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Editorial
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Gockel, Hinkel und Gackeleia

C >> Clemens Brentano >> Gockel, Hinkel und Gackeleia

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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano


In Deutschland in einem wilden Wald, zwischen Gelnhausen und Hanau,
lebte ein ehrenfester bejahrter Mann, und der hiess Gockel. Gockel
hatte ein Weib, und das hiess Hinkel. Gockel und Hinkel hatten ein
Toechterchen, und das hiess Gackeleia. Ihre Wohnung war in einem
wuesten Schloss, woran nichts auszusetzen war, denn es war nichts darin,
aber viel einzusetzen, naemlich Thuer und Thor und Fenster. Mit
frischer Luft und Sonnenschein und allerlei Wetter war es wohl
ausgeruestet, denn das Dach war eingestuerzt und die Treppen und Decken
und Boeden waren nachgefolgt. Gras und Kraut und Busch und Baum
wuchsen aus allen Winkeln, und Voegel, vom Zaunkoenig bis zum Storch,
nisteten in dem wuesten Haus. Es versuchten zwar einigemal auch Geier,
Habichte, Weihen, Falken, Eulen, Raben und solche verdaechtige Voegel
sich da anzusiedeln, aber Gockel schlug es ihnen rund ab, wenn sie
ihm gleich allerlei Braten und Fische als Miethe bezahlen wollten.

Einst aber sprach sein Weib Hinkel: "mein lieber Gockel, es geht uns
sehr knapp, warum willst du die vornehmen Voegel nicht hier wohnen
lassen? Wir koennten die Miethe doch wohl brauchen, du laesst ja das
ganze Schloss von allen moeglichen Voegeln bewohnen, welche dir gar
nichts dafuer bezahlen."--Da antwortete Gockel: "o du unvernuenftiges
Hinkel, vergisst du denn ganz und gar, wer wir sind, schickt es sich
auch wohl fuer Leute unserer Herkunft, von der Miethe solches
Raubgesindels zu leben?--und gesetzt auch, Gott suchte uns mit
solchem Elende heim, dass uns die Verzweiflung zu so unwuerdigen
Hilfsmitteln triebe,--was doch nie geschehen wird, denn eher wollte
ich Hungers sterben,--womit wuerden die raeuberischen Einwohner uns vor
Allem die Miethe bezahlen? Gewiss wuerden sie uns alle unsre lieben
Gastfreunde erwuergt in die Kueche werfen, und zwar auf ihre
moerderische Art zerrupft und zerfleischt. Die freundlichen Singvoegel,
welche mit ihrem unschuldigen Gezwitscher unsre wueste Wohnung zu
einem herzerfreuenden Aufenthalte machen, willst du doch wohl lieber
singen hoeren, als sie gebraten essen? Wuerde dir das Herz nicht
brechen, die allerliebste Frau Nachtigall, die trauliche Grasmuecke,
den froehlichen Distelfink, oder gar das liebe treue Rothkehlchen in
der Pfanne zu roesten, oder am Spiesse zu braten, und dann zuletzt,
wenn sie alle die Miethe bezahlt haetten, nichts als das Geschrei und
Gekraechze der graeulichen Raubvoegel zu hoeren? Aber wenn auch alles
dieses zu ueberwinden waere, bedenkst du dann in deiner Blindheit nicht,
dass diese Moerder allein so gern hier wohnen moechten, weil sie wissen,
dass wir uns von der Huehnerzucht naehren wollen? Haben wir nicht die
ehrbare Stamm-Henne Gallina jetzt ueber dreissig Eiern sitzen, werden
diese nicht dreissig Huehner werden, und kann nicht jedes wieder
dreissig Eier legen, welche es wieder ausbruetet zu dreissig Huehnern,
macht schon dreissig mal dreissig, also neunhundert Huehner, welchen wir
entgegensehen? O du unvernuenftiges Hinkel! und zu diesen willst du
dir Geier und Habichte ins Schloss ziehen? Hast du denn gaenzlich
vergessen, dass du ein edler Sprosse aus dem hohen Stamme der Grafen
von Hennegau bist, und kannst du solche Vorschlaege einem gebornen
leider armen, leider verkannten Raugrafen von Hanau machen? Ich
kenne dich nicht mehr!--O du entsetzliche Armuth! ist es denn also
wahr, dass du auch die edelsten Herzen endlich mit der Last deines
leeren und doch so schweren Bettelsackes zum Staube nieder drueckest?"

