Gockel, Hinkel und Gackeleia
C >>
Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 | 10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schoene Kunstfigur."
Gockel meinte, Frau Hinkel habe das gesagt, und verwies ihr, dass auch
sie so eigensinnig wie Gackeleia spreche. Frau Hinkel hatte
schlaftrunken die Worte gehoert und behauptete, er habe es selbst
gesagt. Sie wollten eben zu zanken anfangen, als sie leise an der
Thuere pochen hoerten. Sie fuhren ordentlich vor Schrecken zusammen,
wer das wohl seyn koenne, der in dem wuesten zerstoerten Schlosse so
leise anpoche. Da es aber zum drittenmale pochte, fragte Gockel laut:
"Wer ist draus?" und es antwortete eine maennliche Stimme: "ich bitte
allerunterthaenigst um Verzeihung, Herr Graf, dass ich so frueh stoere,
aber die Eseltreiber lassen mir keine Ruhe; sie sagen, dass ich ihnen
drei Zentner Kaese aus der graeflichen Kaesefabrik auf ihre Thiere
packen soll, nun wollte ich doch den Befehl des Herrn Grafen selbst
abholen."
Gockel wusste auf diese Rede gar nicht, wo ihm der Kopf stand; "drei
Zentner Kaese", sagte er, "aus der graeflichen Kaesefabrik, hast du
gehoert Hinkel?" "Ja", sagte Frau Hinkel, "was kann das seyn? ich
weiss nicht, ob ich traeume oder wache." Da der Mann aber immer von
neuem pochte und um die Erlaubniss bat, die Kaese abzuliefern, schrie
Gockel heftig: "bist du, der da pochet, toll oder ein Spoetter, der
einen armen Greis zum Narren haben will? so nehme dich in Acht, oder
ich komme mit dem Knotenstock ueber dich. Wo habe ich denn Kaese oder
eine Kaesefabrik? Gehe von dannen und goenne den Armen ihr einziges
Gut: die Ruhe und den Schlaf." Da antwortete die Stimme wieder:
"Gnaedigster Graf, vergebet mir, dass ich euch erweckte, ich sehe wohl,
dass ihr den Leuten die Kaese nicht abliefern lassen wollet, ich werde
sie abweisen!"
Nun hoerte Gockel draussen auf dem Hofe sprechen und hin und wieder
gehen, und seine Verwunderung, was das zu bedeuten habe, wuchs immer
mehr. "Ach", sagte er zu seiner Frau, "ich fuerchte fast, es ist
irgend eine Nachstellung von unsern Feinden aus Gelnhausen, die uns
ermorden wollen." "Das waere entsetzlich", erwiederte Frau Hinkel und
drueckte sich in der Angst dicht an ihn. Da pochte es wieder an der
Thuere, und Gockel rief zwar erschrocken, aber doch ziemlich laut:
"Wer da?" Da antwortete eine andere Stimme: "Eurer Hochgraeflichen
Gnaden unterthaenigster Kuechenmeister fragt an, ob er einen Zentner
Schinken aus der graeflichen Rauchkammer abliefern darf, welche auf
den drei Eseln, die vom Koenig Sissi angekommen sind, abgeholt werden
sollen?" Gockel, dem bei diesen Reden zu Muthe ward, wie einem Hahn
ohne Kopf, rief aus: "Warte, ich will dir Schinken geben, du
nichtswuerdiger Spoetter!" indem er aufsprang und nach seinem Stocke
suchte. Als er aber ganz klar und deutlich drei Esel vor der Thuere
schreien hoerte, rief er und Frau Hinkel zugleich: "Herr Jemine, die
Esel sind wirklich da." Es war noch dunkel in dem Stalle, der kein
Fenster hatte, und dessen verschlossene Thuere nur durch einen Spalt
einen Schimmer des Tages hereinfallen liess. Gockel tappte an der
Wand nach seinem Knotenstock herum, und ploetzlich wurde er von ein
paar zarten Armen herzlich umschlossen, so dass er laut aufschrie: "um
Gotteswillen, wer ist das?" Aber die Unbekannte hoerte nicht auf, ihn
mit den zaertlichsten Kuessen zu bedecken, und als Frau Hinkel auch
dazu kam, gieng es derselben nicht besser; und da sie sich in diese
Liebkosungen gar nicht finden konnten, sagte endlich das unbekannte
Wesen mit einer wohlbekannten Stimme zu ihnen: "Ach! kennt ihr denn
euer Toechterlein Gackeleia gar nicht mehr?"-"Du, Gackeleia?" riefen
Beide aus, "nein das ist nicht moeglich, du bist ja eine erwachsene
Jungfrau."--"Ach, gross oder klein", antwortete es, "ich bin doch eure
Gackeleia", und da riss sie die Thuere auf, und es fiel zu gleicher
Zeit so viel Fremdes und Wunderbares in die Augen des alten Gockels
und der Frau Hinkel, dass sie sich einander in die Arme sanken und
weinen mussten.
