A / B / C / D / E /  F / G / H / I / J /  K / L / M / N / O /  P / R / S / T / UV / W / Z

Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Gockel, Hinkel und Gackeleia

C >> Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16



Das Schoenste aber von allem war Folgendes: herrlich und kunstreich
schaute von einer Hoehe eine grosse gothische Kirche auf die ganze
Stadt wie ein Hirt auf seine Heerde herab; ihr Schiff bestand aus
einem grossen alten Koffer, worueber ein zerrissener Flaschenkorb stand,
die beiden Thuerme waren aber zwei weissgebleichte Pferdeschaedel,
welche das Gebiss noch im Maule hatten. Leider war, wie bei den
meisten solchen Werken der Stil nicht ganz gleichartig, denn das eine
Gebiss war eine Trense das andre eine Stange. Die Thurmspitzen selbst
waren mit tausend kleinen Knochensplittern verziert und verspitzt; um
die Kirche her breitete sich der Kirchhof aus, Grab an Grab schoen
geordnet, und mitten darauf ein Beinhaus von lauter Maeusegerippen und
Beinchen, weiss wie Elfenbein, in schoenster Ordnung zusammengelegt.
Etwas tiefer als die Kirche lag ein Bauwerk, das zu den sieben
Wundern der Welt gezaehlt wird, es bestand aus einem Trinkhumpen, der
gekroent von einem Reuterhelm in einer Trommel stand. Man nannte es
das Mausoleum, denn hier ist der erste Koenig dieses Volkes Namens
Mausolus I. begraben, und seine Gattin Artemisia I. hat es ihm
errichtet. Alles das konnte ich nicht genug bewundern, und der Mond
schien so hell in die kleine wimmelnde Welt, dass es eine Lust war
hinein zu schauen.

Waehrend dem hatten die Maeuschen mein Bettchen und neben mir eines fuer
die Kunstfigur von dem weichsten Moose zwischen Blumen fertig gemacht.
Die meisten giengen ihrer Wege, einige konnten aber gar nicht
fertig werden, mir gute Nacht zu sagen, und ich war doch von den
vielen Anstrengungen so muede, dass ich schier vergessen haette, wie ich
hier bei weltfremden Leuten war; ja, lieber Vater! ich war so in der
Empfindung des Schlafes, dass ich glaubte, ich sey bei Mutter Hinkel
in Gelnhausen, und ich rieb mir die Augen und hatte schon angefangen,
mit weinerlicher Stimme zu sagen: "Mutter, Mutter, Gackeleia ins
Bettchen legen, Gackeleia ist mued, mued!"--Da ich aber die Worte der
Mutter nicht hoerte:

"ja, schlafen gehen, das Kind ist muede, das Sandmaennchen koemmt
angeschlichen", besann ich mich und schaute um mich, und sprach mit
majestaetischer Stimme: "Ich habe die Ehre, Ihnen saemmtlich eine
geruhsame Nacht zu wuenschen, lassen Sie sich etwas recht Schoenes
traeumen. Sie wuerden mich unendlich verbinden, wenn Sie sich
zurueckziehen wollten, damit ich mich schlafen legen kann." Da aber
die dummen Maeuse immer noch verwundert da standen, jagte ich sie
endlich mit meiner Schuerze nach Haus. Es ist mir nichts Peinlicher,
als das lange unentschiedene Zaudern, und doch war ich nun, da ich
mich zum Schlafen niederlegte, laengere Zeit beunruhiget, dass ich die
armen Schelmen so hart angefahren hatte und bat sie in meinem Innern
herzlich um Verzeihung. Kaum war ich entschlafen, so versammelte
sich die koenigliche Maeusefamilie mit ihrem Ministerium um mich her,
und ich hoerte alle die schoenen Reden, die sie hielten, an denen
nichts auszusetzen war, als dass die kurzen zu langweilig und die
langen zu kurzweilig waren. Die Hauptsache war, wie sie der
Raugraeflich Gockelschen Familie nun schon zweimalige Rettung
verdankten. Prinz Pfiffi sagte, als seine Gemahlin in die
Gefangenschaft unter die Kunstfigur gekommen, sey er den drei
Petschierstechern gefolgt, habe gesehen, wie sie sich den Ring
verschafft und sich zu vornehmen, schoenen, jungen Leuten gemacht, den
Graf Gockel und seine Familie aber in arme Bettler verwuenscht haetten.
Kurz er wusste Alles, und wollte morgen allein ausziehen, mir den
Ring wieder zu verschaffen, was ihm wegen der Uneinigkeit der
Besitzer sehr leicht schien. "Nein, nein" rief da die Prinzess Sissi,
"ich will dabei seyn, du bist viel zu ungestuem, wir wollen es
zusammen versuchen, und Gackeleia soll auch mitgehn." Da sprach ich:
ja, ja, das wollen wir, und ich verspreche euren koeniglichen Eltern,
wenn ich den Ring wieder erhalte, einen Zentner der schoensten
hollaendischen Kaese und einen Sack der besten Knackmandeln, um ihre
Residenz neu erbauen zu koennen, und dazu noch einen Zentner der
bessten Schinken zur allgemeinen Belustigung der Nation, und sonst
Alles, was dem edeln Volk der Maeuse lieb und angenehm seyn kann.
"--"Ach", rief der alte Koenig aus, "meine liebe Gemahlin sagt mir so
eben, dass sie vor ihr Leben gerne einmal Koenigsberger Marzipan und
Thornischen Pfefferkuchen und Jauersche Bratwuerste und Spandauer
Zimmtbretzeln und Nuernberger Honigkuchen und Frankfurter Brenten und
Sachsenhauser Kugelhupfen und Mainzer Vitzen und Gelnhauser
Bubenschenkel und Koblenzer Todtenbeinchen und Liestaller Leckerli
und Botzner Zelten und dergleichen patriotische Kuchen essen moege."

"Alles das sollt ihr im Ueberflusse erhalten", sagte ich, "sobald ich
den Ring besitze."--"Wohlan", sprach der Koenig, "so moegt ihr morgen
mit Tagesanbruch auf das Abentheuer ausziehen. Jetzt aber soll
gleich, sobald unsre Rathsitzung geschlossen ist, in die Kirche
gezogen werden, um den Segen des Himmels zu erflehen; die fliegende
Gensdarmerie soll gleich die noethigen Anstalten treffen."--Nach
diesen Worten des Koenigs Mausolus VIII. sah ich viele Fledermaeuse
geschaeftig durch die Stadt hin- und wiederfliegen.

Jetzt trat noch ein fataler Schmeichelredner auf, um den Muth
herauszustreichen, mit welchem ich die Ruthe fuer Prinzessin Sissi
ertragen haette. Ein alter Pair aber unterbrach ihn mit den Worten:
"Ehre, dem Ehre, Ruthe, dem Ruthe gebuehrt! Sie litt nicht weil sie
eine Maeusefreundin, sondern eine Spielratze und einst eine
Katzenfreundin war; wer weiss, ob sie nicht noch jetzt deren Spionin
ist"--dieser Verdacht schnitt mir durchs Herz, so dass ich im Schlafe
wie eine Katze zu miauen begann, worauf dem Redner das Wort in der
Kehle stecken blieb, und das ganze Parlament ueber Hals und Kopf
auseinanderlief und sich in alle moegliche Wohnungen und Loecher
verkroch.