Also redete der arme alte Raugraf Gockel von Hanau in edlem hohen
Zorne, zu Hinkel von Hennegau seiner Gattin, welche so betruebt und
beschaemt und kuemmerlich vor ihm stand, als ob sie den Zipf haette.
Aber schon sammelte sie sich und wollte so eben sprechen: "die
Raubvoegel bringen uns wohl auch manchmal junge Hasen"--doch da kraehte
der schwarze Alektryo, der grosse Stammhahn ihres Mannes, der ueber ihr
auf einem Mauerrande sass, in demselben Augenblick so hell und scharf,
dass er ihr das Wort wie mit einer Sichel vor dem Munde wegschnitt,
und als er dabei mit den Fluegeln schlug, und Graf Gockel von Hanau
sein zerrissenes Maentelchen auch ungeduldig auf der Schulter hin und
her warf, so sagte die Frau Hinkel von Hennegau auch kein
Piepswoertchen mehr, denn sie wusste den Alektryo und den Gockel zu
ehren.

Sie wollte eben umwenden und weggehen, da sagte Gockel: "o Hinkel!
ich brauche dir nichts mehr zu sagen, der ritterliche Alektryo, der
Herold, Wappenpruefer und Kreiswaertel, Notarius Publikus und
kaiserlich gekroente Poet meiner Vorfahren hat meine Rede unterkraehet,
und somit dagegen protestirt, dass seinen Nachkommen, den zu
erwartenden Huehnchen, die gefaehrlichen Raubvoegel zugesellt wuerden."
Bei diesen letzten Worten bueckte sich Frau Hinkel bereits unter der
niedrigen Thuere und verschwand mit einem tiefen Seufzer im
Huehnerstall.

Im Huehnerstall? Ja--denn im wunderbaren, kunstreichen, im neben-,
durch--und hintereinandrigen Stil der Urwelt, Mitwelt und Nachwelt
erbauten Huehnerstall wohnten Gockel von Hanau, Hinkel von Hennegau
und Gackeleia, ihre Fraeulein Tochter, und in der Ecke stand in einem
alten Schilde das auf gothische Weise von Stroh geflochtene Raugraf
Gockelsche Erbhuehnernest, in welchem die Glucke Gallina ueber den
dreissig Eiern bruetete, und von einer Wand zur andern ruhte eine alte
Lanze in zwei Mauerloechern, auf welcher sitzend der schwarze Alektryo
Nachts zu schlafen pflegte. Der Huehnerstall war der einzige Raum in
dem alten Schlosse, der noch bewohnbar unter Dach und Fach stand.

Zu Olims Zeiten, wo Dieses und Jenes geschehen ist, war dieses Schloss
eines der herrlichsten und deutlichsten in ganz Deutschland; aber die
Franzosen haben es so uebel mitgenommen, dass sie es recht abscheulich
zurueckliessen. Ihr Koenig Hahnri hatte gesagt, jeder Franzose solle
Sonntags ein Huhn, und wenn keines zu haben sei, ein Hinkel in den
Topf stecken und sich eine Suppe kochen. Darauf hielten sie streng,
und sahen sich ueberall um, wie jeder zu seinem Huhn kommen koenne.
Als sie nun zu Haus mit den Huehnern fertig waren, machten sie nicht
viel Federlesens und hatten bald mit diesem, bald mit jenem Nachbarn
ein Huehnchen zu pfluecken. Sie sahen die Landkarte wie einen
Speisezettel an, wo etwas von Henne, Huhn oder Hahn stand, das
strichen sie mit rother Tinte an und giengen mit Kuechenmesser und
Bratspiess darauf los. So giengen sie ueber den Hanebach, steckten
Gross--und Kleinhueningen in den Topf, und kamen dann auch bis in das
Hanauer Land. Als sie nun Gockelsruh, das herrliche Schloss der
Raugrafen von Hanau, im Walde fanden, wo damals der Grossvater Gockels
wohnte, statuirten sie ein Exempel, schnitten allen Huehnern die Haelse
ab, steckten sie in den Topf und den rothen Hahn auf das Dach, das
heisst, sie machten ein so gutes Feuerchen unter den Topf, dass die
lichte Lohe zum Dach herausschlug und Gockelsruh darueber verbrannte.
Dann giengen sie weiter nach Huenefeld und Hunhaun und sind noch lang
unterwegs geblieben.