Erstens sahen sie wirklich die ganze Gackeleia vor sich, aber nicht
mehr als ein kleines Maedchen, sondern als eine bluehende, wunderschoene,
allerliebst geputzte Jungfrau; und zweitens sahen sie sich selbst
beide nicht mehr alt und in Lumpen, sondern als zwei schoene
wohlbekleidete Leute in den besten Jahren; und drittens sahen sie
durch die Thuere nicht mehr in einen verfallenen, mit Schutt und
wildem Unkraut bewachsenen Burghof hinaus, sondern in einen schoen
gepflasterten, reinlichen Hof von schoenen Schlossgebaeuden, Staellen,
Gaerten und Terrassen umgeben; in der Mitte des Hofes aber, an einem
plaetschernden Springbrunnen, sahen sie drei verdriessliche alte Esel
mit langen Ohren angebunden, welche die Koepfe zusammendrueckten, als
ob sie sich schaemten. Auch sahen sie allerlei Bediente in schoenen
Livreen geschaeftig auf und niedergehen, die immer, so oft sie am
Huehnerstall vorueber kamen, tiefe Verbeugungen machten und schoenen
guten Morgen wuenschten.
"Ach, was ist das, es ist nicht moeglich, woher alle diese Wunder?"
rief Gockel aus; da reichte Gackeleia ihm ihre schoene Hand und sah
ihm freundlich laechelnd in die Augen, und Gockel schrie mit lautem
Jubel aus: "ach der Ring, der koestliche Ring Salomonis ist wieder da,
den du durch die Puppe verloren!" Da sagte aber Gackeleia gleich
wieder:
"Keine Puppe, es ist nur Eine schoene Kunstfigur",
und Gockel sagte: "meinetwegen, ich will dir die Ruthe nicht mehr
geben, du bist auch zu gross dazu, und Alles ist ja wieder gut."
"Aber wie hast du nur Alles angefangen?" sagte Frau Hinkel, welche
immer um die schoene, praechtige Jungfrau herumgegangen war, sie zu
betrachten und zu kuessen und zu druecken, "um Gotteswillen,
Herz-Wunder-Gackeleia, erzaehle!" "Ja, erzaehle", rief Gockel und
drueckte sie herzlich an seine Brust. Gackeleia aber erwiederte:
"lobet mich nicht zu sehr, geliebter Vater, denn all unser neues
Glueck haben wir allein Euch selbst zu verdanken." "Mir?" fragte
Gockel, "das muesste seltsam zugehen; ach ich habe ja nichts thun
koennen, als vor den Haeusern nach dir suchend herumbetteln." Da sagte
Gackeleia: "schon gut, Ihr sollt Alles hoeren; folgt mir nur an einen
andern Ort, wir wollen das wieder hergestellte Stammschloss unsrer
lieben Vorfahren einmal ein wenig durchmustern, wir werden gewiss ein
Plaetzchen finden, wo es uns besser gefaellt, als in dem alten
Huehnerstall, in dem wir ohnediess dem Federvieh Platz machen wollen,
das gleich wieder hinein muss." Da drehte Gackeleia den Ring und
sprach:
"Salomon, du weiser Koenig,
Dem die Geister unterthaenig,
Fuelle gleich den Huehnerstall,
Lass' die bunten Huehner all'
Gackeln, scharren, glucken, brueten,
Und vom hohen Hahn behueten;
Alle soll er uebersehen,
Stolz mit Spornen einhergehen,
Kamm und Sichelschweif hoch tragen,
Streitbar mit den Fluegeln schlagen;
Kraehen wie ein Hoftrompeter,
Dass bei seinem Anblick jeder
Ganz mit Wahrheit sagen kann:
"Das ist recht ein Rittersmann."
