessen nieder und
nahm ihn wieder unter den Arm, worauf sie das erste der acht
amaranthfarbenen Baender ergriff und ruhig an ihrer Stelle stehen
blieb.--Hierauf rief Gackeleia nach der Reihe die sieben folgenden
Fraeulein auf. Alle trugen sie Kraenze von Kraeutern ihres Namens und
den Orden der freudig frommen Kinder, und jede that wie Ornitogalia.
--Osterluzia lieferte fuer ein am 1. Mai empfangenes Stueck Wald ein
Waldhuhn.--Kretellina brachte fuer das am 7. Mai erhaltene Recht, im
Wald zu grasen, ein Grashuhn.--Serpoleta gab fuer den am 14. Mai
verliehenen jaehrlichen Holzbedarf ein Rauchhuhn.--Morgelina hatte am
21. Mai das Recht erhalten, im Walde Laub zu sammeln und brachte ein
Laubhuhn.--Moskatellina entrichtete fuer ein am 28. Mai empfangenes
Kornfeld ein Aehrenhuhn.--Kornelia leistete ihre Lehnspflicht fuer
einen am 4. Juni empfangenen Rosengarten mit einem Gartenhuhn.
--Esparsetta entrichtete fuer ein am 13. Juni, Pfingstdienstag,
empfangenes Feldgut ein Pfingsthuhn.--Als alle Ordensgespielinnen
ihre Pflicht geloest und die acht Baender anfassend, zur Rechten und
Linken des Blumensarges standen, erhoben Gackeleia und Kronovus die
beiden vorderen, Gockel und Hinkel die beiden hinteren Stangen der
Tragbahre und zogen mit dem Blumensarge der Kapelle zu.--Der Geist
der Ahnfrau folgte seinem eignen Leibe zu Grab.--Es war ein Anblick
von der ruehrendsten Erhabenheit.--Hinter dem von den acht
Ordensgespielinnen umgebenen bunten Blumensarg, in welchem das
bleiche, arme Kind von Hennegau in tiefrothem Gewand gleich einem
elfenbeinernen ernsten Jungfraeulein zu schlummern schien, schwebte
dessen eigner Geist zwischen den drei weissen Klosterfrauen, welche
Lilien trugen--selbst eine Lilie--in unaussprechlich ruehrender
Einfachheit, in schneeweissem, langem Gewand, Spindel und Brod tragend,
das verschleierte Haupt mit weissen Rosen bekraenzt, mit lieblichem
Frieden im Angesicht ueber die Blumen und Grasspitzen dahin. Eine der
drei Klosterjungfrauen, welche sie mehr, als die beiden andern zu
lieben schien, trug ihr demuethig die Schleppe.--Alle drei sangen:
"Die reine Lilie prangt mit groessrer Herrlichkeit,
Als jemals Salomo in seinem Koenigskleid,
Du traegst dies Brautgewand seit deiner Tauf' auf Erden,
Du konntest herrlicher niemals geschmuecket werden."