Als sie abgespeist hatten, gieng Gockels Grossvater, der mit seiner
Familie und dem Stamm-, Erb--und Wappen-Hahn und Hinkel im Walde
versteckt gewesen, um das Desert zu besehen, es war eine Wueste.
Nichts war ihm geblieben, er konnte sein Schloss nicht mehr herstellen
und uebergab es daher gratis an die Verschoenerungs-Commission der vier
Jahrszeiten, des Windes und des Wetters, welche es auch in Jahr und
Tag mit Gras und Kraut und Moos und Epheu und Bueschen und Baeumen so
reichlich austapezierten, dass es ein rechtes Paradies aller
Waldvoegelein und andern Wildpretts ward.--Er selbst zog nach
Gelnhausen und nahm die Stelle eines Erb-Huehner--und Fasanenministers
bei dem dortigen Koenig an. Sein Sohn trat nach ihm in dieselbe
Stelle, und nach dessen Absterben unser Gockel, der gewiss auch als
Huehnerminister mit Tod abgegangen waere, wenn ihn nicht sein
Menschen--oder vielmehr Huehnergefuehl gezwungen haette, noch lebendig
von Gelnhausen Abschied zu nehmen. Dieses aber gieng folgendermassen
zu.

Der Koenig Eifrasius von Gelnhausen ueberliess sich der Leidenschaft des
Eieressens so unmaessig, dass keine Brut Huehner mehr aufkommen konnte.
Dies war gegen den Eid Gockels und gegen das Landesgesetz, Artikel
Huehnerzucht. Gockel machte eine allerunterthaenigste vergebliche
Vorstellung nach der andern. Eifrasius errichtete den ruehrenden
Eierorden verschiedener Grade und liess von seinem Leibredner eine
Rede dabei halten, die einer Schmeichelei so aehnlich sah, wie ein Ei
dem andern. Er sagte, Eifrasius esse nur allein so viele Eier, um
die Huehner zu vermindern, damit die Franzosen nicht ins Land kaemen.
Dabei machte er bekannt, dass man kuenftig nicht Ihro Majestaet, sondern
Ihre Eiesstaet Koenig Eifrasius sagen solle und vieles Aehnliche. Auch
wusste er sehr viele hinreissende Stellen grosser Dichter in seiner Rede
anzubringen, z. B.:

Ein Huhn und ein Hahn,
Meine Rede geht an;
Eine Kuh und ein Kalb,
Meine Rede ist halb;
Eine Katze und eine Maus,
Meine Rede ist aus!

und weiter

Ein Ei, un oeuf,
Ein Ochs, un boeuf,
Une vache, eine Kuh,
Fermez la porte, mach die Thuer zu!

womit er den Koenig ganz bezauberte. Nach dieser Rede wurden alle
anwesenden Anhaenger und Schmeichler des Koenigs ganz eigelb im Gesicht
und steckten gelbe Cocarden auf; Gockel von Hanau aber wurde vor Zorn
und Schrecken und Unwill und Schaam ganz gruen und blau und roth, und
kriegte ordentlich einen rothen Kamm und schuettelte den Federbusch,
wie ein Hahn, auf seinem bordirten Hut und scharrte mit den Fuessen und
hackte mit den Spornen. Da zog der Koenig Eifrasius eben in der
Kirche an ihm vorueber, sah ihn sehr ungnaedig an und sprach: "in
Gnaden entlassen, das Huehnerministerium ist bis auf ein Weiteres
aufgehoben."--Somit hatte Gockel seinen Abschied.

