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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Gockel, Hinkel und Gackeleia

C >> Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia

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"Ja, liebe Ahnfrau, da ist Augentrost fuer dich, welche alle Thraenen
getrocknet, Liebaeugelein fuer dich, weil du alle Arme so lieblich
anblicktest, brennende Liebe mit den granatrothen Blumen, weil dein
Herz von Naechstenliebe geglueht; Thymian, das gewuerzige Demuthkraut
fuer dich du Demuethige; Ehrenpreis fuer dich du aller Ehren werthe;
Engelsuess und Engelblume sprechen: "du suesser milder Engel in aller
Noth!--O du Herzbluemlein, du Herzenstrost, du Herzensfreude fluestern
drei andre Bluemlein;--du Honigbluemchen, je laenger je lieber hatten
wir dich, sagen andre.--Wie viele stammeln mit Kinderaugen, "Vergiss
mein nicht."-Das Schlafkraeutlein spricht: "schlummere suess"--und das
Fuehlkraut: "ruehr mich nicht an."--Das Mollenkraut, das Wunderbaeumchen,
Palme Christi saeusselt um dein Haupt.--Das Herrgottsbaertlein weht
durch deine Locken.--Die Passionsblume schaut dich an--ruhe sanft
lieb Denkeli--an deinem schattigen sonnigen Herzen, du Liebstoeckel,
bluehet dein Herzgespann, das demuethige Sophienkraut, das
Sonnenbraeutlein, der Sonnenthau fuellt ihm die Loeffelchen seiner Haende,
im tiefsten Schatten, wie in gluehender Sonne heilend und erquickend.
Dem lieben Herzen, dem es nahe ist, muessen die Feinde vergeben, wie
es ihnen vergiebt, alle muessen es lieben, kein Zauber kann es kraenken,
selbst der eigne nicht.--O schlummre selig, der Engeltrank dir Wohl
verleih!--Sey Wohlgemuth, Gottes Gnade, Gottes Huelfe, Gottes Heil
sind mit dir.--Zum Himmel kehr dich du Sonnenwende.--Wandle traeumend
durch den Himmelsthau zu dem Kreuzbluemlein, dem Jesusbluemlein.--Der
Heiland legt den Himmelsschluessel in deine Haende--Du ewige Blume.
--Gotteshuelfe sey dir ewig gruen.--Tausendblaettchen hast du reine,
feine Garbe voll Heilkraft--und Floramor, Tausendschoen, die
purpursammtne Amaranthe schimmert dich an, dass dir das Herz lacht u.s.
w.--Wer kann alle Liebe aussprechen, welche die Blumen
stammelten?--Zu ihren Fuessen deutete die Jerusalemsblume, die feurige
Liebe, die Mannstreue auf die Liebe und Treue Graf Gockels. Alle
diese Blumen waren von vielen weissen Rosen durchflochten und an den
Ecken des Sarges ragten Lilien hervor, und beide wussten nichts
freudigeres zu sagen, als, "sie liebte uns." In der Hand hatte die
liebe Todte einige Heilkraeuter, einen Strauss von Schluesselblumen,
Chamomillen, Melissen, weissen Nesseln, Lindenbluethe und
Orangenblaettern.--Ein Monatroeschen, das sie lange gepflegt, bluehte in
einem Koerbchen an ihrer Seite.--Die ganze sprechende Blumendecke des
Sarges war von einer immergruenen Epheuranke uebersponnen, welche an
dem Kreuze zu Haeupten des Sarges hinanrankend sagte: "immergruen ist
meine Treue, wer will mich trennen von meiner Liebe, ich halte ihn
und lasse ihn nicht. Wer ist treuer als ich? selbst von der Wurzel
getrennt, lasse ich nicht von dem, was ich umarmte, und gruene und
lebe klammernd an meiner Stuetze. Mit ewigem Gruen umschliesset die
Treue die Asche der Todten und bindet die Scherben der Urne; denn
losgerissen wuerde sie sterben. Selbst den gefallenen Stamm umgruene
ich. Seit ich lebe, ringe ich aufwaerts, nicht aus eigener Kraft,
sondern getragen von zuvorkommender Gnade, die ich dankbar mit den
Wurzeln meiner Zweige erfasse.--Weil ich barmherzig den nackten Fels
bekleide, decket die ewige Liebe meine eigne Armuth und traegt mich
aufwaerts mit den Barmherzigen, die sie selig spricht; auf dass ich
aufsteige aus der Wueste, gestuetzt auf den Geliebten ueberfliessend von
Beglueckungen."--Solches und vieles andere stammelten die Blumen und
Kraeuter, womit die Geister der dankbaren Armen, denen Frau Urhinkel
alle Barmherzigkeit erwiesen hatte, ihren Sarg von neuem schmueckten.
--Als sie den Sarg geschmueckt hatten, zogen sie sich zu beiden Seiten
der Frau Urhinkel zurueck, erhoben ihre Fahnen wieder und traten in
den Hintergrund.