Die Prinzessin von Mandelbiss hatte nach ihrem Zartgefuehl mich wohl
verstanden, sie blieb bei mir und sagte: "liebe Gackeleia, du hast
die Sitzung etwas schnell aufgehoben, aber ich haette es an deiner
Stelle auch gethan; jetzt will ich gleich verkuenden lassen, woher das
Katzengeschrei kam, dann faellt Alles auf den undelikaten Redner.
Vorher muss ich dich bitten, mir die Kunstfigur als Koenigin gekleidet
aufzubinden, denn ich will mit derselben die Prozession begleiten,
das wird eine so grosse Wirkung thun, als das Trojanische Pferd;--ich
bringe sie dir nachher wieder, wenn wir nach der Feierlichkeit auf
die Eroberung des Ringes ausziehen." Schnell kleidete ich die Figur
nach ihrem Verlangen, heftete sie ihr wieder auf den Ruecken und zog
die Uhr in ihr auf. Da lief sie so schnell durch die Gassen hin, dass
die Maeusekinder, welche sich schon vor der Thuere des Schulmeisters
zur Prozession versammelt hatten, nicht wenig ueber sie erschracken.

Ich war froh, endlich ein wenig Ruhe zu haben, und kauerte mich recht
auf meinem Lager zusammen; aber es dauerte nicht lange, da gieng
wieder was Neues los. Die Kirchenmaeuse liefen auf die Thuerme der
Kirche und riefen das Volk zum Gebet; sie hatten keine Glocken, und
ich glaube darum, dass sie eine Art tuerkischer Religion haben. Die
Fledermaeuse, eine Art fliegender Nachtwaechter-Gensdarmerie, schwebten
ueber der Stadt hin und wieder und verkuendeten, das gehoerte
Katzengeschrei sey nur im Traume geschehen, die Prozession finde
Statt, Prinzess Mandelbiss trage die schoene Kunstfigur als Koenigin
dabei durch die Strassen u.s.w. Nun hoerte ich ein fernes Singen
immer naeher und naeher kommen; endlich verweilte der Gesang in der
Naehe meines Lagers, und ich hoerte, dass Prinz Speckelfleck ausrief:
"hier wird das ganze Lied sanft wiederholt, um der Comtesse Gackeleia
den Schlaf zu versuessen."--Ich hoerte nun das folgende Lied, welches
von Zeit zu Zeit von dem Chor der vorueberziehenden Maeuseprozession
unterbrochen ward.

Kein Thierlein ist auf Erden
Dir lieber Gott zu klein,
Du liesst sie alle werden,
Und alle sind sie dein.
####Zu dir, zu dir
####Ruft Mensch und Thier;
####Der Vogel dir singt,
####Das Fischlein dir springt,
####Die Biene dir brummt,
####Der Kaefer dir summt,
####Auch pfeifet dir das Maeuslein klein:
####Herr, Gott, du sollst gelobet seyn.
Das Voeglein in den Lueften
Singt dir aus voller Brust,
Die Schlange in den Klueften
Zischt dir in Lebenslust.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Die Fischlein, die da schwimmen,
Sind, Herr, vor dir nicht stumm,
Du hoerest ihre Stimmen,
Vor dir koemmt Keines um.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Vor dir tanzt in der Sonne
Der kleinen Muecken Schwarm,
Zum Dank fuer Lebenswonne
Ist Keins zu klein und arm.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Sonn, Mond geh'n auf und unter
In deinem Gnadenreich,
Und alle deine Wunder
Sind sich an Groesse gleich.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Zu dir muss Jedes ringen,
Wenn es in Noethen schwebt,
Nur du kannst Huelfe bringen,
Durch den das Ganze lebt.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
In starker Hand die Erde
Traegst du mit Mann und Maus,
Es ruft dein Odem: "werde",
Und blaest das Lichtlein aus.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Kein Sperling faellt vom Dache
Ohn' dich, vom Haupt kein Haar,
O theurer Vater wache
Bei uns in der Gefahr!
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Behuet' uns vor der Falle
Und vor dem suessen Gift
Und vor der Katzenkralle,
Die gar unfehlbar trifft.
####Zu dir, zu dir u.s.w.
Dass unsre Fahrt gelinge,
Schuetz' uns vor aller Noth,
Und hilf uns zu dem Ringe
Und zu dem Zuckerbrod.
####Zu dir, zu dir u.s.w.