Gockel war voll Ehrgefuehl, er zeigte sogleich seiner Frau an, dass er
am folgenden Morgen mit ihr und Gackeleia nach seinem Stammschlosse
Gockelsruh aus Gelnhausen so wegziehen werde, wie seine Grosseltern
hineingezogen waren. Er befahl ihr, jene alten Kleider aus dem
Kasten zu nehmen und im Huehnerministerium zurecht zu legen, wo sie
sich morgen umkleiden wollten. Frau Hinkel war schier untroestlich
ueber die alten seltsamen Kleider und meinte, alle Hunde wuerden ihr
nachlaufen. Das Entsetzlichste aber war ihr, dass Gockel am hellen
lichten Tage vor der Wachparade vorbei und ueber den Gemuessmarkt in
diesem Aufzug aus der Stadt hinaus wollte, und nur unter den
heftigsten Thraenen mit Gackeleia vor ihm auf den Knieen liegend,
konnte sie erflehen, dass er mit ihr Morgens vor Tag zur Gartenthuere
hinaus, hinten um die Stadtmauer herum, seine Abreise anzutreten
versprach.

Gockel haengte seine Huehnerminister-Kleidung an das koenigliche
Huehnerministerial-Zapfenbrett, legte alle die ihm aufgedrungenen
Eierorden ab, den Orden der Schmeichelei und Heuchelei und befestigte
seinen eigenen, Raugraeflich Gockel Hanauischen Haus-Orden der
Kinderei wieder in das Knopfloch der Jacke seines Grossvaters, die er
morgen frueh anziehen wollte; dann setzte er sich an seinen
Schreibtisch, um alle die Rechnungen ueber seine Verwaltung heute
Nacht noch auszubrueten, und als er es so weit gebracht, dass Einnahme
und Ausgabe sich wie ein Ei dem andern glichen, sank er ermuedet mit
der Nase auf das Papier und schnarchte, dass der Streusand von
zerstossenen Eierschalen umherflog, und mehrere Muster von
Huehnerfedern, die vor ihm lagen, durch einander wehten. Aber der
Schaden war nicht gross.

Kaum graute der Tag, als Alektryo, der edle Stammhahn sich selbst
ermunternd mit den Fluegeln in die Seite schlug, den Hals emporreckte
und mit aufgerissenem Schnabel lautkraehend wie mit einem
Trompetenstoss alle zur Abreise erweckte; das Stammhuhn Gallina
begleitete sein Morgenlied mit einigen wehmuethigen Accorden. Gockel
sprang auf und weckte Weib und Kind, die sich bald einstellten. Frau
Hinkel war sehr traurig, auch sie musste ihre
Huehnerministerial-Kontusche ans Zapfenbrett haengen und die Kleider
von Gockels Grossmutter anziehen; haenderingend stand sie in diesem
Putz vor dem Spiegel. Gockel hatte viel zu ermahnen und zu troesten;
er hatte seine Raugraefliche Gockelskappe aufgesetzt, auf der ein
Hahnenkamm war, er haengte seine Peruecke von Eierschalen an den
Ministerialperuecken-Hahn und fuhr in die grossvaeterlichen Stiefel und
Grafenhosen, welche ihm Gackeleia hinbrachte, die ziemlich lustig in
ihrem seltsamen Roeckchen war und das alte Erbhuehnernest wie einen
Fallhut auf dem Kopf trug.