Alles das sahen Gockel, Hinkel, Gackeleia und Kronovus ganz still mit
tiefer Ruehrung an und nun sprach Gackeleia: "das also ist der schoene
Blumensarg unsrer Ahnfrau von dem du mir so oft erzaehlt liebe Mutter,
dass die Engel die Blumen dazu im Himmelsgarten gepflueckt?"--da
erwiederte Frau Hinkel: "Ja, und er ist noch viel schoener als ich
wusste, denn die Engel waren die Armen, die sie in den Himmel durch
ihre Liebe geleitet und der Himmelsgarten war der Garten ihres
liebvoll barmherzigen Wirkens und alle die Blumen und Kraeuter waren
ihre Liebeswerke. Sie hat mit der Gnade Gottes ihren Garten selbst
gebaut!"--Da sprach Gockel: "Hier kann man wohl sagen, unsere Werke
folgen uns, und wie man von Kummer und Boesem sagt, das ist ein Nagel
in meinen Sarg, kann man wohl von allen Werken der Liebe sagen, sie
sind Blumen auf meinem Grab, o wer sollte sich nicht einen solchen
Garten zu bauen wuenschen!"--"Ach," sprach Kronovus, "du musst helfen
Gackeleia, wir wollen fleissig im Garten arbeiten." Gackeleia hatte
Thraenen in den Augen und nickte still.

So standen sie und sahen den Leib der Ahnfrau an, der ernst und
ehrwuerdig und doch so lieblich mit seinem Brautkleid in dem
Blumenbettchen ruhte. Keine Spur von Verwesung entstellte die
ruehrende Gestalt. Sie war ganz dieselbe, wie man sie in dem
Grafensaal in Gockelsruh als Braut gemalt sah, nur noch weiser, noch
reiner. Das edle, kluge Haupt trug die Grafenkrone ueber einen Kranz
von Amaranthen, der die reichen mit Perlen durchflochtenen Locken
umfieng und ruhte mit geschlossnen Augen, wie das Antlitz eines
schlummernden Heldenkindes, auf einem runden goldnen, mit Rubinen
verzierten Polster, das sie gleich einem Heiligen Schein umleuchtete;
die eine Wange jedoch lehnte etwas zur Seite geneigt an einem Kissen
von der feinsten schneeweissen Leinwand.--"Kennst du das kleine
Kissen?" fragte Frau Hinkel die Gackeleia und diese antwortete: "o
gewiss, davon hast du mir ja auch erzaehlt, wie von dem Blumensarg; die
Graefin Amey von Hennegau spann so fein, so fein, webte so fein, so
fein, und trocknete mit ihrem Linnen die Thraenen der Armen; weil aber
noch so fein gesponnen, endlich doch koemmt an die Sonnen, so haben
ihr die Armen dieses Linnen an der Sonne mit Thraenen des Dankes
gebleicht. Sie theilte aber Alles mit ihnen und so auch dieses
Linnen; da haben dann die dankbaren Armen ihr aus ihrem Theil ein
Brauthemd und ein Todtenhemd genaeht, und da noch ein Stueckchen uebrig
blieb, verfertigten sie dies kleine Kissen daraus und naehten den
Spruch darauf. "ein gutes Gewissen ist das ruhigste Kissen." Es
kamen aber alle Voegelein, denen sie von Jugend auf ihre Brosamen
ausgestreut hatte, herangezogen, und rupften sich selbst aus
Dankbarkeit die zartesten Flaumfederchen aus der Brust in das Kissen,
bis es recht weich und reichlich gefuellt war. Diese Gaben verehrten
sie der lieben Wohlthaeterin als Brautgeschenk und sie nahm sie mit in
den Blumensarg."--"Du weisst Alles noch recht schoen," erwiederte Frau
Hinkel, "sieh, zum Andenken dieses so ehrenvollen Ereignisses haben
auch alle Jungfrauen und Frauen unseres Stammes in ihrer Ausstattung
zwei solche Hemden und ein solches kleines Kissen, welche von den
Armen verfertigt werden muessen und dieser Theil der Ausstattung heisst
die Armen-Linnen-Spiegelgabe, weil wir uns an der Milde unsrer
Ahnfrau spiegeln sollen."