Nach diesem frommen Gesang hielten sie eine kleine Pause, dann
stimmten sie in einem rascheren Takt folgende drei Verse an:

Vivat! beim hoechsten Schwure
Nicht Puppe, sondern nur
Nach Uhr und nach der Schnure
Die schoene Kunstfigur!
####Von ihrer Zier
####Spricht Mensch und Thier
####Das Voegelein singt,
####Das Fischelein springt,
####Das Bienelein summt,
####Das Kaeferlein brummt,
####Auch pfeifen alle Maeuselein:
####Die Kunstfigur ist schoen allein.
Vivat! du feine gute
Prinzessin Mandelbiss,
Die sich mit Heldenmuthe
Aus schlimmem Handel riss.
####Von ihr, von ihr
####Spricht Mensch und Thier
####Das Voegelein singt,
####Das Fischelein springt,
####Das Bienelein brummt,
####Das Kaeferlein summt,
####Auch pfeifen alle Maeuselein:
####Prinzess Sissi ist superfein.
Vivat! hoch Gackeleia,
Singt ihr ein Wiegenlied,
Singt Heia und Popeia,
Das Kind ist mued, so mued!
####Von ihr, von ihr
####Spricht Mensch und Thier,
####Das Voegelein singt,
####Das Fischelein springt,
####Das Bienelein brummt,
####Das Kaeferlein summt,
####Auch pfeifen alle Maeuselein:
####Schlaf' Gackeleia popeia ein!