Worauf der Geist der Ahnfrau mit wehmuethiger Innigkeit wieder sang:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
Nun aber folgte der ganze Zug der Geister der dankbaren Armen, welche
den Sarg geschmueckt hatten, sie trugen die schimmernden Fahnen von
Roeckchen, Hemdchen, Schuerzchen, Jaeckchen, Muetzchen, die guten Werke
des armen Kindes von Hennegau. Wer aber kam ganz, ganz zuletzt, so
dass gar nichts mehr hinter ihm kam?--Niemand Anders, als jene alte
Frau mit einer blauen Schuerze, welche bei allen Prozessionen und
Leichenzuegen zuletzt kommen muss--jene gesetzte, solide Person, die
nicht im Himmel ist, nicht auf der Erde ist und die selber nicht weiss,
wo sie ist und wer sie ist. Alle Nachforschungen der so
ausgezeichneten geheimen Polizei von Gelnhausen haben doch keine
entschiedenere Auskunft ueber sie zu Stande gebracht, als, es heisse,
sie solle ein buckliches Fragezeichen hinter einer Leichenrede seyn,
man halte sie fuer eine Art Nachrede, sie gebe sich fuer ein gewisses
Gewissen aus u. dgl. mehr.--Man suchte ihrer auf alle Weise habhaft
zu werden, man stellte bei allen Blaufaerbern Spionen auf, um sie zu
ergreifen, wenn sie etwa ihre Schuerze neu wolle faerben lassen; aber
sie liess sie nicht faerben. Endlich ward sie von der
Verschoenerungskommission, als geschmacklos und die kuenstlerische
Wuerde solcher Prachtzuege stoerend, und von der Aufklaerungskommission
als ein abgeschmackter alter Aberglauben fuer null und nichtig in
Contumaziam erklaert.--Der Oberhof-Osterhaas schrieb eine gekroente
Preisschrift gegen sie, worin er sie fuer eine optische Taeuschung,
oder hoechstens fuer das fuenfte Rad am Wagen erklaerte, welches, so oft
man seiner auch erwaehne, doch eigentlich niemals da sey.--Unter der
Regierung des Kronovus aber ward, weil er sie selbst trotz aller
Null--und Nichtigkeits-Erklaerung hinter dem Leichenzug seines Herrn
Vaters Eifrasius allerhoechstaugenscheinlich herschleichen gesehen,
alles Schreiben ueber sie verboten und eingefuehrt, bei ihrem Anblick
immer einem Armen eine neue blaue Schuerze zu schenken; man hat
bemerkt, dass sie seitdem immer eine neue blaue Schuerze traegt, und dass
die Blaufaerberei in Gelnhausen einen solchen Aufschwung gewonnen hat,
dass sie der Baecker--und Fleischerzunft gar nichts nachgiebt.
So nun kam der Zug in die Kapelle, wo unter dem Vortritt Alektryos
und Gallinas alles anwesende Federvieh sich tiefneigend Spalier
machte. Als sie mit dem Sarg vor den Altar kamen, drehte Gackeleia
den Ring, das Grab Urgockels oeffnete sich, da sahen sie das Gerippe
des alten Herrn auch im reichen Grafenornat gar ehrbar unten ruhen.
Nun legten die acht Ordensgespielinnen, die acht Baender in die Hand
der Ahnfrau im Sarge zurueck und ergriffen die aehnlichen Baender, die
zum Guertel Gackeleias gehoerten, und standen eine Weile um sie her.
Man senkte den Sarg neben den Sarg des Urgockels hinab, das Grab
schloss sich, die Jungfrauen stellten ihre Koerbchen mit den Huehnern
darauf und legten alle ihre Kraenze umher.--Der Geist der Frau
Urhinkel schwebte licht gegen den Grabstein Urgockels, die drei
Klosterfrauen mit den Lilien standen zu dessen Fuessen. Eine
Lichtwolke erfuellte die Kapelle und zog sich oben wie in einen offnen
Himmel hinauf, dahin schwebte der Geist der lieben Graefin Amey von
Hennegau zwischen den drei Klosterfrauen.--Gackeleia sprach zu den
acht Jungfrauen um sich her: "segne euch Gott, liebe Gespielen, ich
danke eurer Treue, folget dem liebsten Herzen dahin, wo es noch
besser ist als hier in Gockelsruh!" da neigten sie sich gegen ihre
rechte Schulter und schwebten in die Lichtbahn des ersten Kindes von
Hennegau hinan, und die ganze Prozession der Armen zog hinten nach
und man hoerte den Gesang:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
immer leiser und leiser, bis er zuletzt ganz verstummte und Alles in
der Kapelle wie vorher war; da sah man das Steinbild der Frau
Urhinkel mit der Urgallina auf der Schulter neben dem des Urgockels
an der Wand und unter demselben schauten drei weisse Lilien ueber dem
Altare hervor. Auf dem Grab vor dem Altar hatten die Kraenze der
Ordensgespielen Wurzel geschlagen und gruenten alle die Kraeuter, aus
denen sie bestanden.--Gackeleia uebergab die verehrten Huehner dem
Alektryo, der sie sogleich in Eid und Pflicht nahm und nebst der
uebrigen Huehnergemeinde in den Huehnerhof fuehrte, wo ihnen ein
Hochzeitsschmaus von Waitzenkoernern, Brodsamen, allerlei Gruenem,
Maikaefern, Regenwuermern und andern Delikatessen zubereitet war.