Bringe uns auch schoene Pfauen,
Die bei ihren grauen Frauen
Gold'ne Augenraeder schlagen,
Abends nach der Sonne klagen.
Gieb uns dann auch waelsche Hahnen,
Zornig schwarze Indianen,
Solch' hoffaertige Gesellen,
Denen roth die Haelse schwellen,
Die sich kollernd neidisch blaehen,
Wenn sie rothe Farben sehen,
Aufgespreitzt mit Hofmanieren
Um die Hennen her turniren.
Schenk' uns Enten bunt und praechtig,
Weisse Gaense, die bedaechtig
Nach dem Wolkenhimmel sehn
Und auf einem Beine stehn,
Oder auf der Wiese gackeln,
Bis sie in das Wasser wackeln.
Lasse auch schneeweisse Schwaene,
Rein, wie blanke Silberkaehne,
Ernst und klar mit edlem Schweigen
Schwimmen in den Spiegelteichen.
Auf dem Dache lass' sich drehen
Tauben, schimmernd anzusehen,
Um den Hals mit gold'nen Strahlen,
Schoener, als man sie kann malen.
Alles sey recht auserlesen,
Wie's im Paradies gewesen.
Ringlein, Ringlein dreh' dich um,
Mach's recht schoen ich bitt' dich drum."
Kaum hatte Gackeleia dieses gesagt, als aus dem Huehnerstalle, den sie
verlassen hatten, ihnen eine Schaar der buntesten Huehner, Pfauen,
Puter, Enten, Gaense und Schwaene nachstroemte, und auf dem Dache Alles
von Tauben wimmelte. Gockel und Hinkel hatten die groesste Freude an
dem herrlichen Federgeviehzel und folgten, nachdem sie Alles einzeln
bewundert hatten, der Gackeleia in das Schloss. Freudig und neugierig
betrachteten sie eine Reihe von Gemaechern und Saelen, welche alle mit
dem praechtigsten alten Hausrath versehen waren, und traten endlich
oben auf einer Terrasse heraus, von welcher sie herab in den
Huehnerhof. links auf das Schloss und vor sich hin Gaerten und Wald in
die Ferne bis nach Gelnhausen und Hanau sahen.
"Hier ist es gar schoen", sagte Gackeleia, "seht wie die schoenen
Tauben neben uns schweben, und der Pfau sieht auf der Spitze des
Thurmes der Sonne entgegen; hier will ich Euch Alles erzaehlen, wie
ich den Ring wieder erhalten habe, aber wir wollen auch etwas
fruehstuecken." Kaum hatte sie dieses gesagt, als ein alter Diener
einen grossen Praesentirteller mit Fruechten und kaltem Fleischwerk und
feinem Gebackenem und Wein und Milch ueber die Treppe heraufbrachte,
und als er Alles vor sie niedergesetzt hatte, nochmals fragte:
"sollen die drei Esel mit dem Kaese und den Schinken bepackt werden!"