"Ach," sagte Gackeleia, "es ist schwer den Blick von dem lieben
Angesicht zu trennen, es ist so ehrwuerdig, so ernst wie eine Sybille,
welche Schicksale traeumt, so liebvoll sorgend und warnend wie eine
fromme Mutter, und auf der sinnenden Stirne ruht der Friede besiegter
Leiden, und wenn ich ganz bewegt bin und die Thraenen mir in die Augen
treten wollen, laecheln mir ihre Wangen und ihre Lippen so kindlich
entgegen und es ist mir, als kuesse mir ein Kind die Thraenen von den
Augen und streiche mir troestend die Locken von der Stirne."--Da
sprach Gockel: "Kind, du hast ein gutes sicheres Aug, was du sagst,
muss wohl so gewesen seyn. Sieh, darum hat das liebe Herz, die gute
Ahnfrau auch schon als Jungfrau den Hennegauschen Maegdlein-Orden der
freudig-frommen Kinder gestiftet, dessen hoechster Grad hier im Sarge
ihre Brust bedeckt. Es ist derselbe Orden, den Mutter Hinkel und
auch du jetzt traegst.

Es war in den Tagen der guten Ahnfrau im Lande Hennegau unter dem
weiblichen Geschlecht eine traurige tiefsinnige Andachtsweise
eingerissen; das Ei wollte klueger seyn, als das Huhn, und die Huehner
sprachen erstaunlich viel ueber umgelegte Eier. Es war wie eine
Krankheit unter den Maegdlein des Landes geworden, aller weiblichen
Handarbeit und Pflege und ebenso aller Freude und Heiterkeit zu
entsagen und sich allein einem tiefsinnigen Hinbrueten zu ergeben,
wodurch manche auf sehr verkehrte Dinge kamen.--Da nun im Jahre 1310
Porette, eine Jungfrau aus Hennegau, welche die Graefin Amey kannte,
durch diese Lebensweise auf so unsinnige Meinungen und Lehren kam,
dass sie in Paris zum Feuertode verurtheilt ward, nahm Graefin Amey
sich dieses so zu Herzen, dass sie sich entschloss, dieser Verkehrtheit
durch ihr Beispiel entgegen zu arbeiten. Sie errichtete deswegen fuer
Jungfrauen den Orden der freudigen frommen Kinder, in welchem sie
alle ihre Freundinnen verbindlich machte, mit Arbeit und Pflege fuer
die Armen, kindliche Freude und Andacht zu vereinigen. Alles Gute
und Heilige hatte einen Altar in ihrem Herzen, alles Kindliche und
Heitere aber auch eine gastfreie Herberge darin; und so kam die liebe
Amey in ein recht liebes, natuerliches Wesen. Sie ward der Trost der
Armen und die Freude der Kinder, sie selbst nannte sich als
Grossmeisterinn des Ordens das arme Kind von Hennegau. Da begann eine
gute Zeit fuer die Kinder in Hennegau, welche durch die uebertriebene
Selbstbeschauung ihrer Muetter und aelteren Schwestern ganz
unbeobachtet, verwildert, schmutzig, zerrissen und zerlumpt geworden
waren. Die liebe Amey errichtete grosse Ordensfeste und jede ihrer
Ordensgespielinnen musste eine Heerde Kinder sauber und reinlich
gekleidet auf die Wiese bringen, wo getanzt und gespielt, gegessen
und getrunken und auch Gott gedankt wurde. Alle edlen Jungfrauen
wollten in dem Orden der freudig frommen Kinder seyn, und die
weibliche Sitte erhielt eine neue schoene Wendung, so dass es ein
Sprichwort geworden: "Wie wohl waer mir, haett' ich zur Frau ein' edle