--Waehrend allem diesem wurden fortwaehrend die Glocken gelaeutet, lief
die Kunstfigur immer mit dem Klingelbeutel umher und endeten der
Organist und die Primadonna ihre Fuge nicht.--Hierauf setzte sich der
Zug in Bewegung, den Wappenfahnen folgten die blumentragenden Knaben,
die blumenstreuenden Maegdlein, die Juenglinge mit den Geschenken
Salomos;--dann Kronovus und Gackeleia, welche die Kunstfigur im Arm
trug, und zuletzt Gockel und Hinkel, welchen, als sie die Thuere
verliessen, Alektryo und Gallina auf die Schulter flogen.--So kam der
Zug in den herrlichen Raugraeflich-Gockelschen Speisesaal, wo eine
vortreffliche Mahlzeit aufgetragen war. Im ganzen Schlosse gieng es
lustig zu, viele gute Leute aus Gelnhausen, die sich damals ueber
Gockels Pallast so verwundert hatten, waren Extrapost hergefahren.
Der Herr Postmeister hatte nichts zu thun, als einzuspannen, der Herr
Schirrmeister schmierte unerschoepflich, die Herrn Postillone bliesen
sich schier den Athem aus. Alles was in Gelnhausen kurfaehig war,
wurde zur graeflichen Tafel gezogen, und sogar der geheime
Oberhof-Osterhaas, alle Ritter und Ritterinnen des hohen Eierordens;
auch viele reisende Kuenstler und Gelehrte und Standespersonen, welche
gerade zu der Frankfurter-Messe durchpassirten, benutzten die seltene
Gelegenheit, alle die Herrlichkeit mit anzusehen.--Es wurden der
Gaeste so viel, dass Gackeleia alle Augenblicke den Ring drehen musste,
um den Tisch zu verlaengern. Einen grossen Tisch allein bedurfte der
Oberhof-Osterhaas, denn er hatte eine ihm empfohlene grossmaechtige,
breite Schottlaenderinn bei sich, deren Gefolge aus einem lebensgrossen
Lebkuchenfiguren-Kabinet und einem Leib-Lebkuechler bestand, die Alle
mit ihr an einer Tafel sassen.--Der Oberhof-Osterhaas stellte sie den
hohen Herrschaften mit den Worten vor: "die sehr honorable Kountess
Samsonia Molle Gothol, Meisterinn von St. Eduards Stuhl, auf welchem
die Koenige von England gesalbt werden, eine Nachkomminn der
schottischen Koenige, Gothol, Simon Breach, Fergus, Kenneth u.s.w.,
welche schon Jahrhunderte vor christlicher Zeit, auf jenem Steine
gethronet haben, auf dem Jakob bei Bethel Luz schlief und der jetzt
in St. Eduards Stuhl bewahrt wird, dessen Pflege ihr anvertraut ist.