"Ja", sagte Gackeleia, "und dass nur Alles recht gut und ausgesucht
sey; ich werde hernach das Weitere selbst befehlen." Gockel und
Hinkel waren sehr begierig nach ihrer Erzaehlung und baten sie zu
beginnen. Da erzaehlte sie Folgendes:
"Lieber Vater, als meine Puppe--nein, meine schoene Kunstfigur--so
weit vor mir vorausgelaufen und eure Ruthe--nein, eure haessliche
Kunstfigur--so dicht hinter mir her war, zappelte ich mit Haenden und
Fuessen, von euerm Knie herunter auf die Beine zu kommen, um meinem
lieben Klandestinchen nachzueilen, welche bergab lief, wie sie noch
nie gelaufen war; da liessest du mich los und eiltest den Felsen hinab
der Mutter zu Huelfe, ich aber raffte mein Koerbchen auf und rannte
ueber Hals und Kopf der Kunstfigur nach, die einen guten Vorsprung
hatte. Da wir aber in den dichten Wald kamen, hinderten sie oefter
Gras und Gestraeuch im Lauf, und ich war ihr endlich so nah, dass ich
die Hand ausstreckte, sie zu ergreifen, aber in demselben Augenblick
entschluepfte sie zwischen zwei Felsstuecken in eine kleine Hoehle.--Ich
war in der groessten Betruebniss, ich konnte ihr nicht nach; ich kniete
vor der Oeffnung nieder und rief zu ihr hinein: "Klandestinchen,
Klandestinchen! wie handelst du so undankbar gegen mich, ich habe
dich so lieb, so lieb, dass ich lieber die schimpflichste Strafe ueber
mich ergehen liess, als dich zu verlassen, und jetzt versteckst du
dich vor mir, als wenn ich deine aergste Feindin waere."
"Als ich diese Worte gesprochen hatte, fiel mir auch erst ein, wie
sehr weit ich von Euch, liebe Aeltern, fortgelaufen war; ich sah die
Sonne bereits sinken und war ausser allem Weg und Steg. Weinend schrie
ich in den Wald hinein: "Vater Gockel, Mutter Hinkel!" aber Alles war
vergebens, nur das Echo antwortete mir. Dann fiel mir ein, dass jetzt
die Stunde sey, wo der alte Mann gesagt, dass die Puppe etwas muesse zu
knuppern haben; ich holte etwas Zuckerbrod aus meinem Koerbchen und
legte es auf ein reines Blatt vor die kleine Hoehle und fuellte meinen
Fingerhut in einem nahen Quell und stellte ihn aufrecht in den
feuchten Sand gedrueckt darneben, dann rief ich in das Hoehlchen hinein:
"Klandestinchen, wenn's gefaellig ist, es ist servirt."--Ich dachte,
der Alte hat von ihrem guten Appetit gesprochen, sie hat Bewegung
genug gehabt, es sollte ihr wohl schmecken, wenn sie merkt, dass
aufgetragen ist. Ich selbst hatte Hunger, und nahm ein Stueck hartes
Brod aus meinem Bettelsack, tauchte es ins Wasser und ass in einiger
Entfernung, weil ich gehoert hatte, dass sie sich nicht gern beim Essen
zusehen lasse.--Ach ich war so mued, so mued, Haende und Fuesse zuckten
mir, ich lag im Gras, der Schlaf krabbelte mir den Ruecken herauf und
machte mir die Augendeckelchen zu, denn das Sandmaennchen kam und
wollte mir Sand hinein streuen, und das waere nicht gut gewesen, aber
ich raffte mich noch einmahl auf und wusch mich ein bischen am Bach,
weil ich so viel Staub und Schmutz im Gesicht und an Haenden und Fuessen
hatte, denn ich habe nie vergessen, was die Mutter mich gelehrt, man
soll nie ungewaschen und ungebetet zu Tische gehen, aufstehen und
schlafen gehen.--Ich setzte mich also ins weiche Moos, und war so mued,
so mued und wusste nicht, sollte ich mich rechts, sollte ich mich
links legen, und sagte alle meine Kindergebetchen durch einander her:
"Guten Abend, gute Nacht,
Von Sternen bedacht,
Vom Mond angelacht,
Von Engeln bewacht,
Von Blumen umbaut,
Von Rosen beschaut,
Von Lilien bethaut,
Den Veilchen vertraut;
Schlupf' unter die Deck'
Dich reck' und dich streck',
Schlaf' fromm und schlaf' still,
Wenns Herrgottchen will,
Frueh Morgen ohn Sorgen
Das Schwaelbchen dich weck'!"