Ich erwachte ueber dem schoenen Gesang und hatte schon im Sinn
aufzustehen und fuer die Nachtmusik zu danken, aber ich fuerchtete,
dann moechten sie kein Ende in ihren Gegenkomplimenten finden, und so
hielt ich mich dann maeuschenstille und schien wie eine Ratze zu
schlafen, bis die Saenger weiter gezogen waren; dann aber richtete ich
mich auf und sah die schoenste Procession ein wenig an. An der Spitze
gieng die schoene Kunstfigur, umgeben von der koeniglichen Familie und
dem ganzen Hofstaat. Unter den Hoffraeulein sah ich eine viel zu
grosse, kuriose Person mitgehen, sie war wie eine Riesin unter ihnen,
tanzte mehr als sie gieng, und ihre Stimme passte gar nicht in den
Gesang. Hierauf folgten mehrere fremdartige Maeuse, sie unterschieden
sich nicht nur durch Gestalt, Groesse und Farbe, sondern auch leider
meistens durch ihr nicht sehr erbauliches Betragen; sie guckten viel
umher und fluesterten immer sehr angelegentlich unter einander. ich
erfuhr spaeter, wer sie waren. Auf sie folgten alle adelichen
Geschlechter, worunter das schoene Geschlecht meistens aus weissen
Maeuschen von hoher Zartheit und Delikatesse bestand. Alle, von
welchen ich bis jetzt gesprochen, trugen Fackeln, aus leuchtenden
Johanniskaefern bestehend, welche ihnen die herumschweifenden
Fledermaeuse hatten einfangen muessen. Hierauf folgten nun die
Buergerlichen und endlich die Landmaeuse, alle in ihren National--und
Naturalfarben; diese bedienten sich der Splitter von leuchtendem
faulem Holze als Fackeln, welche sie im Voruebergehen an einem alten
Weidenstumpf abbissen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie feierlich
sich der Zug der vielen kleinen Lichter durch die Strassen der
wunderlichen Maeusestadt den Huegel hinan in den ehrwuerdigen Dom hinein
schlaengelte--es war, als wenn die Funken an einem verglimmenden
Zunderlappen hinlaufen; weisst du noch Vater, du sagtest mir manchmal
in Gelnhausen am Kamin, "das sind die Studentchen, die aus der Schule
laufen", ich dachte noch an diese deine Rede. Vor der Thuere der
Kirche empfieng eine sehr elegante Maus an der Spitze der andern
Kirchenmaeuse die schoene Kunstfigur und den Hof und geleitete sie in
den Dom, den ich nun aus allen seinen Oeffnungen erleuchtet sah; dann
vernahm ich einen sanft pfeifenden Gesang, worauf es maeuschenstille
ward.--Da nun Alles in der Kirche, und die ganze Stadt todt und
stille war, warf ich noch einen Blick auf die seltsamen Gebaeude im
Sternenlicht. Ach, da wuchs mir das Herz; die Welt ward zu enge,
weit ward es um die Seele, meine Locken schienen mir Gefuehle und
Wuensche, die sich sehnten, im Winde zu spielen, und ich gab sie ihm
hin; denn, horch', jetzt kam auch ein Wehen und regte die Wipfel des
Hains auf; sieh, und das Ebenbild unsrer Erde, der Mond, kam da
geheim nun auch; die schwaermerische, die Nacht kam, trunken von
Sternen und wohl wenig bekuemmert um uns glaenzte die Erstaunende dort,
die Fremdlingin unter den Menschen, ueber Gebirgsanhoehen traurig und
praechtig herauf!--Ach! da dachte ich nichts mehr, als waere nur Vater
und Mutter hier, und wenn selbst nur Kronovus hier waere, dass ich
mittheilen koennte, was ich fuehle!--ja liebe Eltern, es giebt
Eindruecke, die ein armes Kind nicht allein fassen kann, wo es sich
anklammern moechte an ein vertrautes festeres Wesen, wie an einen Fels,
einen Baum des Ufers, wenn der Strom der Empfindung anschwillt und
uns reissend ins weite Meer der Begeisterung dahin tragen will!
--nirgends aber ist dieses mehr der Fall, als bei grosser Architektur
im Mondschein"--da hielt Gackeleia ein wenig in der Erzaehlung ein,
Frau Hinkel schloss sie ans Herz und sagte: "O das ist eine sehr
poetische Stelle, o das ist aus meinem Herzen, ja du bist mein Kind,
mein herz--und seelenvolles Kind, auch mich haette einst zu Gelnhausen
im Pallast Barbarossa's im Mondschein der Strom der Empfindung ins
Meer der Begeisterung reissend dahin getragen,--aber Vater Gockel war
bei mir und so einerlei, dass ich nicht so allerlei empfinden konnte.
"-"Bleibe bei der Wahrheit", sagte Gockel, "du hast doch zweierlei
empfunden, du hast an die Fleischerladen und Baeckerladen gedacht und
den Schnupfen bekommen. Dir aber Gackeleia, sage ich: ich muesste mich
sehr irren, oder du bist eine Schwaermerin mit deinen verschimmelten
Kaesen, Kuerbissen, alten Reuterstiefeln, Saetteln, Patrontaschen und
gothischen Kirchen im Mondschein--auch finde ich deine Gefuehle im
Mondschein nicht kindlich genug ausgesprochen, waerst du damals schon
so gross gewesen, als jetzt, so waeren dergleichen Redensarten zu
verzeihen, aber so warst du ja kaum vor einigen Stunden der Ruthe
entlaufen."--"Vater", erwiederte Gackeleia, "entschuldiget mich, ich
bin durch den Ring Salomonis jetzt wie eine erwachsene Jungfrau und
kann nicht mehr Alles so wie eine kleine Gackeleia vorbringen, ich
sage als Jungfrau, was ich als Kind gefuehlt, und gewiss, Vater, als
Kind habe ich nur anders gesprochen."

"Gott, lasse dich immer weise, immer ein Kind zugleich seyn," sagte
Gockel, "aber erzaehle weiter, damit wir aus der kuriosen Stadt
herauskommen--jetzt, wo du den Ring Salomonis hast, brauchst du in
dem sehnsuechtigen Strom der Empfindung nicht mehr herum zu
patschen--jetzt heisst es, dreh' den Ring, und du wirst so viel Baeume
am Ufer der Sehnsucht haben, dass du Kohlen daraus brennen kannst und
zuletzt ausrufen musst: "ach, es ist Alles, Alles einerlei! o
Eitelkeit der Eitelkeiten und Alles Eitelkeit, spricht der weise
Salomo selbst und sein Siegelring wird ihm nicht widersprechen"--aber
erzaehl weiter Herz Gackeleia!"