Diese hohe Dame ist mir von der Akademie der old druidical
Superstitions dringend empfohlen, sie hat sich eine schwarze
Melancholie durch zu uraelterliche und altvorderliche Studien
zugezogen, indem sie schon auf ihrem Kinderstuehlchen vor St. Eduards
Stuhl bei dem darin bewahrten Steine Jakobs anfangs mit der Puppe
spielend zur Wache gesessen und dann durch staetes Brueten ueber die
Herkunft dieses Steins vor lauter Kindern Gottes und der Menschen und
den vielen Kindern Israels die eigne Kindheit verloren hat. Nun aber
reist sie mit ihrem Kinderstuehlchen umher, dieselbe wieder zu finden
und darauf zu setzen. Da sie Alles vom Ei an ergruenden muss, und von
meinen geringen Verdiensten als unwuerdigem Oberhof-Osterhaas gehoert
hat, hat sie gehofft, vielleicht in einem Osterei, den wahren
Kindskopf zu finden, aber leider vergebens!--Es ist ihr bei laengerem
Aufenthalt in der Grafschaft Vadutz bekannt geworden, dass die
Lehnshuldinnen dieser Grafschaft die Achselspangen Rebekkas auf den
Schultern tragen, und weil sie weiss, dass diese Kleinode mit dem Stein
Jakobs zusammenhaengen, so wuenscht sie fuer ihre Studien eine naehere
Kenntniss dieser Alterthuemer aus schriftlichen, gleichzeitigen
Urkunden zu erlangen.--Die bei ihr befindlichen Lebkuchen sind ihre
theils noch heidnische Vorfahren, die schottischen Koenige Gothol,
Breach, Fergus, Kenneth und dergleichen. Der sie begleitende
Leib-Lebkuechler arbeitet mit lauter Honig aus dem Rachen des Loewen
Samsons, und da sie eine Vorstellung dieses ihres Namenspatrons, wie
er seine Feinde mit dem Eselskinnbacken erschlaegt, in
Honigkuchenteich poussiren lassen will, hat sie ihn mitgenommen, um
Studien zu skitziren, was sehr unterhaltend ist; er hat mich schon
portraitirt, und es gleicht, wie kein Osterei dem andern.--Diese
wuerdige Maertyrin der Ernsthaftigkeit empfehle ich nun der
theilnehmenden Kind--und Kinds-Kindlichkeit der koeniglichen und
graeflichen Familie, allerunterthaenigster, unwuerdiger
Oberhof-Osterhaas." Gackeleia empfand eine grosse Theilnahme fuer die
honorable Kountess und wollte sie umarmen, sie war aber zu gross und zu
breit und wollte sich nicht buecken, da half sich Gackeleia mit dem
Ring und drehte die Kountess herunter, dass sie gerade gross genug war
und schloss sie herzlich in ihre Arme, wobei dieser sehr wohl zu Muthe
ward, so dass sie laechelnd sagte: "Euer Kindlichkeit koennen auch mehr
als Brod essen!"-Gackeleia laechelte und drehte die Kountess wieder in
ihre grosse, breite Gestalt zurueck, worauf sich Alles zu Tisch
niedersetzte.--Dass Gackeleia mehr als Brod essen konnte, bewies der
Kuechenzettel der hochzeitlichen Mahlzeit; denn aus Achtung fuer die
Kountess verwandelte Gackeleia durch den Ring Salomonis die ganze
Gelnhausische Mahlzeit in eine Schottlaendische, und die Verwunderung
der auftragenden Bedienten und die Verlegenheit der Gelnhauser Gaeste,
die nicht wussten, wie sie die fremden Gerichte anfassen sollten,
erlustigte das ganze Fest.--Besonders viel zur allgemeinen Freude
trug der Leib-Lebkuechler der Kountess Gothol bei. Sie sass zwischen
den Bildern ihrer Voraeltern, er neben dem Oberhof-Osterhaas unten an
und war in staeter Arbeit, dass ihm der Schweiss ausbrach, er hatte
einen grossen Kuebel Honigteich neben sich, und indem er mit grossen
Appetit zu essen schien, knetete er mit Loeffel, Messer und Gabel, das
Bild irgend eines Anwesenden aus Teig auf den Boden seines Tellers,
dann begehrte er einen frischen Teller und liess den andern am Tische
von Hand zu Hand gehen, was ein grosses Aufsehen unter allen Gaesten