Unter diesen Gebetchen kehrte ich mich nach einer Seite, zuckte noch
einige Male und schlief ein.
Da traeumte mir, ich sehe Clandestinchen die schoene Kunstfigur aus der
Hoehle kommen, sie verzehrte das Zuckerbrod, sie trank aus dem
Fingerhut, und kam nachher zu meinem Bettchen und sagte: "Herzkind,
Gackeleia, schlaf nur suess fort, denn nur im Schlaf kannst du mich
verstehen; sag, suess Lieb! darf ich wohl ein bischen zu dir kommen? o
nimm dein Pueppchen in den Arm an dein lieb Herzchen, meine Fuesschen
sind ganz wund vom vielen Laufen, auch ist mir gar nicht wohl, ich
muss mich verkaeltet haben, ach Kind nimm die Puppe zu dir"--da sagte
ich ganz erschrocken:
Darf nicht, darf nicht, denn ich schwur,
Keine Puppe, sondern nur
Eine schoene Kunstfigur,
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Maeuschen von Natur.
"Ach Gackeleia", sprach sie, "das bin ich alles, und noch mehr, ich
weiss kaum mehr, was ich bin, ich will dir ja Alles erzaehlen, nimm
mich doch, ich bin ja gewiss keine Puppe."--Hierauf schlupfte sie zu
mir und ich hielt sie schlummernd im Arm an meinem Herzen, wobei ich
sagte:
Zu Bett, zu Bett,
Die ein Pueppchen haett,
Die keines haett',
Muss auch zu Bett!
Und da ich mein Schuerzchen uns Beiden gegen den Nachtthau uebers
Gesicht deckte, ward mir ganz weich ums Herz und ich wiegte das
Klandestinchen ein bischen, dass es schlafen sollte, und sprach:
Eia popeia popolen!
Unser Herr Gottchen mag uns nur holen,
Kommt er mit dem goldenen Laedchen,
Legt uns hinunter ins Graebchen,
Ueber mich Kraeuterlein,
Ueber dich Bluemelein,
Bis wir beisammen im Himmelreich sein.
Da sagte die Figur: " Das ist alles gar schoen, und man mag die Puppe
und die Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur in einem goldenen
Laedchen immer ins Grab legen, nur das Maeuschen von Natur, muss ich
bitten, damit zu verschonen, denn es muss fuer Gatte und Familie, fuer
Volk und Vaterland noch lange leben; drum Gackeleia bitte ich dich um
Gotteswillen, mache mir das fatale Drathguertelchen los, womit mich
der boese Alte unter die verschraubte Kunstfigur festgeschnuert hat,
ich habe solches Leibschneiden, ich hab' mich ueberlaufen, ich hab'
mich uebergessen, es ist mir zum Sterben, geschwind, geschwind hilf
dem Maeuschen von Natur, denn ich bin keine Puppe, keine Kunstfigur,
ich bin die unglueckliche Maeuse-Prinzessin Sissi von Mandelbiss, der
dein Vater einmal das Leben gerettet hat." Da sah ich gleich nach
und fand wirklich das schoenste weisse Maeuschen von Natur mit einem
Drath zwischen kleine Raeder befestigt, die an den Fuesschen der Puppe
angebracht waren, ich machte die arme Prinzessin los, die mir freudig
dankte und sagte: "Schlaf fort Herz-Gackeleia, gleich komm ich wieder,
ich muss mich nothwendig ein bischen bewegen und durch das thauichte
Gras laufen, um mich zu waschen und zu erfrischen, gleich komme ich
wieder zu dir"--und husch war sie fort."