"Ja", fuhr Gackeleia fort, "wie ich mein Herz so gross, meine Seele so
weit fuehlte, erkannte ich wohl, dass jedes Geschoepf der Eitelkeit
unterworfen begehret und verlanget und immerfort seufzet und sich
quaelt; so gieng ich umher und schaute in alle Winkel, ob gar kein
Wesen da sey, dem ich mein Herz auspacken koenne, und sang dabei
stille vor mich hin:

"Mutter-seelig ganz allein,
Wie der stille Mondenschein
Schauet in die Stadt hinein,
Muss die Gackeleia klein
In der weiten Welt noch seyn,
Wie ist Alles klar und rein,
Wie ist Alles licht und fein,
Wie ist Alles im Verein
Zwei und zwei, und mein und dein;
Aber ich, ich bin allein,
Mutterseelig ganz allein!"

Da hoerte ich einige Schritte von meinem Moosbettchen entfernt einen
dumpfen Ton, wie von leisem, verstecktem Katzengeschrei, was mich fuer
die frommen Maeuse sehr besorgt machte; ich schlich mich leise hinzu
und fand, von Distel und Dornen ueberwachsen, eine alte, leere
Pulvertonne dort liegen, das Spundloch war gegen mich gekehrt, der
Mond schien hinein--ich guckte auch hinein--ach liebe Eltern! ich sah
etwas so Entsetzliches, dass mich der Schrecken wie mit einer
Gaensehaut ueberzog; in der alten Pulvertonne, deren einer Boden fehlte,
sassen fuenf junge Kater, in welchen ich zu meinem groessten
Schrecken--ach, sie waren mir nur zu bekannt geworden:--die fuenf
Soehne Schurrimurri's, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog, erkannte.
Sie waren also der Hinrichtung entgangen--ihre Mutter Schurrimurri
aber hatte ihre Strafe erlitten, denn sie sassen um deren Todtenkopf
herum, der in einer alten Alongeperuecke lag.--Mack schien eine
heftige Rede zu halten, aber nur leise, leise, alle machten grosse
Buckel, spreitzten die Haare, und schlugen einander den Pelz mit
ihren Schweifen, dass Feuerfunken umher flogen; manchmal konnten sie
ihren Grimm nicht ganz unterdruecken und liessen ein dumpfes Murren und
Wimmern, wie ein unterirdisches Erdbeben, hoeren, wobei sie ihre
weitvorgestreckten Krallen auf dem Todtenkopf, wie Dolche, wetzten.
Das Ganze hatte vom Monde im Fass beleuchtet etwas hoechst Graeuliches,
Tueckisches; mir war, als sehe ich in die Hoelle, und unwillkuehrlich
kam mir in die Seele, das ist eine Verschwoerung, eine Meuterei, rette
deine Freunde, die frommen Maeuse! Diese Verbrecher sind schon
gerichtet, sie duerfen ihrer Strafe nicht entgehen.--Ich besann mich
nicht lang, erwischte das Faesschen beim hinteren Ende und stellte es
aufrecht, so dass es wie eine Glocke ueber der ganzen Verschwoerung
stand; das junge Katzenellenbogen war gefangen, und das Spundloch
stopfte ich mit einem Stueck Rasen zu. Ich legte noch soviel Steine
auf das Fass, als ich in der Eile rings finden konnte, damit die
Gefangenen es nicht umwerfen moechten, und begab mich mit dem Gefuehle,
eine edle Handlung gethan zu haben, nach meinem Moosbettchen; ich
horchte noch ein Bischen nach dem Fasse hin, aber sie hielten sich
ganz stille, und so deckte ich mein Schuerzchen ueber die Augen, zuckte
ein Bischen und schlief einen suessen Schlaf ein.