machte. Als nun Gackeleias Bild zu Kronovus und des Kronovus Bild zu
Gackeleia kam, fanden diese sich so getroffen, dass sie sich fresslieb
gewannen, und das wurde auf einmal Mode am Tisch, Einer ass des Andern
Bild auf. Da drehte Gackeleia, die melancholische Kountess auch
wieder durch eine Artigkeit zu erheitern, den Ring Salomonis, dass
alle ihre Lebzelten-Voraeltern neben ihr leben und mit ihr sprechen
moechten und eben so moechten die neugeformten Gesichter mit dem
Lebkuechler thun. Das gab nun einen seltsamen Spass, die alten
Schottischen Koenige fiengen an mit der Kountess, und dann unter
einander von dem Stein Jakobs zu disputiren und zwar sehr heftig, die
Gesichter, welche der Kuenstler auf die Teller formte, schnitten
Gesichter und streckten ihm die Zunge heraus, er wurde unwillig
darueber, knetete ihnen die Maeuler zu, da bliesen sie dann die Backen
auf, kurz es ward eine staete Abwechslung von Grimassen. Da nun alle
die Koenige anfiengen, dem Meth und Aepfelwein tuechtig zu zusprechen
und auch dem Lebkuechler haeufig zutranken, gab es Streit und sie
warfen sich die Teller ins Gesicht und modellirten sich ganz grandios
mit den Humpen auf den Koepfen herum. Diese alten Schotten-Koenige
hatten eine Art Bauernkrieg unter einander und bald war dieser bald
jener Trumpf,--und dazwischen wurde immer vom Stein Jakobs geschrieen,
ohne dass sie irgend einig werden konnten. Alles das ward der guten
Kountess ein Stein des Anstosses, sie wusste gar nicht mehr, was sie von
ihren Altvorderen halten sollte, sie kam zitternd und bebend mit
ihrem Kinderstuehlchen zu Gackeleia gelaufen und lehnte ihren grossen
Kopf Hilfe suchend, da Gackeleia, um dem Streite zu zusehen, auf den
Stuhl gestiegen war, ganz bequem gegen das Achselband ihrer rechten
Schulter mit den Worten: "o mein Gott, welch ein Greul, o wo seyd ihr
hin, ihr schoenen Tage meiner Kindheit!"--Gackeleia aber drehte den
Ring mit dem Wunsche, alle die Streitenden moechten sich in
unschuldige, belustigende Gegenstaende verwandeln und alsbald wurden
die Koenige und der Lebkuechler zu Hollundermaennchen, welche sich
einander auf den Kopf stellten und wieder auf die Fuesse purzelten, was
allgemeinen Beifall fand. Die Ueberreste der Lebkuchen-Bilder wurden
theils von den Originalen, theils von Alektryo und Gallina verzehrt.
--Selbst die Kountess laechelte darueber und sagte: "seit ich die
Achselspange der Rebecka beruehrt habe, ist mir ein solcher kindlicher
Friede, eine solche Lust ins Herz gekommen, dass es mir laecherlich
vorkoemmt, wie ich so entsetzlich ueber den Stein Jakobs habe studieren
koennen, o jetzt habe ich keinen Wunsch mehr, als dass ich noch, wie
einst auf meinen Kinderstuehlchen neben St. Eduards Stuhl sitzen und
meine Puppe darauf stellen koennte."--Diese Rede gefiel der ganzen
graeflichen Familie so wohl, dass Gockel ihr Kinderstuehlchen auf den
Tisch und die Puppe daraufstellte, worauf er ihr den eignen Orden der
Kinderei, Kronovus den Orden des goldnen Ostereis mit zwei Dottern,
und Gackeleia den Orden der freudig frommen Kinder umhaengten, sie
rueckten zusammen und nahmen sie in die Mitte und tranken Gesundheiten
und Alles war voll Lust und Herrlichkeit.--Gockel aber nahm nun das
grosse Tagebuch der Ahnfrau, das vor ihnen bei den Geschenken Salomos
und der Koenigin von Saba auf dem Tische lag und ueberreichte es der
Kountess mit der Bitte, da sie sich so sehr fuer schriftliche Urkunden
interessire und eine so schoene Aussprache habe, moege sie mit der