Dirn aus Hennegau!" Um aber die Verbindung der freudigen Froemmigkeit
und Kindlichkeit zu bezeichnen, um auszudruecken, dass die tiefste
Betrachtung es eben nicht viel weiter bringt, als ein lallendes Kind,
so besteht das Ordenszeichen aus einer Figur, welche auf der einen
Seite ein zur Sonne auffliegendes Lerchlein als das Bild freudiger
Betrachtung und auf der anderen Seite ein kleines, laechelndes
Wickelkind, das sich geduldig von einem Arm auf den andern nehmen
laesst, vorstellt. Es wird dieser Orden aber an einem amaranthrothen,
mit allerlei Gloeckchen und Quaestchen und sieben Saechelchen behaengten
Bande um den Hals getragen, weil die Amaranthe nicht verwelkt und
ihre tiefe, rothe Farbe auch getrocknet bewahrt. Die Amaranthe ist
das Sinnbild treuer, bestaendiger Gottes--und Menschenliebe, und ein
Schmuck geliebter Todten, und es ward dem armen Kind von Hennegau
hier im Blumenbettlein die schoene Amaranthenkrone aufgesetzt, weil es
recht gewandelt ist. Die Erde traegt eigentlich nur den Schatten
dieser Blume, der Himmel allein bringt sie in der Fuelle ihrer ganzen
Bedeutung wirklich hervor, als ein unvergaengliches, unbeflecktes,
unverwelkliches Erbtheil, das uns in ihm bewahrt ist.--Die Amaranthe
ist ein Sinnbild der unschuldigen Kindlein, weil diese durch das
Schwert vom Leben getrennt, in ihrem Blute im Himmel wie die
tiefrothen Amaranthen gluehen, welche selbst von der Pflanze
abgeschnitten, ihre Farbe nicht verlieren.--Die Amaranthe ist das
Sinnbild der Bestaendigkeit, der treuen Ausdauer, und von ihr heisst es,
in Kaelte und Hitze, auch getrennt bestaendig, nimmer welkend, in
Thraenen erneuet.--Dieser Eigenschaften wegen traegt Graefin Amey die
Amaranthen-Krone und den Orden am amaranthrothen Band; dass aber am
Saum dieses ernsten Bandes alle die kleinen artigen Spielsachen,
Quasten, Gloeckchen, Troddeln haengen, deutet wieder auf unschuldige
Freude am Saum des ernsten Tagwerks, so wie die Beete eines Gartens,
den wir muehselig bauen, mit kleinen lieblichen Blumen eingefasst sind.
Sieh Gackeleia, wegen der tiefen Bedeutung der Amaranthenfarbe hatte
die gute Ahnfrau auch wohl eine so tiefe Ruehrung bei ihrem Anblick,
denn sie konnte sich oft gar nicht zurueckhalten, wenn sie diese Farbe
sah; oder entsprang die Macht dieser Farbe ueber sie aus einem
Vorgefuehl des Schicksals, das ihr durch dieselbe bevorstand?--ich
kann es nicht entscheiden--nur muss ich dich ermahnen, liebe Gackeleia,
nie eine Hinneigung zu irgend einer Sache allzu heftig werden zu
lassen, damit sie dich nicht endlich ueberwaeltige; denn sieh--die gute
Ahnfrau wurde durch diese Farbe gefangen und aus Hennegau hieher nach
Gockelsruh entfuehrt. Die Raeuber, welche wussten, dass sie dieser Farbe
nicht wiederstehen konnte, breiteten auf einer gruenen Wiese, auf der
sie oft spazieren gierig, eine amaranthfarbige, seidene Decke aus,
und sangen ein Lied in der Naehe, das sie sehr liebte:

"Feuerrothe Bluemelein,
Aus dem Blute springt der Schein,
Aus der Erde dringt der Wein,
Roth schwing ich mein Faehnelein."