So weit hatte Gackeleia erzaehlt, da sah Gockel nach den beiden Maeusen,
die sich in ein Stueck Kuchen eingefressen hatten und ruhig darin
schliefen, und sprach: "Es ist doch eine kuriose Theater-Prinzessin,
die Sissi von Mandelbiss; wo die ueberall herum koemmt, die kann auch
mehr als Brod essen! Aber erzaehle weiter, wie ist sie nur mit der
Kunstfigur zusammengekommen?"
Da fuhr Gackeleia fort: "Als Sissi wieder kam, schlupfte sie mir
dicht ans Ohr, versteckte sich warm in meine Haarlocken und erzaehlte
mir alles ganz ausfuehrlich, und ich war so neugierig, dass ich sie nie
unterbrach. Sie sagte: "dein Vater Gockel hat mich und meinen Gemahl
Prinz Pfiffi von Speckelfleck vor der Katze Schurrimurri gerettet und
uns wieder nach Haus befoerdert; der Mord der Gallina durch dieselbe
Katze und die Hinrichtung der Katze und der edle Tod Alektryos ward
uns durch Musterreiter unsers Volkes erzaehlet, wir wollten Gallina
und Alektryo ein Mausoleum auf dem Mauskirchhof setzen lassen, und da
ich mit Prinz Speckelfleck wegen unserer Rettung eine Wahlfahrt nach
dem Mausthurm bei Bingen gelobt hatte, gedachten wir damit eine
Kunstreise zu verbinden und uns mit den schoensten Mausoleen in
Kirchen und auf Kirchhoefen bekannt zu machen. Prinz Speckelfleck
meinte, wir muessten incognito wie gemeine Maeuse nur in geringen
Haeusern einkehren;--ich folgte, aber nie thue ichs wieder, denn was
man da erwischen kann, ist nichts werth, und am Ende wird man noch
selbst erwischt.--So waren wir in Friedberg neben drei alten
schmutzigen Maennern mit langen Baerten im Stroh eingekehrt. Pfiffi
schlupfte zur Thuere hinaus, mir etwas zu essen zu suchen, und ich war
so unbesonnen dem Geruch von gebranntem Speck in meiner Naehe nach zu
gehen, ach schon nagte ich ein bischen--klapp that es einen Schlag,
die Falle schloss sich zu, und ich war gefangen. Meine Verzweiflung
kannst du dir denken.--Der Schlag der Falle hatte die drei Alten auf
dem Stroh erweckt; sie liefen mit der Falle ans Fenster, der Tag
brach schon an. "Da haben wir, was wir brauchen", sagte der eine,
"eine schoene, grosse weisse Maus hat sich gefangen; die befestige ich
mit einem Drathguertel unter der Kunstfigur, die wir in Nuernberg
gekauft haben; das Raederwerk ist zu schwach, die Puppe kann nicht
lang laufen, da kann die Maus als Vorspann dienen, damit sie von der
Stelle koemmt. Geschwind zuende ein Licht an, sagte er zu dem Andern,
ich will mich gleich an die Arbeit machen." Da schlug der Andere
Licht, und der Alte hatte mich bald mit einem Drath an die kleine
Puppe befestigt, die er aus seinem Schnappsack holte; dann zog er das
Uhrwerk in der Puppe auf und setzte sie an den Boden, und ich lief
von dem Saum des seidenen Puppenkleides bedeckt an der Erde in grosser
Angst umher; da ich aber aus Begierde zu entfliehen, in allen Ecken
anstiess, ergriff er mich mit der Puppe und sagte mit einem
widerlichen Zorn zu mir: "ich muss andre Saiten mit dir aufspannen,
hoere Madame weisse Maus, wenn du mir so toll herum rennst, lasse ich
dich hungern, dass du schwarz wirst, oder ich gebe dich der Katze, die
soll dich besser tanzen lehren."--Vor dieser Drohung hatte ich einen
solchen Respekt, dass ich mir vornahm, Alles zu thun, was der Alte nur