Vorlesung die Mahlzeit beschliessen; wahrscheinlich werde dort zu
ihrer Freude auch etwas von den Spangen der Rebecka und dem Steine
Jakobs verzeichnet seyn.--Sie nahm das Buch, blaetterte ein wenig
darin hin und her, wie ein Kind, das keine Lust zu lesen hat, und
sagte: "es sind gar keine Bilder darin, das ist Schade, es ist mir
auch jetzt ganz unleserlich zu Muthe; mir ist so lustig und kindisch,
dass ich mich ordentlich zusammennehmen muss, um mich nicht da auf den
Tisch hinauf auf mein Kinderstuehlchen zu setzen und mit den Fuessen zu
pampeln. So laecherlich, ja unmoeglich dieses bei meiner allzu
grossmaechtigen Figur nun scheint, muss ich dennoch leiblich dagegen
kaempfen; denn mein Seelchen sitzt wirklich schon darauf und laesst
jedermann seine schoenen, neuen, rothen Schuhe bewundern. Nein, jetzt
lese ich nicht--ich habe eine grosse Angst, wieder in die
Untersuchungen alttestamentarischer Antiquitaeten zu fallen, mir ist,
als verstuende ich jetzt erst den Stein Jakobs recht, mir ist, als
stiege ich mit den Engeln auf der Himmelsleiter, die er auf diesem
Steine schlafend im Traume gesehen, auf und nieder, und wir spielten
zusammen und einer von ihnen hat mir gesagt: "sey ein frommes Kind,
laufe nicht in alle Gassen hinein, halte dich huebsch fest an der
Schuerze der Mutter und trau den falschen Ammen nicht--die treuen
Kinder wird die Mutter gewiss zum lieben Vater bringen, und da giebt
es Kuchen und Herz, was verlangst du?"--seht, so ist mir--ich will
mir keine neuen Skrupel in den Kopf setzen; aber ich will Euch
hernach doch aus dem Buche lesen--jetzt nun haette ich vor mein Leben
gern, dass die liebe Gackeleia mir und uns Allen das wuensche, was ihr
das Liebste und uns Allen das Nuetzlichste und Gott das
Wohlgefaelligste, am Ende aber ein wenig plaisirlich fuer jedermann
waere.--Wuensche, Gackeleia, wuensche, bitte, bitte, bitte!"--Die grosse
majestaetische Schottlaenderin sagte dies so von ganzen Herzen, so ganz
wie ein unschuldiges Kind, das erst der Flamme des Lichtes mit den
Haendchen winkt, und weil sie nicht gleich naht, unbesorgt hinein
greift, ja so ganz von Herzen, dass sie in ihrer jetzigen Aeusserung
einem schoenen, schimmernden Schmetterling glich, der sich aus der
finsteren Huelle einer Puppe, wie aus einem Kerker hervorwindet; die
Fluegel traeumend entfaltet, und ruehrt und ruft: o Blumen her, Rosen,
Lilien, mich zu schauckeln!--o es war ruehrend, leicht haette er das
Licht selbst fuer eine in der Nacht leuchtende Lilie halten und den
Tod darin finden koennen.--Gackeleia fuehlte das Alles so tief, dass sie
die gute Samsonia Molle Gothol ans Herz drueckte, mit den Worten:
"gewiss, gewiss, du bist die erste liebste Ordensgespielin des armen
Kindes von Hennegau!"--Da blickte Gackeleia den Kronovus und Vater
und Mutter und alle Gaeste gar lieblich, schlau und kindlich laechelnd
der Reihe nach an und hob den Ring an dem Finger mit der Frage empor:
"wollt ihr von Herzen mit Allem zufrieden seyn, was ich wuensche?" und
alle riefen einstimmig: "ja, ja, von Herzen zufrieden, wuensche
Gackeleia, wuensche!"
Nun umarmte Gackeleia Vater und Mutter und den Kronovus und drueckte
die schoene Kunstfigur ans Herz und reichte allen Gaesten der Reihe
nach die Hand--dann schaute sie rings um aber das froehliche Volk,
ueber Schloss, Hof und Garten, ueber die ganze freudige Umgegend und
sprach: "o wie ist Alles so einig und freudig umher! nur Eines bleibt
zu wuenschen uebrig--ich wuensche es," da drehte sie den Ring Salomonis
am Finger und sprach:
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 | 15 |
16