Alektryo, der Stammhahn, sass neben dem Schreibtische auf der
Raugraeflich Gockelschen Erbhuehnertrage, welche der beruehmte Erwin von
Steinbach zugleich mit dem Strassburger Muenster erfunden hatte, und
wiederholte, da er die ganze Familie wieder in ihren altgraeflichen
Kleidern sah, sein Kraehen mit stolzer Freude. Er hatte einen
reichsfreiritterlichen Unmittelbarkeitssinn und war nie gern in
Gelnhausen gewesen, wo er nur zu Haus der Hahn im Korb war, am Hof
aber nie auf dem Mist kraehen durfte, weil dieses ein Regale, ein
koenigliches Recht der Hofhaehne war. Er war hier nur Kammerhahn a la
suite, hatte allerlei Kraenkungen seiner Verhaeltnisse von den
Hofhahnen zu erleiden, und durfte sie nicht einmal deswegen
herausfordern. Gleich Graf Gockel war er sehr mit dem Koenig
Eifrasius unzufrieden, denn dieser hatte einmal die Eier seiner
lieben Gemahlin Gallina durch die Polizei wegnehmen und sich in die
Pfanne schlagen lassen.--Seine haeusliche Glueckseligkeit war dadurch
gestoert. Er war heftig und ungeduldig, Gallina aber gacksig,
glucksig und piepsig geworden. Sie sassen immer auf dem
Huehnerministerium und kamen nicht ins Freie; statt auf dem Miste,
scharrte Alektryo in Papierspaenen, und die leidende Gallina waelzte
sich im Streusand oder bruetete hoffnungslos auf den ausgeblasenen
Eierschaalen des Eierordens, welche dort aufbewahrt wurden. Nun aber,
da alle zur Abreise gekleidet waren, trieb Alektryo die Gallina an,
von seiner Seite auf dem Gockelschen Huehnersteg hinab zu dem
Hennegauschen Erbhuehnerkorb der Frau Hinkel zu schreiten, und sagte
ihr dabei ganz freundlich ins Ohr, was ihr troestend zu Herzen ging:
"heute Abend sind wir frei und gluecklich in Gockelsruh, dem Pallaste
unsrer Vorfahren, da giebt es Wuermchen und Maikaefer und allerlei
Saemerei die Menge; da wollen wir ein neues Leben beginnen, da gehoeren
wir uns allein an, da wirst du eine Brut ausbrueten, die unser wuerdig
ist." Gallina trippelte mit einem lieblichen Laecheln gacksend den
Steg hinab und setzte sich oben auf den Huehnerkorb.

Frau Hinkel nahm den Korb, worauf Gallina sass, auf ihren Kopf. In
diesem Korbe hatte sie ein paar Hemden, etwas Flachs-, Hanf--und
andere Saemereien, Nadel, Zwirn und Fingerhut und ein Wachsstuempfchen,
ein Gebetbuch und einige schoene neue Lieder, gedruckt in diesem Jahr,
und den Graeflich Hennegauschen Stammbaum und ihren Taufschein und
Copulationsschein und so weiter Schein bewahrt. Dann ergriff sie
ihren Rocken und sprach: "ich bin fertig." Gockel schluepfte mit den
Armen in die Tragriemen seiner Erbhuehnertrage und trug sie wie eine
gothische Kirche auf dem Ruecken, oben drauf sass Alektryo, neben dran
war sein Grafenschwert befestigt, und im Innern befanden sich sein
Stammbaum, Grafenbrief, Taufschein, Ehekontrakt, ein Buch von
Geheimnissen der Hahnen und Huehner und auch ein altes
Geschlechts-Register, nach welchem Alektryo vom Hahn des Hiob und
Gallina vom Hahn Petri abstammen sollte; es war aber theils sehr
unleserlich mit Huehnerpfoten geschrieben, theils hatten es die Maeuse
so durchstudiert, dass viele Loecher darin waren. Solche grosse
Raritaeten waren in der Huehnertrage. Gockel nahm nun seine
Raugraefliche Standarte, die zugleich ein Huehnersteg war, als Stab in
die Hand und sagte: "wohlan ich bin fertig."

Gackeleia hatte das Erbhuehnernest auf dem Kopf, und weil sie auf alle
Weise noch sonst etwas tragen wollte, steckte sie der Vater in einen
Korb, wie man sie ueber die jungen Huehnchen stellt, und befestigte ihr
denselben ueber die Schultern mit Baendern, so dass sie wie in einem
lustigen Reifrock mitspazierte. In der einen Hand hielt sie ihr
ABC-Buch, worauf ein Hahn abgebildet war, und in der andern einen
Eierweck von gestern, man nennt sie dort Bubenschenkel. Das Kind war
sehr lustig, und schrie. "Kikeriki, ich bin schon lang fertig."