Dieses Lied lockte Amey ans Fenster und als sie den tiefrothen Fleck
im Abendschein auf der Wiese funkeln sah, konnte sie der Begierde
nicht wiederstehen; sie musste hineilen, und sich auf die Decke
niedersetzen, und so entschlummerte sie. Da zogen die Raeuber mit
verborgenen Schnueren ploetzlich die Decke ueber ihr zusammen, banden
sie auf ein Pferd und entfuehrten sie bis hieher unter die Hennenlinde,
wo Urgockel sie auf ihr Huelfsgeschrei befreite.--Sieh, sie ist ganz
in ein weites amaranthseidenes Gewand gehuellt, das deutet auf jene
Decke, in der sie entfuehrt, gerettet und die Braut Urgockels ward.
"--"Es passt recht schoen," sprach nun Gackeleia, "dass sie diese Farbe
auch hier im Tode traegt, denn so ist sie auch in dieser Farbe von der
Erde entfuehrt, und unter dem wahren Hennenkreuz gerettet, eine Braut
des Himmels und wie ein Kuechlein unter die Fluegel der Henne
versammelt worden.--Aber sage, warum haben denn die Raeuber die liebe
Ahnfrau entfuehren wollen?--Sie sieht doch gar nicht so
reichgeschmueckt aus wie andere Graefinnen, die von funkelndem
Geschmeide strotzen, und ich habe mich schon ueber diese Armuth
verwundert, kannst du mir wohl sagen, warum hat sie denn gar keinen
andern Schmuck auf ihrem amaranthseidenen Brautkleid, als nur zwei
kleine Edelsteine auf den beiden Spangen, welche das weite Gewand auf
den Schultern zusammen fassen?"--Da schaute Gockel die Gackeleia
laechelnd an und sprach: "du bist ein rechter Schelm, du fragst mich
ueber Allerlei, was laengst vergessen ist, und dann drehst du heimlich
den Ring Salomonis, damit mir Alles in den Sinn kommen soll, was ich
nie oder doch nur dunkel gewusst habe."--"Freilich mache ich es so,"
antwortete Gackeleia, "denn wie jede Speise ihr eigenthuemliches Gefaess
hat, so sind solche alte Geschichten immer am schoensten, wenn sie der
Vater erzaehlt."--Da fuhr Gockel fort: "du fragst ganz recht wegen den
Raeubern, die sie entfuehrten und diesen einsamen Edelsteinen auf ihren
Achselbaendern zugleich, denn wegen dieser wollten die Raeuber, welches
boese Edelleute aus dem Turgau waren, sie entfuehren, und Kronovus mag
dich nur gut bewachen, sonst kann dir es auch so gehen; denn auch du
traegst solche zwei kleine Edelsteine auf den goldnen Spangen, welche
die Aermel deines amaranthfarbigen Brautkleides auf der Schulter
schuerzen, und es sind diese Spangen deine eigentliche Morgengabe,
welche dir allein gehoert. Es sind die sogenannten heiligen
Lehns-Kleinode der Grafschaft Vadutz, deren Wappen darauf eingegraben
ist. Vadutz mit seinen Felsenschloessern ist ein Frauenlehn und gehoert
allen erstgebornen Graefinnen von Hennegau, die mit diesen Spangen
auch alle Rechte einer Lehnshuldinn von Vadutz empfangen. Es ist
eine alte geheimnisvolle Sage mit diesen Steinen verbunden; es heisst,
die wahren, heiligen Gnaden-Kleinode, habe schon Rebecka auf ihren
Schultern getragen, sie seyen wunderthaetig, die Ahnfrau habe sie mit
ins Grab genommen, um ihre Nachkommen vor Gefahren zu hueten, und jene,
welche diese truegen, seyen gewoehnliche Edelsteine; das mag wohl auch
so seyn, denn Mutter Hinkel trug diese Kleinode auch, seit sie Graefin
von Vadutz ward, aber ich habe sie dadurch nie Wunder wirken sehen.
Jedoch sind die Kleinode, wodurch die Graefin Amey ihre Tochter zur
Graefin von Vadutz weihte und welche nun bis auf deine Schultern
gekommen sind, an die aechten Edelsteine angeruehrt worden und moegen so
einen Strahl ihres Segens empfangen haben. Die aechten heiligen
Lehns-Kleinode aber sehen wir hier auf den Spangen der lieben Ahnfrau,
und in dem grossen Buche, welches hier neben ihr im Sarge liegt,
steht von dem Geheimniss dieser Steine, wir wollen es heute nach der
Hochzeitsmahlzeit lesen, jetzt aber sollt ihr mit der Nachricht
Vorlieb nehmen, wie diese Kleinodien und das Laendchen Vadutz an die
Graefinnen von Hennegau gekommen sind.--Der Vater der lieben Ahnfrau
trug diese Kleinode selbst, er war ein Erb-Graf von Vadutz, vermaehlte
sich aber mit einer Graefin von Hennegau, zog mit den Kleinoden nach
Hennegau und nahm dessen Namen an. Er sehnte sich lange nach einem
Toechterlein; als nun seine Gemahlin die liebe Amey gebohren, war es
gerade Neujahrstag, der Graf von Hennegau war in der Schlosskapelle
und im Augenblick als man sang:

"Uns ist geboren ein Kindelein,
Sein Reich lehnt auf den Schultern sein."

kam ein Edelknab gelaufen, er solle geschwind zu der Frau Graefin
kommen, so eben habe ihr der Klapperstorch ein allerliebstes
Toechterchen gebracht. Da lief der Graf geschwind hinauf in das
Zimmer der Graefin und sang den ganzen Weg:

"Mir ist geboren ein Toechterlein,
Sein Reich lehnt auf den Schultern sein,"

und als er hinauf kam, sass die Graefin aufrecht auf ihrem Lager und
hatte das liebe, arme Kind von Hennegau am Herzen, und der Graf war
ganz ausser sich vor Freude und lehnte sein Haupt auf die Schulter der
Mutter und sah dem Toechterlein in die lieben Augen und vergoss
Freudenthraenen, dann nahm er seine Achselbaender, worauf zwei
Edelsteine, die Reichskleinode von Vadutz, befestiget waren und sagte
feierlich: "weil uns das liebe Toechterchen gerade bescheert worden
ist, da man das Verschen sang, so will ich ihm auch sein Reich auf
seine Schultern lehnen und zwar jetzt dir, als seiner treuen
Vormuenderin." Da heftete er seiner Gemahlin die Achselbaender mit den
Edelsteinen, worauf das Wappen von Vadutz eingeschnitten war, auf die
Schultern und sagte: "Ich belehne deine Erstgeborne durch dich und
alle erstgebornen Toechter ihrer Nachkommen mit dem Laendchen Vadutz,
es sey ein Frauenlehn, ein Kunkellehn in unsren Nachkommen, und
sollen den erstgebornen Toechtern der Grafen von Hennegau, sobald sie
die erste Kunkel des zartesten Flachses fuer die Armen, ohne den Faden
zu zerreissen, abgesponnen haben, diese Edelsteine auf die Schultern
geheftet und sie so mit dem Laendchen Vadutz belehnt werden."--Du nun,
liebe Gackeleia, traegst jetzt diese Kleinodien auf deinen
Achselbaendern. Der alte Graf von Hennegau sprach nichts von dem
Ursprung und den Gnaden dieser Kleinode, die bei seinen Vorfahren
schon in Vergessenheit gekommen waren, welche aber die Ahnfrau spaeter
von drei Klosterfrauen erfuhr, denen sie zum Lohn ein Kloster
Lilienthal stiftete, es sind dieselben, welche dort neben den Lilien
bei ihr stehen.--Wegen diesen Kleinoden nun und dem Besitz der
Grafschaft Vadutz entfuehrten einige Ritter, welche nicht vom Auslande
her regiert werden wollten, die Lehnshuldin und wurden hier von
Urgockel erschlagen."