wollte. Er sprach aber noch allerlei wunderliche Worte Abracadabra
ueber ein Stueckchen harten Kuchen, das er mich zu essen zwang, es muss
das ein Zauberwerk gewesen seyn; denn nun musste ich Alles thun, was
er nur wollte, bald laufen, bald huepfen, bald so, bald so, wie er
verlangte, und auf alle Namen, die er mir gab, hoerte ich, wie ein gut
abgerichtetes Huendchen.--"Nun", sagte er zu den Andern, "reisen wir
nach Gelnhausen, ich zeige die Puppe der kleinen Gackeleia und
schwaetze ihr leicht den Ring Gockels dafuer ab; ich habe schon einen
aehnlichen nachmachen lassen, und haben wir den Ring, so haben wir fuer
nichts mehr zu sorgen."--Nach diesen Worten steckte er mich mit der
Puppe in seinen Guertel, und sie zogen nach Gelnhausen. O ich war
froh, zu dir, Gackeleia, zu kommen, ich machte die artigsten Spruenge
vor dir, ich dachte, wenn du schlafen wuerdest, dir Alles zu sagen,
und durch die Grossmuth deines Vaters nochmals gerettet zu werden;
--das Uebrige weisst du, liebste Herzgackeleia!--Jetzt aber werde ich
dich bald aufwecken, wir sind nicht weit von der Residenz meines
Herrn Vaters, Alles ist gewiss noch in grosser Trauer um meinen Verlust,
du sollst die Freude sehen, wenn ich wieder komme. Ich muss dir nur
noch sagen, dass unsre Stadt nicht ist wie eure Staedte, Alles ist
laendlich, sittlich; du koenntest nicht bequem bei uns wohnen, es ist
alles zu eng.--Sieh unsre Stadt ist gegruendet worden auf einem
ehemaligen Schlachtfeld; der Proviantwagen der Marketenderin und
allerlei andere Bagage wurden zerschlagen und gepluendert, und das
zwar in einer einsamen unwegsamen Gegend. Meine Voraeltern waren als
freiwillige Maeuse mit den Proviantwagen gezogen, und da nun alles
zerstoert und die Soldaten fort waren, liessen sie sich dort nieder,
sammelten noch andere edle Maeuse, richteten Alles in eine vollkommene
Stadt ein, und es wird jetzt von dort aus ein grosses Maeusereich
regiert. Du wirst dein blaues Wunder an den herrlichen,
geschmackvollen Anlagen sehen. Sobald wir dort sind, lasse ich dir
ein Blumenbettchen auf unserm Maifeld machen, da legst du dich gleich
nieder und schlaefst und kannst dann Alles verstehen, was ich sagen
und thun werde, um deinem Vater Gockel den Ring Salomonis wieder zu
verschaffen.--Jetzt erschrick nicht, ich beisse dich ein bischen ins
Ohr, damit du aufwachst; dann nehme ich einen leuchtenden
Johanniswurm in den Mund und laufe vor dir her nach meiner Heimath,
da folgst du mir, wie einer Fackeltraegerin. Glueck auf Gackeleia!"
Nun biss die Prinzessin Mandelbiss mich ins Ohrlaeppchen, und ich
erwachte.
Schnell packte ich die Kunstfigur und alles Andre wieder in mein
Koerbchen und ruestete mich zum Abmarsch. Die Maeuseprinzessin machte
die lustigsten Freudenspruenge mit dem leuchtenden Johanniswuermchen
vor mir her durch das Gras, was gut war; denn da der Mond noch nicht
aufgegangen, so war es im dichten Wald noch sehr dunkel und ich wusste
weder Weg, noch Steg. Ich folgte dem Lichte; aber sie eilte so sehr,
dass ich sie oft aus dem Gesichte verlor. Wenn ich dann aengstlich
rief: "Mandelbisschen, lass mich nicht im Stiche!" pfiff sie laut und
sprang mit dem Lichtchen vor mir hoch aus dem Gras auf, wodurch ich
mich wieder zurecht fand.