Nun blies Gockel die Huehnerministerial-Lampe aus, und sie giengen zu
der Thuere hinaus. Gockel gab dem Nachtwaechter den Hausschluessel, und
dann verliessen sie still durch die hintere Gartenthuere, die durch die
Stadtmauer fuehrte, das undankbare Gelnhausen. Kaum waren sie auf
einer nahen kleinen Anhoehe, welche die Stadt ueberschaut, als Alektryo
sich hoch aufrichtete und mit einem trotzigen kuehnen Kraehen allen
Hahnen von Gelnhausen Hohn sprach, die erwachend von Haus zu Haus,
von Thurm zu Thurm sich wieder zukraehten, so dass die Gockelsche
Familie wo nicht unter dem Gelaeute aller Glocken, doch unter dem
Kraehen aller Hahnen die Stadt verliess.

Als Alektryo gekraeht hatte, schauten sie alle noch einmal schweigend
nach Gelnhausen zurueck. Es lag eine weisse Nebelwolke ueber der
herrlichen Stadt, die Sonne schoss mit ihren ersten Strahlen nach den
blinkenden Wetterhahnen auf den Thurmspitzen, welche aus dem Nebel
hervorblitzten; hie und da drang ein dunkler dichter Baeckerrauch wie
eine dicke braune Schlange durch den Nebel hervor. Frau Hinkel war
betruebt. Gackeleia fieng laut an zu weinen; ihr Eierweck war ihr
gefallen und sie konnte ihn von dem Huehnerkorb, in dem sie steckte,
gehindert nicht aufheben.--Gockel hob sie aus dem Korbe heraus und
haengte sich denselben noch hinten auf die Trage, denn Gackeleia waere
mit diesem Reifrocke an allen Bueschen des wilden Waldes haengen
geblieben, durch welchen jetzt ihr Weg fuehrte.

Frau Hinkel durch das Kraehen aller Hahnen in Gelnhausen und durch den
aufsteigenden Rauch von neuem sehr betruebt, folgte ihrem Manne mit
manchem Seufzer durch den Wald. Sie gedachte an die Herrlichkeit von
Gelnhausen, wo immer das eine Haus ein Baeckerladen, das andre ein
Fleischerladen ist;--ach, dachte sie, jetzt ist die Stunde, jetzt
oeffnen die Fleischer ihre Laden, jetzt haengen sie die fetten Kaelber,
Haemmel und Schweine auf und breiten in deren aufgeschlitzten Leibern
reinliche schneeweisse Tuecher aus!--Ach jetzt ist die Stunde, jetzt
oeffnen die Baecker ihre Laden und stellen auf weissen Baenken die
braunglaenzenden Brode, die gelben Semmeln und schoen lakirten
Eierwecke, Bubenschenkel genannt, in Reih und Glied. Gackeleia, die
sie an der Hand fuehrte, weckte mit ihren Reden ihre Betruebniss oft von
neuem wieder auf, denn sie fragte ein um das anderemal: "Mutter,
giebt es auch Bretzeln, wo wir hingehen?" Da seufzte Frau Hinkel;
Gockel aber, der ernsthaft und freudig voranschritt, sagte: "nein,
mein Kind Gackeleia, Bretzeln giebt es dort nicht, sie sind auch
nicht gesund und verderben den Magen; aber Erdbeeren, schoene rothe
Waldbeeren giebt es die Menge," und somit zeigte er mit seinem Stocke
auf einige, die am Wege standen, welche Gackeleia mit vielem
Vergnuegen verzehrte. Hierauf fragte Gackeleia wieder:

"Mutter, giebt es auch so schoene braune Kuchenhaeschen, wo wir
hingehen?" Da seufzte Frau Hinkel abermals und die Thraenen traten
ihr in die Augen; Gockel aber sagte freundlich zu dem Kinde: "Nein,
mein Kind Gackeleia, Kuchenhaeschen giebt es da nicht, sie sind auch
nicht gesund und verderben den Magen, aber es giebt da lebendige
Seidenhaeschen und weisse Kaninchen, aus deren Wolle du der Mutter auf
ihren Geburtstag Struempfe stricken kannst, wenn du fleissig bist.
Sieh, sieh, da lauft eines!" und somit zeigte er mit seinem Stocke
auf ein vorueberlaufendes Kaninchen. Da riss sich Gackeleia von der
Mutter los, und sprang dem Hasen mit dem Geschrei nach: "gieb mir die
Struempfe, gieb mir die Struempfe!" aber fort war er, und sie fiel ueber
eine Baumwurzel und weinte sehr.