Hierauf schwieg Gackeleia ein Weilchen, und da Gockel sie fragte,
"warum sprichst du nicht?" antwortete sie, in dem sie ihm eine
Spindel voll des feinsten Gespinnstes reichte: "Ei Vater, weil ich
jenen Rocken nicht abgesponnen, lehnte mir das Laendchen so schwer auf
den Schultern wie ungerechtes Gut, da drehte ich den Ring Salomonis
geschwind, geschwind am Finger wie eine Spindel und da hab ich sie
nun voll feinem Garn fuer die Armen und es ist mir wieder ganz leicht
auf den Schultern."

Da laechelten sie alle ueber die Gewissenhaftigkeit der neuen Koenigin
Gackeleia von Gelnhausen, Graefin von Gockelsruh und Hennegau,
Lehnshuldin von Vadutz, und schauten die liebe Ahnfrau weiter an.
Die goldnen Armringe, welche einst die weiten Aermel fest
angeschlossen, waren los an den duerren Armen herabgesunken, die
feinen weissen Haende ruhten an beiden Seiten des Leibes. Die Linke
hielt die obengenannten Heilkraeuter, die Rechte ruhte auf einem
grossen Buch und fasste acht lange amaranthfarbige, mit Perlen
gestickte Baender, welche von dem aehnlichen Guertel ausliefen, der das
weite Gewand ueber den Hueften umschloss. An diesem Guertel hingen auch
Schluessel, und ein Loeffel, Kinder zu speisen und eine Rassel, Scheere
und Aehnliches. Die hagern feinen Fuesschen schauten so arm und
ruehrend unter dem Saum des Gewandes hervor, als zitterten sie, und
die mit Perlen gestickten Goldpantoeffelchen waren zu weit geworden,
und eines herunter gefallen, so dass der eine Fuss mit den weissen
schimmernden Zehen hervorsah.--Da kniete Gackeleia mit grosser Liebe
und Ruehrung an dem Sarge nieder und kuesste den Fuss und benetzte ihn
mit Thraenen, mit den Worten: "du liebes armes Kind von Hennegau hast
ja dein Pantoeffelchen verloren, o Mutter Hinkel sieh, wie muss das
liebe Ahnfrauchen zu den Armen im Schnee herumgepatscht seyn, die
Spitze des Fusses ist ganz braun, sie hat sich die Fuesse verfroren,
--wart, ich weiss, was ich thue, in der goldnen Gallina der Koenigin
von Saba ist eine Frostsalbe, hohle mir sie Kronovus!"--Gleich
brachte Kronovus die Salbe und sie pflegte den Fuss der geliebten
Todten damit und schaute mit Thraenen den Vater an und sprach: "Vater
Gockel, das liebe, arme Kind von Hennegau ist schon lange todt, aber
ich darf es doch pflegen, nicht wahr Vater, das ist nicht ganz
unvernuenftig? denn sieh, ich muss es thun aus Liebe und Dank und wuerde
mich schaemen, so ich es nicht thaete, ich thue es mit dem Wunsche, es
ihr selbst zu thun, sie wird schon wissen, wozu sie es gebrauchen
kann, vielleicht kann sie jetzt, da ich ihr Liebe erwiesen habe, viel
lustiger im Paradiesgarten herumtrippeln, und dankt mir es."--Unter
diesen Worten kuesste Gackeleia den Fuss, den sie gepflegt und nur einem
reinen Tuechlein verbunden hatte und steckte ihn wieder in das
Pantoeffelchen, dann erhob sie sich und alle umarmten sie schweigend,
und es ertoente von dem Geiste der Frau Urhinkel mit inniger Freude
der Gesang her:

"Mein Schmerz ward milder, tausend Dank!
Lieb ewig heilt, was zeitlich krank,
Nimm dir zu deiner Liebe Lohn
Die aechten Steine von Vadutz;
Im grossen Buche findst du schon,
Wie heilsam dieser Gnadenputz;
O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Es war eine schimmernde Freude in der Erscheinung und den drei weisen
Noennchen bei den Lilien, die suesser dufteten, als je.--Gackeleia aber
besann sich nicht lange, schnell vertauschte sie ihre Achselspangen
mit jenen des armen Kindes von Hennegau, und nahm zugleich das grosse
Buch aus dem Sarg und gab es dem Vater.--Gockel blaetterte ein wenig
dann und sagte: "es ist kurios geschrieben von beiden Seiten nach der
Mitte zu. Von einer Seite einhaelt es die Rechnungen der Grafschaft
Vadutz, von der andern ein Tagebuch.--Potz tausend! was stehen da fuer
Lehen und Zinsen darin, aber--aber irren ist menschlich, das Kind hat
sich auch da einmal verrechnet. Hier auf diesem Blatt bei der
Almosen-Rechnung hatte sie subtrahiren sollen, 1 von 100 bleibt 99,
aber sie hat statt dessen gesagt, 1 von 100 kann ich nicht, 1 von 10
bleibt 9 und 9 von 9 geht auf,--das kann ja unmoeglich eintreffen,
aber aufgegangen ist's doch, wie Saat im Garten der Armen.--In der
Orthographie war sie auch nicht ganz fest, hier in der taeglichen
Haushaltungsrechnung steht immer, eine Mass Michl, ein Schoppen Michl,
immer Michl statt Milch; aber halt, da koemmt Etwas, das muss jetzt
verlesen werden, lies Gackeleia!" und er gab ihr das Buch und sie las:

Graeflich Hennegauische Huehner--und Menschensatzungen Zu der Sache
ewiger Gedaechtniss. Wir von Gottes Gnaden Graefin Amey, Urhinkel von
Hennegau, allererste Lehnshuldin des Laendchens Vadutz, armes Kind von
Hennegau und des Ordens der freudigen frommen Kinder Stifterin,
erklaeren in hoher Puenktlichkeit, Komma cum Puenktlichkeit und
Duopuenktlichkeit.--Als wir, der abgruendlichen Untiefe uebertriebener
Beschaulichkeit zu begegnen, unsern Orden errichteten, haben wir
unsern Namensverwandten und ersten Ordensgespielinnen bei
verschiedenen Veranlassungen, welche in den Tagebuechern des Jahres
1318 aufgeschrieben sind, mancherlei Gnaden und Rechte fuer sich und
ihre weiblichen Nachkommen verliehen, wogegen dem Brautzug und
Leichenzug jeder Graefin von Hennegau eine Nachkommin dieser
Gespielinnen gottesfuerchtig beizuwohnen und ein Huhn an dem
sogenannten Huehnerabend abzuliefern hat. Auch sollen dieselben
solchen Brautund Leichenzuegen mit ihren Namen bezeichnenden Blumen
geschmueckt beiwohnen und derlei Blumen zu Fuessen des Grabes erhalten,
mit der kindlichen Liebesmeinung, diese moechten dort statt ihrer
beten, wenn sie selbst nicht anwesend seyn koennten.--Eine jede
erstgeborne Tochter meiner Nachkommen nimmt mit ihren muendigen Jahren
das Amt der Ordensgeneralin und den Titel: "das arme Kind von
Hennegau" an und hat an ihrem Guertel als Braut und als Leiche acht
Baender von amaranthfarbigem Linnenband befestiget, welche die
Ordensgespielinnen anfassen, wenn sie dem Zuge folgen. Sie gehen in
dem Grand Cortege dicht hinter den drei Klosterfrauen von Lilienthal.
--Sie haben dies Alles zu erfuellen bei Verlust ihrer Rechte.

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