Nach einer Weile traeumte mir, die Prinzess Mandelbiss komme wieder mit
der schoenen Kunstfigur zu mir und sage mir ins Ohr: "Gackeleia, mache
mich los und lege die Kunstfigur neben dich in ihr Bettchen, sie wird
wohl so muede seyn wie ich, ich will mich in deine Locken an dein
Oehrchen legen und dir alles erklaeren, was du bei der schoenen
Prozession gesehen hast und wie unser Hofredner Muskulus so herrlich
gesprochen hat."

Ich that halb traeumend, wie sie verlangte, dann legte sie sich in
meine Locken und plauderte mir wie ein Schlafkameraedchen ins Ohr; da
habe ich dann Alles folgende gehoert: Die grosse, seltsame Person, die
mir unter den Hoffraeulein der Prinzess Sissi so sehr gefallen, war
eine vornehme Bergmaus, die Marquise Marmotte, welche, aus der
Gefangenschaft eines Savoyardenbuben entflohen, hier bei Hof eine
anstaendige Gelegenheit abwartete, wieder in ihr Vaterland
zurueckzureisen. Sissi war nicht gut auf sie zu sprechen, denn Prinz
Speckelfleck hatte sich zu oft nach ihr umgeschaut und sie allzusehr
gelobt, was sie bei keinem Menschen recht leiden konnte. Er
bewunderte ihren Tanz, ihre schoenen Traeume und vor Allem ihre artigen
Vorderpfoetchen.--Sissi, blind fuer alle diese Vorzuege, sagte:

"Vorderpfoetchen! es ist mir schier laecherlich! in allen
Naturgeschichten steht von den Murmelthieren: ihre Vorderfuesse haben
vier Zehen und einen sehr kurzen Daumen, die Hinterfuesse fuenf; aber,
dass dieses schoen sey, das steht nirgends!--Wie mag sie sich nur eine
Maus nennen? ihrer Groesse nach koennte sie eben so gut Bergbaer als
Bergmaus heissen; diese Marquise Marmotte hat einen grossen, runden
Kopf, Nase und Lippen wie ein Hase, Haare und Klauen wie ein Dachs,
unbedeckte Zaehne wie ein Biber, einen Schnurrbart wie eine Katze,
Augen wie ein Siebenschlaefer, Pfoten wie ein Baer, einen kurzen
Schweif und gestutzte Ohren. Wenn man ihr schoen thut, so knurrt sie
wie ein Huendchen. Was ist Schoenes hieran? ihr Tanzen und Purzeln ist
ihr von dem Savoyarden mit Hunger und Schlaegen eingequaelt, und
schlaeft man, wie sie, vom Oktober bis in den April, so hat man
allerdings Zeit, sich etwas Schoenes traeumen zu lassen." Jene, welche
ich in der Prozession so viel umherschauen und untereinander plaudern
gesehen, waren die Abgesandten von mancherlei fremden und
auslaendischen Maeusegeschlechtern und Arten, welche sich hier am Hofe
befinden, Buendnisse abzuschliessen, Gratulationen abzustatten und sich
Erfahrungen mitzutheilen, wie den Katzen, Eulen, Geiern und andern
Maeusefeinden zu entgehen sey, auch theilten sie sich Warnungen vor
gelegtem Gift und Gegenmittel und Nachrichten von neu erfundenen
Mausfallen mit. Eine unter diesen Standespersonen hatte der Prinzess
Sissi ganz besonders gefallen, er war mit einem Schiffe ueber See sehr
weit her, von den Antillen gekommen, um zu hohen und allerhoechsten
wohlthaetigen Zwecken eine Collekte zu machen, er hatte die Gestalt
einer grossen Ratte, trug einen schwarzen Frack und weisse Unterkleider.
Er hiess Herr Piloris, und Sissi behauptete, er habe durch seinen
Moschusgeruch die ganze Prozession erbaut und sehr wohlthaetig auf
ihre schwachen Nerven gewirkt. Die uebrigen Abgesandten waren von den
Spitzmaeusen, Bergmaeusen, Waldmaeusen, Wurzelmaeusen u. dgl. Sie
plauderten in der Kirche und bei der Prozession von der Rettung der
Prinzess Sissi und besonders von der Hinrichtung der Katze
Schurrimurri und ihrer Jungen, aeusserten sich alle aber sehr
bedenklich ueber ein umlaufendes Geruecht, dass die fuenf verwegenen
Soehne der Schurrimurri der Hinrichtung durch Einverstaendniss mit den
Soehnen des Scharfrichters entgangen seyn und unter dem Nahmen des
jungen Katzenellenbogens eine hoechst gefaehrliche Verschwoerung,
angeblich zur Rache ihrer Mutter, eingegangen haben sollten; ihre
Absicht aber sey eigentlich gegen das edle Mausgeschlecht, gegen
Huehner und Voegel; die Eulen seyen bereits fuer sie gewonnen, ebenso
die Fuechse, mit den Wieseln unterhandelten sie, man muesse sehr auf
seiner Hut seyn u.s.w.--Sissi erzaehlte mir dieses Gerede der
ausgezeichneten Staatsmaeuse mit grosser Bangigkeit;--o wie froh war
ich, ihr versichern zu koennen, obgleich jenes Geruecht gegruendet, sey
dennoch gar nichts von diesen Verschwoerern zu befuerchten. Sissi
erzaehlte mir auch noch den Inhalt der Rede, welche der edle Hofredner
Muskulus im Dome gehalten. Er sprach ueber Mann und Maus, Menschheit
und Mausheit, Menschlichkeit und Maeuslichkeit, Menschenmoeglichkeit
und Maeusemoeglichkeit. Er erwaehnte den Verstand der Maeuse, welche
staets von jeder Speise das beste Theil erwaehlen; ihre Grossmuth, weil
sie trotz ihrer Bloedigkeit vor allen Thieren ein sehr grosses Herz
haben; ihre Dankbarkeit, wie sie den Loewen aus dem Netze befreit;
ihren Heldenmuth, weil sich der Elephant fuerchtet, sie moechten ihm in
den Ruessel schluepfen; ihren prophetischen Geist, weil sie ein Haus
verlassen, ehe es zusammenstuerzt. Er sprach von der Ehrfurcht der
Ratzen gegen ihre Eltern, welche, wenn sie alt sind, von den Jungen
gefuettert werden. Er erwaehnte die grosse Naechstenliebe der Maeuse,
welche, wenn eine in eine Grube gefallen ist, sich einander in die
Schwaenze beissend, eine Kette bilden, um ihre verunglueckte Nebenmaus
aus der Grube zu ziehen. Er sagte, wie thoericht bei all diesen
grossen Eigenschaften die Fabel sey: ein Berg habe gebaeren wollen, und
eine laecherliche Maus sey hervorgekommen; er fuehrte die Maeuse als
Werkzeuge Gottes in den Aegyptischen Plagen, und bei dem geitzigen
Hatto von Mainz an, den sie gefressen, obschon er sich auf den
Mausthurm mitten in den Rhein gefluechtet. Er sprach auch von der
Holdseligkeit der Maeuse, dass sogar die Menschen ihre artigsten Kinder:
"kleine Maus, liebes Maeuschen," nennen. Er erwaehnte, dass die Maeuse
das feinste Gehoer ausser den Eseln haben. Aber auch vom Uebermuth der
Maeuse sprach der edle Muskulus, er sprach: wenn die Maus satt ist,
schmeckt ihr das Mehl bitter. Er sprach von gefaehrlichen Zeiten, und
dass die Maeuse, welche auf dem Tische herumtanzten, wenn die Katze
nicht zu Hause sey, sich nicht so mausig machen, sondern bedenken
sollten, dass die Katze das Mausen nicht lasse. Dann flehte er noch
den Segen des Himmels auf das edle Vorhaben der Prinzessin Mandelbiss
und des Prinzen Speckelfleck herab und forderte sie auf, das
Sprichwort wohl zu ueberlegen:

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16
Copyright (c) 2007. topboookz.com. All rights reserved.