Der Vater verwies ihr ihre Heftigkeit und troestete sie mit Himbeeren,
welche neben der Stelle wuchsen, wo sie gefallen war. Nach einiger
Zeit fragte Gackeleia wieder: "liebe Mutter, giebt es denn auch da,
wo wir hingehen, so schoene gebackene Maenner von Kuchenteig, mit Augen
von Wachholderbeeren und einer Nase von Mandelkern, und einem Mund
von einer Rosine?" Da konnte die Mutter ihre Thraenen nicht
zurueckhalten und weinte; Gockel aber sagte:

"nein, mein Kind Gackeleia, solche Kuchenmaenner giebt es da nicht,
die sind auch gar nicht gesund und verderben den Magen. Aber es
giebt da schoene bunte Voegel die Menge, welche allerliebst singen und
Nestchen bauen, und Eier legen und ihre Jungen fuettern. Die kannst
du sehen und lieben und ihnen zuschauen, und die suessen wilden
Kirschen mit ihnen theilen." Da brach er ihr ein Zweiglein voll
Kirschen von einem Baum und das Kind ward ruhig. Als Gackeleia aber
nach einer Weile wieder fragte: "liebe Mutter, giebt es denn dort, wo
wir hingehen, auch so wunderschoene Pfefferkuchen, wie in Gelnhausen?"
und die Frau Hinkel immer mehr weinte, ward der alte Gockel von Hanau
unwillig, drehte sich um, stellte sich breit hin und sprach: "o mein
Hinkel von Hennegau! Du hast wohl Ursache zu weinen, dass unser Kind
Gackeleia ein so naschhafter Fresssack ist und an nichts als Bretzeln,
Kuchenhasen, Buttermaenner und Pfefferkuchen denkt, was soll daraus
werden? Noth bricht Eisen, Hunger lehrt beissen. Sei vernuenftig,
weine nicht, Gott, der die Raben fuettert, welche nicht saeen, wird den
Gockel von Hanau nicht verderben lassen, der saeen kann. Gott, der
die Lilien kleidet, die nicht spinnen, wird die Frau Hinkel von
Hennegau nicht umkommen lassen, welche sehr schoen spinnen kann, und
auch das Kind Gackeleia nicht, wenn es das Spinnen von seiner Mutter
lernt."

Diese Rede Gockels ward von einem gewaltigen Geklapper unterbrochen,
und sie sahen alle einen grossen Klapperstorch, der aus dem Gebuesche
ihnen entgegentrat, sie sehr ernsthaft und ehrbar anschaute, nochmals
klapperte und dann hinwegflog. "Wohlan, sagte Gockel, dieser
Hausfreund hat uns willkommen geheissen, er wohnet auf dem obersten
Giebel von Gockelsruh, gleich werden wir da seyn; damit wir aber
nicht lange zu waehlen brauchen, in welchen von den weitlaeufigen
Gemaechern des Schlosses wir wohnen wollen, so will ich unsere hoechste
Dienerschaft voraussenden, damit sie uns die Wohnungen aussuche."