Als wir ungefaehr eine halbe Stunde gegangen waren, hoerte ich ein
grosses Gepfeife und sah um einen Huegel herum die Residenz des
Maeusekoenigs im Sternenschein liegen, die ich euch gleich beschreiben
will. Kaum hatte die Prinzessin sich am Thore der Stadt gezeigt, als
es weit aufflog, und ein freudiges Gepfeife durch die ganze Stadt und
das oben liegende Schloss sich verbreitete, aus welchem viele weisse
Maeuse ihr entgegenstuerzten und sie mit grossem Jubel empfingen. Sie
wollte aber nicht in das Schloss hinein, sondern drehte sich
abwechselnd gegen mich und die Ihrigen, welchen sie von mir zu
erzaehlen schien, so, dass alle die Maeuse bald ihre Koepfchen gegen mich
aufhoben und allerlei pfiffen, was ich nicht verstand. Da sagte ich
zu ihnen: "ihr lieben Maeuse, gleich will ich mich schlafen legen,
damit ich eure Gespraeche verstehen kann," und kaum hatte ich das
gesagt, als sie auch zu Tausenden anstroemten und das zarteste Moos an
einem reinen Plaetzchen zwischen Blumen zusammen trugen. Ich sah wohl,
das diess ein Bettchen fuer mich werden sollte, und betrachtete
unterdessen die schoene Maeuse-Stadt. Oben auf dem Huegel lag das
koenigliche Schloss, von grossen hollaendischen Kaesen erbaut, die alle
auf das reinlichste ausgenagt waren. Alle Thueren und Fenster waren
zwar etwas nach altem Geschmack, und nicht ganz gleichfoermig
vertheilt; doch hatte die Burg ein sehr ehrwuerdiges Ansehen; sie war
pyramidalisch im perspektivischen Stile erbaut, und ich kann noch
nicht begreifen, wie es Maeuse-moeglich war, ein so kuehnes Werk zu
Stande zu bringen.
Rings um das Schloss her und selbst auf seinen Daechern waren die
schoensten Gaerten von Schimmel angelegt, den ich nie hoeher und
feuchter gesehen habe. Thuerme von ausgehoehlten Commisbroden, mit
Kuppeln von Flaschen-Kuerbissen schmueckten das mit Bretzeln und
dergleichen verzierte Schloss. Die neuern Haeuser der Unterthanen
bestanden aus hohlen Kuerbissen und Melonen, die sie frueher selbst mit
Muehe herangewaeltzt, in der neuern Zeit aber, bei zunehmender Bildung
und Industrie, an den Stellen gepflanzt und, wenn sie gross waren,
ausgehoehlt hatten. Aeltere adelige und Patrizier-Geschlechter
bewohnten alte Reiterstiefel, Patrontaschen, Tornister,
Pistolenhulfter, Mantelsaecke, Filzhuete und Lederhelme und was auf dem
Schlachtfelde liegen geblieben war; jedoch schienen diese Gebaeude der
Reparatur zu beduerfen. Einen alten Reutersattel sah ich als Thor
oder Triumphbogen zwei Stadttheile verbinden. Alle Gebaeude der etwas
sehr unregelmaessigen Stadt wurden durch groessere und kleinere Anlagen
von Schimmel, Pilzen und vielerlei andern Pflanzen umher verschoenert.
Auch bemerkte ich viele Hoehlen in die Erde hinein, die theils Keller
und Vorrathskammern waren, theils von einem eigenen Stamm der
Feldmaeuse bewohnt wurden.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 | 10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16