Nun nahm er den Stammhahn von der Schulter auf die rechte Hand und
die Stammhenne auf die linke, und redete sie mit ehrbarem Ernste
folgendermassen an: "Alektryo und Gallina, ihr stehet im Begriff, wie
wir, in das Stammhaus eurer Voraeltern einzuziehen, und ich sehe an
euren ernsthaften Mienen, dass ihr so geruehrt seid als wir. Damit nun
dieses Ereigniss nicht ohne Feierlichkeit sey, so ernenne ich dich
Alektryo, edler Stammhahn, zu meinem Schlosshauptmann, Haushofmeister,
Hofmarschall, Astronomen, Propheten, Nachtwaechter, und hoffe, du
wirst unbeschadet deiner Familienverhaeltnisse als Gatte und Vater
diesen Aemtern gut vorstehen; das Naemliche erwarte ich von dir,
Gallina, edles Stammhuhn; indem ich dich hiemit zur Schluesseldame und
Oberbettmeisterin des Schlosses ernenne, zweifle ich nicht, dass du
diesen Aemtern trefflich vorstehen wirst, ohne desswegen deine
Pflichten als Gattin und Mutter zu vernachlaessigen. Ist diess euer
Wille, so bestaetigt es mir feierlich." Da erhob Alektryo seinen Hals,
blickte gegen Himmel, riss den Schnabel weit auf und kraehete
feierlichst, und auch Gallina gab ihre Versicherung mit einem lauten
und ruehrenden Gacksen von sich, worauf sie Gockel beide an die Erde
setzte, und sprach: "nun, Herr Schlosshauptmann und Frau Schluesseldame,
eilet voraus, suchet eine Wohnung fuer uns aus, zeiget auch allen
Bewohnern unsers Schlosses an, sie moechten sich durch kein Geraeusch
in ihrem Abendgebete stoeren lassen, weil ich in der Naehe des
Schlosses, wo der englische Garten ein wenig ins Kraut geschossen
seyn mag, wahrscheinlich mit meinem Grafenschwert die Hecken werde
schneiden muessen, um mir und Frau Hinkel mit unsern hohen Insignien
durchzuhelfen; also thuet und bereitet uns einen wuerdigen Empfang.
"--Da eilte der Hahn und die Henne in vollem Laufe, was giebst du,
was hast du? In den Wald hinein nach dem Schlosse zu.

Nun ermahnte Gockel auch noch die Frau Hinkel und das Kind Gackeleia
zur Zufriedenheit, zum Vertrauen auf Gott und zu Fleiss und Ordnung in
dem neu bevorstehenden Aufenthalt auf eine so liebreiche Art, dass
Frau Hinkel und das Kind Gackeleia den guten Vater herzlich umarmten
und ihm alles Gute und Liebe versprachen; und so zogen sie alle froh
und heiter durch den schoenen Wald, die Sonne sank hinter die Baeume,
es ward so recht stille und vertraulich, ein kuehles Lueftchen spielte
mit den Blaettern und Frau Hinkel von Hennegau sang folgendes Liedchen
mit freundlicher Stimme, wozu Gockel und Gackeleia leise mitsangen.

Wie so leis die Blaetter wehn
In dem lieben, stillen Hain,
Sonne will schon schlafen gehn,
Laesst ihr goldnes Hemdelein
Sinken auf den gruenen Rasen,
Wo die schlanken Hirsche grasen
In dem rothen Abendschein.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
In der Quellen klarer Fluth
Treibt kein Fischlein mehr sein Spiel,
Jedes suchet, wo es ruht,
Sein gewoehnlich Ort und Ziel,
Und entschlummert ueberm Lauschen
Auf der Wellen leises Rauschen
Zwischen bunten Kieseln kuehl.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
Schlank schaut auf der Felsenwand
Sich die Glockenblume um,
Denn verspaetet ueber Land
Will ein Bienchen mit Gesumm
Sich zur Nachtherberge melden
In den blauen zarten Zelten,
Schluepft hinein und wird ganz stumm.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
Voeglein, euer schwaches Nest,
Ist das Abendlied vollbracht,
Wird wie eine Burg so fest;
Fromme Voeglein schuetzt zur Nacht
Gegen Katz und Marderkrallen,
Die im Schlaf sie ueberfallen,
Gott, der ueber alle wacht.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
Treuer Gott, du bist nicht weit,
Und so ziehn wir ohne Harm
In die wilde Einsamkeit
Aus des Hofes eitelm Schwarm.
Du wirst uns die Huette bauen,
Dass wir fromm und voll Vertrauen
Sicher ruhn in deinem Arm.
Gute Nacht, Heiapopeia!
Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.

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